18.02.1959

BUNDESKANZLERSo exponiert

Der 65jährige Konditormeister Peter Profittlich aus Rhöndorf am Rhein dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit der einzige deutsche Mensch sein, der heute noch ungestraft als CDU-Ratsherr tätig ist, obwohl er seinem Parteichef, dem Bundeskanzler Konrad Adenauer, dieselbe Aufforderung zustellte, die weiland der fränkische Ritter und Bauernkrieger Götz von Berlichingen einem Abgesandten des deutschen Kaisers ausrichten ließ.
Überbringer dieser Einladung an den Lenker der politischen Geschicke der Bundesrepublik war jedoch im Falle Profittlich nicht, wie in Goethes Schauspiel, ein ungenannter Trompeter, sondern der Kanzler-Filius Georg Adenauer. So kommt es, daß diesmal der Nachwelt die Reaktion des derart verbalinjurierten Regierungschefs authentisch überliefert werden kann: "Mein Vater war einigermaßen erstaunt, er ist schließlich nicht gewöhnt, daß man in diesem Ton mit ihm verkehrt", erinnert sich Georg heute.
Daß Peter Profittlich solchermaßen respektlos gegen den greisen Kanzler anging, hat seinen Grund nicht nur in der Tatsache, daß Profittlich weit über Rhöndorf hinaus als leicht enthemmtes Original bekannt ist. Hinzu kommt des Kanzlers lebhafte Abneigung gegen das, was Profittlich als seine Lebensaufgabe ansieht: den Bau einer Drahtseilbahn von Rhöndorfs Marktplatz zu der sagenumwobenen Drachenfelsruine.
Dieses Beförderungsmittel soll einen Zustand abstellen, der nicht nur dem Kaffeehausbesitzer Profittlich, sondern auch den meisten anderen Rhöndorfer Geschäftsleuten seit Jahren an der Seele frißt: die Tatsache, daß an Rhöndorf nicht nur der Rhein, sondern auch der millionenstarke Fremdenverkehrsstrom vorbeifließt.
Die ungeheuren Besuchermassen werden auf der anderen Seite des Drachenfels von der Stadt Königswinter aufgefangen, die ebenso wie Rhöndorf am Fuße des zwar nur 321 Meter hohen, aber am meisten bestiegenen Berges der Welt liegt. Königswinter verdankt seinen Aufstieg zu einem der größten Rummelplätze Europas im wesentlichen drei Umständen: Es liegt in einem geographischen Zentrum der germanischen Sagenwelt.
Es erfreute sich im Dritten Reich der tatkräftigen Förderung des Kraft durch-Freude-Häuptlings Robert Ley, der zeitweise in Königswinter residierte. Von Königswinter führt eine Bergbahn zur Burgruine auf der Spitze des Drachenfels, von der aus man einen der schönsten Ausblicke auf den Rhein hat.
Nach Königswinter streben allsommerlich Millionen Vergnügungssucher aus allen europäischen Nachbarländern, die sich teils an der deutschen Mythologie, zum größeren Teil am billigen Wein berauschen wollen und denen eine florierende Kitsch-Industrie vom Strohhut bis zur Besichtigung eines etwa 14 Meter langen Steindrachens - dessen lebendiges Vorbild Siegfried erschlagen haben soll - alles bietet, woran sich moderne Menschen erfreuen können.
Von diesem lustigen Leben, Treiben und Profitieren bekommt allerdings die Rhöndorfer Geschäftswelt so gut wie nichts ab, obwohl "uns der Drachenfels genauso gehört wie den Königswinterern" - lamentiert Peter Profittlich. Er hatte deshalb schon im April 1953 im Stadtrat beantragt, eine Seilbahn auf den Drachenfels zu bauen, damit Rhöndorf an den goldenen Möglichkeiten, die der sagenumwobene "Kirmes-Berg" bietet, ebenso teilhaben kann wie die Königswinterer Nachbarn.
Doch der CDU-Ratsherr Profittlich hatte die Rechnung ohne den Bewohner des Hauses Zennigsweg 8a in Rhöndorf gemacht. In diesem Haus domiziliert Kanzler Konrad Adenauer. In einem ärgerlichen Brief an den CDU-Bürgermeister Mölbert fordert der CDU-Parteichef, der Seilbahn-Antrag möge abgelehnt werden, weil er in Rhöndorf keinen Rummel haben wolle.
Das war leichter gesagt als getan; denn die CDU-Fraktion des Stadtrats war im Gegensatz zur CDU-Bundestagsfraktion nicht bereit, der Stimme ihres Herrn blindlings zu folgen. Die kommunalpolitisehe Niederlage Adenauers konnte also nur vermieden werden, wenn Profittlich seinen Antrag zurückzog.
"Ich Dötsch han mich breit schlage lasse", bedauert Profittlich heute denn auch den damaligen Rückzug. Um aber ganz sicher zu gehen, daß der störrische Profittlich nicht doch noch seinen Rummel bekommt, veranlaßte Konrad Adenauer den Regierungspräsidenten in Köln, dem Profittlich für alle Zeiten die Baugenehmigung zu versagen. Regierungspräsident Dr. Rieger erklärte prompt im letzten Sommer anläßlich des 75jährigen Jubiläums der Königswinterer Drachenfelsbahn, daß die Regierung keine Baugenehmigung für eine Drahtseilbahn im Kanzlerwohnort Rhöndorf erteilen werde.
Peter Profittlich mußte also klein beigeben. Er konnte nichts weiter tun, als dem Georg Adenauer das Götz-Zitat mit nach Hause zu geben. Dennoch: "Den Plan für die Bahn han ich ewwer nie aufgegebe."
Seine neue Chance kam, als am 14. September vergangenen Jahres ein überbesetzter Zug der Königswinterer Drachenfelsbahn aus der Zahnrad-Führung heraussprang und talabwärts raste, wobei 17 Menschen den Tod fanden und 112 weitere zum Teil schwer verletzt wurden.
Vier Tage bevor der Bonner Staatsanwalt Engwitz am 30. Januar 1959 öffentlich mitteilte, daß er gegen vier Verantwortliche der Drachenfelsbahn Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung erhoben habe, hatte Profittlich in der "Honnefer Volkszeitung" dem Bundeskanzler mitteilen lassen, daß er mit seinen Geldgebern eine Gesellschaft gegründet habe, deren Ziel es sei, den Bau der Rhöndorfer Seilbahn auf den Drachenfels vorzubereiten und dann auch durchzuführen.
Profittlich hofft, daß die Diskreditierung der unfallbehafteten Königswinterer Zahnradbahn ihm weitere Befürworter des Seilbahn-Projektes zuführen wird. Außerdem schöpft er Hoffnung aus dem Umstand, daß der Regierungspräsident und Seilbahngegner Rieger inzwischen abgelöst worden ist.
Sofern diese Hoffnung nicht trügt, werden im nächsten Jahr die Besucher des Drachenfelsens auf der Königswinterer Seite den steinernen Nibelungendrachen besichtigen und bei der Abfahrt mit der Rhöndorfer Seilbahn aus den Gondeln heraus mittels Fernglas den Kanzler beim Rosenschneiden beobachten können. Profittlich: "Mer könne jo nix dafür, dat der Alte so exponiert jebaut hätt."
Seilbahn-Gegner Adenauer
Kanzler Konrads Rosengarten ...
Seilbahn-Förderer Profittlich
... in der Vogelperspektive?

DER SPIEGEL 8/1959
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