16.12.1959

FORSCHUNG / SIGMUND FREUDSteig hinab, Moses

Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, um ihn in ein stolzes gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte .. Friedrich Nietzsche (1873)
Als um die Jahrhundertwende der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud von seinem Vorstoß in den Schwarzen Kontinent der Seele die Entdeckung mitbrachte, daß der Menschheit ganzes Sinnen und Trachten - ihre nobelsten Kulturideale nicht ausgenommen - einem "unbewußten" Orkus "verdrängter Sexualität" entquelle, machte er sich keine Illusionen über das Los, das den Künder solch unfroher Botschaft erwarte. "Jeder", schrieb er, "der die Tabus des Trieblebens der wissenschaftlichen Forschung unterzieht, wird mit seinen Erkenntnissen dem Schicksal der Zurückweisung anheimfallen."
Tatsächlich ist der Dr. Freud, wie der Philosoph Ludwig Marcuse jüngst feststellte, "neben Marx bis zu diesem Tag die unakzeptierteste, unrespektabelste Berühmtheit des 20. Jahrhunderts" geblieben: ein spitzbärtiger Mephisto für die Frommen, ein totzuschweigendes Ärgernis für Ideologen, ein Ersatz-Apostel für derangierte Divas - willkommen nur als Vorwand
für Bettspalten-Bonmots, als Frau Wirtin der Cocktailparty-Kaste.
Selbst das Lob der intellektuellen Boheme, die Sigmund Freud, den Erfinder der Psychoanalyse, wechselweise als "Befreier des Geistes aus mittelalterlichen Fesseln" und Bahnbrecher des Bikinis feiert, ist nach Ansicht des Freud-Biographen Ernest Jones "in Wirklichkeit auch nur eine subtile Form der Ablehnung" - mittels Mißverständnis und Verniedlichung.
Gleichwohl fand Sigmund Freud in seiner langen, harten Lebenszeit (1856 bis 1939) und angesichts höchst ungewissen Nachruhms stets Trost, wie er selbst schrieb, bei einem Gedanken: Die Menschen könnten zwar die verborgen-verbotenen Triebe, deren Existenz er aufgedeckt habe, leugnen, hemmen und ablenken, doch nimmermehr ausmerzen. "Die Leute", notierte Freud, "mögen tagsüber meine Theorien schmähen, aber ich bin sicher, daß sie des Nachts davon träumen . . . "
Heute, im zwanzigsten Jahr seit seinem Tod, scheint sich auch dieser Teil seiner Prognose erfüllt zu haben; denn "Freud, der Entdecker des Unbewußten, ist selbst ein Teil des kollektiven Unterbewußtseins unserer Zivilisation geworden", wie der amerikanische Kritiker Lionel Trilling schrieb. "Kaum jemand weiß mehr von ihm als seinen Namen und einige bis zur Unkenntlichkeit verzerrte und banalisierte Bruchstücke seiner sensationelleren Thesen. Dennoch rumort er unablässig im doppelten Boden der modernen Existenz ... und keine Revision und Gleichschaltung seiner Lehren, noch die flehentliche Beteuerung, Freud sei überwunden, vermag ihn zu bannen..."
Das Phänomen wurde in der Zeitschrift "Life" von dem Kulturkritiker Ernest Havemann bestätigt: "Obwohl die psychoanalytischen Theorien im zeitgenössischen Bewußtsein überwiegend auf Ablehnung stoßen, ist ihr versteckter Einfluß auf die moderne Lebenseinstellung allgegenwärtig." Tatsächlich ist Freuds Geist im Gegensatz zu den vorschnellen Toterklärungen abendländischer Gralshüter keineswegs unter den Couches der Psychoanalytiker von Manhattan verendet, auf denen Marilyn Monroe die geistigen Aspirationen tief in ihrem Busen entdeckte und Marlon Brando sich seinen Ödipus-Komplex von einem "Kopfschrumpfer" (so der US-Slangausdruck für Psychoanalytiker) fachgerecht balsamieren ließ.
Dr. Sigmund Freud, das Gespenst aus Wien, haust nicht nur mit ungebrochener Tiefenwirkung in seinem ständigen Asyl Amerika. Als ein noch erstaunlicheres Zeichen für seine posthume Wirksamkeit gilt, daß sogar dort eine Freud-Renaissance ausgebrochen ist, wo der Seelenforscher von Anfang an am energischsten bekämpft wurde: in seiner eigenen Kulturheimat, dem Bereich deutscher Zunge.
"Der alte Freud ist noch nicht veraltet", verkündete "Die Zeit" angesichts einer rasch wachsenden Reihe von Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt, die Aufklärung über Freud, über die Psychoanalyse und die Folgen versprechen. Freuds eigener "Abriß der Psychoanalyse", seine vielbeschworenen Studien "Das Unbehagen in der Kultur", "Totem und Tabu" sowie sein vergnügliches Brevier über den Umgang mit dem Unbewußten ("Zur Psychopathologie
des Alltagslebens") zirkulieren als Taschenbücher bereits in jeweils mehr als 100 000 Exemplaren - desgleichen der Freud-Band der Rowohlt-Enzyklopädie.
Ein verwegener Essay mit dem Titel "Eros und Kultur", in dem der Philosoph Herbert Marcuse (nicht verwandt mit Ludwig Marcuse) Freuds Lehre auf die automatisierte Zivilisation der Gegenwart anwendet, wirbelte die deutschen Feuilletons auf ("faszinierend", urteilte die "Frankfurter Allgemeine", "eine Fülle von Anregungen, die... nicht wieder aus dem allgemeinen Bewußtsein verschwinden dürften"). Der Aufsatz rüttelte sogar die somnambulen Plauderer der Rundfunk -Nachtprogramme zu der Feststellung wach, daß Freud zweifellos "eine Provokation weit über seine Zeit hinaus" ausübe.
Das umfänglichste Projekt der deutschen Freud -Neuentdeckung indes unternimmt zur Zeit der renommierte Schweizer Huber-Verlag. Er bereitet die deutschsprachige Veröffentlichung der ersten umfassenden Freud -Biographie vor, eines dreibändigen, 1500seitigen Werks, das der britische Freud-Jünger Ernest Jones verfaßt hat, ehe er kurz nach Vollendung der Trilogie im Februar 1958 starb. Der erste Band der deutschen Fassung soll im Februar 1960 erscheinen.
Das Buchmonument von Jones - er war einer der letzten Überlebenden aus Freuds erstem Schülerzirkel (1908) - ist bereits in der angloamerikanischen Öffentlichkeit als "eine der eindringlichsten Biographien der Moderne" ("Time") gepriesen worden. Nun soll sie auch dem deutschen Publikum das wahre Bild des Forschers präsentieren, soll die Nebel der Ignoranz aufreißen und die "barbarischen Entstellungen" (wie es Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich ausdrückte) beheben -
die Spuren der Tatsache, daß Freud, der Erforscher der Neurosen, in Deutschland selbst ein Opfer politischer Neurotiker wurde, die seine Lehre ("Der Mensch ist ein Wesen von schwacher Intelligenz, das von seinen Trieben beherrscht wird") 1933 erst verbrannten, dann mörderisch bestätigten.
Freilich: Das Bedürfnis nach geistiger Wiedergutmachung an diesem - neben Albert Einstein - bewegendsten Denker des deutschen Sprachkreises im 20. Jahrhundert hat nur geringen Anteil an dem neuentfachten Interesse für Freud. Denn der gebildete Deutsche - ausgenommen solche untypischen Exemplare wie der passionierte Freudianer Thomas Mann - glaubte auch ohne die Bannflüche des Joseph Goebbels zu erkennen, daß nichts außer entarteter Kunst und Bolschewismus der germanischen Gesittung so zuwiderläuft wie die Psychoanalyse.
Selbst der keineswegs als Freud-Freund verdächtige Professor Kurt Kolle, Direktor der Universitäts-Nervenklinik München, bekannte in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift", daß "der Versuch, Freuds Namen und die Psychoanalyse zu ächten,
nicht auf die Rassenfanatiker des Dritten Reiches beschränkt (ist). Man denke nur an den Psychiater Hoche und den Philosophen Jaspers..."
Daß aber auch die Mißbilligung der geistigen Vormünder Bundesdeutschlands eine neue Beschäftigung mit Freud "nicht hat verhindern können", erklärt der Heidelberger Professor für Psychosomatische Medizin Alexander Mitscherlich mit dem Hinweis auf die "neuerliche Neigung des deutschen Menschen zu kritisch-resignierten Selbstbetrachtungen", seit ihm aufzufallen beginne, daß die Wogen der Konjunktur eine ernüchternde Ebbe der Gefühle in ihm zurückgelassen hätten. "Es geht den Leuten hier nicht anders als den Amerikanern: Sie fragen sich, warum sie sich bei all ihrem Erfolg so wenig glücklich fühlen." Und der
Frankfurter Soziologe Max Horkheimer fügte hinzu: "Man bemüht sich um ein Verständnis der motorisierten Kultur, zu dem uns erst Freuds Lehre die Mittel liefert."
Die eigentliche Jahrhundertbedeutung des Seelenforschers und seine fortdauernde Faszination jedoch beruhen weder sosehr auf den Details seiner verwickelten Thesen noch gar auf dem bloßen Anstößigkeits-Beiwert sexualwissenschaftlicher Konterbande. Vielmehr entstammen sie der Tatsache, daß Sigmund Freud als erster "einen Schritt getan hat", wie es die "Zeit" formulierte, "der in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht mehr zurückgenommen werden kann" - sowenig wie die Entdeckung der Atomspaltung. Freud selbst hat seine nicht mehr rückgängig zu machende Tat am treffendsten gekennzeichnet. Drei heftige Stöße
- so erklärte er 1914 in einem Vortrag habe das menschliche Bewußtsein seit dem Mittelalter erlitten:
- Zuerst die kosmologische Entdeckung des Kopernikus, daß die Erde nur ein um die Sonne rotierendes Staubkorn im All und nicht der Mittelpunkt des Universums ist, wie die Menschheit seit Anbeginn "in Anerkennung ihrer eigenen Wichtigkeit geglaubt hatte".
- Sodann der biologische Schlag, der den "Stolz des Menschen unmittelbar traf": Charles Darwins Abstammungslehre degradierte den Menschen, die vermeintliche Krone der Schöpfung, zum Zuchtwahlprodukt hochentwickelter Affenrassen, zur (laut Gottfried Benn) "Deszendenzschlacke".
- Endlich der dritte Streich, die "empfindlichste Kränkung der naiven Eigenliebe": die tiefenpsychologische Forschung mit ihrer Enthüllung, daß der Mensch "noch nicht einmal Herr im eigenen Haus", Herr in der eigenen Haut sei.
Die beiden ersten Ereignisse, die durch eine Vielzahl kaum tröstlicherer Forschungsresultate ergänzt wurden, entgötterten den Kosmos und warfen den Menschen, wie die Existentialisten sagen, "auf sich selbst zurück": aus der sinnerfüllten Schoßwärme der Mythen und Märchen nämlich in die entzauberte Fremdheit des unbekannten Ichs. Je gründlicher der Mensch die Kräfte der äußeren Natur erkennen und beherrschen lernte, desto mehr wurde er sich selbst zum Problem; statt zu genesen, erkrankte er - schlimmer als an Pest und Teufelsblendwerk der Vergangenheit - am eigenen Wesen.
Außer der illusionistischen Flucht zurück ins Mittelalter blieb als konsequenter Ausweg nur die Selbsterforschung durch das einzige noch glaubwürdige Erkenntnismittel: die naturwissenschaftliche Methode. Und genau wie die Umdrehung der Gestirne und die Entstehung der Arten allein aus objektiven Naturgesetzen und ohne Zuhilfenahme eines göttlichen Willens oder magischer Einflüsse erklärt worden waren, versuchte Freud, das Funktionieren des Menschen durch die in seinem Inneren wirkenden Kräfte und "Mechanismen" zu deuten.
So wenig Glauben seine Ergebnisse im einzelnen fanden - die wissenschaftliche Analyse und Manipulation des Unbewußten, die Freud begründete, ist zum neuen Orakel des Menschen ohne Gott geworden und der Psychologe in tausendfältiger Vermummung zum Medizinmann im Zivilisationsdschungel. Denn es war Freuds Lehre von der Allmacht des Unbewußten, an der sich die moderne Manie entzündete, jede Frage psychologisch zu beantworten, jede Schwierigkeit - von der Absatzkrise bis zur Ehezerrüttung - durch psychologische Beeinflussung zu bewältigen.
Und durch den Mißbrauch Freudscher Konzepte wurde eine Entwicklung eingeleitet, die der Kulturkritiker Aldous Huxley als die "schwerste Gefahr der Gegenwart, abgesehen von der atomaren Ausrottung", bezeichnete: die "schleichende Diktatur" der "Seeleningenieure" und ihres allumfassenden Systems seelischer Durchleuchtung und Fernsteuerung. Ihr sind in den Industriestaaten täglich Millionen Bürger ausgesetzt
- etwa wenn sie unter dem Ansporn ausgeklügelter
Arbeitsanreiz-Tricks robotieren, wenn sie beklommen vor den Tintenklecksen des Rorschach-Tests sitzen, die ihre verborgenen Komplexe bloßlegen und über ihr berufliches Fortkommen entscheiden sollen.
Sie kaufen die Produkte von Industrien und wählen die Kandidaten von Parteien, deren Werbung und Propaganda statt an den Verstand an das Unbewußte appellieren. Sie erziehen ihre Kinder nach psychologischen Schwarten, und sollten die Produkte dieser Erziehung in die Irre gehen, werden sie - zumindest in der angelsächsischen Welt - einer Justiz zugeführt, die sich für den Schaden im Unbewußten des Angeklagten fast mehr interessiert als für den Schaden, den er angerichtet hat. Selbst der Schutz der freien Welt scheint kaum gewährleistet ohne die Wehrkraft -Suggestion von Franz-Josef Straußens "psychologischer Verteidigung".
Resümierte "Life"-Magazin: "Es ist dies das Zeitalter der Psychologie ebenso wie das Zeitalter der Atombombe." Und was das bedeutet, brachte der Schweizer Psychologe Charles Baudoin (kein Freudianer) auf einen Satz, der die Auswirkungen von Freuds "drittem Schritt" und das Dilemma seiner Nachwelt zusammenfaßt: "Der moderne Mensch kann ohne Freud zu keinem Selbstverständnis mehr gelangen" - folglich komme er nicht umhin, zunächst einmal Freud zu verstehen.
Jahrzehntelang scheiterte auch der unvoreingenommene Versuch, das "verschleierte Bild zu Wien" (so Ludwig Marcuse) kennenzulernen, an dem Umstand, daß Freud zwar in herber Offenheit sein eigenes Unbewußtes und seine intimsten Träume analysiert hat ("Ich bin ein guter Träumer"), zugleich aber sein persönliches Leben streng geheimhielt. Schon mit 28 Jahren verbrannte er seine Tagebücher, weil er es liebte (wie er selbst gestand), das "Rumpelstilzchen" zu spielen. Er schrieb, er freue sich schon bei dem Gedanken, wie sich einmal seine Biographen um die rechte Konzeption des Helden streiten würden.
Inzwischen jedoch haben sich das dokumentarische Material und die interpretierenden Veröffentlichungen über Freud gehäuft, vom ersten biographischen Versuch des abtrünnigen Schülers Fritz Wittels über Stefan Zweigs populäre Darstellungen bis zu dem Freud-Briefwechsel "Aus den Anfängen der Psychoanalyse", dessen Veröffentlichung Freud zu seinen Lebzeiten verbot. Biograph Jones endlich vermochte sich bei den Hinterbliebenen Freuds Einblick auch in die Fülle der noch unveröffentlichten Dokumente zu verschaffen, darunter die 900 Liebesbriefe des jungen Doktors an seine spätere Frau.
Die Konzeptionen des Helden differieren allerdings noch immer beträchtlich. Sie schwanken zwischen dem diabolischen Freud, der das arische Ethos unterminieren wollte, und der etwas britisch-dürren Jones-Version vom kreuzbraven Nervenarzt, dem seine Funde wider die Natur gingen.
Mit Bestimmtheit falsch ist jedenfalls die Auffassung des Hollywood-Regisseurs John Huston, der Freuds Leben als Technicolor -Sextrakt auf die Breitwand zu bringen gedenkt, in der Hoffnung (wie Londons "Daily Mail" schrieb), daß die couchnahe Abschilderung von Freuds Therapie vergleichsweise "die schwülste Hollywood-Saga so unschuldig
erscheinen läßt wie ein Theaterstück im Versammlungssaal des Ortspfarrers".
Freuds Leben weist keine Spuren von erotischen Abenteuern, von Regelwidrigkeit oder Skandalen auf, die der von Freuds Sexualtheorien schockierte Zeitgenosse meint erwarten zu können. Noch 1956 glaubte Ludwig Marcuse in seinem Freud -Essay darauf hinweisen zu müssen, daß aus den 79 Jahren, die der "schwerblütige, monoman-monogame, pedantische, verschlossene, eigensinnig-gradlinige, fast preußisch anmutende Österreicher" in Wien verbrachte, "nichts zu berichten ist von Wiener Mädeln, Caféhausqualm, Walzern und glänzenden Abenden in der Oper".
Ebensowenig Außergewöhnliches ist aus seiner Jugend bekannt. Sigmund Freud kam 1856 im mährischen Städtchen Freiberg zur Welt, Sohn des Wollhändlers Jakob Freud, eines hageren, wortkargen, sorgenzermürbten Juden. Der "goldene Sigi" war das Lieblingskind der jungen Mutter; sie wußte, er würde "ein großer Mann" werden: Eine Frau hatte es ihr prophezeit.
Amalie Freud liebte ihren "kleinen Mohr" abgöttisch, und dankbar vermerkte der Dr.
Freud fünf Jahrzehnte später (mit einem Hinweis auf den gleichfalls von besonderer Mutterliebe umhegten Goethe): "Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes Eroberergefühl, jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht."
Es waren jedoch die weniger harmonischen Kindheitsimpressionen, die - im psychoanalytischen Rückblick betrachtet - seine Entwicklung beeinflußten. Sigmunds streng-gütiger, doch von kommerziellem Pech verfolgter Vater war - zum zweitenmal verheiratet - zwanzig Jahre älter als die Mutter, und ein Sohn aus erster Ehe hatte ihn bereits zum Großvater gemacht: Mithin kam Sigmund als Onkel zur Welt. Da seine Halbbrüder ungefähr so alt wie seine Mutter waren und gleich nebenan wohnten, erregten die verwickelten Familienbande frühzeitig den Wissensdrang des Knaben (einmal warf ihn der Vater aus dem elterlichen Schlafzimmer hinaus). Sie lenkten ihn, Biograph Jones zufolge, "auf die Geheimnisse menschlicher Beziehungen".
Verwirrender noch waren die Geheimnisse menschlicher Absurdität, auf die der Sohn eines freidenkenden Juden im k.u.k. -Milieu stieß. Von den Tschechen wurden die jüdischen Außenseiter diskriminiert, weil sie deutsch sprachen, von den Deutsch -Österreichern wegen ihrer Rasse und von allen aus katholischen Motiven. Die tschechische Kinderfrau der Familie, noch lange der Alp seiner Träume, traktierte den kleinen Sigi mit Geschichten von Himmel und Hölle, lehrte ihn christlich beten und schleppte ihn in die Kirche, deren Glocken der Familie Freud "feindlich" im Ohr klangen. Der infantile Glaubenskonflikt hinterließ lebenslängliche Skepsis gegen jede Religion und - wie Freud später schrieb - die "Entschlossenheit, nur sich selbst zu trauen und sich der Versuchung zu widersetzen, anderen eher zu glauben als sich selbst".
Vier Jahre alt war der Knabe, als sich sein Vater durch den Rückgang der Geschäfte gezwungen sah, mit seiner Familie Freiberg zu verlassen und erst in Leipzig, dann in Wien ein besseres Auskommen zu suchen. Auf dem Wiener Sperl-Gymnasium zeichnete sich Sigmund durch eine fast schon verdächtige Musterknabenhaftigkeit und Lernbegierde aus, durch die er zum Klassenprimus avancierte - eine Stellung, die er sechs Jahre hindurch behauptete. Eben 17jährig, maturierte er "summa cum laude". Ein besonderes Lob erhielt er für seine Arbeit in "Griechisch", eine Übersetzung von 23 Versen aus dem Ödipus -Drama von Sophokles. "Ich spürte das überwältigende Bedürfnis", schrieb Freud später, "einiges von den Rätseln der Welt zu begreifen und vielleicht sogar etwas zu ihrer Lösung beizutragen."
Der Abiturient Freud entschied sich für das Studium der Medizin an der Wiener Universität. Er kam gerade zurecht, um mitzuerleben, wie die Wissenschaftsrevolutionäre des 19. Jahrhunderts auch für die Erforschung der Mensch-Natur das neue, materialistisch-physikalische Evangelium verkündeten: "Es gibt im lebenden Organismus keine anderen Kräfte als die üblichen physikalischen und chemischen Vorgänge" - der Mensch sei eine biologische Maschine, meßbar mit "physikalisch-mathematischen Methoden".
Die umstürzlerische Botschaft kam aus Berlin, aus der Schule des Physiologen
Hermann Helmholtz. Sie wurde in Wien von dem Helmholtz-Partner Ernst Brücke propagiert. Augenblicklich begeistert ("Er ist eines meiner Idole"), meldete sich Student Freud in Brückes Physiologischem Institut und schwang sich auf die akademischen Barrikaden. Er lieferte den idealistischen
Altgardisten als "zeitweilig radikaler Materialist" (Jones) lange Wortgefechte, die an einem Punkt in ein Satisfaktionsduell auszuarten drohten.
Unter der preußischen Disziplin und den "schrecklichen blauen Augen" Brückes spähte Freud durchs Mikroskop in die Nervenbahnen von Urfischen, Krabben und Menschen, um mittels vergleichender Anatomie den Ursprung des "psychischen Apparats" aus dem grauen Brei der Ganglien herauszupräparieren. Denn nach der Theorie war die unsterbliche Seele zum
bloßen "Bewußtsein" reduziert, das als
Funktion der Großhirnrinde galt. Ganz im gleichen Sinne befaßten sich die Psychologen jener Tage ausschließlich mit diesem Bewußtsein, dessen Regungen sie einfältig als "Wahrnehmung", "Empfindung" und "Gedächtnis" klassifizierten, in der professoralen Gewißheit, daß es außerhalb des Bewußten und "Bewußtseinsfähigen . . . nichts gibt" (Psychologe Wilhelm Wundt):
"Die Seele ist das, was wir in uns selbst erleben", dozierte Wundt, der an deutschen Universitäten noch heute als antifreudianischer Schutzpatron der Schulpsychologie verehrt wird - und der junge Freud stimmte zu. Denn damals teilte er noch als "hochgemuter Hirn-Anatom" die rationalistische Arroganz seiner Epoche.
Doch bald stolperte er in dieser Zeit "chemischer Panscherei und histologischer Guckerei" (Freud) wie verhext über Phänomene und Widersprüche, die sich mit dem neuen Wissenschaftsdogma nicht erklären ließen. Es schien - so wenigstens sah es der Freud-Schüler Fritz Wittels -, als hätten sich die von den Psychologen geleugneten Seelenkräfte verschworen, den wackeren Knecht der Aufklärung, Sigmund Freud, Schritt für Schritt vom rechten Pfade fort ins dunkel-seelische Schattenreich zu führen.
Ein hirn-anatomisch schwer definierbarer Affekt, die Liebe, entflammte den 26jährigen Freud, nachdem er seine Trieb-Energie (wie Biograph Jones attestierte) jahrelang durch "ausgedehnte Verdrängungen und Sublimierungen auf geistige Ziele" abgelenkt hatte. Die Liebe galt der dunkeläugigen Martha Bernays aus dem fernen Hamburg-Wandsbek (ihre Familie war mit Heinrich Heine verwandt und mit Karl Marx bekannt), mit der er sich 1882 verlobte.
Freud machte der Angebeteten so züchtig den Hof wie nur irgendein Biedermann in einer Zeit, in der es ein Wagnis war, auch nur von den Extremitäten zu sprechen. Errötend schrieb er an Martha: "Erinnerst Du Dich, wie Du bei unserem Spaziergang immer zur Seite tratest, um Deine Strümpfe hochzuziehen? Es ist kühn von mir, das zu erwähnen... Und keine seiner späteren Entdeckungen vermochte die "puritanische" Überzeugung des "strikt monogamen" Freud zu erschüttern, daß die Erotik für ihn persönlich fest ins verdunkelte Ehegemach verschlossen gehöre.
Zugleich aber offenbarte sich in den Briefen, die er während der vierjährigen Verlobungszeit an die ferne Geliebte schrieb, ein mit dichterischem Schwung formulierenden, von ungebärdigen Emotionen durchwühlter Mann, schwankend zwischen lyrischem Jubel, zwischen Groll ("Wenn ich die Macht hätte, die Welt zu vernichten ... ich täte es ohne Zaudern") und Gram ("Ich
war so elend, als wäre mein Leben zerstört").
Er machte seinem Mißmut an den "Übelständen der Gesellschaft" Luft. Über das zivilisierte Leben schrieb er in Vorwegnahme seiner späteren Kulturtheorie: "Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen ... Der Katzenjammer bereitet uns mehr Unlust als uns die Trunkenheit Lust bereitet." Die Universitätsdekane verglich er mit Heinrich Heines Professor, der "die Lücken des Weltenbaus ... mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen" stopft. Und über ein Manöver der k. u. k. Armee, an dem er als Oberarzt der Reserve teilnahm, spottete er: ".. Die Munition war blind, genau wie die Fuhrung."
Finanznot und Heiratswünsche zwangen Freud, der 1884 promovierte und 1885 zum Privatdozenten aufrückte, die theoretische Forschung an der Universität aufzugeben. Er wurde "Sekundar-Arzt" in der Nervenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses Wien. Dort wurde er - noch ohne es zu ahnen - mit dem Unbewußten in Gestalt der sinnverwirrenden Hysterie konfrontiert.
Als Gemütskrankheit ohne erkennbare Ursache wurde die Hysterie von der ratlosen Eisenbart-Medizin damals (wie schon seit Jahrhunderten) als simuliertes, ausschließlich feminines Leiden verwünscht, als Weiberlaune, die das Interesse seriöser Ärzte nicht verdiene. Freud sah, wie hysterische Frauen mit Kaltwasserschocks malträtiert wurden - und er bemerkte, daß die Patienten sich bei ihren Anfällen anders bewegten, als es die physiologisch orientierte Nervenkunde erklären konnte.
Seltsamer noch berührte ihn der "Fall Anna O.", eine klassische Hysterie, über die ihn ein älterer Kollege, der Physiologe Josef Breuer, ins Vertrauen zog. "Anna O." (Klarname: Bertha Pappenheim) war eine ebenso intelligente wie reizvolle junge Dame, die seit dem Tod ihres Vaters, wie Breuer erläuterte, ein ganzes "Museum von Symptomen" entwickelt hatte. Kurzzeitliche Lähmungen und Schwangerschaftshalluzinationen, schwere Seh- und Sprechstörungen befielen sie, zuweilen vergaß sie ihre Muttersprache und parlierte nur noch englisch. Am verwunderlichsten aber war, daß die Störungen wie durch Zauberei verschwanden, wann immer sich die Patientin die Umstände in Erinnerung rief, unter denen die betreffenden Symptome zum erstenmal aufgetreten waren - ein noch unverstandener Fingerzeig für die psychoanalytische Redekur.
"Rauchfangkehren" sagte die Patientin selbst zu dieser Form der Geisterbeschwörung. "Abreagieren'", nannte es Breuer. Was es bedeutete, wußte niemand. Doch Sigmund Freud begann seine lange, einsame Jagd nach dem unsichtbaren Täter.
Erste Station war die "Salpetriére", die Universitäts-Nervenklinik von Paris. Auf fünf Monate reiste der mit einem Auslandsstipendium ausgestattete Freud dorthin, um bei Jean Martin Charcot zu hören, einem renommierten Neurologen, der die Hysterie nicht nur ernst nahm, sondern die medizinischen Autoritäten doppelt brüskierte, weil er dem Simulantenleiden mit einer ",Scharlatan"-Methode, der Hypnose, beizukommen suchte. Charcot demonstrierte, daß hysterische Attacken von "bloßen Vorstellungen" ausgelöst werden können. Ursache der Hysterie, vermutete der französische Neurologe, sei ein schreckhaftes Erlebnis ("Trauma"), das dem Bewußtsein des Kranken längst entschwunden sei, auf das sein "Gegenwille" jedoch weiterhin hartnäckig reagiere, sobald die verschüttete Erinnerung geweckt werde.
Sigmund Freud war "fasziniert" von Charcots Séancen - und irritiert von einem Hinweis des Franzosen, in der Entstehung der Hysterie scheine die Sexualität eine nicht geringe Rolle zu spielen: Er "maß dem keine Bedeutung bei". Um so mehr nahm er sich den Rat Charcots zu Herzen, "dieselben
Dinge so oft von neuem anzuschauen,
bis sie von selbst begannen, etwas auszusagen".
Dazu bot sich reichlich Gelegenheit, nachdem Freud, in Wien zurück, endlich geheiratet und als Nervenarzt eine Praxis eröffnet hatte, um seine sich rasch vergrößernde Familie (drei Knaben, drei Mädchen) zu ernähren. Der Sachverhalt, den er anzustarren hatte - das war des Bürgerdaseins ganzer Jammer, die "allgemeine Gefühlsmisere" hinter den Plüschportieren der Franz-Joseph-Metropole, die Seelenkloake des weißen Mannes auf der Höhe seines Ansehens, die seine meist wohlhabenden Patienten acht Stunden am Tag vor ihm auftaten.
Fast alle seine Besucher waren von "Ängsten" und "Zwangsvorstellungen" geplagt, von "Knieschlottern, Schüttelkrämpfen, Angst vor Kindern, Alpträumen, herabgesetztem Selbstbewußtsein, pessimistischer Erwartung, Neigung zu peinlichen Kontrastvorstellungen". Und stets schienen - zu Freuds Verblüffung - "Störungen der Sexualfunktion" damit zu tun zu haben. Viele Patienten kamen "von selbst aufs Sexuelle", und nachdem er das Thema daraufhin bei anderen versuchsweise angetippt hatte, notierte er: "... die sexuelle Geschichte zieht Leute an, die sämtlich frappiert und überzeugt von dannen gehen, nachdem sie ausgerufen haben, 'danach hat mich noch niemand gefragt'."
Befremdet, "angewidert" und gebannt zugleich wie ein Urwaldforscher, der einen besonders bizarren Pygmäen-Stamm entdeckt, begann Freud die intimen Riten seiner Kranken zu studieren, beständig erpicht auf ",neues Material", "ungewöhnliche Fälle", beglückt von "schönen Organhypochondrien" und "sehr neugierig auf ein 19jähriges Mädchen mit fast reinen Zwangsvorstellungen". Er bat die Patienten, sich zur Entspannung und Ermunterung
der Redseligkeit auf eine Couch zu strecken und setzte sich selbst neben das Kopfende. Das heikle, hemmende Vis-à-vis war beseitigt. Zwischen dem Arzt und seinen Fällen lag moralfrei die Distanz naturwissenschaftlicher Objektivität: Für den Arzt wie für den Patienten durfte eine strafbare Perversion nicht anstößiger sein als das Liebesleben der Blattläuse.
Es gab weder Vorwurf noch Bußpflicht am Beichtlager Freuds. Er sprach im Caféhaus-Plauderton, übte Geduld, humorige Nachsicht und erwies den Patienten respektvolle Hilfsbereitschaft. Dennoch wurden Menschen nie zuvor - nicht durch Priester, Richter oder Dichter - einer erschöpfenderen Inquisition unterzogen als auf dem persisch gemusterten Diwan in der Wiener Berggasse 19.
Freud fahndete nach dem "Trauma" der Hysteriker und Neurotiker, mußte aber feststellen, daß alle seine Patienten zwar auf Heilung hofften, dem Verhör jedoch mit Widerstand, Ausflüchten, Erinnerungsfehlern
und offenkundiger Unaufrichtigkeit begegneten. Nicht selten ergriffen sie die Flucht, just wenn Freud die Wurzel des Übels schon entdeckt zu haben glaubte. Die Neurotiker, obwohl Opfer eines Leidens, benahmen sich, als hätten sie ein Verbrechen zu verbergen.
Die Neurosen-Ursache war offensichtlich nicht vergessen (wie Charcot geglaubt hatte), sie wurde vielmehr aktiv und fortgesetzt aus dem Bewußtsein verdrängt. Das kuriose Betragen der Neurotiker (etwa krankhafter Waschzwang oder die Furcht, über die Straße zu gehen) schien eine dauernde unwillkürliche Abwehr gegen den unbewußten Graus zu sein. Und es war Freuds schwerstes Problem ("Die Plage ist übermenschlich", schrieb er), ein Phantom zur Strecke zu bringen, das sich seinem Wesen nach dem Wissen von Patient und Arzt entzog.
Es gab nur Indizien: scheinbar unmotivierte Einfälle und Erinnerungsfetzen der Kranken - und ihre Träume. Freud, der aufgeklärte Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, wiederentdeckte den Traum als Hellsehschirm, auf dem sich der innere Konflikt in flackernden Symbolen und verstümmelten Chiffren abzeichnete. In ständiger
Verfeinerung seiner Detektivmethoden ermunterte er - "einer dunklen Ahnung folgend", wie er gestand - die Patienten, Traumfragmente in freier Gedankenverbindung ("Assoziation") aus dem Wachgedächtnis zu ergänzen. Freud fügte die Bruchstücke in ingeniöser Kombinationskunst zu einem Mosaik, dessen Bedeutung allerdings vorerst noch unfaßlich erschien.
Der Tatort, zu dem die Spur der Träume und Assoziationen stets zurückführte, war die Kinderstube, und das Delikt, das sie barg, schien ein "frühsexuelles Erlebnis" zu sein. So wie es die Neurotiker in der Analyse darstellten, waren sie alle im zartesten Alter von ihren eigenen Eltern mißbraucht worden - Grund genug, hysterische Zustände zu bekommen. Jedoch die Überprüfung der "ermittelbaren Umstände" erbrachte ein Resultat, das, wissenschaftlich gesehen, noch bestürzender war als Blutschande in Bürgerhäusern: Die Traumata erwiesen sich als pure Phantasie. Die
unter Qualen preisgegebenen Schreckenserlebnisse waren in Wirklichkeit nie passiert.
Freud fühlte sich, so schrieb er, in "hilflose Verwirrung" gestürzt, verlor "die Realität unter den Füßen", war nahe daran, "die ganze Sache aufzugeben". Wie konnte, fragte er sich, ein Mensch unter Ängsten und Selbstvorwürfen leiden, ohne etwas erlitten oder verbrochen zu haben? Wie konnte eine Krankheit, wenn schon ohne organische, auch noch ohne reale Ursache entstehen? Wie ging es an, etwas aus dem Bewußtsein zu verdrängen, das niemals bewußt wahrgenommen worden war?
Der Wiener Nervenarzt hatte die Endstation seiner "Höllenfahrt" erreicht. Er hatte nach dem Verbleib bloßer "Bewußtseinsabspaltungen" geforscht - und war ans "Ufer des Acheron", des Flusses der Unterwelt geraten, sah sich einem "gewaltigen unbewußten Seelenprozeß" konfrontiert, einer neuen, eigengesetzlichen "Realität hinter der Realität... Hier gibt es kein Zeitempfinden, keinen Unterschied zwischen Wünschen und Wirklichkeit ... Ein Reich der Unlogik".
Aber er zögerte nicht, das finstere Reich der Unlogik auszumessen. In einer einzigartigen
Mischung von "Sehergabe und mechanisierender Beschreibung" (schrieb Freud-Schüler Fritz Wittels) entwarf Freud, Abend für Abend in seiner Studierstube hockend, Skizzen der Psyche. Sie ähnelten einem Atommodell ebenso wie den magischen Kreisen des Nostradamus. "Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll", zitierte er den alten Faust, "daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll."
Er horchte die Literatur von Sophokles über Shakespeare bis zu Nordpolfahrer Nansens Memoiren auf ihren "dunklen Rhythmus" ab ("Nansens Träume kann ich brauchen"). Er studierte die Schilderungen des Hexenwahns und erkannte, daß die mittelalterliche "Theorie von der Besessenheit identisch (ist) mit unserer Spaltung des Bewußtseins ... Warum sind die Geständnisse auf der Folter so ähnlich den Mitteilungen meiner Patienten ... ?"
Blitzhafte Einsichten, "Einfälle... die ich selbst noch nicht recht begreife", wechselten mit Perioden "geistiger Lähmung... Ich
habe keine Hoffnung, das Unbewußte zu bändigen". Der Verzweiflung nahe, schrieb er die Worte hin, mit denen einst der griechische Weise Cheilon den einzigen Weg zur Wahrheit gewiesen hatte: "Erkenne dich selbst!"
"In heroischem Entschluß" (Jones) machte Freud schließlich seine eigene Seele zum Versuchsobjekt - und erkannte in seinen eigenen Träumen und Erinnerungen den Schattenriß des tragischen Helden Ödipus aus der griechischen Sage, der unwissentlich-unbewußt seinen Vater erschlug und seine Mutter Iokaste zur Frau nahm. Freuds Selbstanalyse brachte zum Vorschein, daß er als Knabe "Libido gegen matrem" (er meinte "Verlangen nach der Mutter", aber er wagte nicht, es deutsch zu schreiben) empfunden hatte, als er sie "nudam" (nackt) sah. Zugleich hatte er sich von seinem Vater bedroht gefühlt - was Freud in nüchterner Analyse auf die Furcht zurückführte, für die verbotenen Wünsche vom Vater gezüchtigt zu werden.
Für den Arzt Freud war es eine schockierende Entdeckung: Seine eigenen Kindheitsphantasien stimmten mit den Träumen seiner Patienten überein. Damit blieb nur noch ein geringer Unterschied zwischen
gesund und krank. Er, der Gesunde, hatte wie die meisten Menschen die einfachsten Impulse überwunden, die Neurotiker dagegen litten noch unter ihnen.
Mit dem "Ödipus-Komplex" als Grundmotiv nun entwickelte Freud in einer Reihe von Büchern und Essays, beginnend mit seinem Schlüsselwerk "Traumdeutung" (1900), sein vielverzweigtes Expose des Unbewußten, sein Modell der Menschenseele.
Die Psyche, verkündete er, ist einem Eisberg vergleichbar: zu einem kleinen Teil sichtbar im logischen Prozeß des Bewußtseins, doch angetrieben von unterschwelligen Strömungen. Ihre brodelnde Quelle, von Freud nüchtern "Es" genannt, ist der Ausdruck primitiver Instinkte; die Instinkte produzieren "Libido", eine Seelenenergie, die nur ein Ziel kennt: Lustgewinn und Unlustvermeidung. Die höchste, körperlich und seelisch intensivste Lustbefriedigung gewährt die Sexualität, und alles Luststreben aus dem "Es" drängt zum sexuellen oder sexuell gearteten Genuß - blindlings, hemmungslos, mit selbstmörderischem Ungestüm.
Bei der Geburt, postulierte Freud, ist das Menschenkind nichts als ein Bündel "Es", ausschließlich beherrscht vom irrationalen "Lustprinzip". Seine Libido konzentriert sich zunächst auf den Mund - in einem Maße, das weit über die Stillung des Hungers hinausgeht: Das Baby nuckelt am Daumen, auch wenn es satt ist, allein weil es ihm Spaß macht. Im Gang der Entwicklung bis zur Geschlechtsreife wandert, wie Freud es ausdrückte, die Libido über den ganzen Körper, macht aus den von ihr "besetzten" Organen und Körperpartien lusterzeugende ("erogene") Zonen.
Die Wandlungen der Libido jedoch sind kein
friedliches Gedeihen, sondern ein Drama mit ungewissem Ausgang. Beim ersten Blick ins Licht der Welt bereits kollidiert das nach endloser Befriedigung hungernde "Es" schmerzlich mit der Drangsal des Daseins. Auf jeder Entwicklungsstufe trifft die naive Lustsuche auf Versagungen, Verbote und Strafen. Der Kampf zwischen innerem "Lustprinzip" und dem "Realitätsprinzip" der übermächtigen Umwelt ist ausgebrochen und endet bis zum Tod nicht mehr. Es ist dieser Konflikt, der den Menschen eigentlich erst zwingt, sich eine Psyche zu schaffen. Er erst erzeugt das Seelenleben.
Einen Zerreißpunkt erreicht der infantile Triebkonflikt in der "ödipalen Phase" (nach dem zweiten Lebensjahr). Der wilde Widerstreit zwischen dem Verlangen nach der Mutter und dem eifersüchtigen Haß auf den Vater verursacht dem Knaben Furcht und Schuldgefühle (Mädchen erleben ein ähnliches Schicksal mit umgekehrtem Vorzeichen), die er nur durch eine Art innerer Kapitulation zu überwinden vermag. Er opfert seine unerfüllbaren Wünsche; anerkennt die väterliche Autorität und "identifiziert" sich mit ihr - gegen sein eigenes "Es".
So haben - nach Freud - die Ödipus -Pressionen den moralfreien Wonnebalg zu einem Wesen mit Selbstbeherrschung und schlechtem Gewissen geformt: Er ist Mensch geworden; er hat sich einen "psychischen Apparat" entwickelt - bestehend aus "Es", "Ich" und "Über-Ich" -, mit dessen Hilfe er seine Triebe zu bändigen versucht.
Sein "Ich" ist freilich nur eine bewußte "Rindenschicht", die sich aus dem "Es" gebildet hat. Das "Ich" nimmt die Umwelt wahr, sucht die Selbsterhaltung zu sichern und Wege zum Glück auszukundschaften, die sich mit der Moral vereinbaren lassen. Über dem "Ich" nämlich thront im Freudschen Seelenmodell das "Über-Ich": die
unerbittliche Gerichtsinstanz der Seele. Sie entscheidet darüber, ob das "Ich" dem "Es" einen Wunsch erfüllen darf oder verweigern muß.
Das "Über-Ich" repräsentiert den Kodex der Verzicht- und Pflichtforderungen, der religiös-sittlichen und sozialen Gebote, die dem Individuum vom Sauberkeitstraining an pausenlos durch Eltern, Lehrer, nationale Tradition und gesellschaftliche Wirklichkeit eingepflanzt worden sind - Nächstenliebe ebenso wie die Achtung vor dem Privateigentum.
Genau wie das "Es" aber wirkt das unpersönliche "Über-Ich" zum entscheidenden Teil unbewußt. Was vom bewußten "Ich" stolz als "persönliches Gewissen" empfunden wird, ist nur ein durch individuelle Erfahrungen abgewandelter und vom holden Schein der Willensfreiheit verklärter "Über-Ich"-Fortsatz. "Der Mensch", sagte Freud, "ist zugleich unmoralischer und moralischer, als er glaubt."
Vor dem bleichen Hintergrund allgemeiner Lebensangst nun geht das dynamische Wechselspiel der drei "psychischen Instanzen" in Szene. Grundregel: "Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig die Anforderung des Es, des Über -Ichs und der Realität erfüllt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß." Das ist der Idealfall, der niemals eintritt. Lediglich mit Hilfe ausgleichender "Mechanismen", die den Konflikt mit dem Trieb ablenken, hemmen oder auch nur tarnen, vermag sich die Psyche auf schmalem Grat in Balance zu halten.
Ein typischer Mechanismus ist die "Projektion" - ein Vorgang, der in der Volksweisheit etwa als die "Suche nach dem Sündenbock" bezeichnet wird. Durch die "Projektion" wird beispielsweise ein unstatthafter Eigen-Impuls verleugnet und anderen Menschen vorgeworfen (wie es beispielsweise ein Mann tut, der auf den Tisch haut und seine verschüchterte Frau anbrüllt: "Wer ist hier aufgeregt? Du bist aufgeregt, nicht ich!").
Ein anderer "Mechanismus" zur Bewältigung innerer Konflikte ist, nach Freud, die "Reaktionsbildung", die beispielsweise einen inneren Haßaffekt durch verkrampfte Liebenswürdigkeit zu neutralisieren sucht (zu beobachten bei zwanghaften Wohltätern und überbesorgten Müttern, die ihre Kinder in Wahrheit unbewußt ablehnen).
Ein weiterer "Mechanismus": die "Rationalisierung". Unter diesem Begriff versteht Freud das Bestreben, einen Triebwunsch durch herbeigeholte Vernunftgründe zu rechtfertigen - wie es etwa ein Mann macht, der seine Vorliebe für Brigitte -Bardot-Filme mit seinem Interesse an französischer Filmkunst zu motivieren sucht.
Die wichtigste und geheimnisvollste Rolle im Seelenleben aber spielt die "Sublimierung", eine der provozierendsten Begriffsbildungen der Psychoanalyse. Sigmund Freud verstand darunter, daß der Trieb zu einem großen Teil von seinem eigentlichen Sexualziel abgelenkt und in verfeinerter, veredelter Form auf ein nicht erotisches Objekt, auf ein nicht-erotisches Bestreben umgeleitet wird. Libido verwandelt sich durch Sublimierung in ethische, scheinbar übersinnliche Liebe, in familiäre Zärtlichkeit, in Liebe zu Wissenschaft und Kunst: "Die methodische Aufopferung der Libido", formulierte der Philosoph Herbert Marcuse, "ihre strikt erzwungene Ablenkung auf sozial nutzbringende Tätigkeiten und Ausdrucksformen ist Kultur."
Im Reich der künstlerischen Phantasie oder in der Berufsarbeit - so lehrte Freud - suche der Mensch eine vergeistigte Erfüllung
seines ungestillten Glücksverlangens. Freilich verschaffe solch edles Tun nur eine "Ersatzbefriedigung", die im Vergleich zum vollen Sinnengenuß sehr verdünnt und "ermäßigt" ist. Trotzdem schätzt die Mehrheit der Menschen die sogenannte Ersatzbefriedigung höher als die grobe Lust; denn das sublimierte Glück ist sicherer und beständiger, nicht von Verboten und Versagungen bedroht, sondern im Gegenteil mit Ruhm und Gewinn bedacht.
Indes, auch beim normalen Menschen stecken alle diese Mechanismen voller Fehlerquellen. Geringfügige Versager im psychischen Apparat führen zu "Fehlleistungen", die man heute nach ihrem Entdecker als "Freudsche Fehlleistungen" bezeichnet. Bei peinlichen Versprechern ("... lassen Sie uns nun auf unseren hochverehrten Herrn Präsidenten aufstoßen"), beim Vergessen oder Verlieren unangenehmer Dinge und bei unvermittelter Tolpatschigkeit durchbricht ein Affekt die innere Abwehr und verrät die wahren Absichten des "Es".
Aber auch die freiwillig heiteren Aspekte des Lebens deutete Freud trefflich aus dem Unbewußten. Witz und Ironie, erklärte er, seien eine Art beabsichtigter Fehlleistungen, und gelacht werde aus Freude über das Geschick, mit dem die Tabus des humorlosen "Über-Ich" zugleich verletzt, überspielt und entwaffnet werden.
Ein geistreiches Apercu bereite Vergnügen, weil es die überraschende Scheinlösung eines Problems biete und "uns somit der Mühe enthebt, unlustvoll über die komplizierte Realität nachdenken zu müssen".
Wenn jedoch das Ich seine inneren Konflikte weder durch Humor noch durch schöpferische Arbeit oder andere konventionelle Übungen (zu denen Freud auch die Religion rechnete) auszugleichen vermag, entsteht eine Neurose. Die "Ich-Organisation" beginnt sich aufzulösen, der Kontakt zur Umwelt wird gestört, Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen ineinander, und gewöhnliche Projektionen etwa arten in Verfolgungswahn aus.
Die tiefste Ursache jeder Neurose sah Freud in unbewältigten Krisen der kindlichen Libido-Entwicklung. Das Unbewußte des Kranken ist auf infantile Formen der Lustsuche "fixiert". So äußert sich beispielsweise eine "Fixierung" ans Säuglingsstadium in einer Vielfalt von Symptomen - von Freßsucht bis zu hektischem Geborgenheits- und Liebesbedürfnis. Ein Ödipus -Komplex verzerrt das Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu romantischem Wahn oder panischer Frigidität.
Bei der psychoanalytischen Behandlung endlich springt der Arzt dem belagerten "Ich" des Patienten bei. Er hilft ihm, die unbewußten Konflikte ins Bewußtsein zu heben und dadurch die Balance zwischen "Es" und "Über-Ich" zurückzugewinnen. Diesen Prozeß betrachtete Freud als eine Art "Nacherziehung" der Gefühle, doch über die Heilungsaussichten war er skeptisch von Anfang an. Das Beste, was man erreichen könne, sei, so schrieb er, "das hysterische Elend (der Neurotiker) auf das allgemeine Unglück zurückzuschrauben". Denn: "Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten."
Das war die Essenz der Botschaft, die der Hiob aus dem IX. Wiener Bezirk seinen fortschrittsfrohen Zeitgenossen verkündete. Freilich, schon 38 Jahre vor Freuds Geburt hatte Arthur Schopenhauer die Welt als "Wille und Vorstellung" gedeutet, und den Willen als "blinden Trieb ohne Vernunft und Erkenntnis". Er schon nannte "die Geschlechtsbeziehungen ... das unsichtbare Zentrum aller Betätigung" und bezeichnete den Menschen als "personifizierten Geschlechtstrieb". Tatsächlich trat Freud, als er Schopenhauer später las, den Prioritätsanspruch auf die Entdeckurig des Unbewußten in listiger Bescheidenheit
an den weiberfeindlichen (und mit einem hochgradigen Ödipus-Komplex behafteten) Philosophen ab.
Auch bei Heinrich Heine, bei dem Romantiker Novalis und bei Nietzsche konnte man, wie Thomas Mann bemerkte, "erstaunliche Vorwegnahmen Freudscher Ideen" finden, und in Wagners "Liebestod" schrillte Isolde zum Entzücken befrackter Teutonen ihr "Unbewußt ... höchste Lust". Doch was die Dichter und Denker verkündet hatten, war unverbindlich und mit erbaulichen Apotheosen verbrämt. Sigmund Freuds Theorie dagegen spaltete das Fundament aller Werte, den Glauben an den autonomen Menschen, und trumpfte mit dem Aplomb objektiver Wissenschaftlichkeit auf. Das machte den Effekt.
Das auch erregte die frenetische Entrüstung, mit der das viktorianische und das wilhelminische Europa über den Herausforderer und "Schänder der Kinderstube" Freud herfielen. Deutschlands Professoren insonderheit eilten, das abendländische Erbe zu retten.
"Die deutschen Ideale stehen auf dem Spiel, und drastische Maßnahmen müssen zu ihrem Schutz ergriffen werden!" wetterte ein Professor Braatz. Felix Krueger, ein Erzvater der modernen Psychologie, donnerte von seiner Lehrkanzel in Leipzig auf Freud herab und nannte ihn "den Lustlümmel in der Wiener Berggasse". Und auf einem Mediziner-Kongreß in Hamburg 1910 unterband der Geheime Medizinalrat Weygandt eine Diskussion über die Psychoanalyse mit der Erklärung: "Freuds Theorien gehen die Wissenschaft nichts an, sie sind vielmehr eine Angelegenheit der Polizei. Seine Behandlung ist etwas wie eine Massage der Geschlechtsorgane."
Doch mit den Wirbeln der Mißbilligung wehten auch die ersten verstreuten Anerkennungen in die "splendid isolation", in der Freud in Wien lebte. Neugierige junge Wissenschaftler und intellektuelle Heißsporne pilgerten ab 1906/07 in die Berggasse und scharten sich in der "Psychoanalytischen Mittwochsgesellschaft" um den "Meister".
Alle Besucher zeigten sich gebannt von dem Mann, dem sie dort begegneten. Einer von ihnen, der Psychiater J. H. Schultz (kein Freudianer), schildert Freud als "mittelgroß, leicht gebeugt... mit den äußeren Allüren des deutschen Professors: kurzer Vollbart, Brille, scharf beobachtender und doch wieder sinnender Blick". Ganz unprofessoral aber war seine "österreichische Liebenswürdigkeit, blitzschnell spielender Scharfsinn, alles entäußert in einer formvollendeten, seherisch bilderreichen Sprechweise ... und alle diese lebendigsten Kundgaben wurden sichtlich getragen von einem glühend bewegten Gefühlsleben... Kein Fühlender konnte sich dem Eindruck entziehen, den Napoleon gegenüber Goethe formulierte - ,Voila un homme !'"
Nicht minder bewegt empfand der Psychosomatiker Viktor von Weizsäcker die "tiefschwarzen" Augen Freuds "weniger anschauend als einsaugend wie ein bodenloser Abgrund". "Seine Konversation", notierte von Weizsäcker, "glitt mühelos von ernsten und schwierigen Themen zur leichten und anmutigen Causerie hinüber... Einmal aber brach - wenn auch nur für eine Sekunde - fast bestürzend der kompromißlose Zorn seiner geistigen Mission hervor." Andere Interviewer, so der Schriftsteller Percy Eckstein, fühlten sich seltsam berührt von der "überraschenden Behendigkeit" seiner Gesten und seiner "koboldhaften" Art, zuweilen leise in sich hineinzulachen.
Das Siegel des Außerordentlichen aber ist die Tatsache, daß die Berichte auch intimer Kenner ebenso wie Freuds Selbstzeugnisse immer nur eine Vielzahl von kontrastierenden Einzelzügen seiner Persönlichkeit erfassen und überliefern. Zusammengenommen erscheinen sie so paradox wie die jüdischen Anekdoten und Witze, mit denen der Seelenforscher seine Gespräche zu würzen pflegte*.
Er haßte das muffige, ihn beengende und diskriminierende Fin-de-siécle-Wien, wie er schrieb, "mit körperlichem Abscheu". Doch er harrte 79 Jahre in der Walzerstadt aus und sagte noch kurz vor seinem Tod: "Ich habe das Gefängnis, in dem ich lebte, immer sehr geliebt."
Er behauptete sich und seine Erkenntnisse mit selbstgewissem Stolz, doch in häufigen Momenten der Depression konnte er sich in bitterem Scherz einen "schäbigen Israeliten" und "neuen Midas" nennen, dem sich alles, was er anfasse, "in Dreck auflöst... Das paßt so ganz zur Lehre vom inneren Stinken..."
Bei den Ernennungen zum Professor wurde Freud aus rassischen Gründen immer wieder übergangen. Selbst nachdem die Fakultät ihn vorgeschlagen hatte, ließ der Kultusminister das Gesuch liegen. Als einmal das Finanzamt seine Steuererklärung anzweifelte und ihn darauf hinwies, daß sein Ruhm doch auch zahlungskräftige Patienten aus dem Ausland anziehe, schrieb er mit bitterer Ironie zurück: "Ich stelle mit Vergnügen diese erste offizielle Anerkennung fest, die meinem Werk in Österreich zuteil wird." Erst als er einen seiner einstigen Lehrer und eine einflußreiche Patientin zur Vermittlung einspannte, gelang es ihm, die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor durchzusetzen.
Obgleich der Professor Freud ein Aufklärer von fanatischer Nüchternheit war, hatte er doch zeitlebens ein Faible für das Phantastische, für Zahlenmystik und okkulte Phänomene. Mehrmals sah er gefaßt einem magisch errechneten Todesdatum entgegen - und quittierte sein Fortleben über den vorbestimmten Zeitpunkt hinaus mit einem mokanten Seufzer: "Da sieht man, wie wenig man dem Übernatürlichen trauen kann!" Dennoch hielt er daran fest, daß zumindest die Telepathie einen "wahren Kern" habe.
Achselzuckend bekannte Sigmund Freud seinen "Mangel an religiöser Gläubigkeit". Aber der Mann, den er am tiefsten verehrte, war einer der größten unter den Religionsstiftern: Moses. Unwiderstehlich zog es den Nervenarzt immer wieder nach Rom zur Moses-Statue des Michelangelo in der Kirche "San Pietro in Vincoli".
Täglich pilgerte er während seiner Urlaubsvisiten in der Heiligen Stadt zu dem Standbild, und er schrieb darüber mit Worten, "die zum Persönlichsten gehören, das Freud je veröffentlicht hat" (so die Psychologin Käthe Victorius): ". . . Habe immer versucht, dem verächtlich-zürnenden Blick des Heros standzuhalten, und manchmal habe ich mich dann behutsam aus dem Halbdunkel des Innenraumes (der Kirche) geschlichen, als gehörte ich selbst zu dem Gesindel..., das keine Überzeugung festhalten kann... und jubelt, wenn es die Illusion des Götzenbildes wieder bekommen hat."
In dem einsam-standhaften Propheten des unsichtbaren Gottes hatte Sigmund Freud sein "Über-Ich" entdeckt. Diese "Identifikation" mit Moses - so meinte Biograph Jones - habe dem Seelenforscher den Rücken gestärkt gegen die Angriffe seiner Zeitgenossen und in der Auseinandersetzung mit seinen Schülern. Sie habe ihn immun gemacht gegen jene werterschütternde Wirkung der Psychoanalyse, die mindestens zwei seiner Schüler zum Selbstmord, zwei weitere in die Umnachtung trieb.
Doch auch Freud lebte keineswegs in sonniger Gelassenheit. Er nannte seine durchschnittliche Gemütsverfassung "Mittelelend",
sein Leben einmal "unglaublich inhaltslos". Täglich acht bis zehn Stunden lang behandelte er Patienten, abends schrieb und grübelte er meist bis nach Mitternacht. "Samstag abends freue ich mich auf einen großen Tarock-Exzeß*, und jeden zweiten Dienstag verbringe ich unter meinen jüdischen Brüdern" in der B'nai-B'rith-Loge** - womit sich sein Geselligkeitstrieb auch schon erschöpfte.
"Wie eingeschränkt meine Genüsse sind", schrieb schon der 41jährige Freud. "Alkohol leistet mir gar nichts, mit dem Kinderzeugen bin ich fertig... Ich vegetiere also harmlos." Sein einziges Laster, das Zigarrenrauchen (20 Stück am Tag), mußte er sich die meiste Zeit wegen einer neurasthenischen Darmverstimmung (er taufte das Leiden "armer Konrad") versagen.
Seine Familie regierte er als milder Patriarch. "Von seiner Arbeit wurde im Familienkreis nie gesprochen", berichtete sein Sohn Martin. Mit humorigem Wohlgefallen registrierte Freud die Streiche und Marotten ("Anna hat ihr Herz für die Hellenen entdeckt") des "amüsanten Gesindels". Seine Ansprechbarkeit für Weib und Kind wurde freilich durch seine Sammlerleidenschaft für Altertümer gestört: Mitunter nämlich brachte er neuerworbene Schätze mit an den Mittagstisch, stellte die Plastiken oder Relief -Fragmente vor sich hin und vertiefte sich, während er seine Suppe löffelte, selig in ihren Anblick.
Die reinste Wonne indes bescherte dem seßhaften Freud das Reisen. Wenn er es erschwingen konnte, floh er im Sommer auf drei Monate aus Wien und besuchte die klassischen Stätten des Südens - halb noch mit der bildungsbeflissenen Solennität von Wilhelm Meisters Wanderjahren, halb schon in moderner Sehenswürdigkeitenhatz ("Nach Florenz machten wir einen eintägigen Abstecher"). Er kraxelte durch die Dolomiten, angelte auf den Alpenseen oder "jagte" Pilze, indem er (wie Ernest Jones bezeugt) "seinen Hut über besonders prächtige Exemplare stülpte, als seien es Vögel oder Schmetterlinge".
Aller Respekt des provokanten Nervenarztes war für die Dichter reserviert: Vor dem Parnaß "streckte er die Waffen". An zitier-freudiger Verehrung für Goethe stand er keinem deutschen Studienrat nach, obgleich seine herzlicheren, gemütsverwandten Sympathien einem so unolympisch verschmitzten Genie wie dem "Lumpazivagabundus"-Poeten Johann Nestroy galten. Seinem Wiener Zeitgenossen Arthur Schnitzler ("Reigen", "Liebelei") gegenüber empfand Freud, wie er selbst eingestand, sogar eine wunderliche "Doppelgängerscheu". Tatsächlich haben amerikanische Freud-Forscher auffällige Ähnlichkeiten zwischen dem psychologisierenden Schriftsteller Schnitzler und dem schriftstellerisch talentierten Psychologen Freud festgestellt. Sie reichen von der ironischen Melancholie der Weltbetrachtung bis zu Übereinstimmungen in Physiognomie und Habitus.
Welche vitale Rolle die literarische Beschlagenheit Freuds für die Psychoanalyse spielte, hob Ludwig Marcuse durch die Bemerkung hervor, der Wiener Nervenarzt habe die Dichter als "Kronzeugen" seines Ermittlungsverfahrens in Sachen Seele "in den Dienst gestellt". Denn Freud requirierte die Visionen der Dichter als Quellenmaterial, um die an neurotischen Couch-Patienten gewonnenen Befunde theoretisch zu verallgemeinern.
So war für die Prägung des "Ödipus -Komplexes" nicht nur das grimme Fatum des Königssohns aus Theben von Belang. Erst die andauernde Publikumswirksamkeit der Sophokles-Tragödie brachte Freud auf den entscheidenden Gedanken, daß die Inzest-Situation, die in diesem für rationelle Begriffe ziemlich sinnlosen Schauspiel geschildert wird, einen verborgenen Konflikt aller Menschen wachrufe (und im Zuschauer durch Furcht und Mitleid abreagiert werde).
Gekrönt endlich wurde die psychoanalytische Einvernahme der Poeten durch Freuds Entdeckung, daß auch das berühmteste Drama der Neuzeit, Shakespeares "Hamlet", eine Ödipus-Situation enthält. Erläuterte Freud: Daß der Dänenprinz zweifelsüchtig zaudere, seinen gemeuchelten Vater zu rächen, lasse sich nur aus Ressentiments gegen diesen einstigen Rivalen um die Liebe der Mutter erklären. Hinter Hamlets Frage nach Sein oder Nichtsein stehe der typische Lebensüberdruß eines Mannes, den der Zerfall mit beiden Elternteilen "affektunfähig" gemacht habe.
Angesichts dieser Erkenntnisse war um so verblüffender, daß die Demonstrationsobjekte - das Ödipus-Trauerspiel zumal plötzlich für Freud und die psychoanalytische Schule beklemmende Lebensnähe gewannen. Einige seiner begabtesten Getreuen verwandelten sich in Rebellen, und Freud selbst sah sich plötzlich in der Rolle des Vater-Tyrannen, der seine Errungenschaft, kaum dem äußeren Feind abgetrotzt, nun gegen abtrünnige Söhne verteidigen mußte. Die bis heute nachhallende Fehde, die Freud in den Jahren 1910/12 mit seinen eminenten Schülern Alfred Adler und Carl Gustav Jung ausfocht, wurde die "dramatischste Episode in Freuds Leben" (Ernest Jones).
Daß es Streit geben würde mit der "Bande", wie Freud seine Anhängerschaft (dem Psychologen Ludwig Binswanger gegenüber) nannte, war unvermeidlich bei einem so halsbrecherischen Vorstoß in wissenschaftliche Wildnis, bei einer so
heiklen Beute. Wie stets bei Streitereien unter Wissenschaftlern, sprangen persönliche Launen in die Sachdebatte über. Lappalien genügten, um die Jünger zu veranlassen, einander mit den hochgestochenen Verbalinjurien des psychoanalytischen Jargons "Todeswünsche", "verdächtige Fehlleistungen" und "infantile Aufsässigkeit" vorzuwerfen. Doch was diese - wie alle späteren - Anti-Freud-Rebellionen vor allem kennzeichnete, war der gemeinsame Drang der Abweichler, den anstößigen Eckstein der Lehre, die Libido-Theorie, zur Erleichterung der Mitwelt fortzuräumen.
Der gedrungene Alfred Adler war ein glühender Sozialist, und sein mürrischer Verschwörerblick gab ihm auch äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Leo Trotzki, dem russischen Revolutionär, der oft als Gast in seinem Hause weilte. Seine napoleonische Körperkürze und sein politisches Engagement mochten der Grund sein, weshalb sich seine psychologische Aufmerksamkeit von Anfang an auf die sozialen Motive menschlichen Betragens konzentrierte, statt auf deren Ursprung im Unbewußten.
Adler entwickelte eine durchaus originelle These von der "Organminderwertigkeit". Danach hinterläßt die körperliche Ohnmacht gegenüber den Erwachsenen, die auch dem gesunden Kind widerfährt, einen so nachhaltigen Eindruck, daß der Mensch den Rest seines Lebens damit verbringt, das drückende Gefühl wirklicher oder eingebildeter Minderwertigkeit zu "kompensieren" - und zwar durch fortwährende Selbstaufwertung in allen Spielarten: durch ungeschlachtes Strebertum oder tückische Herabsetzung seiner Mitmenschen oder, ganz raffiniert, durch die "invertierte Eitelkeit" falscher Selbstverleugnung. Ein neurotischer Knacks entsteht, laut Adler, wenn unmäßige Geltungswünsche an der Wirklichkeit scheitern. Häufige Folge: die "Flucht in die Krankheit".
Zunächst versuchte Adler, seine Ideen der Freudschen Libido-Konzeption anzupassen. Doch dann interpretierte er das menschliche Sozialverhalten - und damit, nach seiner Meinung, den Menschen überhaupt - ausschließlich im Sinne von Nietzsches "Willen zur Macht". Freuds Triebsysteme war damit auf den Kopf gestellt:
Die Sexualität samt dem Horror des Unbewußten war nach Adler nur mehr eine Maskerade des allumfassenden Machtwillens. Selbst der Geschlechtsverkehr, behauptete er, entspringe weniger dem sexuellen Verlangen als purer Angriffslust.
Doch Freud weigerte sich, in dem Kompensationsvorgang mehr zu sehen als einen Abpraller des innerseelischen Widerstreits. Daraufhin zog Adler 1911 mit seinen Freunden demonstrativ aus der Mittwochsgesellschaft aus und machte seine eigene Schule auf. Seine "Individualpsychologie" gewann akademisches Wohlwollen und populären Zuspruch allenthalben, gerade weil sie sich damit begnügte, die herkömmliche Bewußtseinspsychologie durch das dynamische Prinzip Freuds (aber ohne dessen Inhalt) aufzumöbeln.
Adlers "Minderwertigkeitskomplex" - nicht die erschreckende Formel Freuds - wurde der gängigste Seelenhaushaltsartikel der Konsumgesellschaft. Er empfiehlt sich hauptsächlich durch den Vorzug, auch dem Laien ohne weiteres einzuleuchten: Jedermann ist imstande, das Minderwertigkeitsmotiv zumindest in der Psyche seines Nächsten mühelos zu durchschauen.
Für Freud freilich war Adlers "Vernachlässigung des Unbewußten" ein 'Max-und -Moritz-Streich". Adlers Macht-Ich, spottete der "Meister", komme ihm vor wie ein Clown, der vorgibt, alle die schwierigen Kunststücke des Seelen-Zirkus selbst vollbracht zu haben.
Mit Carl Gustav Jung hingegen, dem heute 84jährigen letzten Überlebenden des ersten Anhängerzirkels, "sah die Sache ganz anders aus", schrieb Biograph Jones. Der Bruch mit ihm "mußte in jeder Weise ernster genommen werden", zumal Sigmund Freud über keinen seiner Jünger glücklicher gewesen war als über den damals eben dreißigjährigen Eidgenossen.
Jung wirkte als Oberarzt des ruhmreichen Psychiaters Eugen Bleuler an der Heilanstalt Burghölzli bei Zürich. Und obendrein war er in blondgelockter Hünenhaftigkeit der erste deutschsprachige Nichtjude unter den Psychoanalytikern. Bezaubert von Jungs alpinem Charme, erkürte Freud den zunächst gleichfalls enthusiasmierten Schweizer ("Wer die Psychoanalyse kennenlernt, hat vom Baum der Erkenntnis gegessen ...") zu seinem
Nachfolger und nannte ihn zuweilen seinen "Sohn und Erben".
Doch das Bluterbe des Pastorensohnes Jung war stärker, und sein calvinistisches Gewissen reagierte alsbald grollend auf den Genuß der Früchte vom Baume der Erkenntnis. "Wir täten gut daran, die Theorie der Sexualität nicht in den Vordergrund zu stellen", begann er zu mahnen. "Ich glaube, durch die öffentliche Kundgabe gewisser Dinge würde man den Ast absägen, auf dem die Zivilisation sitzt.. ."
In dem Bestreben, die Psychoanalyse "akzeptabler" zu machen, säuberte Jung die Libido von ihrem sexuellen Odium. Er sprach nur mehr von einer allgemeinen Seelen-Energie frei nach dem "elan vital" des französischen Philosophen Bergson, einem Begriff, von dem Freud meinte, er sei "für Weise wie für Toren gleich geheimnisvoll". Den Ödipus-Komplex degradierte Jung zu einem bloßen "Symbol" für "höhere Ideen": Die Mutter verkörpere darin das Unerreichbare, dem der Mensch im Interesse der Kulturentwicklung entsagen müsse. Der Vater, der im Ödipus -Mythos getötet wird, ist laut Jung der "innerliche" Vater, von dem der Mensch sich frei zu machen sucht, um selbständig zu werden. "In Wirklichkeit", klagte Freud, "hatte (Jung) aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder einmal überhört."
Trotz Kritik und vehementer Auseinandersetzungen, bei denen Freud einmal ohnmächtig zusammenbrach ("Wie süß muß es sein zu sterben", murmelte er beim Wiedererwachen), war er bemüht, den "Kronprinzeng Jung zu halten. Denn die Wirkung des Streits ließ sich voraussehen: Man würde die Abspaltung "als Grund vorschützen", sagte sich Freud, "die Psychoanalyse nicht ernst nehmen zu müssen"; die Lehre würde "dem Antisemitismus zum Opfer fallen".
Doch auch angesichts der Gefahr für seine Lehre gab er um kein Jota nach. Obzwar er von Anfang an einräumte, daß sich auch andere als sexuell abgeleitete Triebe im menschlichen Busen regen mögen ("Ich hätte bestimmt nichts dagegen"), beharrte er zunächst darauf, daß der Drang nach Lustgewinn gleichwohl das einzige Streben sei, das sich im Unbewußten zuverlässig nachweisen lasse. Ohne die "Tatsache der primären Sexualität" gleite die Psychoanalyse zurück in wirre Vieldeutigkeit.
Daß Freuds Sorgen begründet waren, illustriert in unbestrittener Großartigkeit just das genialische Labyrinth der "Analytischen Psychologie", das C. G. Jung in den 47 Jahren seit seiner Trennung von Freud angelegt hat. Es begeisterte besonders die vernunftmüden Kulturträger in Deutschland (und letzthin auch in Amerika), die den bei Küßnacht in einem Turm hausenden Seelenkundler als Weisen des Abendlandes verehrten - besonders seit er ihnen trostreich versicherte, daß der Mensch einen "religiösen Instinkt" besitze.
Tatsächlich neuartig und aufregend dagegen wirkte C. G. Jungs Lehre vom "kollektiven Unbewußten": In der Analyse förderten neurotische Patienten oftmals sagenhafte Erinnerungen aus frühgeschichtlicher Zeit zutage, die sie weder durch Erfahrung noch durch Hörensagen aufgenommen haben konnten. Jung schloß daraus, daß die Menschenrasse "Urerlebnisse" und "Urbilder" in ihrem Unbewußten trage, die irgendwie von Generation zu Generation weitervererbt werden. Solche kollektiven Symbolfiguren - Jung nannte sie "Archetypen" -, die das Fühlen der Menschen
unterschwellig beeinflussen, sind zum Beispiel die "Erdmutter", der "ewige Jüngling" und der "weise alte Mann". Nach Jung ist der Mensch beständig auf der Suche nach Reinkarnation solcher Traumgestalten, um ihnen blindlings anzuhängen - womit Motivforscher beispielsweise die Popularität der politischen Greise in der westlichen Welt zu erklären Versuchten.
Doch weil Jung sich nicht enthalten konnte, die alten Mythen durch seine eigenen Berggeist-Grübeleien über Zen -Buddhismus und Fliegende Untertassen zu bereichern, wird er von Freud-Anhängern
kurzerhand als "Pseudomythologe" (Herbert Marcuse) abgefertigt.
Ein drastisches Indiz für die Gültigkeit dieser Abwertung lieferte C. G. Jung selber, als er sich 1934 im Seelenbräukeller seiner teutonischen Konkurrenz einen solchen Rausch holte, daß er verkündete: "Es ist ein schwerer Fehler der medizinischen Psychologie gewesen, daß sie jüdische Kategorien unbesehen auf den christlichen Germanen anwandte; damit hat sie nämlich das kostbare Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch ahnungsvollen Seelengrund, als kindisch banalen Sumpf erklärt." Jung lamentierte weiter: "Diese Verdächtigung ist von Freud ausgegangen. Er kannte die germanische Seele nicht... Hat (ihn) die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus ... eines Besseren belehrt?"
Sigmund Freud aber war bereits vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs so ausgiebig belehrt worden, daß er schon 1915 die "Ähnlichkeit" des modernen Massenwahns mit den totemistisch-kannibalischen Orgien der Primitiven registrierte. "In beiden Fällen rottet sich die ganze Gemeinschaft zusammen, um Dinge zu tun, die dem Individuum absolut verboten sind; kollektives Handeln ist die notwendige Sanktion (für das Austoben der verdrängten Mordinstinkte)." Allerdings, setzte er sarkastisch hinzu, "sind unsere Mitmenschen in Wirklichkeit nicht so tief gesunken, wie wir befürchteten, da sie sich nie so hoch erhoben hatten, wie wir glaubten".
Doch sein Hohn war "Galgenhumor", mit dem er die "Desillusionierung" einhüllte, die "der Krieg, den ich nicht voraussah", auch diesem Wanderer auf der Nachtseite der Existenz bereitete. Der Krieg brachte den 58jährigen Freud an den Wendepunkt seiner Forscherarbeit,
Anfangs war Freuds Forschen, wie er selbst in der "Traumdeutung" verschlüsselt zugab, noch von Elementen der Revolte, sogar der Rache durchsetzt. Hannibal, der Streiter wider den römischen Hochmut, war der Heros seiner Jugend; denn Freud verspürte - ähnlich dem Karthager - das Bedürfnis, die Demütigungen, die "schlecht getaufte" Arier ihm und seinem Vater zugefügt hatten, zu begleichen und die Lebenslüge der christlichen Bourgeoisie-Kultur bloßzulegen. Später aber bekundete er ein ausgeprägtes Missionsbewußtsein - den Wunsch nämlich, eine neue, wirksamere Moral an Stelle der alten, krankmachenden zu verbreiten. Sie sollte den Morast des "Es" trockenlegen. "Wo 'Es' ist", predigte Freud, "soll 'Ich' werden."
Doch gerade damals, kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sah sich Freud gezwungen, die an Schopenhauers Vorstellungen erinnernde Hoffnung aufzugeben, die Begierden des "Es" könnten sich durch die Gegenkraft der Vernunft und durch vergeistigende Sublimierung sozusagen selbst aufheben. Denn in den Träumen der Soldaten, denen im Trommelfeuer die Nerven versagten, wiederholte sich zwanghaft das erlebte Grauen. Und diesmal ließ sich der Alp nicht - wie bei den Friedensneurotikern - auf einen verdrängten Lustaffekt zurückführen.
Freud erkannte: Das Libido-Prinzip reichte nicht aus, den selbstquälerischen "Wiederholungszwang" zu erklären. Bald war er überzeugt, endlich jenen anderen Urtrieb des Menschen gesichtet zu haben, dessen Vorhandensein er schon immer vage vermutet hatte. Der neue Instinkt freilich war weder dem kategorischen Imperativ verwandt noch war er sonstwie geeignet, verschreckte Gemüter zu erheben - er war so entmutigend, daß die Sexualtheorie
daneben wie eine Tochter aus Elysium erschien. Freud nannte ihn: "Todestrieb".
Er definierte ihn als einen "dem belebten Organischen innewohnenden Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustands", unbelebter Materie nämlich. Auch in dem neurotischen Streben zurück zur Kindheit und zur Mutter, meinte Freud in seinem Essay "Jenseits des Lustprinzips" (1919), liege ein Verlangen nicht nach Lust, sondern nach Ruhe, nach endgültiger Erlösung von den friedlosen Reizspannungen und Konflikten, die das Leben ausmachen, nach Heimkehr in das "Nirwana", das Nichts.
Entscheidend jedoch war nicht das unbeweisbar "innewohnende, Endziel des Triebs - die Selbstauflösung -, sondern die dämonische Gestalt, in der er das Leben bedroht, solange es währt: die Aggressions- und Destruktionswut. Sie entsteht nach Freuds verblüffender Darstellung dadurch, daß der libidinös-lebendige Organismus seinen Todestrieb im buchstäblichen Sinne um seiner Selbsterhaltung willen gegen die Umwelt ablenkt, "ähnlich wie ein Herrscher revolutionäre Kräfte im eigenen Staat gegen das Ausland ablenkt, indem er einen Krieg anzettelt".
Die Lücke, die in der Psychoanalyse klaffte, weil die Exzesse menschlicher Gewalttätigkeit unmöglich der Libido zugeschrieben werden konnten, schloß sich. "Ich verstehe nicht mehr", wunderte sich Freud, "wie wir die Allgegenwart der nicht erotischen Aggression und Destruktion übersehen und versäumen konnten, ihr die gebührende Stellung in der Deutung des Lebens einzuräumen." Jetzt, in der letzten Analyse der Psyche, glaubte Freud den ewigen Zweikampf zwischen "Eros" und "Thanatos" (dem griechischen Gott des Todes), zwischen Lebens - und Zerstörungsdrang, Sein und Nichtsein im Schlund des Unbewußten erkannt zu haben.
Aber mit seiner Theorie vom Todestrieb verschreckte er sogar viele seiner anhänglichsten Jünger; nur die phantasievollsten Analytiker waren bereit, seinen kühnen Spekulationen zu folgen. Die meisten Freud-Schüler vermochten bei strenger wissenschaftlicher Betrachtung keine nachprüfbaren Anzeichen für die Existenz eines Todestriebs aufzuspüren. Auch Freuds getreuer Biograph Jones verbarg seinen britischen Widerwillen gegen die germanische Geisterseherei, in die sich sein "Meister" zu verirren schien, hinter der reservierten Formulierung: "... Wenn wir uns eine Meinung über die Gültigkeit von Freuds Theorie des Todestriebs bilden wollen, dürfen wir wohl persönlich-subjektive Einflüsse in Rechnung stellen. Jones meinte damit vor allem Freuds "fortwährende Beschäftigung mit dem Thema Tod, der Furcht davor und dem Wunsch danach".
Die Furcht vor Greisentum und Tod, von der Freud schon seit seinem 40. Lebensjahr verfolgt wurde, hatte sich längst zu einer Zwangsvorstellung verdichtet, die sich auf selbstironische Weise in der verstörenden Gewohnheit äußerte, Besucher mit den Worten zu verabschieden: "Leben Sie wohl, vielleicht sehen Sie mich niemals wieder!" Die Bedenken auch seiner Schüler gegen den Todestrieb scherten ihn wenig. In einem Brief an Jones schrieb er: "Die Theorie des Todestriebs ist mir unentbehrlich geworden."
Mittlerweile waren die turbulenten zwanziger Jahre ausgebrochen, die dem Sigmund Freud eine skandalöse Weltberühmtheit verschafften. In sinnverdrehender Ekstase wurde die Psychoanalyse von der internationalen Café-Clique über
Nacht zum Manifest der Sexual-Emanzipation ausgerufen und zum ideologischen Überbau für steigende Rocksäume und fallende Hemmungen erhoben.
Der irische Schriftsteller James Joyce schrieb im "Bewußtseinsstrom"-Stil von Freuds freier Assoziation seinen formsprengenden "Ulysses"-Roman. Die Maler malten statt der äußeren die innere Realität (des Unbewußten) in Bildern, die nur mit den Begriffen psychoanalytischer Traumdeutung zu entziffern waren, und auch in der Musik des Jazz-Zeitalters begann ein triebhafter Rhythmus zu pulsieren. "Freud" - so faßte der britische Poet W. H. Auden zusammen - war "keine Person mehr, sondern ein ganzes Klima der Lebenshaltung."
Die Person des Einzelgängers Freud aber distanzierte sich von dem "Klima" nicht weniger entschieden als sich die Vorweltkriegsgesellschaft von ihm distanziert hatte. Er fand seine sensationelle Popularität schlichtweg "abstoßend". Entrüstet wies er Angebote von Hollywood-Firmen und von der Ufa zurück, die ihn als Berater für einen Film über die historische Entwicklung der Liebeswerbung verpflichten wollten und dafür mehr Geld zu zahlen bereit waren, als er in seinem ganzen Leben verdient hatte. Bemühungen seiner literarischen Verehrer, ihm den Nobelpreis zu verschaffen, unterband er schroff: "Das paßt nicht zu mir." Den Frankfurter Goethe-Preis (von 1930) nahm er zwar an, meinte aber: "Eine gute Zahn-Prothese ist besser als der Goethe-Preis."
Die Prothese dünkte ihn wichtiger, seit 1923 an seinem Gaumen eine bösartige Geschwulst aufgetreten war, wahrscheinlich eine Folge seiner Rauchleidenschaft, die analysieren zu lassen, wie sein Schüler Ferenczi ihm vorschlug, er sich weigerte. (In analytischer Sicht äußert sich im Tabakgenuß eine Art Verhaftung an die "orale" Säuglingsphase.)
In den letzten 16 Jahren seines Lebens mußte sich Freud 33 Mundoperationen unterziehen. Obwohl er die fortgesetzten Eingriffe, die Erhährungs- und Ausspracheschwierigkeiten mit der heiteren Dulderkraft des Fatalisten ertrug, schilderte er seinen Zustand schließlich als, den einer "Insel des Schmerzes in einem Meer der Gleichgültigkeit". Die körperliche Pein - und nicht etwa seelische Qual - war die Ursache für die schmerzliche herabgezogenen Mundwinkel Freuds.
Mehr und mehr löste sich Freud in seinen späten Leidensjahren von der exakten Wissenschaft: "Nach lebenslangem Umweg", schrieb er, "bin ich zur Philosophie gelangt" - seiner eigentlichen "Sehnsucht", die "ich mir immer als mein Ziel und meine Zuflucht im Alter vorgestellt habe".
Er löste sich vom Joch der "strikten Wissenschaft" und folgte dem "Flug seiner Gedanken" (Jones) in die psychoanalytische Spekulation über das Wesen von Mensch und Moral. In Diskursen, die ihr Dynamit im beiläufigen "Was ich noch sagen wollte"-Plauderton dem Leser ins Bewußtsein schmuggeln, entwickelte er nun das Alterswerk: seine Kulturtheorie.
Mit ihr und seinem Essay über das heute sprichwörtliche "Unbehagen in der Kultur" sicherte sich Freud endgültig seinen Platz in der Ruhmeshalle der Geistesgeschichte. Diese Kulturtheorie gewann ihm den grollenden Respekt auch jener Bildungsbürger, die sich mit seinen Ansichten über die Sexualität des Kleinkinds noch immer nicht abfinden können.
Von Anfang an war Freud überzeugt gewesen,daß die Seele des Menschen nicht durch einen Schöpfungsakt entstanden sei. Wie aber konnte die Entstehungsgeschichte des komplizierten "psychischen Apparats", den sich der Mensch in seinen ersten Lebensjahren erwirbt, ausgesehen haben? Auf welche Weise hat sich die kulturelle Trieb-Eindämmung, die den Menschen erst zum Menschen (und den modernen Menschen zum neurotischen Wrack) macht, über die Jahrtausende hin samt Religion, Kunst und Gesellschaft herausgebildet? Und inwiefern bestimmt das Duell zwischen dem erotischen und dem aggressiv destruktiven Urtrieb, der Zweikampf zwischen Eros und Thanatos, das menschliche Schicksal?
Bereits 1913, mit seinem Buch "Totem und Tabu", hatte Freud einen Vorstoß ins Rätselreich dieser Fragen unternommen. Damals und später ging er von Darwins Annahme aus, daß die noch affenartigen Menschenahnen in familiären "Urhorden" unter der Herrschaft zottiger Väter lebten, die sämtliche Frauen mit Beschlag belegten und ihre Söhne bei Strafe der Kastration von der höchsten Lust fernhielten.
Das erzwungene Zölibat, so folgerte nun Freud, verdroß die Jungen. Sie rotteten sich zusammen, erschlugen den Alten und verspeisten ihn: Am Beginn des Ödipus -Komplexes mußte ein wirklicher Vatermord gestanden haben. Die Söhne sozialisierten die Frauen (die eigenen Mütter und Schwestern), doch sie wurden der Errungenschaften dieser ersten aller Revolutionen nicht froh.
Die Attentäter, die sich nun der freien Liebe ergaben, sahen sich nämlich bald in ein Chaos aus Trieb und weiblichen Ränken verstrickt. Geschlechterkrieg und Bruderzwist brachen aus. Und die ratlosen Söhne wurden von Reue gepackt: Einmal, weil sie den Hordenvater nicht nur gehaßt, sondern zugleich auch geliebt und bewundert hatten; zum anderen, weil sie schmerzlich erfuhren, daß nur die Diktatur des Alten eine Art Ordnung hatte schaffen können, ohne die es in feindlicher Umwelt kein Überleben gab. Im unlöslichen Widerspruch zwischen Lusterfüllung und Lebensnot gefangen, fanden sie sich bußfertig wieder zusammen und restaurierten die zerstörte Hordengemeinschaft zum "Brüderklan".
Das Tabu auf die Frauen der eigenen Sippe, das der Alte noch mit egoistischer Gewalt durchgesetzt hatte, wurde von den Söhnen zum Inzest-Verbot umgewandelt, der erschlagene Urvater zum Gott erhoben
- zunächst in Gestalt des heiligen Totem -Tieres, dessen strafende Zaubermacht darüber wachte, daß die ursprünglichen Sittengesetze eingehalten wurden. Stets von Rückfällen bedroht, bändigten die Söhne die Dämonen des Unbewußten. Sie unterwarfen das Lustprinzip samt dem "gefährlichen" Weib der Herrschaft des vaterrechtlichen "Realitätsprinzips".
So wurde, laut Freud, die Menschenseele aus Untat, Reue, Schuldgefühl und Triebverzicht geboren, so erwuchs Kultur aus der Vergöttlichung des Vaters und der gleichzeitigen "Verinnerlichung" seines Ordnungswillens zum "Über-Ich" und zum Gewissen der Menschensöhne.
Allerdings - so urteilte Freud -, der Lohn der Sündenangst blieb nicht aus und gewährte Zug um Zug reiche Entschädigung für jede neue Trieb-Beschränkung. Das Inzest-Tabu zwang die Männer, nur noch Frauen zu ehelichen, die nicht von der väterlichen Blutlinie abstammten. Und diese "Exogamie" führte zur Bildung größerer, lebensfähigerer Gemeinschaften. Die Domestizierung des Eros in der Einehe machte Energien frei, die sich in nützliche Arbeit, geistige Leistung und generelle Verbesserung des Lebensstandards umsetzen ließen.
Gleichwohl droht sich das Endprodukt dieses Prozesses - die technische Zivilisation und der gutfunktionierende Maschinenmensch - ausweglos in den Konflikt mit den Urtrieben zu verstricken. Denn gerade dadurch, daß der Mensch sich die Erfüllung der Triebwünsche versagte und sich dem rationalen Leistungsprinzip unterwarf, ist er auf tragische Weise unfähig geworden, seinen Erfolg zu genießen: Versachlicht, abgestumpft von Verzichten, die längst zur zweiten, wenn nicht ersten Natur geworden sind, schmachtet er im Überfluß seines klimaregulierten Neon-Eden nach ungewissem Glück.
Die gelockerte Sexualmoral der heutigen Generation macht nach Ansicht des Freud interpreten Herbert Marcuse die Theorie des alten Freud keineswegs ungültig. Im Gegenteil: Die moderne Sexualität sei ein Symptom für die emotionale Aushöhlung
des Eros. Denn die industrielle Gesellschaft könne ihren Mitgliedern eben deshalb mehr erotische Freizügigkeit gestatten, weil sich die Leidenschaft von einst im organisierten Menschen zum garantiert harmlosen Freizeitvergnügen des Sex verflüchtigt habe, zu einem mit Kintopp-Geflunker, Reklamesprüchen und synthetischen Gefühlen aufgemöbelten Selbstbetrug.
Schlimmer noch: Die ganze Zivilisation, die sich solchermaßen von ihren ursprünglichen Antrieben und Zielen "entfremdet", wird neurotisch; denn wie dem Neurotiker entgleitet ihr die innere Lebenswirklichkeit in der Hatz auf die fetischistischen Scheinerfüllungen einer Existenz aus zweiter Hand. Doch das Gefühl der Langeweile und der Sinnlosigkeit des Lebens, das zurückbleibt, ist nur ein Teil des "Unbehagens", das Sigmund Freud beschrieb.
Wichtiger - weil gefährlicher - erschien Freud das Problem des anderen Urtriebs:
der Aggression und Destruktion. Um ihn zu überwinden, meinte der Seelenforscher, sei das Gebot "Liebe deinen Nächsten" erlassen worden. Doch es könne selbst der Heilige, der es zu befolgen vermag, dabei nicht glücklich werden, da sich auch jede unterlassene Feindseligkeit in eine "Quelle des Selbstvorwurfs" verwandle - vergleichbar dem Verhalten des Kindes, das sich in ohnmächtiger Wut gegen seine Erzieher schließlich selbst ohrfeigt. Die gehemmte Aggression kehre sich gegen das eigene Ich.
Außer durch sein "Schuldgefühl" aber sei der Kulturmensch vor allem dadurch gekennzeichnet, daß er seine aggressiven Impulse statt nur gegen sich und andere auch auf die Natur ablenke. "Gemäßigt und gebändigt... muß der Destruktionstrieb, auf die Objekte gerichtet, dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen", dozierte Freud über die dem Wesen nach zerstörerische "Vergewaltigung" der
Natur durch die Industriewelt. Damit näherte sich Freud der Vorstellung Goethes von der Kraft, die das Böse will, aber das Gute schafft.
Doch am Rande der Freudschen Überlegungen stand eine düstere Pointe. Der lebensbewahrende Eros, meinte Freud, sei durch seine kulturellen Sublimierungen und Verfremdungen so verdünnt und geschwächt worden, daß er "nicht mehr die Kraft" habe, die in ungeheurem Ausmaß freigesetzten, potentiell destruktiven Energien "zu binden", unter Kontrolle zu halten. Deswegen könne schließlich jederzeit der Aggressions- und Destruktionstrieb, der Gegenspieler der Libido, in der nackten Gewalt seines Vernichtungsdrangs hervorbrechen und über das Leben selbst herfallen.
"So sinkt mir der Mut", schloß Freud, "und ich beuge mich (dem) Vorwurf, daß ich keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen."
So auch war es für ihn keine sonderliche Überraschung, als im März des Jahres 1938 die neuartige Urhorde der SA in sein Wiener Domizil platzte, um es zu durchsuchen und sich unter Mitnahme von 6000 Schilling in bar wieder zu trollen. Zugleich mit den Nazis eilte der getreue Schüler Ernest Jones herbei, um Freud und seine Familie nach England zu holen. Sogar Mussolini fühlte sich bemüßigt, in einer Demarche an Hitler um milde Behandlung des greisen Seelenforschers nachzusuchen.
Zunächst weigerte sich der 81jährige Freud, Wien zu verlassen, und Jones meinte, es sei ihm "möglicherweise noch schwerer" geworden, seinen "Meister" zum Mitkommen zu überreden als den Nazis die Genehmigung zur Ausreise abzuhandeln. Vor der Abfahrt endlich sollte Freud, der unter der "Reichsfluchtsteuer" fast das gesamte Vermögen verlor, bei der Gestapo ein Revers unterschreiben, daß ihm "die deutschen Behörden... mit allem Respekt..., der meinem wissenschaftlichen Ruf zukommt", begegnet seien. Da erwachte in ihm der Geist des braven Soldaten Schwejk (als der er schon den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit dem Ruf "Meine ganze Libido gehört Österreich -Ungarn" begrüßt hatte): Er bat höflich um Erlaubnis, einen Nachsatz hinzufügen zu dürfen, und schrieb: "Ich kann die Gestapo jedermann empfehlen. S. Freud."
In London angelangt, fand er Unterkunft in einer hübschen Villa mit Garten und befand sich für kurze Zeit so wohl, daß er erklärte: "Ich bin fast versucht, 'Heil Hitler' zu rufen." Dann kehrte der Mundkrebs verschlimmert wieder, und Freud begann sein Ende herbeizusehnen ("Es hat keinen Zweck mehr"). Als er am 23. September 1939 starb, war seine Lehre nur in einem Kontinent wirklich akzeptiert worden: Amerika. Die Neue Welt war Schauplatz seiner größten Erfolge.
Schon 1909 hatte Freud auf Einladung der Clark University eine Reise in die Vereinigten Staaten gemacht, um seine Theorien vorzutragen. Es war für Sigmund Freud die erste internationale Anerkennung - aber er wußte die Ehre nicht zu schätzen.
Zeitlebens machte er nie ein Hehl aus seiner geringen Meinung von Amerika und Amerikanern. Er teilte Heinrich Heines Antipathie gegen die "Gleichheitsflegel", sprach vom "psychologischen Elend
der Masse, die sich mit sich selbst identifiziert", nannte die US-Zivilisation rundheraus einen "gigantischen Irrtum" und knurrte: "Der Tabak ist die einzige Entschuldigung für den Fehler des Kolumbus (Amerika entdeckt zu haben)." Das einzige, was ihn amüsierte, war der Zwischenruf einer Dame, die während eines seiner Referate über Traum-Analyse Protest erhob mit dem denkwürdigen Ausspruch: "Wir Amerikaner haben saubere Träume!"
Indes, gerade das "psychologische Elend", gerade die zermürbende Spannung zwischen Sonntagsschulmoral und den Strapazen einer aggressiven Wettbewerbsgesellschaft prädestinierte die Amerikaner für die Couch der Psychoanalyse. Heute gibt es allein in New York doppelt so viele praktizierende Psychoanalytiker wie in ganz England oder Deutschland. Während in Europa ein Mann, der sich analysieren läßt, mit seinem gesellschaftlichen Ruin flirtet, gilt die Konsultierung eines "Kopfschrumpfers" in der Dollar-Boheme als Beweis unbezweifelbarer Arriviertheit. Und es gibt kaum einen Aspekt der amerikanischen Szenerie - von der sinnlichen Symbolik des Straßenkreuzers bis zur literarischen Lust an minderjährigen Nietenhosen-Nymphen vom Typ "Lolita" -, den sich die Bewohner der Neuen Welt nicht durch Dr. Freud zu erklären versuchen.
Trotzdem war Freuds Argwohn gegen die sauberen Träume der Amerikaner berechtigt. Denn der allesfressende US-Konformismus hat die Psychoanalyse so lange wiedergekäut, mit Optimismus fermentiert und der amerikanischen Lebensart angepaßt, daß dieser "Neo-Freudianismus" heute einem Eheberatungsartikel aus "Reader's Digest" weit ähnlicher sieht als der düsteren Doktrin aus Wien. Die Analyse ist in Amerika "respektabel und legitim geworden", berichtet Clarence P. Oberndorf stolz in seiner "Geschichte der Psychoanalyse in Amerika".
Doch diese "Legitimierung" wird "mit dem Verrat an den revolutionären Ideen Freuds erkauft", wie der deutsche Psychoanalytiker Mitscherlich erbittert einwendet. Zwar gibt es in Amerika nach wie vor eine kleine Analytiker-Elite, die nach den Worten Mitscherlichs "von Freuds Ideen so fasziniert ist wie die geistige Elite der Renaissance von den Erkenntnissen des Kopernikus". Aber die Mehrheit der praktizierenden Seelenärzte hat die psychoanalytische Methode für die Bedürfnisse des Massenmarkts modisch zurechtgestutzt.
Diese Mode-Analytiker haben die analytische Prozedur, die sich in Freuds Praxis bei einem Patienten oft über Jahre hinzog, radikal verkürzt, um dem gehetzten Geschäftsmann Schnellkurse zu günstigeren Preisen zu bieten. Sie haben die Suche nach den kindheitlichen Ursprüngen der Konflikte im Unterbewußten weitgehend aufgegeben und konzentrieren ihre Explorationen auf die "aktuelle" Notlage des Patienten (Krach mit dem Boß, Zank mit der Ehefrau), die die Neurose auslöst, aber - nach Freud - nicht verursacht.
Hat der Patient sich erst einmal ausgeweint, gelingt es dem Analytiker meist sehr rasch, ihn davon zu überzeugen, daß er sich nun schon bedeutend besser fühle. Der Arzt rät dem Patienten, wie er die Symptome ausmerzen kann (Wechsel der Stellung,Scheidung oder Versöhnung), oder redet ihm zu, der rauhen Wirklichkeit etwas "Positives" abzugewinnen, seine Ängste zu vergessen und, wenn irgend möglich, eine "religiöse Haltung anzunehmen" (wie Neo-Freudianer Erich Fromm schrieb). Die Psychoanalyse ist in Ordnung", urteilte der amerikanische Weihbischof
Fulton Sheen gönnerhaft, bekräftigte allerdings: "Nicht jedoch ihre Philosophie."
Fraglos müssen die Theologen den Philosophen Dr. Freud für den schlimmsten Feind der Religion" halten, als der er sich selbst bezeichnete. Denn er nannte die Religion einen Massenwahn", dem sich die Menschheit mit innerer Notwendigkeit ergebe, um eine "Erklärung für die Rätsel des Lebens", "Trost für die Versagungen des Daseins und eine illusionäre Harmonie von Glück und Moral zu finden. Die "Technik" der Religion, schrieb Freud, "besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahrhaft zu entstellen".
Weil so die Religion selbst eine Art "Zwangsneurose" sei, "gelingt es (ihr), vielen
Menschen die individuelle Neurose zu ersparen". Wenn aber (wie in diesem Jahrhundert) der herkömmliche Glaube seine Überzeugungskraft eingebüßt habe, seien die Individuen gezwungen, sich eine eigene Neurose zuzulegen, die wiederum ganz wie "eine Art Privat-Religion" aussehe. Der gleiche Vorgang, auf die Masse übertragen, endet im Massenwahn der politischen Ideologien - oder im harmloseren modernen Schwachsinn derer, die ihr Heil in der Rohkost oder im Glauben an die Venus -Menschen suchen.
Erbittert wehrt sich die Theologie gegen solchen "Psychologismus" - also den Versuch, die religiösen Phänomene rein psychologisch zu interpretieren. Zu, gleich aber zeigt sich seit Freuds Tod eine immer deutlichere Annäherung zwischen den konkurrierenden Lagern. Priester und
Psychotherapeuten versöhnen sich in der Erkenntnis, daß der Mensch eben einen Glauben brauche, um auch nur die notdürftigste Seelenruhe zu wahren.
"Nach der Allianz zwischen Priestern und Physikern, Theologen und Astronomen", schreibt Philosoph Ludwig Marcuse, "erlebt man in diesen Jahren die lärmende Eintracht zwischen Gottesmännern und Psychologen. Tausend Beweise werden herbeigezerrt, das Gemeinsame zu feiern; das ist nicht schwer, weil Geistliche und Psychotherapeuten auf dasselbe hinauswollen: die Seelen in Ordnung bringen." Die Psychotherapeuten werden in der Praxis immer mehr zu Priestern, die Priester immer mehr zu Seelenheilern.
Die neue "positive Ideologie" der neo freudianischen Revisionisten (Harry Stack
Sullivan, Karen Horney und Erich Fromm sind die namhaftesten) sei indes keine Weiterentwicklung, sondern ein "Abstieg gegenüber der Theorie Freuds", urteilte Philosoph Herbert Marcuse in seinem vielbeachteten Buch "Eros und Kultur". Denn nur durch "die Verkleinerung des Anteils der Primärtriebe an der seelischen Konstitution", durch den "Verlust der (unbewußten) Tiefendimension" bei "gleichzeitiger Überbetonung der bewußten Persönlichkeit" gelinge den Revisionisten der Kunstgriff, Freuds Seelengemälde so zu retuschieren, daß der (laut Neo-Freudianerin Clara Thompson) "ungerechtfertigte Pessimismus" des Meisters unter heiterem Grandma-Moses-Kolorit verschwindet.
Damit aber ignorieren die Amerikaner Freuds Erkenntnis, daß nur der "hysterische-Jammer", nicht jedoch der elementare
Triebkonflikt heilbar sei. Und Freuds tragische
Theorie, daß der Mensch ohne die Kultur nicht existieren, aber in der Kultur niemals glücklich werden könne, wurde von den Mode-Analytikern in eine Heilslehre umgemünzt, die dem Zivilisationsmenschen "Befreiung von den Triebansprüchen", "Harmonie" und "Zufriedenheit" verspricht.
Das ist der Neo-Freudianismus, den die Anti-Freudianer mit gutem Grund verspotten. In Wirklichkeit aber bestehen zwischen den amerikanischen Revisionisten und den europäischen Freud-Gegnern nur geringe Unterschiede. Beide wenden sich
- meist aus rein ideologischen Motiven in erster Linie gegen den Mangel an Erbaulichkeit in Freuds Analyse von Mensch und Kultur. Und beide gebrauchen in ihrer Kritik den Trick, sich durch kraß einseitige, oft völlig verfehlte Darstellungen von Freuds vielverzweigter Lehre einen Popanz aufzubauen, den sie dan wacker in Stücke schlagen - eine Taktik, die Freud ihnen freilich durch den Umstand erleichterte, daß er die Überspitzungen aus der Frühzeit seiner Arbeit nie, ausdrücklich widerrief, obwohl er sie durch die späteren Erweiterungen seiner Theorie deutlich korrigierte.
Meister dieser kritischen Methode sind die deutschen Anti-Freudianer. "Ein zu Ende gedachter Freud ist schauerlich", warnt Dr. Gustav Richard Heyer die "Ärzte und Studierenden" der Bundesrepublik in seiner "Praktischen Seelenheilkunde". "Und deswegen grenzen wir uns mit Recht scharf gegen ihn ab. Uns ist es unmöglich, in der Geschlechtlichkeit die einzige Geschehensebene und den einzigen Sinn des Lebens zu verstehen."
Dieses mittlere Niveau deutscher Freud -Würdigung, das sich seit 1910 kaum verbessert hat, stützt sich im wesentlichen auf die Autorität des Psychopathologen und Philosophen Karl Jaspers, der den Dr. Freud mit einer Klarheit, die seine Werke sonst häufig vermissen lassen, seinen "Feind" nennt. Jaspers, so kommentierte Psychiater Kurt Kolle, "lehnt solche Wesensschau des Menschen a priori ab"; der Mensch als "Marionette seines Unbewußten ruft seinen Widerwillen hervor". Jaspers sei überzeugt, "daß die Psychoanalyse in dieselbe Kategorie von Theorien gehört wie der Marxismus und die Rassenlehre; allen haften ruinöse Eigenschaften an, weil sie 'geeignet sind, zu vernichten, was Menschen Wert zu haben schien'".
In solch bitterem Bessentiment gegen Sigmund Freud wissen sich die Marxisten mit Abendländler Jaspers einig. Mit ritueller Regelmäßigkeit schleudert die sowjetische "Akademie der Wissenschaften" alljährlich einen neuen Bannfluch gegen die Psychoanalyse, diesen "Tiefpunkt bourgeoiser Dekadenz". Denn auch das, was den Sowjetmenschen Wert zu haben scheint, wird von Freuds Theorien so herb entzaubert wie nur irgendeine verlorene Illusion des Westens.
Illusionslos wie seine Lehre war auch das einzige Urteil, das der große Provokateur Sigmund Freud über sich selbst und über sein herausforderndes 17bändiges Gesamtwerk abgegeben hat. Als die griechische Prinzessin Marie Bonaparte ihm bewundernd erklärte, er sei eine Mi- schung aus dem großen Arzt Pasteur und dem großen Philosophen Kant, erwiderte, Freud: "Ich kann Ihre Ansicht nicht teilen. Nicht weil ich schüchtern wäre. Ich habe eine hohe Meinung von dem, was ich entdeckt habe, aber nicht von mir selbst. Große Entdecker sind nicht unbedingt große Geister. Wer hat die Welt mehr verändert als Kolumbus? Was war er? Ein Abenteurer."
* Beispiel: Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen auf einer galizischen Station. "Wohin fährst du?" fragt der eine. "Nach Krakau", Ist die Antwort. "Sieh her, was du für ein Lügner bist", empört sich der erste, "wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, daß ich glauben soll, du fahrst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, daß du wirklich fahrst nach Krakau. Also warum lügst du?"
* Tarock: kompliziertes italienisches Kartenspiel
** B'nai B'rith (hebräisch "Söhne des Bundes"): Ein 1843 in New York gegründeter, aus jüdischen Mitgliedern bestehender Orden, der es sich zur Aufgabe macht, "Juden zu vereinen zur Förderung der höchsten und idealsten Güter der Menschheit". Der Orden errichtete Kranken- und Waisenhäuser sowie andere Wohlfahrtseinrichtungen in vielen Ländern.
Seelenforscher Freud (mit Enkel) : Blutschandie in Bürgerhäusern?
Goethe mit Mutter: Lebensglück für Lieblingskinder
16jähriger Freud mit Mutter
Libido gegen matrem
Achtjähriger Freud mit Vater
Furcht vor Papa
29jähriger Freud mit Braut
Kühnheit vor Martha
Hamlet mit Mutter*: Verlangen nach der Mutter...
... schon in den Dramen der Dichter: Ödipus mit Mutter**
Charcot-Vorlesung in Paris: Ist Hysterie nur eine Weiberlaune?
Freud, Tochter Anna (1910): In familiärer Zärtlichkeit ...
Freud-Jünger Jones
... Stillung des Lustverlangens
Astronom Kopernikus
Drei Entdeckungen ...
Biologe Dorwin
... erschütterten die Menschheit
Dramatiker Schnitzler
Doppelgängerscheu
Freuds Behandlungszimmer: Neugier auf ein Mädchen
Abtrünniger Schüler Adler
Aus der Symphonie des Weltgeschehens ...
Abtrünniger Jünger Jung
... nur ein paar Obertöne
Michelangelos Moses-Statue: Im Halbdunkel ein Über-Ich
Freud-Feind Jaspers
Wider die Kopfschrumpfer Krebskranker Freud(1931): Insel des Schmerzes
* Sir Laurence Olivier als Hamlet, Eileen Herlie
als Königin Gertrude in Oliviers "Hamlet"-Film (1948). ** Gustaf Gründgens als Ödipus, Gerda Müller als Iokaste In "Ödipus", Deutsches Theater, Berlin (1946).

DER SPIEGEL 51/1959
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