07.01.1959

POCKENJagd nach den Tätern

Es gilt auch heute noch, was der gelehrte neapolitanische Kinderarzt Sarcone vor fast zweihundert Jahren schrieb: 'Die Krankheit trotzet noch heutzutage den Bemühungen der Ärzte, sie ist jetzo noch ebenso tückisch als zu den Zeiten der Araber, die uns die erste Beschreibung davon hinterließen'." Mit dieser historischen Reminiszenz schloß der Direktor der Bayerischen Landes-Impfanstalt, Professor Dr. Albert Herrlich, im Herbst vergangenen Jahres einen wissenschaftlichen Bericht über neue Erfahrungen mit der Krankheit, die unter Medizinern als "Variola", im Volksmund dagegen als "Pocken" bezeichnet wird.
Professor Herrlich war kurz zuvor von einer Informationsreise aus Indien zurückgekehrt, wo das Jahr 1958 sich "zu einem Pockenjahr entwickelt" hatte. Im benachbarten Pakistan, dem Herd der Epidemie, starben bis Anfang Juni 1958 rund 15 000 Pockenkranke. Die Forschungsreise nach Asien war lohnenden Studien gewidmet, die nach Auffassung des Impf-Experten Herrlich in Europa nicht gemacht werden können: "Ohne Zweifel gehören bei uns die großen Pockenseuchenzüge der Vergangenheit an. Versucht man im Impfkurs (an der Universität) eine Darstellung nach alten Berichten, so bleibt doch immer der Eindruck des Geschichtlichen und Unwirklichen."
Indes, schon wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Berichts wurde der Seuchenspezialist Herrlich nach Heidelberg gerufen; in der Neckar-Stadt waren Mitte des vergangenen Monats überraschend die Pocken ausgebrochen. Der Heidelberger Arzt Dr. Josef Krump, Anfang Dezember nach einer Reise durch die indischen Pockengebiete per Flugzeug an seine Wirkungsstätte, die Ludolf-Krehl-Klinik, zurückgekehrt, hatte den Pockenerreger, ein äußerst widerstandsfähiges Virus, eingeschleppt.
Schon Tage später konstatierte Dr. Krump bei sich einige Krankheitssymptome, aber noch ehe die Ärzte der Heidelberger Universitätsklinik erkannten, welcher Seuche sie sich unerwartet gegenüber sahen, waren bereits neun Menschen angesteckt: eine Sekretärin, ein Pförtner, eine Putzfrau, ein Krankenhaus-Friseur, eine Krankenhaus-Patientin, zwei Ärzte und zwei Ärztinnen.
Wie es geschehen konnte, daß ausgerechnet ein Arzt die Krankheit in ein Krankenhaus schleppte, ist bislang noch ungeklärt. Aber schon jetzt sehen sich Dr. Krumps Kollegen dem Vorwurf ausgesetzt, daß sie die gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahmen für einen Pockenfall in der Ludolf-Krehl -Klinik anfangs nicht mit der erforderlichen Strenge durchsetzten.
Nachdem die Beschwerden des Dr. Krump einwandfrei als Pockensymptome erkannt waren, wurden bestimmte Bewohner des Stadtteils Kirchheim durch Lautsprecherwagen der Polizei zur Schutzimpfung aufgefordert diejenigen Bürger nämlich, die in den vorangegangenen Tagen mit der Putzfrau des Dr. Krump, mit deren Mann oder den drei Kindern zusammengekommen waren.
Über die Ludolf-Krehl-Klinik wurde alsbald Quarantäne verhängt - 416 Personen verbrachten die Weihnachtsfeiertage im Krankenhaus -, und in zwei weiteren Quarantänestationen blieben 70 Personen isoliert, die mit dem infizierten Krankenhaus-Friseur Kontakt gehabt hatten. Aber offensichtlich überwachten die Ärzte die Quarantäne-Maßnahmen nicht mit der gebotenen Schärfe: Sie vermochten nicht zu verhindern, daß sich durch die Fenster des isolierten Krankenhauses ein lebhafter Handel entwickelte, der den Vorschriften strikt zuwiderlief.
Die rigorose Isolierung von Pockenkranken gilt nämlich als einzige Methode, die Ausbreitung der immer noch lebensgefährlichen Krankheit zu verhindern. Das Variola-Virus kann durch winzige Speicheltröpfchen oder Staubpartikel, aber auch schon beim Berühren der Kleidungsstücke eines Pockenkranken übertragen werden. Selbst Personen, die nicht (oder noch nicht) erkennbar pockenkrank sind, können die Krankheitserreger verschleppen.
Daß die gesetzlich vorgeschriebene Schutzimpfung, der sich der größte Teil der deutschen Bevölkerung - in Hamburg zum Beispiel 80 Prozent - im Kindesalter unterzogen hat, nicht unbedingt vor einer Infektion schützt, erwies sich auch in Heidelberg. Dort erkrankten mehrere Personen, deren Impfscheine den amtlichen Vermerk trugen: "Erfolgreich gegen Pocken geimpft."
Bei der Pockenschutzimpfung werden dem menschlichen Körper abgeschwächte Pockenerreger einverleibt. Der Geimpfte durchlebt eine harmlose Form der Krankheit, wobei sich in seinem Körper Abwehrstoffe gegen die Pocken bilden, die sogenannten Antikörper.
Die Wirksamkeit der Abwehrstoffe ist jedoch entsprechend der Disposition eines jeden Impflings verschieden, so daß - wie auch bei anderen Schutzimpfungen, etwa gegen Keuchhusten, Typhus oder Kinderlähmung - die Impfung allein keine Garantie gegen Infektionen bietet. Deutsche Ärzte schätzen, daß dennoch die überwiegende Mehrzahl der Geimpften nach zweimaliger erfolgreicher Pockenimpfung etwa sieben bis zehn Jahre lang gegen die Pocken immun ist. Die Weltgesundheits -Organisation empfiehlt allerdings im internationalen Reiseverkehr, besonders bei Fahrten in Pockengebiete, Schutzimpfungen im Abstand von jeweils drei Jahren. Erkrankt jemand an den Pocken, obwohl er schutzgeimpft worden ist, erleidet er gewöhnlich eine mehr oder weniger abgeschwächte Form der Krankheit, die von den Medizinern "Variolois" genannt wird.
Die Ärzte bewerten die Pockenimpfungen deshalb nicht so sehr nach dem Erfolg im Einzelfalle. Der Wert der Impfungen liegt ihrer Ansicht nach darin, daß ganze Bevölkerungsgruppen vor einer Epidemie geschützt werden. Und die Erfahrungen haben tatsächlich die Auffassung bestätigt, daß Pocken-Epidemien nicht mehr auftreten, wenn ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung (nach statistischen Berechnungen: mindestens 65 bis 70 Prozent) zweimal erfolgreich geimpft worden ist.
Obgleich also eine Pocken-Infektion im Einzelfalle noch immer lebensgefährlich verlaufen kann, ließen die isolierten Insassen des Krehl-Krankenhauses zu Heidelberg an Schnüren Geld auf die Straße hinab. Es wurde von Kindern entgegengenommen, die den Kranken Zigaretten und andere Genußmittel beschafften. Mittels Schnur zogen die Insassen der Isolierstation die Handelsware dann wieder durch die Fenster.
Heidelberger Zeitungen berichteten später gar von einer "Belagerung" der Klinik und von "ständigem Händeschütteln" zwischen Personal, Patienten und Zaungästen. Am Heiligabend, gegen 15 Uhr, zogen Polizeibeamte endlich einen Absperrkordon um die Quarantänestation. Aber die Bevölkerung versuchte am folgenden 1. Weihnachtsfeiertag erneut mit den Insassen des Krankenhauses Kontakt herzustellen, so daß die Blockade nur noch mit Hilfe herbeigerufener Sonderkommandos der Polizei aufrechterhalten werden konnte.
Mit wesentlich geringerem Aufwand hat demgegenüber die Hamburger Gesundheitsbehörde bewiesen, daß durch rigorose Schutzmaßnahmen, die alle gefährlichen Kontakte der verdächtigen Personen ausschließen, die Pockengefahr kurzfristig gebannt werden kann. Professor Herrlich schrieb über den Hamburger Pockenfall, der sich im Frühsommer 1957 ereignete, in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift": "Durch die rasche Erfassung und Isolierung des Kranken (der sich bei Ingenieurarbeiten in Pakistan und Indien infiziert hatte) wurde eine ... Verbreitung des Erregers verhindert... Dies ist ohne Zweifel in erster Linie den ... beteiligten Hamburger Stellen zu danken."
Nachdem sich die Diagnose auf Pocken
bestätigt hatte, leitete die Hamburger Gesündheitsbehörde, vor allem die Landes -Impfanstalt, sofort eine Jagd nach allen Personen ein, die mit dem Virusträger in der Zeit zwischen seiner Ankunft und seinei Einlieferung ins Hospital in Berührung gekommen waren, um sie - wie der Epidemiologe Dr. Seelemann später berichtete - unverzüglich "zu isolieren, zu impfen und .... zu beobachten".
Die Hamburger meldeten zudem den Seuchenfall nach London, wo der Pockenkranke tagelang in einem Hotel gewohnt hatte, und an die Fluggesellschaft KLM, mit der er nach Hamburg geflogen war. Die Fluggesellschaft, bemängelte Dr. Seelemann, "gab an, daß es nicht möglich sei, die Passagiere zu erfassen, die mit dem Patienten in der gleichen Maschine geflogen waren ... Es ist immerhin möglich, daß die Gesellschaft aus Prestigegründen nicht daran interessiert ist, ihre Fluggäste durch Mitteilungen über Infektionsgefahren in ihren Maschinen zu beunruhigen ..."
In ihrem eigenen Amtsbereich gelang es den Hamburger Seuchenärzten jedoch, die Spur des Virusträgers lückenlos zu rekonstruieren. Acht Menschen, die mit dem Pockenkranken zusammengewesen waren, wurden aufgespürt und geimpft. Über einen Freund und über die Ehefrau des Pockenkranken, Geschäftsführerin einer Zeitschriftenzentrale, wurde ein befristetes "Berufsverbot" verhängt. Professor Herrlich lobte: "Meines Wissens (ist das) einer der wenigen Fälle in Europa, in dem nach einer Pocken-Einschleppung nicht mehrere Kontaktinfektionen nachfolgten."
Das Netz, das die Hamburger Ärzte unverzüglich um den Virusträger und alle Verdächtigen gezögen hatten, war so engmaschig, daß die Mediziner der Hansestadt - im Gegensatz zu den Heidelberger Ärzten - es sich leisten konnten, den Vorfall geheimzuhalten. Erst ein Jahr später erfuhr die Hamburger Bevölkerung, daß die Pocken in ihre Stadt eingeschleppte worden waren.
Pocken-Impfung in Heidelberg: Viren durchs Fenster?

DER SPIEGEL 2/1959
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