01.01.1959

NEPOTISMUSDas Ende der PaceIIis

Wie es das protokollarische Ritual erfordert, begaben sich in den vergangenen Wochen die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten in den Apostolischen Palast, um dem neugewählten Oberhaupt der katholischen Kirche ihre erste offizielle Aufwartung zu machen.
Der einzige diplomatische Repräsentant, der nicht um eine Audienz bei Johannes XXIII. nachsuchte, war der Gesandte Costa Ricas. Die mittelamerikanische Bananenrepublik hatte das Beglaubigungsschreiben ihres Vertreters nicht mehr erneuert, so daß er sich praktisch als bereits abberufen betrachten muß. Der bisherige Gesandte Costa Ricas beim Heiligen Stuhl ist Fürst Giulio Pacelli, der jüngste Neffe des verstorbenen Papstes Pius XII. Die Regierung von Costa Rica hat ihrem diplomatischen Vertreter allerdings ein Entgegenkommen erwiesen: Er darf das offizielle Datum seiner Demission selbst bestimmen.
Die Tatsache, daß ein Papst-Neffe, der nur nebenberuflich als diplomatischer Agent für Costa Rica tätig war, auch diplomatische Privilegien in Anspruch nehmen darf, hatte im April dieses Jahres in Italien zu heftigen Pressepolemiken geführt. Damals war bekanntgeworden, daß der italienische Finanzminister den Papst-Neffen Giulio Pacelli entgegen den Gesetzesbuchstaben von der Steuerpflicht befreit hatte*.
Im November hatte Finanzminister Preti dann auf Anfrage der Kommunisten im Parlament mitgeteilt, daß die Jahressteuer für Giulio Pacelli vor seiner Steuer-Immunität auf hundert Millionen Lire (rund 670 000 Mark) festgesetzt worden war. Vom Jahre 1959 an wird der costaricanische Ex-Diplomat nun wieder den lästigen Pflichten eines Steuerzahlers nachkommen müssen.
Giulio Pacelli wird zudem damit rechnen müssen, daß überdies seine Einnahmen künftig wesentlich geringer sein werden. Eine Anzahl von Gesellschaften, in deren Aufsichtsräten er als Vertrauensmann der vatikanischen Vermögensverwaltung sitzt, haben dem Fürsten bereits nahegelegt, auf den nächsten Hauptversammlungen, die nach dem Jahresabschluß 1958 einberufen werden, von seinen Posten zurückzutreten.
Auch für Fürst Carlo Pacelli, den älteren Bruder Giulios, bedeutete der Tod des päpstlichen Onkels das Ende einer einträglichen Karriere. Die vatikanischen Eminenzen konnten sich vorn ihm um so leichter trennen, als im Vatikanstaat mit dem Ableben eines Papstes automatisch nahezu sämtliche Würden verfallen: Carlo, der als Generalrat der Vatikanstadt und Berater der päpstlichen Vermögensverwaltung der wohl mächtigste Laie des Kirchenstaates war, verlor diese Ämter, als der Nachfolger seines Onkels, Johannes XXIII., sie nicht erneut bestätigte.
Carlo suchte daher nach dem Tode des Pacelli-Papstes sein Büro im Vatikan nur noch zweimal auf, um persönliche Schriftstücke abzuholen. Die Auswahl der Dokumente durfte er jedoch nur in Gegenwart des Konklave-Sekretärs Monsignore di Jorio vornehmen, den Johannes XXIII. unmittelbar nach seinem Amtsantritt zum Kardinal
ernannt hat. Kardinal di Jorio hielt es für angebracht, die vom Fürsten beanspruchten Papiere selbst genauestens zu überprüfen und eine Reihe davon zurückzubehalten. Den lebhaften Wortwechsel, der dieser Zensurmaßnahme folgte, soll di Jorio mit der Empfehlung beendet haben, Carlo Pacelli möge ein formelles Rücktrittsgesuch einreichen.
Nicht besser erging es dem dritten der Pacelli-Neffen, dem Fürsten Marcantonio, der wie seine Brüder zahlreiche Aufsichtsratspfründen an sich gezogen hatte. Die ersten, die ihn mit Nachdruck baten, aus den beiden größten italienischen Grundstückstrusts auszuscheiden, waren die auf dem Immobilienmarkt Italiens sehr aktiven Jesuiten. Sie machten ihm begreiflich, daß eine weitere Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen durch einen Pacelli nicht mehr zweckmäßig sei.
In den Maßnahmen gegen die Pacelli -Brüder manifestiert sich der Reformwille, unter dem das neue Pontifikat des dreiundzwanzigsten Johannes nach allgemeiner Überzeugung steht: Mit Betrübnis hatten die von Pius XII. kaum mehr zur Kirchenregierung hinzugezogenen Kurienkardinäle feststellen müssen, daß die Namen der drei Pacelli-Neffen in fast allen großen italienischen Finanzskandalen der Nachkriegszeit genannt wurden. Die katholische Kirche sah sich deshalb ständig heftigen Angriffen der links- und rechtsradikalen Parteien ausgesetzt und mußte befürchten, bei den Italienern in Mißkredit zu geraten.
Die antiklerikale Presse beschuldigte die drei Neffen des verstorbenen Papstes, ihre Vertrauensstellungen als Interessenvertreter des Vatikans für "skrupellose Geschäfte" mißbraucht zu haben. Als Urheber des "Geschäftsstils", durch den der Vatikan während des Pacelli-Pontifikats bei der internationalen Finanz einen recht dubiosen Ruf erlangt hatte, bezeichnet die römische Wochenschrift "Italia Domani" allerdings den New Yorker Kardinal Francis Spellman, der vor drei Jahrzehnten im päpstlichen Staatssekretariat seinen in der Kurie geradezu legendären Ruhm als Finanzgenie begründete und wesentlichen Anteil daran hat, daß der Vatikan heute wahrscheinlich der größte Aktienbesitzer der Erde ist.
Da man dem Kardinal Spellman aber nicht vorwerfen kann, sich persönlich bereichert zu haben, und es auch nicht zweckmäßig erscheint, den größten Geldgeber des Vatikans zu vergrämen, sind zur Zeit vor allem die drei Pacellis Zielscheibe des vatikanischen Unmuts. Der Kommandant der Päpstlichen Nobelgarde, Fürst Mario del Drago, trug der gewandelten Atmosphäre dadurch Rechnung, daß er den drei Brüdern nahelegte, vorläufig nicht mehr in der Nobelgarde Dienst zu tun, der sie als Offiziere angehören.
In dem Klima der allgemeinen Feindseligkeit bleibt den drei Pacellis als einziger Trost, daß sie nach dem fast zwanzigjährigen Pontifikat ihres Onkels über ein Vermögen verfügen, das insgesamt auf 18 Milliarden Lire (rund 120 Millionen Mark) geschätzt wird. Als reichster Pacelli gilt der jüngste Bruder, Giulio, der rund zehn Milliarden Lire (etwa 67 Millionen Mark) - vorwiegend im Ausland angelegt haben soll.
Zur gleichen Zeit, da die dem Vatikan nahestehenden Unternehmen sich von den Pacellis zu befreien suchten, trugen italienische Banken und Industriegesellschaften den Brüdern des gegenwärtigen Papstes, die als einfache Bauern bei Bergamo leben, Aufsichtsratsposten an. Als Johannes XXIII. davon erfuhr, verbot er seinen Verwandten strengstens, derartige Offerten anzunehmen.
* Nach dem Steuerrecht Italiens genießen dort nur nicht-italienische Diplomaten Steuerfreiheit, nicht jedoch italienische Staatsbürger, die nebenberuflich als "diplomatische Agenten" für dritte Staaten fungieren.
Papst-Neffe Giulio Pacelli
Verwickelt ...
Papst-Neffe Carlo Pacelli
... in alle Finanzskandale ...
Papst-Neffe Marcantonio Pacelli
... der Nachkriegszeit

DER SPIEGEL 1/1959
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