14.01.1959

MANSTEINIn Treue kess

Der selbstgefälligste Autobiograph unter den deutschen Militärs - Generalfeldmarschall Erich, geborener von Lewinski, adoptierter von Manstein - hat mit seinen Memoiren* einen Effekt provoziert, den militärische Memoirenschreiber in Deutschland, die gemeinhin ihre Mit- und Gegenspieler wie sich selber zu schonen pflegen, nach eben dieser Regel sonst vermeiden.
Mit dem ersten Memoirenband ("Verlorene Siege"), in dem der Verfasser sich ungeniert als unfehlbaren Feldherrn präsentiert, hat Manstein seine Generalskollegen aus der großdeutschen Wehrmacht gegen sich aufgebracht. Der zweite Band ("Aus einem Soldatenleben"), in dem Manstein allzu naiv die durchaus verfassungswidrigen "Gedanken und Gefühle eines Reichswehroffiziers" memoriert, hat die Wehrdemokraten des Deutschen Bundestages erschreckt.
Gegen den ersten Band, der vor drei Jahren erschien, polemisieren seither die Berufskonkurrenten des Autors in einer nach außen abgeschirmten, hinter den Kulissen schonungslos geführten Flüsterkampagne: Manstein habe seine eigenen Führungskünste über Gebühr hervorgekehrt, und zwar auf Kosten der Generale, die im Kriege rechts oder links von Mansteins Abschnitt führten - geradeso, wie Manstein schon damals bei seinen Führungsentschlüssen auf seine Nachbarn kaum Rücksicht genommen habe.
Mansteins "Verlorene Siege" - eine Art Lehrbuch der Operationen - schlugen schon deshalb ein, weil kaum einer der Befehlshaber, Kommandierenden Generale und Stabschefs, mit denen der Verfasser zu Kriegszeiten in Berührung gekommen war, in dem Buch ungeschoren bleibt. Andere Zielfiguren der Kritik Mansteins, allen voran der Heeres-Generalstabschef Halder, werden sogar betont unfreundlich behandelt. Es haftet der Eindruck: Alle haben Fehler gemacht, nur Manstein nicht.
Mansteins Kritiker hingegen halten sich an das Urteil Hitlers aus dem Jahre 1944: "Manstein ist vielleicht der beste Kopf, den der Generalstab hervorgebracht hat. Aber er kann nur mit frischen, guten Divisionen operieren, nicht mit den Trümmern, über die wir jetzt nur noch verfügen." In der Tat fehlte es Manstein kaum jemals an brillanten Ideen für die Führung des Korps, der Armee und der Heeresgruppe, die er nacheinander befehligte. Doch krankten seine Operationspläne meistens daran, daß er für sie mehr Divisionen benötigte, als er hatte.
Seit der zweite Memoirenband Mansteins ("Aus einem Soldatenleben") unlängst herausgekommen ist, fürchten die Bonner Wehrparlamentarier, die Offiziere der Bundeswehr - die Manstein wie ein Idol verehren - könnten in ihrer Verfassungstreue zur Bundesrepublik schwanken, falls sie Mansteins Erkenntnisse aus der Verfassungsgeschichte Weimars und Hitlers für bare Münze nehmen.
Hinzu kommt, daß Manstein die militärorganisatorischen und militärtechnischen Probleme der Reichswehr-Zeit und der ersten Wehrmachts-Jahre ziemlich oberflächlich abhandelt, ohne Details zu bieten, die ihm unzweifelhaft bekannt sind und derer er sich sonst, beispielsweise in den Berichten über seine Auslandsreisen, auch durchaus zu erinnern vermag (siehe S. 29).
In auffälligem Kontrast zu seinem fast immer penetranten Selbstbewußtsein gesteht Manstein am Ende seines "Soldatenlebens", bei den interessantesten verfassungsgeschichtlichen Ereignissen habe er als einer, der mal an der Peripherie, mal im Zentrum mitspielte, meistens nicht mehr erkannt als "die Masse der Zeitgenossen". Dennoch unternimmt er es, jene Ereignisse zu deuten, und zwar in der Manier eines Historikers, aber ohne dessen Sorgfalt und ohne intellektuellen Mut. Das Resultat entspricht zwar dem Wahlspruch Mansteins: "In Treue fest", aber nicht der historischen Wahrheit.
Als der Berliner Reichswehr-Gruppenbefehlshaber von Lüttwitz im März 1920 laut - Manstein "aus patriotischen Motiven" - gegen die Reichsregierung putschte, verlangten Reichswehrminister Noske und der Chef der Heeresleitung Reinhardt, daß Reichswehr-Soldaten auf die Reichswehr-Putschisten schössen. Der Chef des Truppenamtes (Generalstabes) von Seeckt dagegen weigerte sich und ging vorsichtshalber nach Hause, ohne sich für die eine oder andere Seite entschieden zu haben. Seine Devise: "Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr, sonst wäre alle Kameradschaft im Offizierskorps dahin."
Memoirenschreiber Manstein, der damals als Hauptmann im Reichswehr-Gruppenkommando Kassel Generalstabsdienst verrichtete, rechtfertigt heute die Haltung Seeckts und dessen militärisches l'art pour - l'art - Prinzip, das den Zusammenhalt der Truppe höher wertet als den Bestand des Verfassungsstaates.
Nichtsdestoweniger empört sich Manstein über die "zynische Frage", die Vertreter der Weimarer Parteien (SPD, Zentrum und Demokraten) an seinen ratlosen Kasseler Gruppenbefehlshaber richteten: "Herr General, Sie wollen wohl warten, auf welche Seite Sie fallen sollen?"
Dagegen Manstein: "Der Soldat konnte die Flut der verallgemeinernden Beschimpfungen über einen Rechts- und Treuebruch der Reichswehr nicht als gerechtfertigt ansehen. Hatten doch diejenigen, die jetzt am lautesten gegen diesen Rechts- und Treuebruch wetterten, vor knapp anderthalb Jahren ihrerseits - und zwar unter Ausnützung der Kriegsnotlage des Landes - sich ebenfalls des Mittels der Revolution bedient, um ihre politischen Ziele durchzusetzen..
Mit anderen Worten: Manstein, der sich aus freien Stücken einem Staat verdingte, der kein verfassungspolitisch neutrales Gebilde, sondern eine parlamentarisch regierte Republik war, mokiert sich noch heute über das Gehorsamsgebot der Republikaner, weil sie die Republik und deren Verfassung - auf die Manstein geschworen hat - durch den Akt einer Revolution geschaffen hatten.
Konsequenterweise begreift Manstein nicht, "mit welchem Recht die Soldaten (1934) die Ablegung des von ihnen geforderten Eides (auf Hitler) hätten verweigern können". Daß sie mit dem Hitler-Eid "bei Gott" das Gegenteil dessen beschworen, was sie mit dem Verfassungs-Eid ebenfalls "bei Gott" gelobt hatten, blieb in der Tat fast allen "unpolitisch (auf gut deutsch: konservativ, antiliberal, verfassungsfeindlich) erzogenen Reichswehr-Offizieren" verborgen. Dies, obgleich Hitler wenige Wochen vor dem Eid - gelegentlich des sogenannten Röhm-Putsches - seine Verfassungswirklichkeit hinreichend klar manifestiert hatte.
An einer sozial bemerkenswerten Nuance in seiner Röhm-Putsch-Geschichte tritt Mansteins streng differenzierendes Rechtsbewußtsein zutage: Die SA-Führer werden "erschossen", die Generale von Schleicher und von Bredow "ermordet".
Mit solcherart ausgewogenem Rechtsgefühl reagiert Manstein auch auf die Fritsch-Affäre. Als Hitler den Heeres-Generalen, unter ihnen Manstein, eröffnete, daß der Heeres-Oberbefehlshaber von Fritsch der Homosexualität verdächtigt werde, "trieb mein Gefühl mich dazu, ihm (dem Führer) den Degen vor die Füße zu werfen. Ich habe es - leider - nicht getan und muß diese Unterlassung bedauern".
Kein Wort des Bedauerns verliert Manstein darüber, daß Hitler später den Zeugen, der Fritsch vermutlich auf Himmlers oder Görings Betreiben zu Unrecht beschuldigt hatte, kurzerhand erschießen ließ - als ob die wissentlich falsche Anschuldigung, für die das Strafgesetz äußerstenfalls Zuchthaus vorschreibt, nur mit dem Tod angemessen gesühnt werden könnte, wenn sie gegen einen General gerichtet war.
Manstein schließt seine Reflexionen "aus einem Soldatenleben" mit der Floskel, "die selbstlose Hingabe an den Dienst möge das vornehmste Vermächtnis sein, das die Reichswehr der jungen Bundeswehr und - so Gott gebe - in nicht zu ferner Zeit auch den Soldaten eines wiedervereinigten Deutschland hinterlassen hat".
Die Bonner Wehrdemokraten halten es für geboten, daß Offizierschulen und Führungsakademie der Bundeswehr den Fahnenjunkern und Generalstabs-Aspiranten an Mansteins zweitem Memoirenband demonstrieren, warum die Bundeswehr auf Reichswehr-Tradition verzichten sollte.
* Erich von Manstein: "Verlorene Siege"; 1955; 664 Selten; 22 Mark. "Aus einem Soldatenleben"; 1958; 359 Seiten; 20 Mark; beide Bücher im Athenäum-Verlag, Bonn.
Soldat Manstein
Bei Gott, drei Eide

DER SPIEGEL 3/1959
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