09.12.1959

FERNSEHEN / FRÜHSCHOPPENDie Werner-Höfer-Schau

Also, meine Herren", sprach Werner Höfer, zog die Brauen so hoch es eben ging und schob seine mild leuchtende Stirn mit der modischen Managerbrille in die Richtung der Fernsehkamera, "Sie erleben jetzt ein bemerkenswertes Schauspiel."
Das "bemerkenswerte Schauspiel" sollte ein "dialektischer Kampf zwischen einer verehrungswürdigen Kollegin und mir" werden, ein Streitgespräch zwischen Höfer und der deutschen Journalistin Hilde Purwin, die am Ort der Bundeshauptstadt Bonn für die "Neue Ruhr Zeitung", den Westberliner "Telegraf" und einige andere Linksblätter arbeitet. Es war bei Höfers allsonntäglichem "Internationalen Frühschoppen", der seit acht Jahren im Ultrakurzwellenbereich von inzwischen fünf Rundfunkanstalten ausgestrahlt wird und seit dem Sommer 1953 auch auf den Bildschirmen der Fernsehgeräte zu verfolgen ist.
Das von Höfer verheißene bemerkenswerte Schauspiel blieb nicht aus, aber es verlief anders als angekündigt. Denn zu dem dialektischen Kampf zwischen Hilde Purwin und dem - wie er sich nennt - "Gastgeber" Höfer kam es nicht. Statt dessen gaben einige Teilnehmer, vornehmlich der dänische Journalist Adolph Rastén und der Franzose Georges Kelber ("Paris Match"), ihre Meinung zu einem innerpolitischen Problem bekannt - zur DDRFlagge mit Hammer und Zirkel -, die keineswegs der offiziellen deutschen Haltung entsprach und die Höfer nur mit unverhohlenem Mißbehagen über das Fernsehen verbreitet sehen wollte.
Zu seiner eigenen Ansicht in dieser Sache hatte sich Höfer bereits bekannt: Er wolle eher in Kauf nehmen, daß die Zusammenarbeit in 125 internationalen Organisationen zusammenbreche, als daß in der Flaggenfrage nachgegeben werde. Sogar auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rom 1960 solle - so forderte Höfer - die Bundesrepublik verzichten, falls die Beteiligung der Deutschen nur um den Preis zu erzielen sei, daß neben der Bundesflagge auch die "Spalter-Flagge" wehe.
Dieser Standpunkt - einer von vielen und jedenfalls der am wenigsten überlegte aller möglichen Standpunkte - mußte nun keinesfalls mit den Meinungen übereinstimmen, die ausländische Korrespondenten haben, und weder Adolph Rastén noch Georges Kelber machten ein Hehl daraus, daß sie anders dachten.
RASTÈN: Ja, aber da ist doch eine tatsächliche Anerkennung, daß diese Grenzen und dieser Staat existieren.
HÖFER: Ja, aber verzeihen Sie ...
RASTEN: Aber nein, noch schlimmer. Wenn Sie das so aufnehmen wollen, die Handelsbeziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetzone ... die steigern sich doch, die haben sich doch um zwanzig Prozent erhöht innerhalb dieses Jahres.
HÖFER: Aber, lieber Herr Rastén! Aber der liebe Herr Rastén, im Begriff, Bonn zu verlassen, und daher ohnehin gegen 250 Mark Honorar zum letztenmal an Höfers Stammtisch geladen, ließ sich
diesmal nicht beschwören und bekam sogar noch Unterstützung.
RASTÉN: Nein, aber das ist doch die Konsequenz, das ist doch die Lage, so wie sie ist, nicht wahr?
HÖFER: Außerdem kann ja in Gottes Namen Herr Ulbricht seine Flagge drüben zeigen, solange er Lust hat! Nicht wahr, aber ..
KELBER: Sagen Sie, dagegen möchte ich protestieren. Ich will im Sinne des Herrn Rastén eben sprechen, weil ich ihm recht gebe, daß die DDR verschiedene Sachen an die Bundesrepublik liefert, und nachdem nach den Zehn-Jahres-Feiern des Bestehens der sogenannten DDR Briketts geliefert werden, wo geprägt ist: "Zehn Jahre DDR", nicht, diese Briketts werden ruhig in die Ofen hereingegeben, sie brennen genauso gut und ...
In diesem Augenblick verlor Höfer, der sonst die Gelenke seiner Sonntagsconference mit treuherziger Konzilianz ölt, alle Contenance.
"Aber, lieber, lieber Monsieur Kelber!" rief er empört und, nach seiner Gewohnheit, jede zweite Silbe so betonend, als sei sie wert, gesperrt gedruckt zu werden: "Was würden Sie sagen, wenn ich Ihre Trikolore mit Briketts vergleiche!"
Nun hatte Kelber die deutschen Farben gar nicht mit Preßkohlen verglichen; so antwortete er schlicht: "Hm", aber sogar der amerikanische Teilnehmer der Runde, Louis P. Lochner, obwohl in der Flaggenfrage eines Sinnes mit Höfer, raffte sich zu einem Ordnungsruf gegen den Gastgeber, auf:
LOCHNER: Nein, Herr Höfer, ich finde, das ging zu weit, das ging viel zu weit ...
Jedenfalls ging die Diskussion, gegen Höfers Willen, weiter:
RASTÉN: Ja, das ist die gespaltene Persönlichkeit. Man sagt: Es darf nicht so sein. Aber es ist doch so, und Sie nehmen es zur Kenntnis jeden Tag.
HÖFER: Lieber Herr Rastén, Ihr Land, ein wunderbares Land, ein kleines Land, ein Land, über das durch den Krieg, den die Deutschen zu verantworten haben, sicherlich manches Ungemach gekommen ist - aber das haben Sie ja wohl nicht kennengelernt?
RASTÉN: Nein, das ist richtig.
HÖFER: Und ich glaube, über diese Dinge - bitte, verzeihen Sie, das ist keine Belehrung, aber ich muß das in einem Akt von Notwehr sagen ...
RASTÉN: Ja, ja.
HÖFER: ... über diese Dinge kann nur jemand reden, der sie auch empfinden muß.
RASTÉN: Ja, aber es gibt sehr viele
verschiedene Empfindungen auch in Westdeutschland gegenüber dieser Frage.
Was den Zuschauern am Bildschirm als die eigentliche Aufgabe der allwöchentlichen Stammtisch - Sendung erscheinen mochte, nämlich die Meinung ausländischer Beobachter, die Ansicht ausländischer Deutschland-Experten zu einem deutschen Problem zu hören, schien dem (wie Paul Wilhelm Wenger im "Rheinischen Merkur" witzelte) "Hauptfrühschöppner" ein Verstoß gegen die Spielregeln zu sein. Höfer sprach dem Dänen schlicht die Kompetenz ab, in dieser Sache mitzureden, und mahnte ihn am Ende sogar daran, daß er in Deutschland jahrelang "Gastfreundschaft" genossen habe.
In Bonn sei "der geplatzte 'Frühschoppen'" Tagesgespräch gewesen, berichtete anderntags das "Spandauer Volksblatt". "Selbst die weniger tiefgründigen Kommentatoren begriffen, daß man die wesentlichen und unwesentlichen innerdeutschen Streitpunkte im Ausland anders katalogisiert. Es war nicht gut von Höfer, daß er dem dänischen Journalisten mangelnde Deutschfreundlichkeit attestierte, nur weil dieser unsere offizielle Haltung in der Flaggenfrage nicht verstand."
Es werde in Höfers Stammtisch-Sendung "für lange Zeit keine neuen Gesichter mehr" geben, behauptete das Blatt, da "die sonntägliche Panne" zu arg gewesen sei. Der Westdeutsche Rundfunk bestritt allerdings auf Befragen, daß in Zukunft nur noch als politisch zuverlässig bekannte Korrespondenten an den Fernseh-Stammtisch gebeten werden würden.
"Die Welt" meinte, daß sich Höfer gegenüber Rasten wie überhaupt gegenüber seinen Gesprächsteilnehmern falsch verhalte. Da es sich bei den Beteiligten um Leute handele, die "in ihrer Heimat als Deutschland-Experten gelten", wäre es "weit nützlicher, die Ansicht der Teilnehmer zu Fragen zu erfahren, von denen sie schon aus Berufsgründen etwas verstehen müssen: eben Fragen deutscher Politik ..." jene Fragen, bei denen Rastén nach Höfers Ansicht nicht mit"empfinden" kann.
"Die Welt": "Voraussetzung ist freilich, daß Werner Höfer sich dann nicht bemüßigt fühlt; stets sofort als Verteidiger bundesrepublikanischen Ehrgefühls aufzutreten, womöglich auch noch voller Pathos, und die ausländischen Teilnehmer zurechtzuweisen. Es mag ihm Beifall eintragen. Aber es bringt die Sendung in Gefahr, in eine &Nachhilfestunde für ausländische Journalisten auszuarten."
Tatsächlich zeigt die Häufung derartiger und ähnlicher Pannen, daß der Internationale Frühschoppen - ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik - in eine Krise geraten ist, die teils in der Sache, teils in der Person Höfers begründet ist. Was in den Jahren der Rückkehr Deutschlands auf die internationale Bühne interessant war, nämlich Meinung und Naturell ausländischer, in Deutschland arbeitender Journalisten, ist mit der Zeit einem ermüdenden Karussell der immer gleichen Gesichter gewichen, die ergeben oder belustigt zuschauen, wie der Diskussions-Star Höfer von Land zu Land - Untertitel: "... mit sechs Journalisten aus fünf Ländern" - und von Thema zu Thema hüpft. Auch die Ukraine, repräsentiert durch den wohlorientierten Emigranten Alexander Korab, zählt als Land.
So genüßlich nun Höfer in Kalamitäten stochert, über die es unter seinem Stammtisch-Publikum an den Fernsehschirmen nur eine Meinung gibt, in der Misere des französischen Bundesgenossen etwa ("Herr Clément, Ihr großes, Ihr liebenswertes, Ihr verehrungswürdiges Land"), so peinlich drosselt er die Diskussion, wenn jene Themen zur Debatte stehen, deren Behandlung "Die Welt" dem Frühschoppen vornehmlich ans Herz gelegt hat: umstrittene Fragen der deutschen Innenpolitik. Da hat er eine Vielzahl von Techniken bereit, die verhindern sollen, daß die Schoppen-Teilnehmer nach heißen Eisen greifen.
In der Sendung, die dem Krach mit dem Dänen Rasten nach einer Woche folgte, versicherte Höfer zwar der Wahrheit entsprechend, daß man "ohne Netz", ohne Verabredung und Absprache diskutiere - der "Internationale Frühschoppen" wird in aller Regel "live" gesendet, also sofort und direkt-, mußte sich aber nach seiner Einleitungsrede von dem Schweizer Teilnehmer Fritz René Allemann sogleich bei der ersten Sachfrage sagen lassen: "Das ist allerdings das harmloseste Thema, das Sie sich aussuchen konnten." Höfer hatte nach den Schweizer Kantonratswahlen gefragt, ehe er auf den indisch-chinesischen Grenzkonflikt und danach auf frühere Zwistigkeiten zwischen Pakistan und Indien überging.
Nur wenn sich nun aber wirklich auch
der bescheidenste Bürger für ein innerdeutsches Thema interessiert, etwa für die Olympia-Flagge oder William S. Schlamm, läßt Höfer zu diesen Themen die Meinungen aufeinanderprallen, freilich nicht ohne den Fehltritt durch einvoller Pathos skandiertes Bekenntnis wiedergutzumachen. Im vorletzten Frühschoppen kutschierte er von der - vorerst - letzten Mond-Panne der Amerikaner zu den schwarzen Studenten in Deutschland, vom Geist von Camp David zur Berlin-Frage und zur Olympia-Fahne, um dann zielbewußt - da er einen Holländer geladen hatte - bei den deutsch-niederländischen Kriegsabschlußverhandlungen (Höfer: "Ich glaube, es dauert 30 Sekunden") zu enden. Trinkspruch auf die Endabrechnung des letzten Krieges, "auf daß wir sie noch erleben" - als ob die nicht ohnehin unmittelbar bevorstehe!
Solch wildes Umherstreichen mag durchaus auf die Mehrzahl der ständigen Fernsehzuschauer zugeschnitten sein, auf alle Leute, die gegen Schlamm und gegen die Spalter-Flagge sind. Eine Diskussion aber, die diesen Namen verdient, kommt nicht zustande. Zustande kommt die Werner-Höfer-Schau.
Bedeutende innerdeutsche Ereignisse, die im Jahre 1959 Hörer und Wähler, Inländer und Ausländer interessierten - Länderwahlen, Parteifinanzierung, der Hallstein-Prozeß, Bestechungsaffären, der gemeinsame Entschluß des Bundeskanzlers, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, und sein einsamer Entschluß, die Kandidatur wieder zurückzuziehen, der daraus -resultierende Streit mit dem Bundeswirtschaftsminister Erhard, der Kilb-Skandal
- sind in Höfers Stammtisch zum Teil gar
nicht, zum Teil nur sehr flüchtig angesprochen, niemals aber wirklich diskutiert worden.
Eine Unterhaltung über die sensationelle Bekanntmachung Adenauers, wegen der angespannten Weltlage die schon akzeptierte Kandidatur fürs Bundespräsidium zurückzuziehen, bog Höfer zunächst ab und raffte sich, da der Schweizer Allemann hartnäckig auf dem Thema bestand, zu einem Monolog auf, aus dem sich ergeben sollte, daß nun nicht etwa für den Kanzler, wohl aber für die Journalisten ein Anlaß gegeben sei, sich für bankrott zu erklären:
Es gibt im politischen Leben der Bundesrepublik, im öffentlichen Leben der Bundesrepublik, im publizistischen Leben der Bundesrepublik kaum jemanden, der diesen Entschluß (Adenauers Verzicht auf die Präsidenten-Kandidatur) versteht oder gar verteidigt. Und trotzdem ist er vollzogen worden. Welch ein Armutszeugnis im Grunde genommen für das, was man öffentliche Meinung nennt. Wenn es auf allen Gebieten und bei allen Anlässen, die uns noch bevorstehen, so gehen hürde, dann sollten im Grunde genommen die Parteien und dann sollten die Zeitungen und die Rundfunkstationen und vergleichbare Einrichtungen im Grunde den Offenbarungseid leisten.
Später erklärte Höfer: "Also lassen wir das Thema" und "Also blicken wir zum Balkan." Das war am Sonntag, dem 7. Juni. Am darauffolgenden Sonntag, dem 14. Juni, flocht Höfer plötzlich in die - wiederum außenpolitische - Diskussion die Bemerkung ein, die Sowjets hätten die Berechtigung für Adenauers Kandidaturverzicht "nachgeliefert":
Derlei Methoden mißfielen dem Bonner Korrespondenten der "Neuen Zürcher Zeitung", Fred Luchsinger, bereits vor einiger ' Zeit so sehr, daß er freiwillig darauf verzichtete, am Frühschoppen teilzunehmen, und in seiner Zeitung zu Druck gab, was er über die Sendung dachte.
"Fast auf Schritt und Tritt", schrieb Luchsinger, "lenkt also Höfer das Gespräch, zumeist entsprechend seinem Bedürfnis nach einem rein formal gefälligen Ablauf, bisweilen aber auch, um sein eigenes politisches Süpplein zu kochen; in dieser letzten Beziehung scheut er sich auch nicht, das ihm zustehende Schlußwort für Gesprächsbilanzen zu verwenden, die eher seine eigenen Ansichten als die seiner Gesprächspartner zusammenfassen ....
"Der Ernst der Gesprächspartner, die sich im Meinungsstreit um ein bedeutendes politisches Thema engagieren, steht allzu oft in peinlichem Kontrast zum Unernst, mit dem ihnen der Diskussionsfaden gerade in dem Augenblick abgeschnitten wird, da er ans Wesentliche heranführen und da aus Fragen, Antworten und kurzen Voten eine Auseinandersetzung sich entwickeln könnte." Luchsinger ist in Bonn für seine rückhaltlose Offenheit bekannt, die ihn erst jüngst wieder in einen Konflikt auf Hauen und Stechen mit der SPD gestürzt hatte.
Daß eine Auseinandersetzung sich nicht entwickeln kann, mag zum Teil wirklich an Höfers Technik liegen, alle echten Diskussionen möglichst mit Conférencier-Mätzchen zu verharmlosen oder in nationalem Stammtisch-Pathos zu ertränken. Zwar wehrte
sich Höfer in öffentlicher Diskussion gegen den von Friedrich Sieburg allgemein erhobenen Vorwurf, der Rundfunk sei konformistisch. "Ich kann mir nicht denken", erklärte er mit Emphase, "daß irgend jemand, der beim Rundfunk oder beim Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland auch die geringste Verantwortung trägt, jemals - aus welchem Grunde auch immer - in der Zentrale der Bundesregierung rückfragt."
Sieburgs Antwort aber kam prompt: "Das ist auch gar nicht nötig. Er nimmt sich schon vorher zusammen."
Ganz gewiß ist der Mangel einer echten Sachdebatte im "Internationalen Frühschoppen" aber auch eine Folge dessen, daß sich Höfer längst in dem von ihm erfundenen Frühschoppen-Rahmen "Sechs Journalisten aus fünf Ländern" gefangen hat. Um sein Ländersoll zu erfüllen, muß Höfer oft Journalisten an seinen Stammtisch laden, deren Habitus kaum ausreicht, um irgend etwas Bemerkenswertes mitzuteilen. Den Chef des Bonner Büros der "Frankfurter Allgemeinen", Alfred Rapp, hat Höfer dagegen seit nahezu sechs Jahren nicht mehr an seinem Tisch gehabt, den einzigen politischen Kolumnisten in der Bundesrepublik, Dr. Ernst Friedlaender, noch niemals geladen, obwohl der vielzitierte Adenauer-Interviewer fünf Jahre in Bonn arbeitete. Wie Friedlaender vermutet, ist er deswegen nicht gebeten worden, weil Höfer möglicherweise nicht so gern zu profilierte deutsche Journalisten neben sich habe.
Würden die Diskussionsteilnehmer - wie es etwa in der sonst weniger attraktiven Gegensendung "Unter uns gesagt" aus München geschieht - unter dem Gesichtspunkt zusammengestellt, Experten für ein bestimmtes Thema oder interessante Prominente an den Tisch zu holen, könnte auch der Kölner "Frühschoppen" zu sachlich eindrucksvolleren Resultaten führen. In der Münchner Sendung, der Kurt Wessel in temperamentloser Sachlichkeit präsidiert, sind beispielsweise schon der Generalbundesanwalt Güde, der neue Bundesernährungsminister Schwarz und der Gewerkschaftsführer Kummernuß zu Gast gewesen. (Wessel: "Ich möchte nicht gern schematisch eingeengt sein"). Höfer würde, wenn er von Wessels Experimenten profitierte, allerdings weniger zu Wort kommen und seinen Starplatz im Mittelpunkt der Sendung an die Sache abtreten müssen, die diskutiert wird.
Wie Höfer seine Sendung konstruiert hat, kommt es dagegen selten zu einer Unterhaltung der Teilnehmer untereinander - höchstens, daß sich zwei unter der milden Schiedsrichtergebärde Höfers miteinander streiten dürfen: "Mir scheint, daß die Herren befreundet sind? Gut, dann streiten Sie weiter!" Im wesentlichen sieht Höfer darauf, mit einem nach dem anderen ins Gespräch zu kommen -, was nur geschehen kann (und geschieht), indem Höfer die Gesprächsfäden immer wieder hart abschneidet und von einem zum anderen Thema wahrhaft halsbrecherische Übergänge herstellt - im Kölner Funkhaus wird zuweilen über den "Übergangshöfer" gewitzelt.
So leitete er etwa vom Thema der Bonner Halbstarkenkrawalle - Höfer: "Und jetzt muß ich also allen Takt zusammennehmen" - zu der Frage an einen holländischen Journalisten über, welchen Effekt die Amerika-Reise der - mit den Krawallmachern etwa gleichaltrigen - holländischen Kronprinzessin gemacht habe. Ein andermal zog er die Diskussion über die neue französische Verfassung, die dem Präsidenten de Gaulle nahezu absolute Macht sichert, mit der diplomatischen Behendigkeit eines mittleren Elefanten in eine Spur, die es ihm ermöglichte, den dänischen Teilnehmer zu Wort kommen zu lassen: "Und Ihr König . . . Wieviel Macht hat Ihr König eigentlich? . . . Er fährt viel mit dem Fahrrad, nicht wahr?"
Schließlich ging es auf diese Art weiter zum japanischen Teilnehmer, dem Vertreter der Tokioer Zeitung "Mainschi Schimbun", Dr. Kazuo Kani, mit dem Höfer in eine geisterhafte Konversation verwickelt wurde, an deren Ende offenbar wurde, daß Dr. Kani den Gastgeber überhaupt nicht verstanden hatte.
HÖFER: Ja, ich habe Ihren Einwand gehört, Dr. Kani, daß Sie natürlich auch eine gekrönte Majestät zu Hause haben, den Tenno, der genießt doch Sympathien.
DR. KANI: Ja, er hat keine Macht mehr, aber er ist sehr beliebt.
HÖFER: Ist es so, daß die Macht in dem Maße abnahm, wie die Sympathie zunahm?
DR. KANI: Bitte?
HÖFER: Hat die Sympathie in dem Maße zugenommen, wie die Macht abnahm? -
DR. KANI (noch bei der ersten, sinnverwirrenden Frage): Nein, das wird nicht kommen.
HÖFER: Ich weiß nicht, ob Sie mich verstanden haben. Die Sympathie . . .
DR. KANI: . . . ja - damit er wieder Kaiser wird ...
HÖFER: . . . die Ihr Volk für Ihren Kaiser empfindet, ist die um so größer geworden, je weniger Macht der Tenno hatte?
DR. KANI: Ja, er ist beliebt, aber die Macht hat das Volk. Er ist nur Symbol.
HÖFER: Ich würde sagen, das beantwortet eigentlich meine Frage; denn je souveräner das Volk ist, um so souveräner kann es in seinen Gefühlen, in seinen Sympathie-Gefühlen für einen, symbolischen Souverän sein.
Nicht immer sind Höfers Volten schlicht aus derlei Sprachschwierigkeiten zu erklären. Als ein Gesprächsteilnehmer während der Genfer Außenministerkonferenz gesagt hatte, er halte sowohl den sowjetischen Vorschlag wie das Verhandlungspaket der Westmächte für gleichermaßen undiskutabel, ölte Höfer: "Nun, sehen Sie, Sie sagen, beides ist undiskutabel, und in dem Wort undiskutabel steckt der Begriff Diskussion. Jetzt muß doch wohl am Montag die Diskussion über das Vereinbarliche und das Unvereinbarliche beginnen, nicht wahr . . . "
Am vorletzten Sonntag, nach einem Höfer-Bekenntnis in Sachen Olympia-Ringe, konferierte der Gastgeber, es sei hier eben "in einem sehr dezidierten Sinne olympisch zugegangen . . ." Denn: Jeder habe seine Meinung gesagt, niemand einen Falscheid geschworen. Und: Falscheide seien ja eine olympische Spezialität.
In solchen Taschenspieler-Tricks sah die "Neue Zürcher Zeitung" ein Beispiel "dafür, wie politische Gespräche eigentlich nicht geführt werden sollten", und fand, es sei "nicht leicht einzusehen, warum der Westdeutsche Rundfunk, der eine ganze Reihe politisch sehr qualifizierter Journalisten zu seinen Mitarbeitern zählt, einen Mann der leichten Muse, der in seinem Fach durchaus Akzeptables leistet, ausgerechnet mit der Leitung politischer Debatten zwischen sachkundigen Leuten betraut".
Luchsingers Bemerkung über Höfer als einen "Mann der leichten Muse" spielt möglicherweise darauf an, daß Höfer - Lieblingsschlager "La luna- rossa" - seine journalistische Praxis als Redakteur eines Unterhaltungsteils begonnen hat. Höfer, am 21. März 1913 in dem Eifeldorf Kaisersesch (Kreis Cochem) als Sohn eines mittleren Beamten geboren, hatte - nach Absolvierung des Gymnasiums im Nachbarstädtchen Mayen - in Köln theater- und zeitungswissenschaftliche Vorlesungen gehört und war 1938 Feuilletonredakteur der Kölner Zeitung "Der Neue Tag", die dem Verleger Dr. Erich Vaternahm gehörte und ihre Auflage von rund 27 000 Exemplaren zum guten Teil bei sportinteressierten Lesern absetzte.
Während des Krieges diente Höfer in der "Organisation Todt", fand aber in Berlin Zeit und Gelegenheit, für die Boulevard-Zeitungen "12 Uhr Blatt" und "BZ am Mittag" des Ullstein-Nachfolge-Unternehmens "Deutscher Verlag" Film- und Theaterkritiken zu schreiben. Kurz vor Kriegsende geriet er als Soldat in amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1946 entlassen wurde.
Nach seiner Entlassung arbeitete Höfer als gelegentlicher Theaterkritiker für den christkatholischen "Rheinischen Merkur" und in der Außenstelle Koblenz des französisch kontrollierten Südwestfunks Baden-Baden. Die Sendung, die er von Koblenz aus betrieb, hieß "Über den Schlagbaum" - der Titel bezog sich darauf, daß in jener Zeit der Verkehr zwischen den Besatzungszonen in Deutschland nicht freizügig war.
Der Intendant des Senders Köln im damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk, Hanns Hartmann, verpflichtete ihn nach Köln. Sendeleiter Fischer, jetzt Programmdirektor des Senders Freies Berlin: "Hartmann erkannte sofort Höfers Begabung." Der Kölner Intendant hatte kurz zuvor die Leitung des Ostberliner Metropol-Theaters niedergelegt. Er fand in Höfer den Mitarbeiter, der von sich selbst sagt: "Ich bin ein Showman" und der den Frühschoppen zu der beliebtesten Diskussionssendung in der Bundesrepublik machte. (In der Regel schalten rund dreißig bis vierzig Prozent der deutschen Fernseher den Frühschoppen ein, der Beliebtheitsindex erreicht nicht den der Sportübertragungen, ist aber relativ hoch, annähernd so hoch wie bei Quizsendungen, die naturgemäß eine höhere Fernsehbeteiligung - 70 bis 85 Prozent - buchen können.)
Beide Herren - Hartmann und Höfer verbringen bis heute ihre Urlaubstage in zeitlicher und räumlicher Nähe auf der Insel Sylt; Intendant Hartmann kurt in Kampen, Höfer ist Stammgast in Wenningstedt, als dessen prominenter Besucher er sich gern, einen gewaltigen Zeitungspacken unter den linken, einen Gummiball unter den rechten Arm geklemmt, auf dem Wege zum Strandkorb für die Bäderzeitung photographieren läßt. Der wichtige Mann hat eine Kabine mit Telephonanschluß.
"Der durch seine profilierten Funk- und Fernsehsendungen in den letzten Jahren so populär gewordene Werner Höfer", so notierte die Sylter Kurzeitung 1958, "ist in diesen Tagen zum zehnten Male nach dem Kriege mit seiner reizenden Familie nach Wenningstedt gekommen . . . Wenningstedts Bürgermeister Schwemer und Kurdirektor Koppelt nahmen das Höfersche Besuchsjubiläum zum Anlaß, um die Damen mit einem Blumenstrauß zu erfreuen. Das kleine Zeremoniell fand im Stammquartier der Familie Höfer, im Dünenhotel, statt, wo wir anschließend Gelegenheit hatten, mit den Gästen zu plaudern und vor allem ihren Schilderungen und Berichten aus dem überaus interessanten beruflichen Milieu zu lauschen."
Der wohlwollende Sylter Lokalchronist - er reimte zu Höfer-Photos: "1948: die Kinder klein, der Vater schmächtig - heute: die Kinder groß, der Vater mächtig" - war aber aufmerksam genug, etwas zu bestätigen, was Höfers Hörer bereits seit langem als eine Art Verdacht gehegt haben mögen: "Es unterscheidet sich übrigens der Ton seiner (Höfers) Ferienunterhaltung', wenn man so will, in nichts von dem Charakter seiner Funkgespräche."
Berliner Zeitschriften-Leser informierte Höfer über seine Ferien-Erlebnisse. Mit einem Bild Höfers in Badehose war sein Beitrag geschmückt: "Schattenspiele im Kurhotel Werner Höfer warf im Urlaub indiskrete Blicke hinter eine verschlossene Tür." Die Skizze handelt davon, daß der Wirt in Höfers Urlaubshotel, dem - Höfer versäumte nicht, es anzumerken - "ersten Haus am Platze", eines seiner Zimmer streng verschlossen hielt. Höfer: "Nun, des Rätsels Lösung ist ebenso einfach wie einleuchtend": In dem Zimmer befand sich der Fernsehempfänger.
Ebenfalls noch aus dem Urlaub unterrichtete Höfer seine Berliner Leser kurze Zeit später über eine "verdrießliche Erscheinung", den Sonnenbrand: "Man liegt da, läßt sich von der Sonne bescheinen, fühlt sich von Licht und Wärme wohlig umschmeichelt, denkt an nichts Schlimmes, geht wohlgelaunt zu seiner Ferien-Herberge und - fühlt sich nach einer guten Weile von Juckreiz geplagt, von Fieber geschüttelt und von einer allgemeinen Unpäßlichkeit befallen, ganz abgesehen davon, daß verdächtige Rötungen der Haut nicht zu übersehen sind." Wo ein Kolumnist derart originellen Beobachtungen nachsinnt, kann das Fazit kaum anders ausfallen als so, wie Höfers Schlußsatz denn auch wirklich lautete: "Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten."
Seinem Urlaubsort Wenningstedt prophezeite Höfer in einem Beitrag für die Kurzeitung vornehmlich viel Licht, indem er spekulierte: "Wie der Badebetrieb in Wenningstedt vor hundert Jahren aussah, kann man sich zur Not vorstellen, wie er in hundert Jahren aussehen wird, kann man sich nur schwerlich ausmalen. Ich könnte mir denken, daß Wenningstedt bis dahin unter den Sylter Badeorten den Rang einer gewissen Exklusivität einnimmt..
Etwa ebenso lange, wie er dem Badeort Wenningstedt durch regelmäßige Besuche auf dem Weg zur Exklusivität voranhilft, arbeitet Höfer als Schatten-Intendant am Sender Köln. Er wirkte zunächst an vielerlei Sendungen mit - etwa zusammen mit dem Schlager-Monopolisten Kurt Feltz an der Sendereihe "Wie finden Sie das?" -, aber auch, ohne feste Anstellung, als Leiter aktueller Dienste. Seine Einnahmen aus freier Mitarbeit - die Schätzungen neidischer und bewundernder Kollegen gehen bis zu 8000 Mark Monatseinkommen - kletterten jedenfalls in solche Höhen, daß in der Generaldirektion des NWDR beraten wurde, was als "Lex Höfer" in den Kantinenklatsch der Rundfunkhäuser einging: eine Vereinbarung, die das Honorar eines Mitarbeiters an ein und demselben, Sender nach oben begrenzte.
Was immer die Generaldirektion beschlossen haben mag - Höfers Verträge liefen um das Jahr 1957 aus; seit dieser Zeit ist er im Funkhaus Köln des Westdeutschen Rundfunks fest angestellt. Er ist beim Hörfunk in der Hauptabteilung Politik Leiter der Abteilung "Aktuelles" und beim Fernsehfunk Leiter des Kölner Regionalprogramms. Beim Hörfunk verantwortet Höfer den Kölner Anteil am "Echo des Tages" (eine Mittelwellen-Sendung, die dreimal in der Woche von Köln, die übrigen drei Male von Hamburg bestritten wird), "Zwischen Rhein und Weser" (täglich, auf UKW, mit Lokalreportagen aus Westdeutschland) und "Männersorgen - Frauenfragen" (zweimal im Monat, mit der Düsseldorfer "Kom(m)ödchen"-Dame Lore. Lorentz).
Regelmäßige Fernsehsendungen unter Höfers Verantwortung, sind der "Frühschoppen", den fünf deutsche Rundfunksender außerdem über UKW ausstrahlen, und die Kölner Regionalsendung "Hier und Heute".
An Montagen pflegt Höfer das Regionalprogramm des Hörfunks, an Sonnabenden das Regionalprogramm des Fernsehens selber zu leiten - er hat dann Gelegenheit, auf den Sonntags-Frühschoppen hinzuweisen.
Auch sonst nutzt Stabreimer Höfer
"Hier und Heute, der Westen in Bildern, Berichten und Begebenheiten" - den Sonnabend, um an seiner Starrolle zu polieren. So erläuterte er bei der Diskussion des Lehrerproblems plötzlich in einem Ton, den sonst vaterländische Lesebücher den Anekdoten über National-Heroen vorbehalten: "Auch ich bin in den ersten vier Jahren meiner Schulzeit auf einer Dorfschule erzogen worden. Sollte mein alter Lehrer zufällig vorm Bildschirm sitzen, so möchte ich nicht versäumen, mich noch einmal bei ihm zu bedanken und um Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich es nicht weitergebracht habe als zu diesem Amt, das ich freilich nach
bestem Wissen und Gewissen auszuüben versuche."
Zum einjährigen Bestehen dieses Regionalprogramms konstatierte die "Kölnische Rundschau": "Die Sendung 'Hier und Heute' hat nicht nur draußen im Lande, sondern auch im Kölner Funkhaus den nicht ganz unzutreffenden Namen ,Halbstarkenfunk' bekommen." Die Ursache für diese Bezeichnung sieht das Blatt darin, daß in Höfers Regionalprogramm, Reporter beschäftigt werden, deren Selbstzufriedenheit in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Reife stehe, "unbedarfte Damen" und "junge halbwissende Männer", die sich unbillig in den Vordergrund der Sendungen spielten: "Der offen zur Schau getragene Mangel an Fundus ist des Funks unwürdig und den Zuschauern ein Greuel."
Das Blatt erläutert, aus welchem Grund nach seiner Meinung so ungeeignete Mitarbeiter am Kölner Regionalprogramm beschäftigt werden: "Es ist bei Höfer nicht verwunderlich, wenn er seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach dem Gesichtspunkt auswählt, inwiefern sie sein Startum in noch hellerem Licht erscheinen lassen können. Man kann ihm fast nicht übelnehmen - menschlich gesehen -, daß er Mitarbeiter auswählt, die mit Gewißheit unter seinem eigenen Niveau bleiben. Ob das aber die richtigen Gesichtspunkte für die personelle Auswahl bei einer Sendung dieser Wichtigkeit sind, das steht auf einem anderen Blatt."
Ohne jede lästige Konkurrenz, die seine onkelhafte Starrolle beeinträchtigen könnte, durfte sich Höfer bei einer von ihm erfundenen Sendereihe fühlen, die sich allerdings nicht durchsetzen konnte: Er verlegte den Aufnahmeort in seine damalige Wohnung in Köln-Lindenthal. Die Sendereihe hieß lapidar "Bei mir zu Haus" und erlaubte es Höfers Töchtern - Oberschülerin Angelika ("Große Reise einer kleinen Dame") ist heute sechzehn Jahre, Volksschülerin Candida knapp vierzehn-, knicksend mitzuwirken.
Eine Tochter stellte dann etwa die Kölner Karnevalisten vor - Höfer versäumt nicht, sich am Aschermittwoch in den Zug der Künstler einzureihen, die sich im Dom mit dem Aschenkreuz zeichnen lassen -, oder es erschienen in der Wohnung des Nicht-Kraftfahrers Höfer ein enragierter Autofahrer und ein Staatsanwalt als Gäste, die vom Hausherrn sogleich in ein Gespräch über Verkehrsprobleme verwickelt wurden.
Heute bewohnt Höfer nach Art von "Maisonetten" miteinander verbundene Wohnungen in der zehnten und elften Etage des höchsten Kölner Wohnhauses, am Türschild unten sind für ihn allein sechs Knöpfe reserviert.
Sein Geld verdient sich der emsige Höfer nicht nur bei Funk und Fernsehen. Er hat sich eine weitere ständige Gelegenheit geschaffen, mit dem Publikum Kontakt zu halten: Höfer veröffentlicht in der Berliner Programm-Zeitschrift "Radio Revue" allwöchentlich eine Kolumne "Ansichtssachen", in der er sich zu Fernsehproblemen, aber auch zum Alltagsleben äußert: zur Qualität von Kurkapellen (Höfer: "Auch sie lieben ihre Arbeit"); über die Not des Stars, überall erkannt zu werden;
über die "bange Frage: Was ziehe ich an?"; zu den Schicksalen der Weltprominenz - Höfer: "Eine kinderlose Soraya ist in jedem Falle sympathischer als eine Hollywood-Diva, die es dazu kommen ließ, daß ihre 14jährige Tochter einen Totschlag in Notwehr verüben mußte" - oder zu dem, was sonst seine Feder bewegt: "Überhaupt die Frauen! Frauen und Wein - man nennt sie gern in einem Atem."
Allsonntäglich trifft sich Höfer etwa eine Stunde vor Beginn des Frühschoppens mit den eingeladenen Journalisten bereits an dem Tisch, dessen Bild die Kameras später übertragen. Es gibt Kaffee, Tee, Kognak, Zigarren und Zigaretten und ein allgemeines Gespräch, das keinesfalls den späteren Debattierstoff vorwegnehmen soll. Bei diesem Vorgespräch werden die Teilnehmer noch einmal frisiert und für die Ansprüche der Kameras zurechtgeschminkt.
Wenn die Sendung beginnt, gibt es nur noch Wein, der nicht allzulange stehen darf, weil er in der Scheinwerfer-Hitze unerträglich warm zu werden droht. Ein Lichtvorhang, den die Scheinwerfer zwischen die Gesprächsteilnehmer und die Kameras legen, soll verhindern, daß die Journalisten durch die Arbeit der Kameraleute allzusehr irritiert werden.
Höfer stellt die Gäste vor, für manche, meist jüngere Gesprächsteilnehmer eine Klippe, wenn Höfer keinen guten oder wenn er einen zu guten Tag hat. Den 26jährigen Livio Caputo, den Sohn des ständigen Höfer-Stammgastes Massimo Caputo vom "Corriere della Sera", fragte er vorletzten Sonntag onkelhaft: "Auf wen sind Sie angesetzt? ... Darf ich fragen: Soraya?" "Die ist in Rom", entgegnete der schlagfertige Junge mit dem Donatello-Kopf, Berichterstatter des Blattes "Gente", "Sie sind nicht informiert!" Man müßte ,Gente' lesen", fuhr Höfer die Retourkutsche. Caputo junior: "Auch andere Zeitungen." Der Sohn hatte für den Vater, der schon manche Höfer-Unart über sich hatte ergehen lassen, heimgezahlt.
Um den scherzhaft erhobenen Vorwurf zu entkräften, Höfer rede während der halben Sendung allein - der "Frühschoppen" reicht von 45 Minuten bis zuweilen mehr als einer Stunde -, hat ein Rundfunkfachmann und ehrlicher Bewunderer Höfers einige Sendungen mit der Stoppuhr verfolgt; zu seiner Erleichterung hat er dabei ermessen, daß der Gastgeber Höfer durchschnittlich nur ein Drittel der gesamten Zeit spreche. Das bedeutet freilich, auf einen anderen Nenner gebracht, daß Höfer durchschnittlich zweieinhalbmal soviel spricht wie jeder einzelne andere Teilnehmer, um dessen Ansicht es in dieser Sendung eigentlich gehen sollte.
Höfer kann nun allerdings nicht wie ein Quizmaster, der die richtigen Antworten auf seine Fragen vorher auswendig gelernt hat, darauf rechnen, daß seine Gesprächspartner über das jeweilige Thema weniger wissen als er, im Gegenteil. Um sie dennoch im Gehege seiner Conference zu halten, versucht Höfer daher, den Journalisten die Rolle von Stichwortgebern zuzuschanzen.
So stellt Höfer etwa den Korrespondenten der holländischen Zeitung "Het Frije (sprich: freie) Volk", van Looi, vor: "Het Frije ... sagen Sie's weiter!"'
VAN LOOI: ... Volk.
Oder: "Mr. Earle, gestern abend hat Nikita Chruschtschow im Kreml einen Preis entgegengenommen. Was war's nochmal, Michel Gordey?"
GORDEY: Das war der Lenin-Friedenspreis.
Oder (an den amerikanischen Teilnehmer gewandt): "Ich glaube, es war Walter Lippmanns Idee - was war Walter Lippmanns Idee?"
Ein andermal sprach Höfer so, als sei es Sache der Gesprächsteilnehmer, die jeweils zutreffenden Namen einzusetzen wie in einem Kreuzworträtsel - eine Funktion, der sich allerdings der Deutschland-Vertreter der Illustrierten "Paris Match" so ironisch zu widersetzen suchte, wie es die Wohlerzogenheit des Gastes irgend erlaubte:
HÖFER: Aber, Monsieur Kelber, ich darf Sie an etwas erinnern, fällt mir grade ein. Ich habe vor wenigen Abenden etwas sehr Bewegendes gesehen, im französischen Fernsehen. Da war eine Gala-Soiree in der Großen Oper, und da sang eine sehr geschätzte und - skandalumwitterte?
KELBER: Callas.
HÖFER: ... gut, ja, und da kam auf einmal ziemlich unauffällig und zunächst kaum beobachtet und wahrgenommen, kam ein Mann in die Loge, ein Zivilist.
KELBER (ironisch): Wie geheimnisvoll!
(Heiterkeit)
HÖFER: Durch das ganze Parkett, ein Parkett von Snobs - ich beleidige damit die Leute nicht -, und sie applaudierten diesem unauffälligen Zivilisten, der allerdings das Ehrenkleid ...
KELBER: Wer war es?
HÖFER: ... des Bürgers trug, nämlich den Frack. Das war ein Mann namens René Coty.
KELBER (ironisch): Hm, ich habe von ihm auch gehört.
HÖFER: Er ist im Augenblick noch der Präsident.
KELBER: Ja.
HÖFER: Es war seine letzte öffentliche...
KELBER: Erscheinung...
HÖFER: ... kann man sagen: Vorstellung?
KELBER: Ja.
HÖFER: Und es war ergreifend zu sehen, daß dieser Mann gezwungen worden ist, den Weg frei zu machen, nicht wahr, für einen Mann ...
KELBER: Ich bin nicht Ihrer Meinung.
HÖFER: . . . einen Mann ganz anderer Blutgruppe.
Dergleichen Schatten - Unterhaltungen bekommen zuweilen die bizarre Komik alberner Jungmädchen-Romane, in denen der Heldin (nach einem Scherz des Parodisten Robert Neumann) die Ankunft eines Herrn mit den Worten mitgeteilt wird, der Graf sei eingetroffen, "der wie du weißt dein wohlhabender Vater ist".
Höfer (zu dem amerikanischen Teilnehmer Henry Marx, stellvertretender Chefredakteur der "New Yorker Staatszeitung: und Herold"): "Denn Sie wissen, daß Ihr Außenminister (Dulles) am Dienstag das Flugzeug bestellt, wieder einmal?". (Marx wußte es.) Höfer wandte sich an den Engländer Baker vom "Daily Telegraph": "Und er kommt erst nach London."
Eines Sonntags brachte es Höfer fertig, den amerikanischen Journalisten Long, Chef des Bonner Upi-Büros, zu fragen: "Mr. Long, Ihr Regierungspräsident trägt den Titel Präsident?" Danach sah er zum Engländer Terry von der "Sunday Times": "Bei Ihnen ... ist die Krone, getragen von einer reizenden Königin, im Augenblick."
In der Sendung, in der zu Höfers Entrüstung die ausländischen Teilnehmer eine andere Haltung zur DDR-Flagge mit dem variierten Sowjet-Symbol einnahmen als die deutsche Regierung, mutete Höfer dem italienischen Teilnehmer Massimo Caputo vom "Corriere della Sera", dem Vater des schlagfertigen Livio, diese Unterhaltung zu:
HÖFER: . . . und ich habe die Ehre, Ihnen einen Glückwunsch aussprechen zu können zum - ja, erschrecken Sie nicht-, zum Nobelpreis.
CAPUTO: Nobelpreis.
HÖFER: Ja, aber nicht Sie haben ihn bekommen, sondern ein Sizilianer.
Wenige Minuten später polemisierte Höfer dagegen, daß ausgerechnet dem Prokommunisten Quasimodo, der über Pasternak schlecht gesprochen habe, der Nobelpreis zuerkannt worden sei, jener Nobelpreis, zu dessen Verleihung er dem Signore Caputo eben gratuliert hatte -Glanz und Elend des Conferenciers.
Höfer, der seine Worte mit größter Betonung und Dehnung formuliert, als zitiere er Kostbarkeiten - er "meiningert", heißt es im Kölner Funkhausjargon -, versucht in der Regel seine Journalistengäste durch eine überbordende Höflichkeit, zu domestizieren, für die ihm der gesamte Wortschatz eines Vereinisvorsitzenden zur Verfügung steht. Stets freut er sich "ganz besonders", Gäste "geben uns die Ehre ihrer Anwesenheit", er erinnert an Vergangenes, "als ich zuletzt das Vergnügen hatte, mit meinen Kollegen hier diskutieren zu dürfen", und wie er, wenn das Stichwort Sport fällt, fast immer vom "ach so völkerverbindenden Sport" spricht, handelt es sich bei den Journalisten meist um einen "sehr schätzenswerten Kollegen" oder eine "sehr verehrungswürdige Kollegin".
Zu diesen ständig wiederholten Beruhigungsdosen, die eine entschiedene Meinungsäußerung, etwa gar ein lautes Streitgespräch zu einer unangemessenen Taktlosigkeit stempeln würden, fügt Höfer unablässig neue Komplimente, er webt ein samtenes Laufgitter, durch das er die Gesprächsteilnehmer gebändigt in den Käfig seiner zusammengewürfelten Themen dirigieren möchte, in dem sie unter seiner Anleitung vorm Publikum ihre Kunststücke absolvieren.
Höfer teilt ohne Unterlaß beschwörende Kommentare und Noten aus:
- "Sie haben ein bedeutendes Wort gesagt, Mr. Lasky";
- "Die Antwort, die nobel und diplomatisch war";
- "Das haben Sie sehr nobel gesagt"; - "Sehen Sie, das ist ein gutes Wort"; - "Das war ein nobler, vorsichtiger Angriff";
- "Ja, das ist eine sehr offenherzige Auskunft gewesen";
- "Sie haben eine zurückhaltende und noble Kritik geübt".
Zu dieser Höferschen Vorstellung von diplomatischem Wohlverhalten unter der Jupiter-Hitze einer Direktsendung gehört ebenso, daß Höfer nur selten direkt fragt, sondern seine eigenen Fragen zumeist sehr umständlich charakterisiert, qualifiziert oder sogar wieder in Frage stellt. Den Fernsehteilnehmern, die sonntags die Meinungen der Journalisten hören wollen, ist das Repertoire dieser zeitraubenden Floskeln quälend bekannt:
- "Ich glaube, es ist keine Kränkung,
wenn man behauptet...";
- "Darf ich eine ganz bittere Frage stellen...";
- "Ist es vermessen...";
- "Jetzt muß ich sehr an mich halten, um
keinen ganz unziemlichen Witz zu machen";
- "Zunächst eine ganz simple Frage"; - "Eine sehr ketzerische Frage"; - "Jetzt werden Sie mich fragen, wohin
will er mit dem Lasso. Ich will auf folgendes hinaus...";
- "Ich stelle die sehr rhetorische Frage"; - "Habe ich das nobel ausgedrückt?"
Solcherlei Bemühung, jegliche Äußerung im Unverbindlichen zu halten, irritiert die - zum Teil durch Sprachschwierigkeiten gehandikapten - Teilnehmer so, daß kürzlich die Französin Stephanie Roussel vom Pariser "France-Soir" einen Satz begann: "Ich glaube, ich habe gestern einen Artikel geschrieben..."
Die Parfümwolken aus diplomatischen Floskeln im Stile von Warenhaus-Slogans vernebeln allerdings nicht, daß Höfer in der Sache unhöflich, ja sogar taktlos werden kann - vornehmlich, wenn er einem Teilnehmer das Wort abschneidet, weil er, der falschen Schoppen-Konstruktion zuliebe, mit dem nächsten ins Gespräch kommen will. Um seine Übergänge zustande zu bringen, scheut sich Höfer nicht, den Fachleuten, die er an den Tisch gebeten hat und die ihm als dem Chairman höflich die Vorhand lassen, ungeniert ins Wort zu fallen oder ihnen sogar über den Mund zu fahren.
So schnitt er einem griechischen Kollegen, der über Zypern gesprochen hatte, das Wort ab, kam auf ein anderes Gebiet und erklärte: "Und damit sind wir bei dem Thema, das - verzeihen Sie - etwas belangreicher ist." Er kommentierte die Äußerung eines englischen Teilnehmers: "Mr. Terry machte den mehr komischen als realistischen Vorschlag - das können sich Engländer leisten"; in einer seiner letzten Sendungen zensierte er die Äußerung eines Schweizers mit dem sinnleeren Kommentar: "Das ist eine Analyse, die mit dem souveränen Recht eines Neutralen ein bißchen vereinfacht ist."
Dem Gesprächsteilnehmer Robert Jungk ("Die Zukunft hat schon begonnen"), der den deutschen Flaggenstreit am vorletzten Sonntag belanglos fand, warf Höfer an den Kopf, daß auf jedem amerikanischen Dienstschreibtisch das Sternenbanner "en miniature" stehe. Robert Jungk, der 1950 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat, fragte konsterniert zurück, ob er diese Flaggengewohnheiten seines Landes denn unbedingt billigen müsse. Gleich im Anschluß rügte Höfer, wie vormals bei dem Dänen Rastén, Jungk habe seine Kritik "in sehr großzügiger Ausdeutung des Begriffs Gastfreundschaft" geübt. Als Jungk zurückfragte: "Sie meinen, ich habe sie überschritten?", beeilte sich Höfer sogleich zu versichern: "Nein, in sehr fairer Weise ... Das hat Leben in die Unterhaltung gebracht." Wirklich waren die Frühschoppen, zu denen Höfer vom Schema abweichend - Autoren wie Leonhard, Schlamm und Jungk eingeladen hatte, besonders lebhaft, und Höfer sollte, auch wenn er bei diesen Gelegenheiten nicht gut abschnitt aus seiner eigenen Beobachtung die Folgerungen ziehen.
Höfer fragte einen Journalisten nach dessen Meinung über die Bedeutung von Chruschtschows Reise nach Leipzig und entzog ihm die eben begonnene Antwort mit dem Tadel: "Aber ich glaube, wir sollten nicht spekulieren"; eine Sendung, an der mehrere besonders prominente Journalisten teilnahmen, leitete Höfer ein: "Sehr viele Fragen bedrängen uns heute, sehr wenige Antworten werden uns dazu einfallen."
Ein holländischer Journalist, in dessen Gegenwart Höfer bereits die Überleitung von den Bonner Halbstarken zur holländischen Kronprinzessin gelungen war, wurde gefragt:
HÖFER: Wieviel Jahre... haben Sie in Deutschland verbracht, Herr-van Looi?
VAN LOOI: Freiwillig? Fünfzehn.
HÖFER: Gibt es auch unfreiwillig verbrachte?
VAN LOOI: Zwei.
HÖFER: Ja, ich bin nicht schuld daran, aber ich möchte mich im Namen der Deutschen, die daran schuld waren, entschuldigen dafür (hebt sein Glas), bin aber froh, daß Sie es offensichtlich einigermaßen überstanden haben. Kann man das sagen?
VAN LOOI: Ja.
HÖFER: Gut, Herr van Looi, wir sind bei Ihrer reizenden Kronprinzessin.
Wieso Ex-Pg. Höfer weniger an den zwei Zwangsarbeitsjahren des Holländers schuld habe als andere Deutsche, blieb im unklaren. Um so klarer war auf den Bildschirmen zu sehen, daß Höfer es unternahmn, sich mit einem Zutrunk, mit einem Schluck Wein "im Namen der Deutschen, die daran schuld waren", zu exkulpieren.
Auf ähnliche Art entschuldigte sich Höfer bei einem Schweizer Gesprächspartner nach der sogenannten "Saucken-Affäre - der Konsul von Saucken war aus dem Auswärtigen Dienst entlassen worden, weil er den amerikanischen Vertreter der "Neuen Zürcher Zeitung" mit einem antisemitischen Schimpfwort belegt haben sollte. Hofer machte die Sache als "Mr. Germany" wieder gut.
Gastgeber Höfer - der Evangelische Pressedienst charakterisierte seine Wortkaskaden unter der Überschrift Höferer geht's nimmer" - läßt sich auch immer wieder zu Effekten auf Kosten seiner Gäste verleiten wie ein Conferencier, der seine Pointen aus der Verlegenheit der Opfer zieht, die er zu sich auf die Bühne geholt hat:
HÖFER: Herr Dr. Kani, Sie sind Asiate.
DR. KANI: Ja, echter.
HÖFER: Und diese Eigenschaft wird Ihnen niemand wegdiskutieren.
Als Friedrich Sieburg erläutert hatte, er schalte beim Fernsehen stets und fast nur die "Tagesschau" an, weil er Gesichter sehen wolle ("Was Schöneres gibt es in der Schöpfung nicht als ein Menschengesicht, auf dem sich alles . . ."), unterbrach ihn Höfer prompt: "Das würde - das würde ich beispielsweise für Ihr Gesicht gelten lassen, Herr Sieburg", worauf der 66jährige Sieburg, aufs peinlichste berührt, verstummte.
An einem der jüngstvergangenen Sonntage verteidigte Höfer die Absicht, das autoritär regierte Spanien in die Nato aufzunehmen, in Gegenwart des spanischen Kollegen mit einem Churchill-Zitat aus Kriegszeiten: "Gegen Hitler verbünde ich mich mit dem Teufel" - und verglich solcherart nicht nur den fernen Chruschtschow mit Hitler, sondern auch den Staatschef seines spanischen Gastes mit dem Teufel. Bei einer früheren Gelegenheit bekam Höfer auf die von ihm scherzhaft gestellte Frage, wo der Balkan eigentlich beginne, die scherzhafte Antwort: "Einige Leute sagen: in Ulm." Sofort erklärte Höfer - in Gegenwart eines Journalisten vom Balkan-, gegen diese Unterstellung müsse er im Namen der Bayern protestieren. Beifall an deutschen Biertischen.
Solche Ausrutscher sind unvermeidlich, solange Höfer seine Rolle als die eines politischen Conferenciers begreift. Jedenfalls könnten viele Gesprächsteilnehmer klügere Sachen sagen als Höfer, wenn man sie nur ließe. Es scheint zuweilen, als ob Höfer die von ihm angeschnittenen und wieder abgeschnittenen Themen nicht beherrsche - offen bleibt, ob er infolge seiner wieselhaften Emsigkeit nicht die Zeit findet, sich vorzubereiten, oder ob er politischen Themen am Ende gar nicht gewachsen ist.
Offensichtlich ahnungslos zeigte sich Höfer bei einer Diskussion über die steigenden Kohlenhalden. Als der englische Teilnehmer von der Bedeutung des Privatverbrauchs sprach, unterbrach ihn "Höfer: "Lieber Mr. Robson, aber was sagen Sie da", und mußte sich belehren lassen, daß der Kleinverbrauch in der Bundesrepublik immerhin ein Jahresvolumen von nahezu 30 Millionen Tonnen ausmacht - die Haldenvorräte betrugen damals dreizehn, Millionen Tohnen.
Ein typisches Beispiel für die Methode, das diskutierte Sachthema auf ein Niveau, herabzuschrauben, das Höfer offenbar
leichter erklimmen konnte, ergab sich, als der ehemals als Sowjet-Jugendlicher ausgebildete Autor Wolfgang Leonhard ("Die Revolution entläßt ihre Kinder") Erläuterungen zu den ideologischen Differenzen zwischen den Ostblockstaaten gab. Mitten im Satz unterbrach ihn Höfer, um allen Teilnehmern, einem nach dem anderen, die kindische Frage zu stellen, in welchem Ostblockstaat sie am ehesten leben möchten. Genau das gleiche geschah in der ersten November-Sendung des Frühschoppens, als Höfer das Diskussionsthema kappte und den jugoslawischen Teilnehmer mit einer Frage behelligte, die besser in den Frauenfunk gepaßt hätte. Höfer wollte wissen, inwelchem Ostblockstaat die Hausfrauen am offensten über etwa vorhandene Versorgungsmißstände meckern dürften.
Am Sonntag, dem 15. November, verbiesterte sich Höfer in der von ihm unbewältigten politischen Thematik immer mehr. Zunächst hielt er der Französin Roussel, die er bei der Einleitung überschwenglich begrüßt hatte, in strengem Ton vor, daß die Franzosen außerhalb der Dreimeilenzone das deutsche Frachtschiff "Bilbao" aufgebracht hatten. Indem er jede Silbe einzeln betonte, mahnte Höfer die Journalistin: "Bil-ba-o... War das nötig?... Madame, war das nötig mit diesem ärgerlichen Zwischenfall?"
Sodann versuchte er, eine ernsthafte Diskussion über politische Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland zu versimpeln, indem er die Militärallianz dieser Staaten als ein Verhältnis zwischen Eheleuten definierte:
HÖFER (zu Stephanie Roussel): ...Sie sind eine Frau, und Sie kennen sich aus, wahrscheinlieh besser als ein Mann, so in dem Herzen einer Frau und in den Schwierigkeiten, die es zwischen einem Mann und einer Frau geben kann.
ZWISCHENRUF: Sie nicht, Herr Höfer?
HÖFER: Ich bin nur ein Mann, ich bereite vielleicht Schwierigkeiten, erleide Schwierigkeiten, aber kenne mich nicht so aus. Eine Ehe ist doch meistens durch die kleinen Zwischenfälle gefährdet und weniger durch die ganz großen.
MÄNNLICHER ZWISCHENRUF: Das will ich nicht sagen, das will ich nicht sagen, im Gegenteil...
Aus dieser Küchen-Perspektive gelangte Höfer zu dem umwerfenden Schluß: "Und der tägliche Kleinkram zwischen Frankreich und Deutschland, dem sollte doch eigentlich nicht solche Schwierigkeiten produzieren. In den großen Fragen mag es in Gottes Namen Mißverständnisse und Meinungsverschiedenheiten geben." Von seiner eigenen, fibelhaften Vorstellung verführt, ein Bündnis müsse mit einer Ehe zu vergleichen sein, forderte Höfer allen Ernstes, es dürfe zwischen den Verbündeten Frankreich und Deutschland keine ephemeren Streitfragen geben, nur "in den großen Fragen" möge man "in Gottes Namen" und mit Höfers Billigung getrost ganz verschiedener Ansicht sein.
Schließlich brachte er alles durcheinander und bewahrte nur eines: die hohe Meinung, die er von der politischen Bedeutung seiner Frühschoppen-Show hat. So wie er sich vor einiger Zeit ernsthaft dagegen verwahrte, mit seiner Sendung den Ausgang der Schweizer Wahlen beeinflussen zu wollen, so appellierte er diesmal an die Französin Roussel, als vertrete sie die französische und er, der "Hauptfrühschöppner", die Bundesregierung:
HÖFER:... Und ich kann diesen Komplex nur mit einer Bitte abschließen, Madame Roussel...
ROUSSEL: Ich hoffe, Sie wenden sich nicht an mich!
HÖFER: Nein, über Sie an Ihre große Nation. Hoffentlich kommt bald eine Antwort aus Frankreich.
ROUSSEL: Zu welchem Thema?
HÖFER: Zu der Anfrage (den "Bilbao"-Zwischenfall betreffend). Ich will gar nicht sagen, daß es eine Protestnote war. Zu der Anfrage, die Bonn in Paris präsentiert hat. Wie es dazu gekommen ist und wie das zusammenhängt, hoffentlich wird die Antwort befriedigend sein.
Kennzeichnend für diese amateurhafte Art, sich mit Politik zu befassen, ist auch, daß Höfer seinen eigenen Standpunkt zuweilen so unpräzise und mißverständlich formuliert, daß die Hörer glauben könnten, er wechsele seine Meinung je nach Gelegenheit.
In einer Diskussion mit dem Journalisten Williamn S. Schlamm ("Grenzen des Wunders") hatte sich Höfer so unelegant wie beharrlich gegen die These des Emigranten zur Wehr gesetzt, Deutschland und der Westen müßten äußerstenfalls bereit sein, gegen die Sowjet-Union in den Krieg zu ziehen, notfalls in einen Präventivkrieg. Hörer dieser Debatte dürften überrascht gewesen sein, daß Höfer Anfang November dem Deutschland-Korrespondenten des "Observer", Sebastian Haffner, der ihm tüchtig zugesetzt hatte, mit genau der Schlamm-These" entgegentrat: "Wenn man, wenn man eine Sache unabdingbar will, Mr. Haffner, meine ich, müßte zum mindesten die Bereitschaft bestehen, auch den äußersten Preis zu bezahlen."
Am 25. Oktober hatte Höfer pathetisch deklamiert: "Ich muß wieder auf einen Begriff kommen, der mir sehr am Herzen liegt und kein Lippenbekenntnis ist - das Wort heißt: Freiheit." Als vier Wochen später - am 22. November - ein junger Journalist aus dem afrikanischen Sierra Leone, das der Kolonialherrschaft überdrüssig ist, die Erklärung wagte: "Und ich als Afrikaner, ich bin ein freiheitsliebender Mensch", entgegnete Höfer mit großer Herablassung: "Aber mit dem Begriff Freiheit, also . . . das ist so ein merkwürdiger Artikel, der wird also wohlfeil herumgereicht..."
Es paßt ins Bild, daß Hofer - der gern Fremdwörter an den Mann bringt, Anastas Mikojan zum Beispiel ist "ein sehr aimabler, sehr traitabler Gesprächspartner", ein Zutrunk gilt "to whom it may concern" - einer Art Stammtisch-Patriotismus huldigt. Dieser Patriotismus äußert sich vornehmlich darin, andere Länder bei Pannen zu ertappen und - sowenig das sonst möglich sein mag, Höfer kann es - auf solchen Fehlern, Zwischenfällen, Mißhelligkeiten herumzureiten.
Als bekanntgeworden war, daß ein dänischer Diplomat in Bonn für die Sowjet-Union Spionage getrieben hatte, nahm Hofer diese Meldung am darauffolgenden Sonntag sofort auf und wandte sich an den dänischen Journalisten: "Darf ich eine ganz bittere Frage stellen? Ich glaube, es muß sein." Höfer brachte es fertig, einen englischen Frühschoppen-Teilnehmer zu fragen, ob die Wurzel gewisser Schwierigkeiten zwischen England und Deutschland nicht sei, daß die Engländer die Konkurrenz des Volkswagens fürchteten - eine Frage, die der Engländer als unter Niveau zurückwies.
Als neben dem Kölner Hauptbahnhof zwei Algerier von Algeriern ermordet worden waren, hielt Höfer in vorwurfsvollem Ton diese Missetat dem Bonner "Paris Match"-Vertreter vor, als habe er einen Verantwortlichen am Tisch: "Was soll man davon halten, lieber Amtsbruder, nicht wahr, daß also Schwierigkeiten, die sowohl die Algerier untereinander wie die Franzosen mit den Algeriern haben, daß die nun hier nach Deutschland transportiert werden."
Und, da die Gesprächspartner dieser Tirade etwas hilflos gegenüberstanden, noch einmal: "Jedenfalls, lieber Georges Kelber, was sind das für Geschichten! Da sitzen in einem Kölner Restaurant, sitzen also fünf Algerier und trinken Kaffee miteinander, und dann geben sie sich, so wie das auch im Ostblock üblich ist, so den Wangenkuß zum Abschied, nicht wahr, und ein paar Minuten später liegen zwei davon in ihrem eigenen Blut . . ."
Auch der ärgste Gegner wird Höfer nicht unterstellen, daß er glaubt, Kelber sei für das Kölner Attentat oder Madame Roussel für den "Bilbao"-Zwischenfall verantwortlich. Höfers pädagogische Ermahnungen, im Tonfall eines guten Onkels gegeben, der unartige Kinder tadelt, können nur das Ziel haben, das Gespräch auf Themen zu bringen, die den angesprochenen Teilnehmern lästig sind, die den Volksseelchen am heimischen Bildschirm aber Stoff für eigene Stammtisch-Debatten liefern.
Als Diskussionsleiter nimmt sich Höfer dagegen gern und rücksichtslos das Recht, Themen abzubiegen, die etwa für deutsche Ohren verdrießlich zu hören wären. Als ein englischer Gast über Adenauers jüngste London-Reise mitteilte: "Ich glaube, es wird heute im Hyde-Park gegen ihn demonstriert", beendete Höfer sofort die Sendung: "Im Hyde-Park wird immer gegen was demonstriert ... Und wissen Sie was, ich möchte auch demonstrieren. Ich möchte eigentlich mit den Waffen, die wir hier haben, mit dem Glas . . .", und er leitete zu dem Toast über, der den "Internationalen Frühschoppen" traditionsgemäß beendet.
Die Trinksprüche sind Höfers ureigenste Spezialität. Er trinkt unbekümmert auf Personen, Institutionen, Begriffe, von denen zumeist in der Diskussion nicht mit einem einzigen Wort gesprochen worden ist und auf die keiner der Teilnehmer gefaßt war: auf das zehnjährige Bestehen der Nato, auf die Genesung der Opfer eines Eisenbahnunglücks, auf eine teure Verstorbene, auf die Sprache, auf die Demokratie, auf den unbekannten Wähler, auf Erich Kästner, auf die Schauspielerin Tilla Durieux ("bezaubernde alte Dame") oder darauf, daß der Optimismus den Sieg über den Pessimismus davontragen möge (siehe Seite 59).
Dem Reporter einer Münchner Abendzeitung bekannte Höfer: "Das Fernsehen ist grausam. Wer einen lieben Feind hat, der kann ihn vernichten, indem er ihn zu oft hintereinander auf dem Bildschirm erscheinen läßt. Die Fernsehzuschauer vertragen zu häufige Begegnungen mit demselben nicht." Der Konsequenz aus seiner These, daß Fernsehzuschauer allzu häufige Begegnungen mit ein und derselben Person nicht vertragen, scheint sich Höfer für seine Person allerdings beharrlich zu entziehen.
Er will seinen abgespielten Frühschoppen weitermachen, mit sechs Journalisten aus fünf Ländern, mit dem geisterbahnähnlichen Themenwechsel, ohne Experten in dem Fach zu Wort kommen zu lassen, in dem sie Experten sind, ohne interessante Gäste von außerhalb der Presse und mit Werner Höfer als dem überlegen schwadronierenden Alleinunterhalter.
Gebraucht würde ein neuer Frühschoppen: mit interessanten Leuten, nicht unbedingt Journalisten, nicht unbedingt aus fünf Ländern, mit wenigen, des Gesprächs werten Themen, ohne Trinksprüche, ohne Biertisch-Sentimentalitäten, ohne den schwererträglichen Biedermannston, und wenn unter dem bisherigen Gesprächsleiter, dann unter einem neuen Werner Höfer, der den Billigen Jakob in der Requisiten-Kammer des Kölner Funkhauses abgeladen hat.
Höfers "Internationaler Frühschoppen": "Also blicken wir zum Balkan"
Gesprächsteilnehmer Rastén, Stephanie Roussel (r.), Gastgeber: Nachhilfe-Unterricht für...
... ausländische Journalisten: Gesprächsteilnehmer Kelber, Livio Caputo, Jungk
WDR-Intendant Hartmann
Begabung auf den ersten Blick erkannt
Münchner Diskussions-Sendung "Unter uns gesagt"* Der Fachmann kommt zu Wort
Showman Höfer 1952
Einst schmächtig....
Diskussionsleiter Höfer 1959
... heute mächtig
Wenningstedt-Besucher 1948
Im Urlaub indiskrete Blicke..
Wenningstedt-Besucher 1958,
... hinter eine verschlossene Tür.
"Hier und Heute"-Redakteur, Schönheitskönigin: Dank an den Dorfschullehrer
Höfer-Kritiker Luchsinger
Gespräche, wie sie nicht sein sollen
Journalistin Flora Lewis, Gastgeber: Toast auf den Optimismus
Höfer im Arbeitszimmer: Die Schere am Diskussionsfaden
* v. l. Chefredakteur Meyer-Dietrich, Generalbundesanwalt Dr. Gude, Diskussionsleiter Wessel, Reporter Kempski, Chefredakteur von Putt kamer.

DER SPIEGEL 50/1959
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