11.02.1959

MAJAKOWSKISchwitzbad in Berlin

Die ersten Reihen im Parkett der Ostberliner Volksbühne waren Anfang vergangener Woche für Spitzenfunktionäre der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands reserviert. Es galt einen Mann zu würdigen, von dem Stalin einst gesagt hatte, er sei "der beste und begabteste Dichter der Sowjetepoche", von dem aber seit der Etablierung des Arbeiter- und Bauernstaates in Ostdeutschland nicht ein einziges Schauspiel auf einer Ostberliner oder ostzonalen Bühne zu sehen war - den bolschewistischen Revolutionsdichter Wladimir Wladimirowitsch Majakowski.
Kein Zufall, daß Majakowskis Schauspiele auch zu Lebzeiten Stalins nicht zum Repertoire der DDR-Bühnen gehörten: Eben jenes Stück nämlich, dessen deutsche Premiere in der Ostberliner Volksbühne jetzt stattfand, die dramatische Satire "Das Schwitzbad", brachte nach seiner Moskauer Uraufführung im Jahre 1930 den Dichter Majakowski bei den Sowjetgewaltigen so sehr in Mißkredit, daß er bald danach den Tod wählte.
"Das Schwitzbad" ist wenig älter als dreißig Jahre. Majakowski, Enthusiast der bolschewistischen Oktober-Revolution des Jahres 1917 und von den Genossen seiner propagandistisch wirkungsvollen "Agitationsgedichte" wegen "der Trommler" genannt, hat das Stück gegen Ende der zwanziger Jahre konzipiert - als eine dramatische Sauna zur Reinigung der Funktionärskader.
"Die letzten Höflinge, die letzten Gutsbesitzer und die ultraroten Kapitalisten haben die Revolution verdorben", notierte der enttäuschte Enthusiast, wobei er sich unter "ultraroten Kapitalisten" Revolutionäre vorstellte, die im neuen Staat reich geworden waren. Zur Charakteristik seiner inzwischen arrivierten Parteigenossen wählte Majakowski die Worte, mit denen er zuvor gegen die "verfaulte Bourgeoisie" zu Felde gezogen war: "Ein Geschlecht animalischer Egoisten ist aufgekommen, das von unaufhaltsamem Streben nach Komfort und persönlichem Wohlergehen erfüllt ist."
Diese neue, ihm verhaßte Gesellschaftsklasse griff der permanente Revolutionär Wladimir Wladimirowitsch Majakowski in ungezählten satirischen Gedichten und in zwei Theaterstücken an - den Satiren "Die Wanze" und "Das Schwitzbad".
Ins Schwitzen kommen bei Majakowski eine Reihe von dogmatischen Funktionären, als der etwas schrullige Erfinder Tschudakow eine "Zeitmaschine" konstruiert, mit der man sich durch die Zukunft und durch die Vergangenheit bewegen kann. Gegen diese Maschine verbünden sich der Parteiveteran Pobjedonossikow ("Siegreich") - ein aufgeblasener, phrasendreschender, saturierter Bürokrat, der seine den Planapparat hemmende Macht genießt -, der Sekretär Optimistenko ("Zuversichtlich"), der Reporter Momentalnikow ("Schnell") und der Schlachtenmaler Belwedonski ("Schönfärber"). Nach der Inhaltsangabe des Autors stürzt zum Schluß die Zeitmaschine "mit Fünfjahresschritten vorwärts, reißt die Arbeiter mit sich und speit Pobjedonossikow und seinesgleichen aus".
Majakowski, der auch zwölf Jahre nach der bolschewistischen Machtergreifung in Rußland noch der revolutionäre Trommler geblieben war, als den ihn seine Genossen zuvor verehrt hatten, wollte mit der Satire vom "Schwitzbad" deutlich machen, daß in einer fortschrittsgläubigen Bewegung jedwede Bürokratisierung ein Anachronismus sei. Das Stück endet mit einer provokatorischen Frage. Einer der Bühnen-Funktionäre, der vermittels der Zeitmaschine einen Blick in die Zukunft werfen konnte und dadurch geläutert wurde, wendet sich an die Zuschauer: "Und Sie und ihr und der Autor, was wollt ihr damit sagen? Daß ich und solche wie ich für den Kommunismus wertlos sind?"
Die von der Partei gleichgeschaltete sowjetische Kritik hielt 1930 diese Frage für einen schlechten Scherz. Majakowskis "Schwitzbad", von dem revolutionären Regisseur Wsewolod Meyerhold inszeniert, mußte nach wenigen Aufführungen vom Spielplan verschwinden. Erst 1953, nach Stalins Tod, gelangte das Stück in Rußland - kabarettistisch inszeniert - wieder auf die Bühne.
Auf dem Weg über das Kabarett kam Majakowskis Satire jetzt nach Ostberlin. "Die Distel" und das kleine Studio"Theater im III. Stock" hatten vor gut einem Jahr einem kleinen Kreis von Interessenten Proben aus dem "Schwitzbad" geboten. Die boshaft-kritischen Sentenzen des russischen Dramatikers fanden bei vielen Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik so lebhaften Anklang, daß sich die Ostberliner "Volksbühne" den Wünschen nach einer Aufführung des ganzen Schauspiels nicht mehr länger verschließen konnte.
Allerdings fand die "Volksbühne" keinen geeigneten deutschen Regisseur, der es gewagt hätte, ein Stück des revolutionären, aber nicht als linientreu geltenden Dichters Majakowski zu inszenieren. Das Ostberliner Theater verschrieb sich deshalb den Regisseur Nikolaj Wassilitsch Petrow vom Moskauer "Puschkin-Theater" als Gast. Petrow, heißt es im Ostberliner Programmheft, "ist ein Schüler Stanislawskis, arbeitete mit Gordon Craig zusammen an dessen epochaler Moskauer ,Hamlet'-Inszenierung und war von 1910 bis 1917 Assistent sämtlicher Inszenierungen Meyerholds in Petersburg. Daneben ist er seit 1910 an der staatlichen Lunatscharski - Theater - Hochschule als Pädagoge tätig."
Tatsächlich brachte Petrow - in getreuer Anlehnung an seinen Meister Meyerhold"Das Schwitzbad" in Ostberlin 1959 so, wie Majakowski es 1930 bei der russischen Uraufführung gewollt hatte: als Provokation.
Petrows Inszenierung, die erste im Sinne Majakowskis seit Jahrzehnten, bekam in der "Volksbühne" etwa drei Dutzend Vorhänge. Auch die Spitzenfunktionäre, die gekommen waren, einen Großen der Revolution zu ehren, und versucht hatten, die für sie peinlichen Parkettstunden mit Würde durchzustehen, klatschten verhalten Beifall.
Dichter Majakowski (1929)
Die Zeitmaschine speit
Regisseur Petrow, Schauspielerin
Gegen Bürokratismus

DER SPIEGEL 7/1959
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