07.01.1959

VON DEM BACH-ZELEWSKIDie Toten stehen auf

Auf den Wink des vernehmenden Nürnberger Staatsanwalts Schiller holte ein Justizwachtmeister den Untersuchungshäftling Paul Zummach herein. Die Überrumpelung gelang vollkommen. Bis wenige Tage vor Weihnachten hatte der ehemalige SS-Obergruppenführer und General der Polizei Erich von dem Bach-Zelewski beharrlich geleugnet. Jetzt verlor er die Fassung: Er gestand seine Beteiligung an einem 24 Jahre zurückliegenden Mord.
Von dem Bach-Zelewski, den Hitler "einen der geschicktesten Menschen" genannt hatte, gab zu Protokoll, am 2. Juli 1934 beim sogenannten Röhmputsch auf eigene Faust die Erschießung des ostpreußischen Rittergutsbesitzers Anton von Hohberg und Buchwald befohlen zu haben. Zur Verblüffung des Vernehmers verzichtete er darauf, sich auf Befehlsnotstand zu berufen, obwohl ihm die Kriminalisten schwerlich hätten widerlegen können, wenn er etwa behauptet hätte, sein oberster Chef Himmler habe die Exekution angeordnet.
Aus Berlin sei ihm, so sagte der einstige SS-Oberabschnittsführer in Königsberg, lediglich die fernschriftliche Anweisung zugegangen, Anton von Hohberg festzunehmen.
Mit der Liquidierung Hohbergs, eines bekannten Turnierreiters, der in der SS den Rang eines Obersturmführers bekleidete, hatte von dem Bach seinerzeit einen inzwischen verstorbenen SS-Hauptsturmführer namens Deinhardt und eben jenen Paul Zummach, seinen Kraftfahrer, beauftragt, der nun in Nürnberg plötzlich vor ihm stand. Bach hatte Zummach für tot gehalten.
Schon 1952 und dann nochmals 1955 war wegen der Ermordung Hohbergs gegen Bach ermittelt worden. Beide Male mußte das Verfahren eingestellt werden. Inzwischen berichtete Zummach, den die Polizei nach jahrelanger vergeblicher Suche in Braunschweig aufgespürt hatte, wie er und Deinhardt im Auftrag Bachs 1934 den Rittergutsbesitzer aus einem Hotel in Königsberg holten, mit ihm nach Hohbergs Gut Dulzen bei Pr.-Eylau fuhren und den SS-Kameraden dort, im Arbeitszimmer, abknallten. Zummach: "Deinhardt hat zuerst geschossen. Ich schoß, als Hohberg bereits im Fallen war, um nicht als Feigling zu gelten."
Von Hohberg und Buchwald war der einzige SS-Führer, der im Juli 1934 beim Röhm-Massaker aus dem Wege geräumt wurde. Er hatte mit den SA-Rabauken der Alten Garde nichts zu schaffen. Die Hintergründe des Mordes sind ebenso undurchsichtig wie Charakter und Lebensweg von dem Bach-Zelewskis, der dem Opfer die Henker ins Hotelzimmer schickte. Der Nürnberger Oberstaatsanwalt mutmaßte: "Es kann ein persönlicher Racheakt gewesen sein."
Der hünenhaft gebaute, trotz seiner fast 60 Jahre sehr alerte Ex-General aber schweigt: "Die ganze Wahrheit werden Sie nie erfahren." Über alle anderen Stationen seines Lebensweges dagegen erzählt er ungehemmt. Dieser Lebensweg weist den zu Lauenburg in Pommern geborenen Bach als einen jener Landsknechte aus, wie sie die verkorkste deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in Scharen hervorbrachte. Es waren nicht immer die schlechtesten Charaktere, die sich mit der allgemeinen Misere ramponierter Ideale, beschädigter Ehrbegriffe und erschütterter Institutionen nicht abfinden wollten, sondern tatendurstig nach Fahnen Ausschau hielten, für die es wert schien, zu kämpfen und zu sterben, weil sie Neues versprachen oder Wiedererneuerung verhießen. Einer von ihnen war von dem Bach-Zelewski.
Wahres und Unwahres mischte sich in ihren Köpfen. Die Fetische der Nation verwirrten ihre Herzen. Vielen ging, obwohl sie von Haus aus als anständig gelten durften, in dem Chaos allzuschnell reifender Taten der Charakter verloren - bis schließlich ihnen und dem ganzen deutschen Volk der entfesselte Kleinbürger Adolf Hitler zum Erlöser und zum Schicksal wurde.
Mit 15 Jahren war von dem Bach in die königlich preußische Armee eingetreten, die gerade auszog, um den Ersten Weltkrieg zu gewinnen. Er wurde - noch nicht wahlberechtigt - Offizier und blieb es bis 1924. Schon damals, wie er sagt, "völkisch gesinnt", schlug er sich einige Jahre in Berlin als Taxichauffeur durch und mit Reichsbannerleuten herum. Dann erwarb er einen kleinen Hof im Kreis Landsberg/Warthe.
1930 schloß er sich der Partei des Führers an, ein Jahr später auch der SS und erklomm alsbald in schneller Folge die Rangstufen in Himmlers Haudegen-Verein: Schon 1932 wurde er SS-Oberführer (Oberst), und 1934 tauchte er in Königsberg auf, wo er auf den Gauleiter Koch stieß - und auf den Herrenreiter Anton von Hohberg und Buchwald.
Aus jener Zeit datiert die Feindschaft zwischen von dem Bach und Koch, dem gegenwärtig in Warschau der Prozeß gemacht wird. Koch läßt dabei keine Gelegenheit aus, Bach als den finstersten unter Himmlers Finsterlingen hinzustellen. Krähte Koch in den Warschauer Gerichtssaal: "Hatte ich (vor den Gegnern in der Partei) kapituliert, so ware Bach-Zelewski Gauleiter geworden, und dieser hätte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer Himmlers Politik durchgeführt."
Was immer man von den Post-festum-Tiraden des Erich Koch im Warschauer Gerichtssaal halten will, Tatsache ist, daß Koch und von dem Bach-Zelewski von dem Tage des Jahres 1934 an Todfeinde waren, an dem Bach die Führung des SS-Oberabschnitts Nordost in Königsberg übernahm. Der SS-Chef verbündete sich mit den Parteigruppen, die an Erich Kochs allzu flotten Lebensgewohnheiten Anstoß nahmen. Einer dieser Unzufriedenen war der Königsberger Stadtrat und Personaldezernent Paul Wolff.
Wolff opponierte insbesondere gegen den Brauch, völlig unfähigen "alten Kämpfern" Versorgungsposten in der Stadtverwaltung zuzuschustern und hatte sich darüber schon mehrfach bei Koch beschwert.
Als sich Koch jedoch unzugänglich zeigte, richtete der hartnäckige Wolff am 20. September 1935 eine Denkschrift von 75 Schreibmaschinenseiten an Adolf Hitler, Titel:
"Über die gesetzlosen Zustände im Gau Ostpreußen in Partei und Verwaltung unter der verantwortlichen Führung des Gauleiters und Oberpräsidenten Erich Koch."
Das war zuviel - am 21. November wurde Wolff zu Koch zitiert, der die Herausgabe der Durchschriften des Memorandums verlangte, offensichtlich, um den genauen Inhalt zu erfahren. Es kam zu einer Prügelei im Kampfzeitstil zwischen Koch, seinem Stellvertreter Großherr, seinem Adjutanten Reck und Oberbürgermeister Dr. Will auf der einen, Wolff auf der anderen Seite. Wolff unterlag der Übermacht, rückte aber die Kopien nicht heraus.
Ziemlich übel zugerichtet, flüchtete er zu Bach, der allgemein als Kochs Feind galt. Bach nahm den Wolff in Schutzhaft, ließ ihn vernehmen, ordnete eine polizeiärztliche Untersuchung Wolffs an und meldete den Vorfall fernschriftlich Himmler und Göring. Himmler erschien mit einer Untersuchungskommission in Königsberg.
In der Zwischenzeit hatte Bach Hunderte von Belastungszeugen gegen Koch gesammelt. Himmler ließ Koch am 26. November nach Berlin transportieren. Gleichzeitig wurde der Gauleiter aller seiner Ämter enthoben. Laut Paul Wolff kam Koch dann nach Groß-Lichterfelde, wo er erschossen werden sollte. Am 22. Dezember aber setzte Hitler seinen Koch wieder in die alte Machtfülle ein; Himmler sprach fortan nur noch von "diesem Schweinehund Koch".
Bach bekam - im Parteijargon ausgedrückt - ein Parteiverfahren an den Hals, in dem Heß sich für ihn verwandte, Göring aber gegen ihn war. Schließlich wurde er - am 15. Februar 1936 - als Führer des SS-Oberabschnitts Südost nach Breslau versetzt.
Es war ein Gefecht ohne Sieger und Besiegte. Daß der offene Anschlag gegen Koch für ihn so glimpflich ablief, führt Bach auf die Sympathien zurück, die er, Bach, als "Treuester aller Treuen" bei seinem Führer genossen habe.
Hitler erteilte dem treuen Bach auch Absolution in einer Sache, in der er sonst weniger rücksichtsvoll war: Bachs beide Schwestern hatten vor 1933 Juden geheiratet. Nach der Machtübernahme durch die Partei und ihren Bruder wanderten beide nach Südamerika aus. Dort leben sie heute noch mit ihren Männern: Wanda ist mit einem Geigenspieler namens Schwiff verheiratet, Ella mit einem Kaufmann namens Kohls. Bach behauptet, er habe aus diesem Grunde niemals Befehle zur Judenliquidation erhalten - man habe ihn schonen wollen, vielleicht habe er in diesem Punkte aber auch als nicht zuverlässig gegolten.
Im Kriege avancierte von dem Bach zum Chef der Bandenkampfverbände Ost. So fiel ihm schließlich - im Jahre 1944 - die Aufgabe zu, den Aufstand der nationalpolnischen Widerstandsorganisationen niederzuschlagen. Er entledigte sich seiner Aufgabe in einer Manier, für die ihm einige seiner Gegner später Hochachtung zollten. Wie es scheint, waren in der Brust des Landsknechts damals längst verschüttete Ideale von soldatischer Ritterlichkeit noch einmal lebendig geworden. Der Führer der Insurgenten, der polnische General Bor-Komorowski, bescheinigte ihm ausdrücklich Fairneß und Humanität; Komorowski kam nach der Kapitulation Warschaus in ehrenvolle Haft und emigrierte bei Kriegsende nach London.
In der Tat hatte sich Bach, als er in Warschau Kenntnis von Ausschreitungen ihm unterstellter Verbände - darunter die aus russischen Freiwilligen und deutschen Kriminellen gebildeten Brigaden Kaminski und Dirlewanger - erhielt, beim Chef des Generalstabs, Generaloberst Guderian, beschwert. Darüber Heinz Guderian in "Erinnerungen eines Soldaten":
"Mit der Niederwerfung des Aufstandes wurde der Reichsführer SS beauftragt, der seinerseits den SS-Gruppenführer von dem Bach-Zelewski und eine Anzahl SS- und Polizeiformationen hierzu einsetzte ... Von dem Bach selbst berichtete mir ... von den Ausschreitungen seiner Untergebenen, deren er nicht Herr zu werden vermochte. Was ich da erfuhr, war so haarsträubend, daß ich mich veranlaßt sah, noch am gleichen Abend Hitler darüber Vortrag zu halten und die Entfernung der beiden Brigaden von der Ostfront zu fordern." Aber einige Zeilen weiter gibt Guderian zu verstehen, wie er über von dem Bachs Rolle in Warschau dachte: "Nun blieb keine Wahl, als meinem Antrag (auf Abzug der Einheiten Kaminski und Dirlewanger) stattzugeben. Von dem Bach ließ vorsorglich Kaminski noch erschießen und beseitigte damit einen nicht einwandfreien Zeugen."
Dieser Bach, der heute jedem, der es hören will, unbefangen erklärt, er sei zu alt, um noch Demokrat zu werden, wurde 1945 von einem Wahrheits-Paroxysmus befallen, der ihm schließlich unter den Männern seiner Couleur den Ruf eines "Ehrenzeugen" des Nürnberger Internationalen Militär-Tribunals einbrachte. Er paradierte vor alliierten Richtern nicht als Angeklagter, sondern als gehätschelter Kronzeuge.
Den Amerikanern erschien Bachs Bekenntniswut als Läuterung, den einstigen Genossen und Genossinnen aber je nach Temperament als temporäres Irresein oder als Verrat. Sie schämten sich für ihn, oder sie verachteten ihn. Die Amerikaner aber ließen ihn seine Erfahrungen über die Bandenbekämpfung im Osten niederschreiben und zwischendurch im Zeugenstand gegen Generäle und SS-Führer die Schwurhand heben.
Vor dem Internationalen Tribunal in Nürnberg machte von dem Bach-Zelewski auch jene vielzitierte Aussage, die beinahe dazu geführt hätte, daß die gesamte deutsche Wehrmacht, soweit sie im Osten eingesetzt war, zur verbrecherischen Organisation erklärt wurde:
OBERST POKROWSKI (Sowjet-Anklagevertreter)*: Sie haben uns gesagt, daß die Deutschen die Absicht hotten, die slawische Bevölkerung zu vernichten und auf 30 Millionen zu reduzieren Wie kamen Sie auf diese Zahl und auf diesen Befehl?
VON DEM BACH-ZELEWSKI: Ich darf berichtigen, nicht auf 30 Millionen, sondern um 30 Millionen. Diese Zahl hat Himmler während seiner Rede auf der Wewelsburg genannt.
OBERST POKROWSKI: Bestätigen Sie, daß tatsächlich alle von den deutschen Befehlshabern und der Wehrmacht in den besetzten russischen Gebieten durchgeführten Maßnahmen nur auf den einen Zweck hinzielten, die slawische und jüdische Bevölkerung um 30 Millionen zu verringern?
VON DEM BACH-ZELEWSKI: Der Sinn ist mir nicht ganz klar. Ob die Wehrmacht gewußt hat, daß die slawische Bevölkerung um 30 Millionen verringert werden sollte? Mir war die Frage nicht ganz klar. Ich bitte, diese Frage noch einmal zu wiederholen.
OBERST POKROWSKI: Ich habe gefragt: Können Sie wirklich und wahrhaftig bestätigen, daß die von der Wehrmacht in den damals von den Deutschen besetzten Verwaltungsgebieten getroffenen Maßnahmen den Zweck hatten, die slawische und jüdische Bevölkerung um 30 Millionen zu verringern? Verstehen Sie die Frage jetzt?
VON DEM BACH-ZELEWSKI: Ich bin der Ansicht, daß diese Methoden wirklich zur Vernichtung von 30 Millionen geführt hätten, wenn sie so weiter fortgeführt worden wären und wenn nicht durch die Entwicklung der Lage sich die Situation ganz geändert hätte.
OBERST POKROWSKI: Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen zu stellen.
Damit hatte sich von dem Bach-Zelewski, dessen geprügelte SS-Kameraden den pfleglich behandelten Belastungszeugen ohnehin schon verfemt hatten, nun auch noch die kompakte Gegnerschaft der Wehrmacht-Generalität zugezogen. Er mochte seine Aussagen in gutem Glauben gemacht haben, die Wirkung war, jedenfalls was die Phalanx der deutschen Offiziere anlangt, für Bach die Ausstoßung.
Auch Hans Fritzsche, einst intelligentester Durchhalte-Prediger des Joseph Goebbels, später aufschlußreicher Kommentator der Kriegsverbrecher-Prozesse aus der Perspektive der Angeklagten-Bank, versäumte nicht, dem Auftreten des früheren SS-Obergruppenführers einige Absätze voll pittoresker Verachtung zu widmen:
"Am Ende der Vernehmung Bachs kam es zum ersten ernsthaften Zwischenfall des Prozesses. Der Zeuge wurde durch den halben Saal zur Mitteltür hinausgeführt. Er mußte dabei an der Ecke der Anklagebank vorbei, an der Göring saß. Als Bach diese Stelle passierte, richtete der Reichsmarschall sich auf und sagte: 'Schweinehund!' Er sprach ruhig und nicht erregt, aber so laut, daß es der ganze Saal hörte. Dem Geschmähten stieg das Blut zu Kopf, sein Fuß stockte. Aber er wandte den Kopf nicht und ging schweigend davon."
Dann gibt Fritzsche seinen Kommentar: "Das war der erste Fall, in welchem alle Angeklagten dem Reichsmarschall ihre Sympathie versicherten oder Dritten gegenüber zum Ausdruck brachten. Ich betone: Alle Angeklagten." Der fingerfertige Interpret von Fakten und Meinungen hatte auch eine Erklärung für Bachs Aussage zur Hand. Himmler habe, so rekonstruierte Fritzsche, bei dem von Bach erwähnten Gespräch auf der Wewelsburg vom kommenden Ostkrieg gesprochen und die möglichen Verluste beider Seiten berechnet, wobei er die Ausfälle der Russen angesichts ihres rigorosen Kampfwillens und im Hinblick auf Seuchen und Hungersnöte auf bis zu 30 Millionen schätzte.
Fritzsche: "Ich sah geradezu, wie sich in den Händen einer bedenkenlosen Anklage die biologische Rechnung Himmlers und die 30 Millionen von ihm vermuteten Opfer des Krieges - zu Opfern eines vorbedachten Mordes wandelten. Bach war nicht der Kerl dazu, das zu verhindern, denn das Wachs seiner Meinung, das früher NS -Stempel trug, empfing als vorläufig letzten Eindruck das Siegel der Anklage."
Die Historiographen der Waffen-SS wollten mit dem SS-Obergruppenfuhrer von dem Bach nichts mehr zu tun haben. Oberstgruppenführer (Generaloberst) Hausser, der in seinem kriegstagebuchartigen Bericht "Waffen-SS im Einsatz" jedes Kameraden lobend gedenkt, schweigt den Bach nach Möglichkeit tot, und wenn er ihn doch erwähnen muß, dann macht er aus dem SS-Mann den Polizisten Bach. Etwa so: "Da traf am 12. März (1944) der Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht ein, mit einer Kampfgruppe von etwa 4000 Mann sofort die Besatzung des festen Platzes Kowel zu verstärken. Diese zählte etwa 4000 Mann ... Kommandeur war der General der Polizei von dem Bach-Zelewski, der Führer der 'Bandenkampfverbände'. Er war jedoch seiner Aufgabe nicht gewachsen und hatte sich außerdem krank gemeldet."
Selbst den Höhepunkt der militärischen Laufbahn des SS-Obergruppenführers von dem Bach, die Pazifizierung des aufständischen Warschaus fast in Reichweite der Geschütze des Sowjetmarschalls Rokossowski, tut Hausser ab: "Der polnische Aufstand in Warschau, dicht hinter der Front der 9. Armee vom 1. August bis 2. Oktober 1944, kann hier übergangen werden, da Truppen der Waffen-SS an seiner Unterdrückung nicht beteiligt waren. Unter General der Polizei von dem Bach-Zelewski waren Sonderverbände wie die russische Freiwilligenbrigade Kaminski und deutsche Strafgefangene unter Dirlewanger sowie Polizeitruppen unter dem General der Polizei Reinefarth beteiligt."
Von dem Bach bestritt den Vandalismus seiner Truppen keineswegs, behauptete aber, er sei gegen den SS-Gruppenführer Reinefarth machtlos gewesen, der damals die eigentliche Kampftruppe in Warschau befehligte und heute als Abgeordneter im schleswig-holsteinischen Landtag sowie als Bürgermeister von Westerland auf Sylt am bundesrepublikanischen Aufbau mitarbeitet.
Der Vorgänge in Warschau wegen schickten die Polen eigens eine Vernehmungskommission nach Nürnberg, denn die Amerikaner hatten sich beharrlich geweigert, ihren tüchtigen Zeugen von dem Bach-Zelewski auszuliefern. Auch der Vernehmungskommission überließen sie ihn erst nach etlichem Hin und Her leihweise für einige Tage.
Damals - am 28. Januar 1946, zwischen 10.10 und 12.20 Uhr - machte von dem Bach jene von den Polen protokollierten Angaben, die später dem heutigen Bürgermeister Reinefarth so viel Ärger bereiten sollten:
Bei meiner Ankunft in Warschau habe ich festgestellt, daß man am Friedhof in Warschau die nicht kämpfende Bevölkerung sowie Frauen und Kinder zusammentrieb und daß die dem Reinefarth unterstellte Mannschaft diese wehrlose Zivilgruppe niedermachte. Als ich Reinefarth zur Rede stellte und sagte, daß diese Vorgänge gegen alle Vernunft und Menschenmoral verstoßen, hat sich Reinefarth auf den von Hitler und Himmler erteilten Befehl berufen ...: Alle Aufständischen sollten nach der Gefangennahme erschossen werden ...; der nichtkämpfende Teil der Bevölkerung wäre ohne Unterschied niederzumachen; die ganze Stadt sei dem Erdboden gleichzumachen.
Von dem Bach belastete dann noch den Zivilgouverneur von Warschau, Dr. Fischer, der von den Polen bald darauf hingerichtet wurde, und den Generalgouverneur Dr. Frank, den die Alliierten in Nürnberg henkten.
1949 wurde Bach schließlich aus dem Nürnberger Gefängnis entlassen. Nach zwei Jahren in verschiedenen Lagern diktierte ihm die Spruchkammer in Nürnberg 1951 nochmals zehn Jahre zu. Fünf wurden als verbüßt anerkannt, die anderen fünf hat er nicht mehr abgesessen - weil er nicht antrat. Bach damals: "Sollen sie mich doch holen, ich denke nicht daran, selbst hinzugehen." Sie holten ihn nie.
Bach fand mit seiner Familie Unterkunft in einem Kuhstall bei Nürnberg. Die Wandlungen, die sich in Westdeutschland zugetragen hatten, das nun die Europäische Verteidigungsgemeinschaft diskutierte, kamen ihm jetzt erst richtig zum Bewußtsein, ebenso wie die totale Ablehnung, die ihm von allen Seiten widerfuhr.
Obendrein mußte er in den Zeitungen lesen, welches Furore ein obskurer österreichischer Journalist namens Petermartin Bleibtreu mit der Behauptung machte, er, Bleibtreu, sei es gewesen, der 1946 im Plenarsaal des Nürnberger Justizpalastes dem Hermann Göring die Giftampulle zugespielt habe, die der ehemalige Reichsmarschall hernach zu seinem spektakulären Abgang von der Weltbühne benutzte.
Sei es, daß sich der SS-Obergruppenführer und ausgediente Kronzeuge bei seinen einstigen Freunden rehabilitieren wollte, sei es, daß es ihm um die historische Wahrheit ging: Im April 1951 erschien jedenfalls Erich von dem Bach-Zelewski vor dem amerikanischen Bezirksanwalt in Ansbach, William D. Canfield, und erklärte, der Petermartin Bleibtreu sei ein Schwindler: "Das Gift stammte von mir."
Der Amerikaner war skeptisch. Einen Tag lang nahm er den Bach ins Gebet, den Ausschlag für sein Urteil gab jedoch die chemotechnische Untersuchung im Nürnberger amerikanischen Labor. Bach-Zelewski hatte nämlich eine Giftampulle mitgebracht, aus der gleichen Serie, aus der er Hitlers ersten Paladin bedient hatte. Die Ampulle hatte dieselbe Glasstruktur wie die Splitter in Görings Mundhöhle, die seinerzeit analysiert worden waren. Canfield: "Ich bin geneigt, zu glauben, daß Ihre Erzählung stimmt."
Bach hatte die Ampullen von Arthur Nebe bekommen, dem Chef, des Reichskriminalpolizeiamts, der nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Als der Krieg zu Ende ging, erinnerte sich der gefährdete SS-Führer an die manische Hygiene-Leidenschaft der Amerikaner und überlegte, daß sie ihm eines bestimmt nicht wegnehmen würden: die Seife. Bach drückte also seine Ampullen in die Wehrmachtsseife und passierte mit seinem Waschbeutel ungeschoren alle Kontrollen, gab auch gelegentlich eine seiner Zyankali-Phiolen weiter und belieferte schließlich sein Zellen-Gegenüber im Hauptgang des Nürnberger Gefängnisses, Hermann Göring.
Zyankali-Besitzer Bach: "Unter den Wachmannschaften befanden sich Polen und Ukrainer, die noch wenige Monate zuvor unter mir zur Partisanenbekämpfung im Osten eingesetzt waren. Sie hatten mich in guter Erinnerung. Die Sache machte gar keine besonderen Schwierigkeiten."
Anklage erhob der Amerikaner jedoch nicht: "Beihilfe zum Selbstmord eines zum Tode Verurteilten - ich glaube, diesen verrückten Tatbestand können wir keinem Gericht zumuten. Nein, wir haben kein Interesse daran, diese Sache weiterzuverfolgen - wozu auch?" Man schrieb das Jahr 1951.
Bach wurde keines Prozesses gewürdigt, der ihn in den Augen eines Teils der deutschen Öffentlichkeit aufgewertet hätte. Er ging in seinen Kuhstall zurück - ein Mann, mit dem die Umwelt fertig war.
In Eckersmühlen, einem winzigen Bauerndorf südlich von Nürnberg, mietete er eine Zwei-Zimmer-Wohnung - für drei Personen. Frau Bach ist seit zehn Jahren gelähmt, der Sohn leidet an den Folgen einer spinalen Kinderlähmung und ist arbeitsunfähig. Der Alte bringt sie durch: als Nachtwächter in Nürnberg. Er arbeitet dort für den "Wach- und Kontrolldienst Carl Tauer" gewissermaßen in Akkord, denn er wird nach der Zahl der von ihm bewachten Objekte honoriert. Vor seiner Verhaftung waren es 56, die der Ex-Chef der Partisanenbekämpfung Nacht für Nacht mit seinem Moped abratterte - für netto etwa 400 Mark.
Bach resignierte: "Ich werde nie eine bessere Stelle bekommen, ich stehe auf der Schwarzen Liste und damit bin ich erledigt, ich darf gerade Nachtwächter sein."
Ein paarmal noch wurde der Nachtwächter aus Eckersmühlen als Zeuge vorgeladen, nunmehr von deutschen Gerichten. Er trat zurückhaltend auf, bemühte sich um Objektivität und darum, niemanden besonders zu belasten. Seine grundsätzlichen Aussagen in den großen Prozessen vor dem alliierten Militär-Tribunal aber widerrief er nicht.
Heute hat Nachtwächter Bach noch eine zusätzliche Erklärung für seine Aussage-Wut vor dem Nürnberger Tribunal, die er ursprünglich nur mit schierer Wahrheitsliebe begründet hatte. Mindestens ebenso lag Bachs Zeugen-Übersoll eine bäuerlich schlaue Rechnung zugrunde: "Was wollen Sie? Von meinen Partisanenkampf-Verbänden ist nicht ein einziger verurteilt worden, weil ich offen sprach."
Mit Bachs auf die Spitze getriebener Alte-Kameraden-Ethik erklären seine nicht eben zahlreichen Freunde sogar sein plötzliches Geständnis vor dem Staatsanwalt Schiller. Der Nachtwächter Bach sei bisher tatsächlich der Meinung gewesen, seinerzeit nur die Verhaftung des Gutsherrn Hohberg befohlen zu haben. Als aber plötzlich Zummach auftauchte, der sich mit der Behauptung verteidigte; Bach habe die Exekution ausdrücklich befohlen, da habe Bach zum Kameraden Zummach gestanden: "Wenn der Paul Zummach, den ich als anständigen Menschen kenne, das sagt, dann muß es wohl wahr sein."
Nun wird der General im Nachtwächterrang demnächst als Angeklagter vor dem Nürnberger Schwurgericht stehen und seine persönliche Auffassung von den Beziehungen zwischen nationalsozialistischer Weltanschauung und persönlicher Integrität darstellen müssen. Eine schwierige Aufgabe, zu der Sachkenner Fritzsche, etwas feuilletonistisch freilich, bemerkte:
"Erst in dem Wechsel zwischen vielen Oberherren in Berlin, Moskau und Nürnberg wurde mir klar, in wie hohem Grade das Wachstum aller menschlichen Anschauungen vom politischen Klima abhängig ist. Mir kam es oft so vor, als ob die Leute nur dann einen klaren Blick hätten, wenn ihnen der politische Wind im Rücken stand. Kehrten sie sich um, dann tränten die Augen, und sie waren blind. Zuerst löste diese Beobachtung eine tiefe Verachtung aus, die sich bei näherem Zusehen als ganz unbegründet erwies. Meinungen sind nun einmal bunte Fahnen, die hoch in den Wind der jeweils herrschenden Richtung gehalten werden. Ist die Brise genügend stark, dann stehen sie fest wie Bretter - bis zum nächsten Wetterwechsel."
Von dem Bach-Zelewski hat sich inzwischen um eine neue und, wie er hofft, dauerhafte ethische Grundlage bemüht. Er konvertierte zum katholischen Glauben.
* In der Nachmittagssitzung des 7. Januar 1946, nachdem der amerikanische Anklagevertreter, Oberst Taylor, seinen Zeugen von dem Bach-Zelewski vernommen hatte.
Nürnberg-Zeuge Bach-Zelewski
Die Henker kamen ins Hotel
Bach-Vernehmer Pokrowski
"Schweinehund", sagte...
Bach-Vernehmer Taylor
... der Reichsmarschall
Warschauer Aufstand 1944: Der Insurgenten-Chef bescheinigte...
... dem Gegner Fairneß: Gefangener polnischer General Komorowski (l.)
Gauleiter Koch
Prügel im Präsidium
Parlamentarier Reinefarth
Schüsse an der Friedhofsmauer
SS-General Bach (1944) mit polnischen Verwundeten: In der Seife Zyankali
Nachtwächter Bach (1958)
"Sollen sie mich doch holen!"

DER SPIEGEL 2/1959
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