04.02.1959

NACHRUFBRUNO GRÖNING

Sein Leben war die Antwort auf die Frage, was die Aufklärung an uns vermocht habe. Sie hat fast gar nichts vermocht. Das Mittelalter dauert an.
Bruno Gröning wurde im Mai 1906 in Danzig geboren als ein knochiger, über und über behaarter Knabe. Er schrie viel. Aus gar nichts als daraus, daß sein Sohn häßlich und unruhig war, schloß sein teufelsfürchtiger Vater darauf, daß "der Satan in seine Familie gekommen" sei. Aus der Stube, in der sein erstgeborener Sohn lag, hörte er, nur er, Poltern und Fluchen.
Dieser Sohn hat nie überwunden, was der Aberglaube seines Vaters an ihm verdarb. Auch er glaubte zeitlebens an den Satan. Aber er glaubte auch, wie sein Vater, daß man den Satan aus einer kranken Leber, aus einer hustenden Lunge, aus einem unruhig schlagenden Herzen, aus einem Baum "hinaustreiben" könne.
Der Sohn des Danziger Poliers sollte Zimmermann werden. Er wurde Gelegenheitsarbeiter. Bei seiner Einberufung als Soldat Hitlers stanzte er aus dünnem Aluminium-Blech endlose Reihen von Hoheitsabzeichen.
Aus russischer Gefangenschaft kehrte er zu seiner Familie in ein Dorf des westdeutschen Dillkreises zurück. Seine Familie - das war Frau Gertrud, die zwei Söhne von ihm hatte. Die Jungen starben beide, der eine schon am Elend des Krieges, der andere am Hunger der Nachkriegszeit. Der Flüchtling Bruno Gröning war wieder Gelegenheitsarbeiter. Als er 1948 ein Zimmer tapezierte und dabei erfuhr, daß die Nichte seiner Auftraggeberin krank sei, bemerkte er absichtslos, daß er jenem Mädchen - über vierhundert Kilometer hinweg - helfen könne. Dieses Mädchen stürzte in der nächsten Nacht aus seinem Bett. Man gab dem Bruno Gröning daraufhin das Geld, nach Duisburg zu reisen, um das arme Mädchen, "vollends" zu heilen.
Grönings Ehe zerbrach, weil seine Frau es ihm verübelte, daß er viele Nächte am Bett seiner ersten Patientin saß. Als Gröning seine Frau verließ, verfluchte er sie. Die Frau verfiel einem Nervenfieber und hört seitdem Stimmen.
Die Maulzeitung von einem Wunderdoktor Gröning fand den Weg von Duisburg nach Herford. Der Vater Hülsmann eines an Muskelschwund leidenden Knaben Dieter lud Gröning in sein Haus. Der Junge gehorchte den barschen Befehlen Grönings, sich zu einem wackligen Gehen zu zwingen. Ein Strom von Dankbarkeit trug den Vater aus aller Vernunft hinweg: Er stellte Gröning alle seine Habe zur Verfügung, das Haus, den Wagen. Die unbewiesene Heilung des Hülsmann-Knaben machte Gröning berühmt.
Auf dem Herforder Wilhelmsplatz vor Hülsmanns Haus warteten bald allmorgendlich. Hunderte von Menschen, um von Gröning geheilt zu werden. In zwei Zimmern arbeiteten zwei Manager mit sechs Sekretärinnen daran, die Post des "Meisters" zu öffnen: um die Briefmarken und Geldscheine zu sammeln, die diesen Briefen beigelegt waren. Man hat die Einnahmen des Wunderdoktors Bruno Gröning in seiner besten Herforder Zeit auf 100 000 Mark geschätzt.
Die Behörden unseres Landes freilich holten den Wunderdoktor jetzt auf ihre Weise ein: Sie überrundeten ihn auf dem Papier, aber alles, was sie vermochten, war ein freisprechendes Gerichtsurteil mit dem "Verbot, die Heiltätigkeit fortzuführen". Sie erreichten damit, daß Bruno Gröning fortan auf einer Art von Flucht vor der westdeutschen Obrigkeit alles tat, wie er es bisher getan hatte. Seine Manager veranstalteten eine Reihe von Tourneen mit schnell wechselnden Auftrittsdaten. Sie platzten alle. Aber in den Hotels, in denen abzusteigen Gröning angekündigt hatte, sammelten sich die Abertausende von Briefen mit Marken für das Rückporto und mit Geld. Als das Wirken des Bruno Gröning im Jahre 1954 in allen Ländern der Bundesrepublik unter einem behördlichen Verbot stand, schlüpfte der Teufelsaustreiber in die bescheidene Gestalt des Gehilfen eines Münchner Heilpraktikers. Seine Manager erfanden einen Gröning-Markenartikel: Zu Tausenden verkauften sie Kugeln aus Stanniolpapier mit der Behauptung, der Meister habe diese witzlosen kleinen Ballen "angesprochen".
Bruno Gröning wurde am 16. Januar 1958 vom Landgericht München zu fünftausend Mark Geldstrafe und acht Monaten Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt, weil er dem hochtuberkulosen Mädchen Ruth Kuhfuß (18)
Heilung versprach und durch die Suggestion seines Heilversprechens gleichzeitig die Behandlung durch einen ordentlichen Arzt störte. Das Mädchen starb. Gröning war schon drüsenkrank, als er dieses Urteil anhörte. Er kurpfuschte monatelang an sich selber herum, fuhr im November 1958 nach Paris und stellte sich den Ärzten. Er starb am 25. Januar 1959 unter dem Skalpell eines französischen Chirurgen. Seine Krankheit war der Krebs an seinem Halse.
Bruno Gröning hinterläßt eine sehr hübsche zweite Frau, die einunddreißig Jahre junge Französin Juliette Gröning. Aber er hinterläßt tatsächlich auch die Dankbarkeit vieler Menschen, deren nervöses Krankheitsbewußtsein er mit seiner läppischen Methode für kurze Zeit, für Jahre oder für immer durchbrach. Es ist dem Anschein nach wahr, daß der Hamburger Kaufmann Richard Westphal im Mai 1949 ein nervöses Asthma in einem Gespräch mit Gröning verlor. Westphal lief nach dieser Suggestiv-Heilung volle sechs Jahre jede Treppe mühelos aufwärts. Er starb als Sechziger, zwei Jahre nach einem Herzinfarkt, im Oktober 1957, nachdem ihn Gröning im Mai noch besucht und gebeten hatte, sich an die Anordnungen seines Arztes zu halten.
Dieter Hülsmann freilich, mit dessen vermeintlicher Heilung Grönings Stern 1949 in den Zenit stieg, starb nach der Scheidung seiner Eltern, erst sechzehnjährig, in Offenburg an seinem Muskelschwund. Sein Grab liegt ungepflegt in Herford.

DER SPIEGEL 6/1959
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