18.11.1959

NEU IN DEUTSCHLANDGünther Anders: „Der Mann auf der Brücke“.

Nach seiner Remigration aus Amerika stiftete der Schüler des Phänomenologen Edmund Husserl und - wie er sich selbst zu nennen liebt - Gelegenheitsphilosoph Anders mit dem kulturkritischen Essaywerk "Die Antiquiertheit des Menschen" in gewissen Zirkeln westdeutscher Intelligenz heilsamen Unfrieden. Nun scheint er sich dem moralischen Kreuzzug gegen die atomare Zerstrahlung der Erde als Prediger vom Dienst verschrieben zu haben:
Das "Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki" - der Autor nahm 1958 am IV Internationalen Kongreß gegen Atom- und Wasserstoffbomben und für Abrüstung in Tokio teil - verrät
missionarischen Eifer. Die Bombe im Herzen, predigt Anders den Mut zur Angst. Da er die fatale Indifferenz der atombedrohten Menschheit vor allem auf Mangel an Phantasie zurückzuführen geneigt ist, appelliert er mehr an die Vorstellungskraft seiner Leser als an ihr kritisches Kontrollorgan. Aber den Teufel an die Wand zu malen, braucht es des derben Pinsels, und das Geschäft des Heilsarmisten ist nicht das geistvollste. Ungewöhnlich phantasiearm wäre freilich der Leser, der ohne zu zittern an jener gesichtslosen, ihrer Gliedmaßen beraubten menschlichen Kreatur auf der Brücke in Hiroshima vorübergehen könnte, die Anders beschwört. (Verlag C. H. Beck, München; 244 Seiten; 9,80 Mark.)
Anders

DER SPIEGEL 47/1959
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