11.11.1959

IONESCONashorn marschiert

Mit der Regieanweisung "In diesem
Augenblick hört man sehr weit weg, aber sich rasch nähernd, das Schnaufen eines wilden Tieres, sein rasches Galoppieren und sein langgezogenes Schnauben" läßt der Dramatiker Eugene Ionesco - er wird am 12. November 47 - in seinem jüngsten Stück ein Nashorn in die kleinbürgerliche Sonntagsruhe einer französischen Provinzstadt einbrechen.
Die Ehre, das neueste Werk und auch diese Regieanweisung des in Rumänien geborenen Pariser Avantgarde-Autors mit den Mitteln moderner Tonbandtechnik erstmals dramatisch zu realisieren, fiel der Hauptstadt des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zu, die sich selbst gern "Klein-Paris" nennt: Am vorletzten Sonnabend wurden Ionescos "Nashörner" unter der Regie des Generalintendanten Karl Heinz Stroux im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt - gut sechs Wochen vor der geplanten Premiere bei Jean-Louis Barrault im Pariser "Théâtre de France".
Es ist nicht mehr ganz ungewöhnlich, daß eine Übersetzung vor dem Original inszeniert wird. Im April vorigen Jahres hatte Gustav Rudolf Sellner an seinem Darmstädter Landestheater Ionescos "Mörder ohne Bezahlung" uraufgeführt, der Start eines weiteren Produkts der auf Absurdität und Banalität eingeschworenen Bühnenphantasie Ionescos unter dem verheißungsvollen Titel "Die Zukunft liegt in den Eiern" wurde vom Kölner "Theater am Dom" für den 2. Dezember angekündigt.
Daß die moderne Experimentaldramatik in Deutschland einen ungewöhnlich aufnahmebereiten Boden findet, zeigte vor Jahren das Echo der philosophischen Beckett-Clownerie "Warten auf Godot" und vor kurzem auch die KasselerUraufführung eines italienischen Avantgardisten - Ezio d'Errico: "Der Wald" (SPIEGEL 40/1959).
Während aber Ionesco und Beckett in ihrer Heimat fast nur an kleinen Privattheatern präsentiert wurden, haben sie in Deutschland rasch die großen, städtisch oder staatlich subventionierten Bühnen erobert. Erst die zum 15. Dezember geplante Barrault-Inszenierung der "Nashörner" wird dem "Theater des Absurden" auch an seinem Ursprungsort gewissermaßen die Weihen erteilen.
Wie eine selbstironische Reaktion auf solcherart Etablierung im offiziellen Kulturbetrieb gibt sich eine Dialogstelle aus dem ersten Akt:
Hans (der tüchtige Fachmann): Besuchen Sie Museen, lesen Sie literarische Zeitschriften, hören Sie sich Vortröge an. Das wird Ihnen Ihre Ängste nehmen, das wird Ihren Geist bilden. Vier Wochen, und Sie sind ein kultivierter Mensch.
Behringer ("der letzte Mensch"): Sie haben recht ...
Hans: Statt daß Sie all Ihr verfügbares Geld für Spirituosen ausgeben, ist es da nicht besser, Sie kaufen Theaterkarten? Für eine interessante Vorstellung? Kennen Sie das Avantgarde-Theater, von dem man so viel spricht? Haben Sie eine Aufführung von Ionesco gesehen?
Behringer: Nein, leider nicht! Ich habe nur davon reden hören ...
Hans: Es wird zur Zeit gerade eine gegeben. Nehmen Sie die Gelegenheit wahr.
Das Düsseldorfer Premierenpublikum nahm die Gelegenheit um so beifälliger wahr, als das neueste Werk Ionescos verhältnismäßig leicht zu verstehen ist und schlicht als "ein Stück" bezeichnet wird, nicht wie bisher meist seine Schauspiele als "Anti-Stück" oder "Pseudodrama".
Jean Cocteau riskierte für die "Nashörner" sogar den Vergleich mit dem athenischen Autor der "Frösche", Aristophanes (etwa 450 bis 385 vor Christi Geburt). Alle seine Figuren - bis auf eine - läßt Ionesco im Laufe der Bühnenhandlung zu Nashörnern werden, stampfenden, brüllenden Anhängern unmenschlicher Gewalt.
Während Regisseur Stroux dem "Welt" -Interviewer Helmuth de Haas - "Wie soll man denn nun diese Nashörner nehmen? Als Realitäten oder symbolisch oder real symbolisch?" - die großzügige Antwort erteilte: "Alles miteinander, alles zusammen", wies der Kritiker und Ionesco -Prophet Albert Schulze Vellinghausen in einem Programmheft-Beitrag unter dem Titel "Tierfabel für heute" gangbare Wege zum Verständnis der Nashörner-Parabel. Tatsächlich ist ja der gleichnishafte Sinn der (im klassischen Literaturbereich vielfältig dargestellten) Verwandlung von Menschen in Tiere eher zu begreifen als etwa die Bedeutung eines Leichnams, der in zeitgenössischer Mietwohnung umherliegt und dabei, "in geometrischer Progression", unablässig wächst: Ionescos "Amédée, oder wie wird man ihn los".
Das Vier-Bilder-Stück "Die Nashörner" entschlüsselt sich unschwer als fabulöse Darstellung jenes menschlichen Phänomens, das gegenwärtig mit dem Modewort Konformismus definiert, wird und früher einfach Herdentrieb hieß. Wenn im ersten Akt das erste Nashorn auftaucht, ist sich die Bevölkerung der kleinen Stadt in entrüstetem Schrecken und trivialer Ablehnung noch-durchaus einig. Ein Nashorn? "Das ist doch die Höhe!"
Am Schluß des letzten Bildes, als auch das liebenswerte Mädchen Daisy der tierischen Verführung erlegen ist, steht nur mehr ein einziger Mensch auf der kubistisch, im Hintergrund dschungelartig eingerichteten, grün glühenden Bühne: Behringer ("Chaplin könnte ihn ausgedacht haben", meint Schulze Vellinghausen). Verzweifelt erwehrt er sich der tobenden Rhinozerosherde. "Die gemein gute Bühnenmusik ... tupft 'SA marschiert ...' eine Sekunde an und beknallt den deutschen Solarplexus mit diesem Takt unterschwelliger Erinnerung", schreibt Helmuth de Haas.
Behringer kämpft nicht etwa gegen die Gewalt, sondern gegen die Verführung, die von dieser Gewalt ausgeht:
Ich hätte ihnen beizeiten folgen sollen. Jetzt ist es zu spät! . .. Nie werde ich Nashorn, nie, nie! Ich kann mich nicht mehr ändern ... Elend über den, der seine Eigenart bewahren will! (Er fährt plötzlich auf.) Nun gut! Ich verteidige mich gegen alle Welt! Mein Gewehr! Mein Gewehr! ... Ich bin der letzte Mensch. Ich werde es bleiben bis zum Ende" Ich kapituliere nicht"
Trotz seiner mehr tragikomischen als heroischen Züge - er ist überdies Trinker und vernachlässigt sein Äußeres - taucht mit diesem doch beinah flammenden Schlußmonolog Behringers, vom Publikum dankbar vermerkt, der Umriß einer Gestalt wieder auf, die aus dem Avantgarde -Theater schon endgültig verschwunden zu sein schien: die Figur des positiven Helden.
Die Frage aber, vor wem Behringer nicht kapitulieren will, die Überlegung, wer und was mit jener "Bewegung" der Nashörner gemeint sei, Faschismus oder Kommunismus, ist müßig. Der Autor meint jede Art von totalitärer Verführung und von Mitläufertum; über die speziellen politischen Inhalte hinaus behandelt er die in Ost und West gleichermaßen wirksamen Gleichschaltungstendenzen der modernen Massen- und Konsumgesellschaft.
Ionesco, der das marxistisch-ideologische Theater Brechts scharf ablehnt - "Das Theater kann nur Theater sein" -, macht mit seinem Stück also nicht eine bestimmte politische Aussage, sondern bietet einen in anschauliche Bühnenaktion umgesetzten Katalog konformistischer Verhaltensweisen..
Behringers Diskussionspartner Hans zum Beispiel transformiert sich als erster zum Nashorn - auf offener Bühne, ein Kabinettstück des elementaren Theaters, das Tragödie und Farce, Grauen und Komik vereint: Der Gang wird stampfend, die Stimme heiser, die Haut grün, ein Horn wächst ihm aus der Stirn. Der zur Bestie entfesselte Spießbürger Hans stößt "Blut und Boden" -Parolen hervor: "Die Natur hat ihre Gesetze. Unsere Moral ist widernatürlich ... Das Humane ist überholt... Die Sümpfe!"
Herr Wisser dagegen, ehemaliger Volksschullehrer, Prototyp des aufklärerische Phrasen dreschenden Linksgerichteten, gewerkschaftlich organisiert, wird zum Nashorn, weil er fortschrittsgläubig ist: "Man muß mit der Zeit gehen."
Der Akademiker Stech wiederum, liberal und gebildet, wartet mit einem ganzen Arsenal konformistisch-kompromißlerischer Phrasen auf, ehe auch er seine menschliche Individualität aufgibt und im unmenschlichanimalischen Kollektiv verschwindet:
Ich wiederhole Ihnen, daß auch ich nicht die Nashörner gutheiße. Nein, ganz und gar nicht ... Ich bin ganz einfach jemand, der versucht, den Dingen gerade ins Gesicht zu sehen. Ich will Realist sein ... Man muß diskutieren ... Ich frage mich, ob das nicht eine Erfahrung ist, die man machen muß ... Ich werde mir meinen klaren Blick bewahren. All meine Wachheit. Wenn es Kritik zu üben gilt, dann ist es besser, eine Sache von innen, als von außen zu kritisieren.
Brillant beherrscht Ionesco die Methode, durch Verwendung abgegriffener Sprachklischees die Unaufrichtigkeit und Sinnentleerung zeitgenössischen Geredes zu entlarven. Die rhythmische Gliederung und die musikähnliche Komposition mancher Dialoge kommentiert Generalintendant Stroux: "Ein gesprochenes Konzert ... eine Form, die nach meiner Meinung heute jeder Regisseur in allen Stücken suchen und für alle Stücke finden muß - das gilt auch für die Klassiker."
Vor zehn Jahren schrieb Eugene Ionesco sein erstes Drama: "La Cantatrice Chauve" ("Die kahle Sängerin"). Kein einziger Kritiker sah die Uraufführung im Pariser "Théâtre des Noctambules". Als Ionesco für sein zwölftes Stück in Düsseldorf den Beifall entgegennahm, "ein bißchen verlegen, mit großen traurigen Augen ins Parkett schauend" (Karl Korn in der "Frankfurter Allgemeinen"), schossen - der "Deutschen Zeitung" zufolge - "korpulente Vertreter des gehobenen Zeitungswesens ... von ihren Sitzen empor, um ihm ostentativ zuzuklatschen".
Düsseldorfer Uraufführung "Die Nashörner"*: Gewalt verführt
Dramatiker Ionesco
Gesprochene Konzerte
* Karl-Maria Schley als Behringer, Max Mairich (sitzend) als Hans.

DER SPIEGEL 46/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

IONESCO:
Nashorn marschiert

Video 01:07

Slackline-Weltrekord Wackelpartie in 247 Meter Höhe

  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt
  • Video "Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet" Video 00:45
    Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet
  • Video "Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln