07.01.1959

WERFELFuttersuche

Vorsorglich zitierte der Programmzettel
des Wiener "Theaters in der Josefstadt" eine Bemerkung des Berliner Theaterkritikers Friedrich Luft: "Die Bühne, wird sie nicht direkt beliefert, hat das Recht, sich ihr Futter zu suchen, wo sie es findet."
Sein Futter für die letzte Premiere des vergangenen Jahres hatte sich das Wiener Theater bei einem der erfolgreichsten Nachkriegsbücher gesucht: bei dem Roman "Das Lied von Bernadette" von Franz Werfel (1890 bis 1945), einer Schilderung des Bauernmädchens Bernadette Soubirous, das nach dem Glauben zahlreicher Wallfahrer in Lourdes achtzehn Marien-Erscheinungen hatte. Der Roman, der bereits vor fünfzehn Jahren als Vorlage für einen Hollywood-Film (mit Jennifer Jones in der Titelrolle) und später auch für Rundfunk-Hörspiele herhalten mußte, war von einem Bearbeiter, der das Pseudonym Richard Miller, benutzt, in eine "szenische Ballade in elf Bildern" verwandelt worden.
Der Roman "Das Lied von Bernadette" verdankt seine Entstehung einem Gelübde, das Franz Werfel im Sommer 1940 auf der Flucht vor den Deutschen in Lourdes ablegte: "Werde ich herausgeführt aus dieser verzweifelten Lage und darf die rettende Küste Amerikas erreichen ..., dann will ich als erstes vor jeder anderen Arbeit das Lied der Bernadette singen ..."
Werfel, Autor mehrerer erfolgreicher Theaterstücke ("Der Spiegelmensch", "Jakobowsky und der Oberst"), hatte für sein Thema gewiß nicht zufällig die Romanform gewählt: "Ein epischer Gesang kann in unserer Epoche nur die Form eines Romans annehmen", erläuterte er im Vorwort.
Richard Millers Bühnen-Bearbeitung des Romans bewies denn auch, daß Werfel seinen Stoff richtig eingeschätzt hatte: Auf der Bühne konnten die wesentlichen Passagen der Romanhandlung nicht dargestellt, sondern nur berichtet werden. Die "Ballade" beginnt mit einer Elendsszene bei Familie Soubirous, wobei herauskommt, daß Bernadette in einer Grotte eine "schöne Dame" gesehen habe; der trinkfreudige Vater nennt seine Tochter dafür "Phantastin" und will sie prügeln. Abrupt führt das nächste Bild in die Büroräume des Staatsanwalts; wo es am Ende eines langwierigen Behördengesprächs der Bernadette beinahe gelingt, die Obrigkeit zubekehren.
In den folgenden Szenen überzeugt Bernadette jedenfalls den Dechanten Peyramale, der anfangs das extravagante Bauernmädchen des geheimen Einverständnisses mit Frömmlerinnen verdächtigt hatte. Die weiteren Bilder erschöpften sich in Gesprächen und Beratungen: Bernadette wird für "auserwählt" erklärt und soll endlich Nonne werden.
Am Ende erlebt die sterbende Bernadette auf der Bühne eine - für den Zuschauer allerdings unsichtbare - Vision. Ihr Gönner, Dechant Peyramale, steht segnend dabei, während die letzte Ungläubige, Bernadettes alte Religionslehrerin Vauzous, auf die Knie fällt.
Der Applaus verringerte sich von Bild zu Bild. Als Bernadette, dargestellt von dem Griechen-Sternchen Chariklia Baxevanos, dem Tode die Arme entgegenbreitete und Schwester Marie Thrérèse Vauzous (Helene Thimig) das "Ave Maria" bis zum Ende rezitierte, gab es im Theater ungeduldige Unruhe. Der eiserne Vorhang sank, ohne daß die sechzehn Darsteller sich noch einmal hätten zeigend müssen: Schlußbeifall kam nicht auf.
Ungeniert von der Tatsache, daß als folgende Premiere im Josefstädter Theater der von ihm verfaßte Schwank "Das wissen die Götter" angesetzt war, äußerte der Wiener Starkritiker Hans Weigel seinen Unmut über die Darbietung. Er leitete seine Kritik mit einem Goethe-Zitat ein, das Eckermann überliefert hat: "Wenn du beten willst, steht geschrieben, so gehe in dein Kämmerlein und schleuß die Türe hinter dir zu: Aber auf dem Theater soll man nicht beten."
Seiner Rezension gab Weigel die Überschrift: "Das Wunder ist des Millers Lust."
Szenenbild "Lied von Bernadette"*: Schließ die Tür zu
* Von links Helene Thimig, Chariklia Baxevanos, Jochen Brockmann.

DER SPIEGEL 2/1959
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