25.02.1959

BELE BACHEMHalbzart

Am Tage der Uraufführung des Films "Die Halbzarte", der nach einer Vorankündigung der Hersteller beweisen soll, daß "der deutsche Film aus der Banalität des Hotel-Ausstattungsstils erlöst worden ist", traf bei der Produktionsfirma ein Protestfernschreiben ein: "Die Dekorationen zu dem Film stammen zum größten Teil von Otto Pischinger und Herta Hareiter und nicht nur von Bele Bachem, wie im Titelvorspann steht."
Das Architekten - Ehepaar Pischinger-Hareiter, dessen Münchner Rechtsanwältin den Protest formuliert hatte, forderte die
Produktionsfirma - die Wiener "Cosmopol-Film" - auf, diesen Sachverhalt unverzüglich zu veröffentlichen, andernfalls seien "gerichtliche Schritte unvermeidbar".
Damit droht die Fehde um die Dekorationen zu dem Film "Die Halbzarte", die schon während der Dreharbeiten ausgebrochen war und der einige der ursprünglich geplanten Kulissen-Novitäten zum Opfer fielen, nunmehr in einen einzigartigen Gerichtsstreit zu münden. Sollte es der Ufa, der Verleiherin des Films, nicht gelingen, zu schlichten, dann müßten Richter entscheiden, ob nun die Malerin Bele Bachem - laut Vorspann verantwortlich für "Kostüme und Dekorationsentwürfe" - oder aber das Architekten-Ehepaar Pischinger-Hareiter - verantwortlich für "Bauten" - als geistige Urheber des Filmhintergrunds gelten dürfen.
Bei dieser Gelegenheit könnte, gewissermaßen nebenbei, auch die Frage beantwortet werden, weshalb die Besucher deutscher Kinopremieren gewöhnlich nur noch Spurenelemente jener ambitiösen künstlerischen Ideen zu entdecken vermögen, die Produzent, Regisseur oder Darsteller vor Beginn der Dreharbeiten oft großsprecherisch angekündigt haben.
Auch beim "Halbzarten"-Film war der Regisseur Rolf Thiele ("Das Mädchen Rosemarie") von Anfang an zu "einem kleinen Experiment" entschlossen gewesen: "Ich wollte den ersten wirklichen Farbfilm drehen." Thiele glaubte bei der Herstellung früherer Farbfilme ("Skandal in Ischl", "El Hakim") gelernt zu haben: "Bei Farbfilmen mischen immer zu viele Leute mit: der Kameramann, der Regisseur, der Architekt und zu guter Letzt auch noch die Männer der Kopieranstalt." Er wollte deshalb den Colorfilm "Die Halbzarte" nur inszenieren, "wenn es mir gelingt, die Farbe zu dramatisieren".
Thiele: "Ich suchte deshalb für die Farbentwürfe eine Künstlerin, die Dekorationen, Kostüme, Einrichtungen und die Stimmungen der Akteure miteinander in Beziehung zu bringen vermochte." Am geeignetsten erschien ihm die Malerin und Graphikerin Bele Bachem, die der Schriftsteller Gregor von Rezzori nach einem Atelierbesuch so beschrieb: "Klein, von der solide gedrechselten Zierlichkeit einer Degas'schen Balletteuse." Ihre Buch-Illustrationen, Porzellan-Malereien und Bühnenbilder entsprachen zudem nach Ansicht Thieles genau dem naiv-lasziven Grundton der Drehbuch-Geschichte - einer "kleinen Pornographie" (Thiele), in der dargelegt werden soll, daß "die Schamhaftigkeit unter dem Mantel der Unmoral die eigentümliche Keuschheit unserer Jugend ist".
Bele Bachem, die bis dahin der Filmindustrie lediglich mit Werbeplakaten und Vorspannzeichnungen ("Das Wirtshaus im Spessart") gedient hatte, wurde engagiert, "die Dekorationsskizzen" die (Skizzen) der Darsteller im Kostüm und Backgrounds, soweit sie prominent photographiert werden", anzufertigen: vierzehn Innenansichten, drei Außenansichten, elf Wandbilder, ein Glasbild und das Bild eines Traumautos. Sie entwarf insbesondere die verspielt kitschige Ausstattung der beiden Räumlichkeiten, in denen die Filmstory hauptsächlich abläuft: die spießbürgerlich eingerichtete Wohnung der Eltern des Hauptrollen-Teenagers und die abstruse Traumvilla, die sich Sie Familie bauen läßt, nachdem die siebzehnjährige Tochter durch ein "unanständiges Theaterstück" (so die "Süddeutsche Zeitung") plötzlich zu Ruhm und Geld kommt.
Die Entwürfe zeichneten sich, wie zwischen Regisseur und Ausstatterin abgesprochen, durch besondere Farbfreudigkeit aus, denn gemäß der Thieleschen Absicht, dramatische Effekte mit Farben zu erzielen, sollte auf diese Weise die Vielfalt der Talente innerhalb der Drehbuchfamilie ausgedrückt werden: Im Film schreibt die Heldin vor dem Sensationserfolg ihres Erotikdramas lyrische Gedichte, ihr Vater versucht sich an Kriminalromanen, der Bruder' jongliert, die vierzehnjährige Schwester malt. So sollte denn die "Halbzarte" (gespielt von Romy Schneider): in einer Szene "Nilgrün auf Orange sitzen, aufstehen, an Rose vorbei zu Kobaltblau gehen, während die Wände kräftiges Zinnoberrot und Zitronengelb dazumischen" (Thiele).
Als jedoch die Stukkateure und Bühnenbildner in Wien beginnen wollten, Gips, Holz und Leim getreu den Bachemschen Zeichnungen zu Kulissen zu formen, entbrannten die Zwistigkeiten, die das farbdramatische Konzept Thieles aushöhlten
und obendrein die Herstellungskosten des Films erhöhten. Thiele wünschte, daß der Filmarchitekt - der Mann, der bei Filmproduktionen üblicherweise die Dekorationen und Bauten entwirft - sich völlig den "kongenialen Farbideen der Bachem" unterordne und nur noch - wie Thiele sagte
- "nachschöpferisch tätig" werde. Ein Kulissenarchitekt, dem die "Halbzarten" -Hersteller den Job anboten, lehnte deswegen ab, und die "Cosmopol-Film" verpflichtete den Wiener Filmarchitekten Pischinger nebst Frau.
Bele Bachem erinnert sich, daß die Eheleute Pischinger bereit waren, das Thielesche Konzept zu befolgen ("Mit fünf Fingern gemeldet haben die sich"), dagegen versichern die ehrgeizigen Architekten, die Produktionsfirma habe ihnen nur mitgeteilt: "Da kommen ein paar Zeichnungen von Frau Bachem, im übrigen sind Sie für Dekorationen, Entwürfe, Auswahl der Motive sowie Ausführung und Überwachung der Bauten zuständig."
Dazu Thiele: "Ich habe den Leuten von der Produktion gesagt, worum es geht, und es war Herrn Pischinger auch klar, daß er nach Entwürfen bauen sollte. Aber die Bachem-Zeichnungen waren für den Architekten offenbar spanisch."
Jedenfalls prallten in Wien alsbald zwei Welten aufeinander. Pischinger attestierte der weniger branchekundigen Bele Bachem sogleich, sie habe "keine Ahnung vom Metier", ihre Entwürfe seien "flache Bilder in Plakatform", und er fertigte eigene Zeichnungen an, die - so urteilte Bele Bachem - "meiner Auffassung konträr waren und für mein Auge mehr als konventionell wirkten".
Bele Bachem hatte beispielsweise vorgeschlagen, die Teppiche in der Traumvilla mit Blumenbeeten zu umrahmen. ("Es sollte doch bewußt geschmacklos sein"), aber Pischinger lehnte diesen Einfall ab: "Das kann man so nicht photographieren."
Nach den Ideen der Bachem sollte in dem Traumvillen-Badezimmer ein antik gerahmter Spiegel über der Badewanne mit einer Neonröhre über dem eisernen Waschbecken aus wilhelminischer Zeit kontrastieren. Der Original-Entwurf enthielt unter anderem auch den handschriftlichen Vermerk: "Vor der Wanne Chenille-Handtuch als Fußteppich." Der Filmarchitekt versachlichte jedoch den Stilmischmasch aus Biedermeier- und Gründerzeit-Elementen, der dem Bachem-Entwurf den besonderen Reiz verlieh, indem er den- Fußteppich ebenso wie den antiken Spiegel wegließ und eine modern geformte Badewanne sowie ein Stromlinien-Waschbecken verwendete.
Meinte Regisseur Thiele: "Unser Architekt hatte weder mich noch die Bachem begriffen. Er entdeckte plötzlich urschöpferische Instinkte, wo er eigentlich nur Nachschöpfer sein sollte." Und der Wiener Kulissen-Baumeister konterte: "Ich glaube, die Bachem hatte das Drehbuch nicht richtig gelesen, sie wollte mit Gewalt einen Bachem-Film machen."
Die Auseinandersetzungen erreichten den ersten Höhepunkt, als Bele Bachem verärgert an Thiele schrieb, sie wolle aus dem Projekt "Die Halbzarte" aussteigen. Thiele lehnte ab und holte die Malerin noch einmal in die Ateliers nach Wien. Dort konnte sie nur noch feststellen, daß die Architekten auch den 14 Meter hohen Turm der Traumvilla einfach weggelassen hatten, angeblich, weil der Bau sonst zu teuer geworden wäre.
Trotz der Verstümmelungen fanden allerdings die Dekorationen der Bachem nach der Premiere den Beifall der Filmkritiker. Während "Halbzarten"-Drehbuch und -Dialoge mit Prädikaten wie halbdürftig" ("Film-Telegramm") apostrophiert wurden, urteilte die "Süddeutsche Zeitung" über die Ausstattung: "Es gibt eine schöne Menge optischer und farblicher Finessen und nachgerade etwas wie ein kleines Festival skurriler Dekorationskünste, die Bele Bachems graziöse Handschrift zeigen."
Bele Bachem will dennoch, unabhängig davon, ob der Kulissenstreit auch noch vor Gericht fortgesetzt wird, wegen der "persönlichen Mißlichkeiten und Ungerechtigkeiten" in nächster Zeit nicht wieder für eine Filmfirma arbeiten.
Bele Bachem-Badezimmer. Wer erlöst den Film ...
... vom Hotel-Ausstattungsstil: Pischinger-Film-Bad
Film-Ausstatterin Bele Bachem: Die Farbe wird dramatisiert

DER SPIEGEL 9/1959
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