01.01.1959

BÜRGERMEISTERWAHLDünnebackes Rathaussieg

Der römisch-katholische Oberhirte der
Stadt Brilon im Hochsauerland, Propst Anton Dünnebacke, konnte unlängst - nicht ohne persönliche Genugtuung - seinem Erzbischof in Paderborn melden, daß in das sieben Jahrhunderte alte Rathaus der Gemeinde wieder christlicher Geist eingezogen sei: Der Stadtrat hatte soeben den populärsten Nachkriegs-Bürgermeister, den Kauf- und SPD-Mann Julius Drescher, abgewählt und durch einen eingeschworenen Christdemokraten ersetzt - den Volksschullehrer Josef Wolf.
Diesem - mit einer einzigen Stimme errungenen - Sieg über den "sozialistischen Einfluß in unserer christlichen Stadt" (so die christdemokratische "Westfalenpost") fiel freilich der Seelenfrieden der 12 000 Bürger Brilons zum Opfer. Der Sozialdemokrat Drescher avancierte zum lokalen Märtyrer, der neue Bürgermeister Wolf wird in den Gastwirtschaften der Stadt geschnitten; eine Protestkundgebung von Zentrum, FDP, BHE und SPD brachte 3500 Bürger auf die Beine, und die Nachtruhe in der abgelegenen einstigen Hansestadt erleidet durch Schmährufe und das Splittern von Fensterscheiben unliebsame Unterbrechungen.
Die vierschrötige Art, in der die aufgebrachten Westfälinger ihrem Unmut über die Abstimmung auf dem Rathaus Luft machen, ficht freilich den geistlichen Herrn Dünnebacke nicht an. Für die Proteste der Bevölkerung weiß er eine einfache Erklärung: "Der Pöbel ist schnell aufgeputscht."
Diese Deutung verträgt sich freilich schlecht mit der Tatsache, daß Brilon überwiegend von strenggläubigen Katholiken bewohnt wird; auch die protestantische Minderheit der Stadt im Hochsauerland läßt sich soziologisch kaum als "Pöbel" qualifizieren. Ehe der 52jährige Geistliche Mitte 1957 nach Brilon kam - er hatte erst die Fertigstellung des Pfarrhauses abgewartet -, waren schlafstörende Demonstrationen im Ort gänzlich unbekannt. Ein Menschenalter lang hatte sein Vorgänger, der Propst Franz Meyer, in Ruhe und Frieden gewirkt. Die Nachkriegsbürgermeister Brilons gehörten der CDU oder dem Zentrum an.
Ende 1956 jedoch hatte die CDU ihren Kredit verspielt und mit Julius Drescher wurde zum erstenmal ein Sozialdemokrat Bürgermeister. Einer der Gründe für den Stimmungsumschwung in der Bevölkerung ist darin zu sehen, daß sich die CDU bei den Kommunalwahlern zu stark ins Zeug gelegt und das katholische Zentrum durch die Kolportage der ebenso unbeweisbaren wie wirkungsvollen Parole "Wer Zentrum wählt, übt Verrat am Christentum" ins gegnerische Lager getrieben hatte.
Hinzu kam, daß die früheren CDU-Bürgermeister sich nicht in der Gunst der Bürgerschaft behaupten konnten, so etwa Wilhelm Schieferecken weil er alsbald seinen Bruder, einen Berufssoldaten, zum Stadtdirektor machte, und ein anderer, weil er ein - wenn auch nur aus Münster - Zugereister und damit ein "Buiterling" war. In Brilon, einstmals Westfalens Hauptstadt, gehört zum Vollbürger die Abstammung aus heimischem Geschlecht.
Vor allem störte es die Briloner, die untereinander auf Rechtschaffenheit sehen, daß die Christdemokraten vor den Kommunalwahlen eine besondere Art von Urkundenfälschung begingen. Während einer ihrer Kandidaten, der wegen seiner spitzen Zunge "Rebellenwirt" genannte Catétier Paul Starke, in Italien Urlaub machte, ließen sie dessen Zustimmungserklärungen zur Kandidatur von fremder Hand unterzeichnen. Als die Staatsanwaltschaft Ermittlungen anstellte, wurden die Zustimmungserklärurigen mit den gefälschten Unterschriften aus dem Rathaus entfernt und durch Dokumente mit echten Unterschriften ersetzt. Als Übeltäter stellte sich ein katholischer Volksschullehrer heraus, der wegen seiner biblischen Sprüche als "Epistel-Erich" bekannt ist; "Epistel-Erich" wurde gerichtlich belangt.
Die Strafe für die CDU folgte auf dem Fuße: Der 38jährige Sozialdemokrat Drescher wurde mit den 14 Stimmen von SPD, Zentrum, FDP und BHE gegen die 10 Stimmen der CDU auf den Sessel des Bürgermeisters gewählt.
So kam es, daß der Seelsorger Dünnebacke bei seinem Amtsantritt eine Situation vorfand, die von der "Westfalenpost" so geschildert wird: "In Brilon, dieser Stadt im christlichen Sauerland, in Brilon, dessen Bürger in bekanntem Selbstbewußtsein stolz sind auf ihre christliche Vergangenheit, die sich des heiligen Petrus als Schutzpatrons ihrer Stadt rühmen und der Kirche treu verbunden sind, in diesem unseren Brilon wollen Männer das kommunalpolitische Geschehen bestimmen, die als Kinder sozialistischen Geistes im Gegensatz stehen zum christlichen Charakter unserer Stadt."
Um jenem sozialistischen Geiste entgegenzuwirken, schloß Propst Dünnebacke erst einmal die christkatholischen Reihen dicht zusammen.
In der Propstei-Kirche führte er das ein, was man in Brilon einen "lauten Beichtstuhl" nennt. Säumige Gläubige rief er mit Vokabeln zur Ordnung, die mitunter kaum druckreif waren, die Disziplin aber um so mehr stärkten, als sie unter den Briloner Christenmenschen nicht ohne Folgen für den Ruf der Gerügten verbreitet wurden.
Am ersten Sonntag jeden Monats ging er selbst, inzwischen wegen einer dürftig ausgestatteten Tombola gelegentlich eines Pfarrfamilienfestes von freier gesinnten
Mitbürgern "Nieten-Anton" geheißen, mit dem Klingelbeutel in der Hand die Kirchenbänke ab, um Kollekte zu sammeln; einzelne Geschäftsleute machten es sich hierauf zur Gewohnheit, per Scheck zu zahlen.
Propst Dünnebacke ließ es nicht bei solch schönen Erfolgen auf dem Gebiete der Inneren Mission bewenden, sondern steckte sich alsbald höhere Ziele. Er war erst wenige Monate in seinem Amt, als er zum Abschluß der Fronleichnamsprozession von der Rathaustreppe aus verkündete, daß auch ins Rathaus christlicher Geist einziehen müsse.
Unterdessen bemühte sich der SPD -Bürgermeister Drescher, die Zufriedenheit aller Mitbürger zu erringen. Seine Frau betreibt in Brilons Bahnhofstraße ein Delikatessengeschäft, so daß sich Drescher ausschließlich dem Amte des Bürgermeisters widmen konnte. Von diesem Umstand waren die praktisch und ökonomisch denkenden Bürger ebenso beeindruckt wie von den Geldern, die Drescher zu Frommen seiner Stadt in Düsseldorf loseiste, wo er binnen kurzem - Drescher gelangte über die Landesliste der SPD in den Landtag - gute Beziehungen anknüpfte.
"Der Julius" verkörperte den Bürgermeistertyp, den sich Brilon offenbar wünscht. Er war von rechtem Briloner Geblüt, sprach das harte heimische Platt, trug an Ring und Krawattennadel Hirschzähne, wie es sich für einen Sohn der waldreichsten Stadt der Bundesrepublik gehört, und war zu jeder Zeit, auch sonntags früh, zu einem Schnack über persönliche Sorgen bereit.
Mit allen Mitteln versuchte die CDU, den jäh aufsteigenden Stern des Bürgermeisters Drescher zum Verblassen zu bringen. Als Propst Franz Meyer beerdigt wurde, setzte Drescher mehrere Male zu einem Nachruf am Grabe an: Vergebens - der Kirchenchor erwies sich als lautstärker. Die Grabrede holte Drescher dann auf der nächsten Ratssitzung nach, wo er gegen die Stimmen der CDU mit Erfolg beantragte, die Josefstraße - der Propst hatte dort gewohnt - nach dem verewigten Geistlichen zu benennen.
Dagegen gelang es den Christdemokraten, dem Julius Drescher den Ruhm vorzuenthalten, der in Gemeinden von der Größe Brilons mit der Grundsteinlegung eines neuen Krankenhauses verbunden zu sein pflegt. Nachdem die SPD sich Gutachten besorgt hatte, wonach das Krankenhaus zweckmäßigerweise "in der Helle", auf einer Gemarkung am Poppenberg, gebaut werden sollte, schlug die CDU durch den Volksschullehrer Wolf vor, das Krankenhaus am Kalvarienberg zu errichten. Da in Kampfabstimmungen beide Anträge verworfen wurden, bleibt Brilon vorerst ohne modernes Krankenhaus, obwohl Drescher bereits einen Landes-Zuschuß in Höhe von drei Millionen Mark erwirkt hatte.
In dieser Abstimmungsschlacht wäre die CDU um ein Haar unterlegen, weil ihr Fraktionskollege Wilhelm Schieferecke die Rathaustreppe hinuntergestürzt war und verletzt in einem Gelsenkirchener Krankenhaus lag. Als deshalb kurz darauf, nach Ablauf von Dreschers erster Amtszeit, der Bürgermeister wieder zur Wahl stand, holten die gewitzigten CDU-Funktionäre ihren Schieferecke mit dem Krankenwagen in die Heimatstadt.
Schieferecke wurde im Rollstuhl in den Sitzungssaal geschoben, nicht ohne auf dem Flur Lebenszeichen in Form fröhlicher "Töff-Töff"-Rufe von sich zu geben. Der sieche Schieferecke, der mit einer Stielbürste nervöse Juckreize bekämpfte, durfte den Volksschullehrer Wolf, 34, als Bürgermeister-Kandidaten der CDU vorschlagen.
Die erste Abstimmung Drescher-Wolf endete mit 12:12 unentschieden. Immerhin waren aus der Einheitsfront gegen die CDU zwei Zentrums-Abgeordnete ausgebrochen, darunter der Bauer Franz Jakobi, der vor zwei Jahren bei der Siegesfeier für den Bürgermeister Drescher einen überjahrigen Schinken gestiftet hatte.
Als die Wahl wiederholt wurde, fiel ein weiterer Zentrums-Abgeordneter um, jener Josef Schreckenberg, der ebenfalls vor zwei Jahren mitgeholfen hatte, Drescher in den Sattel zu heben und als Belohnung dafür stellvertretender Bürgermeister mit einem Monatssalär von 50 Mark geworden war.
Mit zehn Stimmen der CDU und drei Zentrums-Stimmen gegen elf Stimmen von SPD, FDP, BHE und Rest-Zentrum wurde Wolf zum neuen Bürgermeister gewählt, obwohl er ein "Buiterling", ein Fremdling, ist und obwohl er als Lehrer kaum Zeit für die Bürgermeisterei hat. Schreckenberg, dem die entscheidende Stimme zu danken war, erhielt seinen Lohn: Er wurde auch diesmal zum stellvertretenden Bürgermeister berufen.
Dem pensionierten Bahnbeamten Schrekkenberg war es zur späten Lebensaufgabe geworden, als Vizebürgermeister das Rathaus zu inspizieren. Sobald der Bürgermeister Drescher abwesend war, steckte Josef ("Nennt mich doch Sepp"), bisweilen noch nachts, an die Tür des Bürgermeisterzimmers über Dreschers Namensschild eine eigens gedruckte Karte: "Schreckenberg, Bürgermeister i. V."
Schreckenberg mußte den Ehrgeiz, im Briloner Rathaus zu wirken, hart büßen. Das Zentrum warf ihn wegen des "widerwärtigen Ränkespiels" bei der "inszenierten Abwahl des Bürgermeisters Drescher" aus der Partei, und selbst die christdemokratische "Westfalenpost" prophezeite ihm, daß er "seine politische Karriere sicherlich ohnehin bald an den Nagel hängen" könne.
Nächtens wird der "Verräter-Josef" von Sprechchören als "Judas Ischariot" geschmäht, während Wurfgeschosse die Fensterscheiben seiner Wohnung zertrümmern.
Wie weit Alt-Eisenbahner Schreckenberg diese Verfemung dem Propst Dünnebacke verdankt, läßt sich im einzelnen nicht mehr nachweisen. Jedenfalls steht fest, daß der geistliche Herr - er war bei der CDU -Siegesfeier im Kolpinghaus zugegen - mehrere Stadtratsmitglieder vor den Abstimmungen zu längeren Gesprächen aufsuchte und insbesondere den Josef Schrekkenberg daran erinnerte, daß es nun an ihm sei, sich zu entscheiden.
Schließlich blieb es dem Lehrer und CDU -Aktivisten Rosenkranz vorbehalten, bei der Protestversammlung der 3500 Briloner Bürger die Zusammenhänge zwischen dem geistlichen Rat des Propstes Dünnebacke und dem überraschenden Wahlausgang in taktvoller Weise zu bestätigen: "Wir sind der Meinung, daß ein Geistlicher als Vater der Gemeinde vor seinem Gewissen verpflichtet sein kann, zu den Dingen Stellung zu nehmen und zu reden. Wollen Sie unserem Herrn Propst das echte Gewissen absprechen?"
Der CDU-Mann Rosenkranz wurde von Tumult unterbrochen. Zwischenrufe ertönten. Darauf Rosenkranz: "Wenn er (der Propst Dünnebacke) vor seinem Gewissen fühlt, ich muß es, dann muß er es."
Am ersten Opfersonntag nach der Bürgermeisterwahl revanchierten sich Brilons Gläubige auf ihre Weise. Die Spenden für die Kollekte des Propstes Dünnebacke gingen um rund tausend Mark zurück.
Propst Dünnebacke
Fromme Gedanken auf der Rathaustreppe
Abgewählter SPD-Bürgermeister Drescher
Der Kirchenchor ...
... war lauter: Verfemter Vizebürgermeister Schreckenberg

DER SPIEGEL 1/1959
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