21.01.1959

PHOTOGRAPHIE / RUHRGEBIETMit Rauchblende

Der Lichtbildner Karl Hargesheimer - Künstlername: Chargesheimer ("Ich habe keinen Vornamen") - durfte vergangenen Freitag im Saalbau der Stadt Essen an einer jener glanzvollen Veranstaltungen teilnehmen, in denen sich die Manager des Ruhrgebiets nicht ungern über den kohlenstaubbehafteten Alltag erheben. Die Einladung zum repräsentativen Jahresempfang in der "Einkaufsstadt" Essen verdankten der Kölner Photograph und der ebenfalls gebetene Schriftsteller Heinrich Böll (der nicht erschien) einem Bildband* über das Ruhrgebiet, zu dem Chargesheimer die Photos und Böll die Texte geliefert hatte.
Die zwei Kölner haben bei den Vorarbeiten zu diesem Band das Land an der Ruhr nicht durch die Hornbrillen der Ruhrherren gesehen, sondern eher nach malerischen, aber auch nach sozialkritischen Effekten gesucht. Diese Betrachtungsweise war den beiden vornehmlich von dem Essener Oberbürgermeister Wilhelm Nieswandt verargt worden: Der Neon-Lichterglanz des Festes sollte die ungebärdigen Autoren eines Bessern belehren.
Auf mehreren Reisen hatte Chargesheimer zwischen März und September 1957 das Ruhrgebiet erforscht - per Moped, weil ihm zu jener Zeit vorübergehend der Führerschein fehlte. Was der rheinische Photograph von seinem Moped aus gesehen und in Schwarz-Weiß-Bildern fixiert hat, verschaffte ihm den beinah ungeteilten Beifall der westdeutschen Rezensenten. Karl Korn ("Frankfurter Allgemeine") prophezeite, der Name Chargesheimer habe Chancen, zu einem Begriff zu werden: "Chargesheimer lügt nicht. Er hat den Mut zur Wahrheit... Man fühlt sich mit einem Dante der Kamera konfrontiert." Korn schloß: "Solche Bilder sind eine kulturpolitische Tat."
Chargesheimer, ein hochgeschossener Dreißiger, hat bisher zwei Bildbände über seine Heimatstadt Köln herausgebracht - eine Reportage über die Straße "Unter Krahnenbäumen" und das Buch "Cologne intime", das in der Zeitung "Die Welt" als "der beste Bildband des Jahres" gelobt wurde. Von Chargesheimer stammt auch jenes vom Bundeskanzler genehmigte Adenauer-Photo, das im Wahljahr 1957 von dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (37/1957) als Titelbild reproduziert wurde.
Bei seinem Photobericht von der Ruhr hat sich der Photograph (der gegenwärtig ein Berlin-Buch vorbereitet und einen Band "Menschen am Rhein", in dem der Bundeskanzler nicht fehlen soll), vornehmlich um den Aspekt bemüht, den die Ruhrarbeiter von ihrer Heimat haben. "Am schwierigsten war es, die Genehmigung zum Photographieren unter Tage zu bekommen", sagt Chargesheimer. Er beginnt seine Bilderschau - "Rauchblende vor dem Objektiv" urteilte die "Rheinische Post" - mit einem über zwei Seiten gedruckten Panorama der von Industriebauten noch nicht beeinträchtigten Landschaft ("Bei Marl") und läßt in der Folge erkennen, auf welche Weise das Land durch die Industrialisierung häßlicher wird.
Chargesheimer zeigt gedrängte Reihensiedlungen, winzige Blumenrabatten als Vorgärten, Bilder vom Markt, von spielenden Kindern an Viadukten, bürgerlichen Sonntagsstaat bei Erstkommunion und Taufe. Hart nacheinander arrangiert er Photos von Kirche und Kneipe, dazu das Unterhaltungs-Instrumentarium der Kumpels: Fernsehgerät, Music-Box, Bier und Schnaps; auch eine der biederen, dicklichen Gefälligkeitsdamen des Reviers wird nicht ausgespart.
In kontrapunktischer Manier folgen einander etwa Photos der Betriebslyrik - Spruch am Schachteingang: "Ein unbedachter Augenblick zerstört oft manches Lebensglück" - und der Arbeit unter Tage oder Porträts von ausgedienten Arbeitern und Bilder von der Maifeier mit Funktionären; es gibt den Heldenhain mit Wilhelm I., Bismarck und Moltke und in Stein gehauene Romantik der Gründerzeit - "Glück auf" und "Rüstig zur Arbeit"; Krupps "Villa Hügel" in ihrem Prunk wird abgelöst von einer mauerumgrenzten Straße mit Fußballern.
Ehe Chargesheimer das Buch mit Straßenszenen und Hafenbildern abschließt, porträtiert er bei einem Pferderennen noch Vertreter jener Gesellschaft, die - mit Schmissen und steifem Hut - den Kumpel selten vor Ort erleben. Eine Druckseite ist einem specknackigen, polierten Zuschauer gewidmet, dessen Glatzkopf wie eine Billardkugel leuchtet.
Erste scharfe Kritik an dem von Heinrich Böll feuilletonistisch eingeleiteten Bildband übte indes nicht einer der Ruhrherren, sondern der Essener SPD-Oberbürgermeister Nieswandt. In einem offenen Brief zürnte Nieswandt: "Die Ruhrgebietsstädte, und dies gilt auch für die Stadt Essen, sind es gründlich leid, von Außenseitern in einer Weise dargestellt zu werden, die nicht einmal mit der Realität der Gründerjahre übereinstimmt, geschweige denn mit der Gegenwart. Wir haben nicht die Absicht, derartige Veröffentlichungen unwidersprochen zu akzeptieren, besonders nicht, wenn wir glauben, leider eine deutliche Tendenz erkennen zu müssen..."
Obwohl das offizielle Gewerkschaftsorgan "Welt der Arbeit" unter der Stichmarke "Der Verriß" das Bilderbuch "Im Ruhrgebiet" als "einmalig schlecht" katalogisierte, trat ein DGB-Bildungssekretär, der Essener Christoph Georgi, dem Oberbürgermeister Nieswandt mit einem offenen Brief entgegen: "Ich halte es für völlig ungerechtfertigt, die beiden Autoren Böll und Chargesheimer - wie Sie es leider tun als 'böswillige Außenseiter' abzustempeln, die gegen unsere Stadt 'dunkle Absichten' im Schilde führen." Der Gewerkschaftsfunktionär Georgi glaubte feststellen zu können, "daß sich das Amt des Ersten Bürgers einer Stadt nur unter größten Vorbehalten mit dem Amt des unvoreingenommenen Kritikers vereinbaren läßt, sobald der kritisierte Gegenstand ganz oder zum Teil mit seinem Arbeitsbereich identisch ist".
Aber auch Repräsentanten der Städte Gelsenkirchen und Bochum schleuderten den Bannfluch gegen Chargesheimers Dokumentation. Der Verkehrsdirektor von Gelsenkirchen, der zweitgrößten Stadt Westfalens, erklärte: "Die Ruhrgebietsstädte, die wie Gelsenkirchen sich bemühen, der Heimat und dem Ausland ihr wahres Gesicht zu zeigen - ihre eindrucksstarken Äußerungen harmloser Lebensfreude, ihre hohen kulturellen Leistungen, ihre ausgedehnten, mit liebevoller gärtnerischer Sorgfalt gepflegten Grünanlagen und ihre beispielhaften neuzeitlichen Wohngegenden -, sind über dieses Werk bitter enttäuscht und lehnen es als allgemeingültige Aussage ab." Der Gelsenkirchener Verkehrsdirektor warf den Autoren Böll und Chargesheimer "pessimistische Voreingenommenheit und beispiellose Einseitigkeit" vor und konstatierte, die beiden Autoren hätten - "das gilt für Mensch und Landschaft" - nur "Entartung" dargestellt.
Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor von Bochum erläuterten in einem Brief an den Kiepenheuer-Verlag, sie sähen sich "restlos getäuscht" in der Erwartung, das Buch "als repräsentative Gabe an besonders interessierte Besucher der Stadt Bochum und für Zwecke der Stadtwerbung verwenden zu können". Der Leiter des Bochumer Verkehrsvereins äußerte sich noch forscher: "Das Ruhrgebiet wurde aus der Dreckatmosphäre gesehen."
Andere Bewohner und Kenner des Kohlenreviers reagierten dagegen zustimmend auf das Buch: Die Steinkohlenbergwerk Graf Bismarck GmbH in Gelsenkirchen bestellte für ihre Werkzeitschrift einige der Aufnahmen, die Stadt Marl erbat sich Photos für einen Prospekt.
Anfang Februar sollen Karl Hargesheimer ("Dabei habe ich die härtesten Photos gar nicht veröffentlicht") und Heinrich Böll an einem Diskussionsabend der Stadt Essen zu hören bekommen, wie die Stadtväter sich Bilderbücher über ihren Verwaltungsbezirk denken.
* Böll/Chargesheimer: "Im Ruhrgebiet"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln und Berlin; 28 Seiten Text, 121 Seiten Photos: 28 Mark.
Chargesheimer-Photo
Eine deutliche Tendenz?
Chargesheimer-Photo (aus "Im Ruhrgebiet"): "Ein unbedachter Augenblick zerstört oft...
... manches Lebensglück": Chargesheimer-Photo (aus "Unter Krahnenbäumen")
Photograph Chargesheimer*
Protest der Stadtverwaltungen
* Zeichnung von Hubert Berke.

DER SPIEGEL 4/1959
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