04.11.1959

LUFTWAFFEVerlorene Rotte

Dürfen wir jetzt nach unten durchstoßen?", fragte der Stabsunteroffizier Kraus, Führer einer Rotte - zweier Flugzeuge - des Jagdbomber-Geschwaders Memmingen die Flugkontrollstelle Fürstenfeldbruck im Funksprechverfahren*. Die Kontrollstation, der es obliegt, alle Trainingsflüge über Süddeutschland per Funk zu überwachen, gab Landeerlaubnis.
Stabsunteroffizier Kraus: "Wir gehen runter."
Station Fürstenfeldbruck: "Verlassen Sie das Funkfeuer (,beacon') Memmingen. Nehmen Sie Verbindung zum Peiler (,tower') Memmingen auf."
Stabsunteroffizier Kraus: "Wir gehen auf Peiler Memmingen."
Das war am Donnerstag vorletzter Woche, morgens um 10.27 Uhr.
Von dieser Minute an war jene Memminger Jagdbomber-Rotte mitten im dichtbesiedelten, verkehrserschlossenen, von zivilen und militärischen Flugsicherungsinstanzen kontrollierten Zentraleuropa spurlos verschwunden; ohne daß der Peiler Memmingen von der Rotte angesprochen wurde; ohne daß die Kontrollstation Fürstenfeldbruck bestätigen kann, daß die Rotte, wie beide - die Station und der Rottenführer - wähnten, zur Zeit der letzten Funksprüche tatsächlich über Funkfeuer, Peiler und Fliegerhorst Memmingen Platzrunden flog. Nach der Bomben-Affäre auf dem Großen Knechtsand im Nordsee-Watt bei Cuxhaven ist dies das zweite Mysterium der bundesdeutschen Luftwaffe, das einen weit fataleren Schluß erlaubt als das erste.
Beim Großen Knechtsand hatten fünf Marine-Soldaten und ein ziviler Marine-Heizer im April dieses Jahres auf eine Distanz von 20 Kilometern einen Tag lang
Bombenpilze - nicht Bomber - gesehen, Bombendetonationen dagegen nicht gehört. Da sich außer diesem Marine-Ausguck keine anderen Augen- oder Ohrenzeugen auftreiben ließen und die durchaus intakten Radarstationen im fraglichen Gebiet keinerlei an- oder abfliegende Bombenflugzeuge geortet hatten, lag die Erklärung nahe, daß Luftspiegelungen die wackeren Späher genarrt hatten (SPIEGEL 19/1959).
Bundesverteidigungsminister Strauß widersprach dieser - später auch vom Bundeswehr-Führungsstab übernommenen - Version dennoch mit gewohnter Lautstärke, und zwar gelegentlich einer Pressekonferenz, die er im Mai eben auf dem Fliegerhorst Memmingen veranstaltete, auf dem die seit Donnerstag vorletzter Woche verschollenen Jagdbomber beheimatet waren.
Entlarvte die Bomben-Affäre freilich nur die etwas zu biereifrige Phantasie der Mariner und die durchaus bekannte Rechthaberei des Oberbefehlshabers Strauß, so drängt bei der Jagdbomber-Affäre der Umstand, daß niemand verbindlich sagen kann, welchen Kurs die beiden Maschinen zuletzt geflogen sind, zumindest einen Schluß auf: Jedermann kann die Flugkontrollstellen per Funksprech täuschen, ohne daß die Kontrollstationen es der Mühe für wert halten, die Position der Gegenstelle in der Luft durch Radar oder Funkpeilung ausmachen zu lassen.
Um so weniger aber kann es wundernehmen, daß - notgelandete oder abgestürzte - Flugzeuge, deren Kurs und Position ungewiß blieben, nicht so ohne weiteres gefunden wurden.
Pünktlich nach Flugprogramm um 9.16 Uhr hatten am Donnerstag, dem 22. Oktober, die Flugzeugführer
- Stabsunteroffizier Helmut Kraus, 29, aus Göppingen bei Augsburg, verheiratet, ein Kind, seit Juli 1956 Soldat, ausgebildet in Amerika, und
- Unteroffizier Rolf Hofmann, 23, aus
Friedberg in Hessen, ledig, seit Mai 1957 Soldat, ausgebildet in Amerika und Kanada,
ihre beiden Düsen-Jagdbomber des Musters F 84 F "Thunderstreak" im Rottenverband von der Piste des Horstes Memmingen abgehoben. Kraus hatte 184, Hofmann 87 Alleinflugstunden mit dem Muster F 84 F hinter sich.
Ihr Flugauftrag: Instrumenten-Übungsflug (Blindflug) ohne taktische Aufgaben auf dem "Rotkehlchen" = Kurs Memmingen, Illertissen, Dinkelsbühl, Funkfeuer König (bei Aschaffenburg), Bad Nauheim, Bitburg, Zweibrücken, Heidelberg, Rottweil, Memmingen (siehe Karte). In diesen Orten sind Funkfeuer stationiert, die mit bestimmter Frequenz bestimmte Morse zeichen wie ein Rundfunksender rundum senden, nach denen die, Rotte mit Hilfe ihrer Radio-Kompasse den befohlenen Kurs halten sollte. Am Radio-Kompaß ist die Lage des angesteuerten Funkfeuers so abzulesen, wie an einem normalen Kompaß die Lage des Nordpols zu erkennen ist.
Die ersten beiden Teilkurse Memmingen, Illertissen, Dinkelsbühl absolviert die Rotte dem Auftrag gemäß glatt, Operationshöhe: 34 000 Fuß (etwa 10 000 Meter). Auf dem dritten Teilkurs (Dinkelsbühl, Funkfeuer König) spricht sie die Flugsicherungsleit stelle "Rhine-Control" in Frankfurt am Main per Funk an, um 9.45 Uhr.
Um 10.08 Uhr - die Rotte fliegt vermutlich den Teilkurs Bad Nauheim, Bitburg spricht Rottenführer Kraus die Flugkontrollstelle Fürstenfeldbruck an. Der Stabsunteroffizier bittet um Erlaubnis, wegen Sauerstoffmangels die Höhe verringern und den Auftrag abbrechen zu dürfen. Fürstenfeldbruck antwortet sogleich: "Kehren Sie nach Memmingen zurück."
Die Rotte verläßt den im ursprünglichen Flugauftrag festgelegten Kurs, drückt aber nicht die Höhe. Rottenführer Kraus an Fürstenfeldbruck: "Wir fliegen über den Wolken, Höhe 35 000 Fuß. Dürfen wir so hoch bis Memmingen?" Die Kontrolleure in Fürstenfeldbruck fürchten den Sauerstoffmangel: "Drücken Sie runter auf 20000 Fuß" (rund 6000 Meter).
Um 10.14 Uhr gibt Fürstenfeldbruck der Rotte die sogenannte penetration (Durchstoß) frei - ein Landeverfahren, bei dem das einzelne Flugzeug oder der Verband den Platz Memmingen in einer Höhe von 7000 Metern anfliegt. In dieser Höhe muß der Pilot über dem Platz - im sogenannten Warteraum - kurbeln, eine Minute lang eine Kurve nach Westen, eine Minute lang eine Kurve nach Osten, wiederum West-Kurve, wiederum Ost-Kurve, bis er zur Landung abgerufen wird. Er fährt die Sturzflugbremsen aus, wechselt vom Funkfeuer auf den Peiler des Platzes, überfliegt den Platz noch einmal in einer Höhe von 1150 Metern und läßt sich schließlich, falls er keine Sicht hat, von der Radarstation des Platzes per Sprechfunk auf die Piste lotsen.
Als die Jagdbomber-Rotte Kraus-Hofmann am Donnerstag vorletzter Woche um 10.14 Uhr die Erlaubnis zur penetration über Memmingen erhielt, war die Sicht frei. Jedoch: Um 10.18 Uhr fragt Fürstenfeldbruck an, wann die Rotte das Funkfeuer Memmingen verlassen und zur penetration ansetzen will. Rottenführer Kraus: "Um 10.24 Uhr." Um 10.25 Uhr gibt Fürstenfeldbruck der Rotte "QNH" (Barometer-Werte). Kraus quittiert und fragt, ob die Rotte nun durchstoßen darf. Fürstenfeldbruck bestätigt, die Rotte schaltet vom Funkfeuer Memmingen auf Peiler Memmingen um, aber der Peiler empfängt nicht. Es ist genau 10.27 Uhr.
Elf Minuten früher bereits - um 10.16 Uhr - hat die amerikanische Radarstation in Adorf - die Ortsangabe ist nicht authentisch - auf dem Schirm eine Düsenjäger-Rotte in Grenznähe mit Kurs Tschechoslowakei entdeckt, Operationshöhe: 5500 Meter. Die Rotte fliegt in der "air defence identification zone", im Fliegerjargon "Todeszone" genannt, einem in der Regel 30 Kilometer breiten Grenzstreifen, in den hineinzufliegen strikt verboten ist*.
Die Radarstation fordert "alle Flugzeuge im Grenzgebiet" durch Funkspruch auf, auf Westkurs zu gehen. Die geortete Rotte antwortet nicht, kehrt aber um und verschwindet aus der Radar-Ortung - mit Westkurs, melden die Amerikaner. Es ist 10.31 Uhr.
Um 10.32 Uhr spricht Fürstenfeldbruck die Memminger Jagdbomber-Rotte Kraus-Hofmann an. Keine Antwort - woraus die Luftwaffen-Stäbler in Bonn den Schluß zogen, daß die Rotte innerhalb einer Flugminute - zwischen 10.31 Uhr und 10.32 Uhr - westlich der grenznahen Position, in der
die amerikanische Radarstation die Rotte zuletzt ortete, in Nebel und Regen abgestürzt ist, möglicherweise nachdem ein Jagdbomber den anderen im Verbandsflug mit der Fläche berührt hat. Konsequenz: Suchaktion unter der Regie des Majors Schedel im oberfränkischen Dreieck Fichtelgebirge - Bayreuth - Grafenwöhr.
Daß die Memminger Jagdbomber mit den von den Amerikanern in Grenznähe georteten Düsenjägern überhaupt identisch sind, halten die Bonner Luftexperten für "wahrscheinlich"; sie glauben, daß die beiden Memminger Flugzeugführer Kraus und Hofmann nach dem Abbruch ihres Flugauftrags nicht - wie sie annahmen - nach den Signalen des Funkfeuers Memmingen flogen, sondern nach denen aus dem grenznahen Grafenwöhr. Memmingen und Grafenwöhr senden nämlich auf gleicher Frequenz.
Gegen diese Irrtums-Hypothese sprechen drei Argumente:
- Die Funkfeuer senden auf Frequenzband 200 bis 500 Kilohertz (Langwelle) mit einer Reichweite von 25 bis 50 nautischen Meilen (höchstens 90 Kilometer). Die Rotte war aber, als sie auf dem
Kurs Bad Nauheim, Bitburg den Flugauftrag abbrach, 240 Kilometer von Grafenwöhr entfernt, kann also zu diesem Zeitpunkt das Funkfeuer Grafenwöhr nicht empfangen haben. Der Heimatkurs nach Memmingen hätte entweder über die Funkfeuer Neckar, Stuttgart, Illertissen oder Dinkelsbühl, Walda, Augsburg geführt.
- Sollte die Rotte auf einem dieser beiden
Kurse zwar die Frequenz Memmingen eingestellt, dann aber irrtümlich das auf gleicher Frequenz sendende Funkfeuer Grafenwöhr angesteuert haben, so hätten die Memminger Flugzeugführer hören müssen, daß Grafenwöhr ganz andere Morsezeichen ("Kennungen") als der Heimathafen Memmingen sendet.
- Der Kurs Grafenwöhr weicht vom Süd-Heimatkurs Memmingen um rund 50 Grad ab. Diese grobe Abweichung hätten die beiden Flugzeugführer auf ihren regulären Kompassen - nicht Radiokompassen - mühelos ablesen können.
Selbst dann aber, wenn die amerikanische Radarstation Adorf die Memminger Jagdbomber tatsächlich in der Gegend Grafenwöhr geortet hätte, während die beiden Piloten dort - in der Annahme, über Memmingen zu stehen - kurvten, bis sie merkten, daß Grafenwöhr zwar Funkfeuer ("beacon" ), nicht aber Peiler ("tower") und Flugplatz hat, wäre es keineswegs sicher, daß die Jagdbomber dort auch abstürzten.
Ihr Brennstoff reichte um 10.31 Uhr, als sie aus der Radar-Ortung der Amerikaner abflogen, noch für eine Flugstunde, bei Maximalgeschwindigkeit für 1040 Kilometer. Das ist der Radius, innerhalb dessen der Flug der Memminger Jagdbomber ein - vermutlich jähes - Ende genommen haben muß. Westlich der deutsch-tschechischen Grenze, wie die amerikanischen Radarsoldaten aus Adorf gemeldet haben. Oder ostwärts, was man in der Bonner Ermekeilkaserne nicht ganz ausschließt.
Kommiß-Spezialisten, die mit Mentalität und Tradition der Flugzeugführer aller Rangklassen vertraut sind, äußerten nach einer Woche vergeblicher Suche diesen Verdacht: Die beiden Piloten hätten, nachdem ihnen durch die Funkwarnung der amerikanischen Radarstation siedeheiß klargeworden sei, wie weit sie vom rechten Kurs abgekommen waren, Hals über Kopf den Entschluß gefaßt, sich nach Memmingen zurückzumogeln - ohne ihren falschen Kurs durch Funkverkehr mit Kontroll- und Leitstellen zu verraten.
Jabo-Sucher Major Schedel, Gehilfen: 1000 Kilometer Umkreis
Jagdbomber F 84 F
Grafenwöhr statt Memmingen?
* Die Nato-Fliegerverbände führen den Funksprechverkehr in englischer Sprache mit Natoverbindlichen Kurzformeln, die DER SPIEGEL nur sinngemäß - nicht wörtlich - übersetzt.
* Zu Fuß dürfen sich Nato-Soldaten der Grenze zum Ostblock in Uniform bis auf fünf Kilometer, in Zivil bis auf einen Kilometer nähern.

DER SPIEGEL 45/1959
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