04.03.1959

FRANKREICH / NORDAFRIKA-FRAGE... im Jugendstil

Ein scheinbar bedeutungsloser Zwischenfall kündigte Anfang Februar eine neue ernste Gefahr für den seit Jahren bedrohten Frieden zwischen Tunesien und Frankreich an. Tunesische Behörden verhafteten dreizehn französische Beamte: neun Fernmeldetechniker und vier Botschaftsangestellte. Den Verhafteten, die zum Teil in der tunesischen Verwaltung Dienst taten, wird vorgeworfen, für den französischen Geheimdienst gearbeitet zu haben.
In Paris protestierte Frankreichs Außenminister, erklärte danach jedoch vor dem Auswärtigen Ausschuß der Nationalversammlung, Frankreich müsse in Tunesien wie auch in Marokko "über seine Sicherheit wachen". Angesichts der aktiven Unterstützung, die beide ehemaligen Protektorate den algerischen Rebellen gäben, sei Frankreich zu außerordentlicher Wachsamkeit auch jenseits der algerischen Grenzen gezwungen, hinter denen die Partisanen Schutz und Ruhe zur Vorbereitung ihrer Operationen in Algerien fänden.
Das gesamte Grenzgebiet auf tunesischer Seite, so sagte Minister Couve de Murville, sei längst nicht mehr im Besitz des tunesischen Staates, sondern fest in den Händen der algerischen "Front der Nationalen Befreiung" (FLN), die auch ihr "Kriegsministerium der Algerischen Republik" in einem Bürohaus in Tunis untergebracht habe.
Auf der marokkanischen Seite an der Westgrenze Algeriens sieht es nach den Mitteilungen des französischen Außenministers, der sich auf Beobachtungen französischer Militärs, Diplomaten und Agenten stützt, nicht anders aus. "Wie können die algerischen und Sahara-Departements Frankreichs außer Gefahr sein, solange Tunesien und Marokko, schwache und allen umstürzlerischen Machenschaften ausgelieferte Staaten, wie zwei Pistolen auf die Schläfen des nordafrikanischen Frankreich gerichtet bleiben?" fragte das Hausblatt des französischen Premierministers Debré und der Soustelleschen Staatspartei UNR, der Pariser "Carrefour".
Frankreichs Regierung ist überzeugt, daß weder der König von Marokko noch der Präsident der Tunesischen Republik über die Machtmittel verfügen, sich gegen die algerische "Armee der Nationalen Befreiung", die sich in ihren Ländern eingenistet hat, durchzusetzen - selbst wenn sie den Willen dazu hätten.
Die Nachrichten aus Marokko und Tunesien machen in der Tat deutlich, daß die Staatsoberhäupter - König Mohammed V. und Burgiba - von einem galoppierenden Autoritätsschwund befallen sind. Die Machtverlagerung von ihren Regierungen zu örtlichen Machthabern und zu den Befehlshabern der algerischen FLN-Truppen ist so weit fortgeschritten, daß zu Beginn des Jahres 1959 die Regierungsgewalt kaum noch über die Weichbilder der beiden Hauptstädte hinausreicht.
Folge dieses Machtschwundes ist in beiden Ländern ein rapider Auflösungsprozeß, dessen Symptome an die Zustände erinnern, die vor der Besetzung Tunesiens (1882) und Marokkos (1912) durch französische Truppen jenseits der algerischen Grenzen herrschten:
In den Atlasbergen Marokkos flackern die Feuer des Berber-Aufstandes gegen den König und Ex-Sultan, der in den Augen der kriegerischen Bergstämme der "Sultan der Araber und der Städter" ist, wie ein Berberchef dem Souverän hochfahrend ausrichten ließ.
Südmarokko mit Marrakesch und Agadir wird von den streifenden Banden der "Marokkanischen Nationalen Befreiungsarmee des Südens" unsicher gemacht. Diese Partisanenkampfgruppe von etwa 5000 Guerillakämpfern gehorcht weder dem König in Rabat noch der nationalistischen Regierungspartei "Istiqlal" und lebt mit der Gendarmerie und der Königlichen Armee in einer Art Waffenruhe, die von Zeit zu Zeit durch blutige Zwischenfälle unterbrochen wird.
Im Nordosten, im algerisch-marokkanischen Grenzgebiet von Udschda, endet die Gewalt des Königs an der Garnisonszone der algerischen FLN-Truppen. In den Bergen streiten sich die Kampfgruppen der "Nationalen Befreiungsarmee Marokkos" - der einstigen Partisanenorganisation gegen die Franzosen, die heute mit der algerischen FLN verbündet ist und gegen den König rebelliert - mit den Berberstämmen des Rif-Gebirges, die gleichfalls dem König trotzen.
Allen diesen Bedrohungen der Regierungsgewalt hat König Mohammed V. nur seine Person entgegenzustellen. Er verfügt nicht mehr über die "Istiqlal"-Partei der Nationalisten, denn diese Partei ist in mehrere Flügel zerspalten, die sich befehden und einander den Rest der Regierungsgewalt streitig machen.
Die Armee ist unsicher, weil sie aus heterogenen Elementen zusammengesetzt ist: den Berbersoldaten, den ehemaligen Partisanen der "Befreiungsarmee" und den neuen Freiwilligen, die teils dem "Istiqlal", teils anderen politischen Gruppen zugehören. Bisher konnten die königlichen Truppen nie geschlossen eingesetzt werden, weil die Berber nicht gegen Berber, die ehemaligen Partisanen nicht gegen ihre alten Kampfgefährten antreten wollen.
So mußte vor einigen Monaten der damalige marokkanische Armeeminister den französischen Botschafter in Rabat um Munition und Waffen für die königstreuen Truppen bitten, damit die königliche Regierung einem revolutionären Komplott standhalten könne. Französische Transporteinheiten beförderten königliche Truppen in die Berge zum Kampf gegen aufständische Berber, und die französische Luftwaffe in Marokko gab den Soldaten des Königs gegen die Aufständischen Schützenhilfe aus der Luft.
Frankreichs Truppen in Marokko - knapp 15 000 Mann und zumeist Luftwaffen- oder Trainsoldaten - sowie die französischen Verbände in Tunesien - 12 000 Mann im Flottenstützpunkt Biserta sind die einzigen organisierten Kräfte, die in beiden Ländern den diversen Partisanengruppen und den regulären algerischen FLN-Verbänden - etwa 6000 Mann in Marokko, 10 000 bis 12 000 in Tunesien und rund 20 000 in Algerien selbst - entgegengestellt werden könnten.
Diese Tatsache bewog die französischen Regierungen seit 1955, auf den umstrittenen Garnisonsrechten in den ehemaligen Protektoraten zu bestehen und die Reste der Truppen nicht abzuziehen, obwohl die Regierungen in Rabat und Tunis dies immer wieder verlangten. Andererseits trieben weder Präsident Burgiba noch König Mohammed ihre Forderungen energisch genug voran, um Frankreich etwa mit Hilfe der Vereinten Nationen zur Räumung zu zwingen. Der Grund für diese Mäßigung: Beide Staatsoberhäupter, die ihren Ländern die Unabhängigkeit ertrotzten, hegen die Hoffnung, ihre Staaten und ihre persönliche Regierungsgewalt im schlimmsten Fall mit französischen Bajonetten vor inneren Feinden und vor den übermächtig gewordenen algerischen Partisanen retten zu können.
Philosophierte der offiziöse "Carrefour": "Die Anarchie, die in Marokko herrscht, die katastrophale wirtschaftliche Lage Tunesiens, genügen sie nicht, um aufs neue zu beweisen, daß ... allein Frankreich dort Frieden, Ordnung und Wohlstand erhalten kann?" An diese rhetorische Frage knüpfte das Pariser Nationalistenblatt eine kühne Behauptung: "Wenn die Völker Tunesiens und Marokkos 1958 hätten befragt werden können, wer zweifelt daran, daß sie sich einmütig für ein Verbleiben in der französischen Staatsgemeinschaft ausgesprochen hätten?!"
Frankreichs Nationalisten spekulieren schon seit über zwei Jahren auf die "reconquête" - auf die Wiedereroberung der freigegebenen Staaten Marokko und Tunesien. Alle Kenner Nordafrikas sagten schon 1955, als Frankreich dem Sultan Mohammed die Rückkehr auf den Thron in Rabat und schließlich die Unabhängigkeit zugestand, einhellig voraus, daß der Staat wieder zerfallen werde.
Ebenso einhellig war die Vorhersage, daß Tunesien den Algerienkrieg schwerlich überleben und in jedem Fall in politische und militärische Abhängigkeit von den Herren Algeriens geraten werde, gleichgültig, wer Algerien in Zukunft beherrschen wird. Staatspräsident Habib Burgiba machte aus dieser Fatalität nie einen Hehl und sprach wiederholt offen seine Befürchtung aus, daß die Unabhängigkeit Tunesiens dem Algerienkrieg zum Opfer fallen könne.
Die französischen Nationalisten, die Marokko und Tunesien zurückerobern möchten, gehen von der Überlegung aus, daß der Krieg gegen die muselmanischen Nationalisten in Algerien viel leichter zu führen wäre, wenn keine künstlichen Grenzen mehr den algerischen Rebellen Schutz gewähren würden, wenn also das ganze westliche Nordafrika ein einziger Kriegsschauplatz wäre. Diese Ansicht ist auch im französischen Generalstab vorherrschend.
Im Jahre 1959, so meinen die Verfechter der "reconquête", sei Frankreich politisch, wirtschaftlich und militärisch stark genug, ganz Nordafrika mit Waffengewalt zu unterwerfen, vorausgesetzt, daß die algerischen Rebellen nicht länger hinter Grenzen Zuflucht finden und sich von den Schlägen der Armee erholen können. Die Waffenzufuhr aus der Luft und von See her zu unterbinden, sei den See- und Luftstreitkräften Frankreichs ein leichtes.
Die Erinnerung an die jahrelangen Kriege Frankreichs gegen die Berber des marokkanischen Atlasgebirges stört die Krieger mit den imperialistischen Visionen nicht: Die Berber, so meinen sie, würden sich wie früher wieder mit Frankreich verbinden, wenn man einen ihnen genehmen Sultan auf den Thron setzte.
Kommentierte der "Carrefour": "Die Ereignisse überstürzen sich. Vielleicht wird es morgen dem Frankreich des Generals de Gaulle möglich sein, sich nicht länger an die Phantome Burgiba und Mohammed V., sondern direkt an die Völker Tunesiens und Marokkos zu wenden. Bis dahin muß eines gesichert sein: daß Algerien und die Sahara französisch bleiben."
Das Blatt, in dem Premierminister Debré und Jacques Soustelle zu schreiben pflegen, zeigte seinen Lesern auch, wie eine Intervention Frankreichs in den beiden ehemaligen Protektoraten gerechtfertigt werden könnte:
"Die einzige Unbekannte in der nordafrikanischen Politik ist der Nachfolger Mohammeds. Daß der König, der heute dem Faruk von 1952 gleicht, vom Thron gejagt werden wird, ist sicher. Ebenso sicher ist aber, daß Marokko nur von Frankreich vor Anarchie und Zerfall gerettet werden kann. Wird die französische Regierung Michel Debrés morgen einen Hilferuf des gegenwärtigen Fürsten erhalten, so wie Frankreich 1911 vom Sultan zu Hilfe gerufen wurde? Das ist keine kühne Annahme; denn wer vor ein paar Monaten um Munition bat, der kann bald um französische Bataillone bitten, um sich auf dem Thron zu halten."
"Carrefour" weiß auch bereits, wie die Antwort des französischen Premiers ausfallen wird: "Es ist klar, daß die französische Regierung diesmal Nein antworten und den König, der alle seine Freunde und Frankreich stets getäuscht und verraten hat, seinem Schicksal überlassen muß. Aber es kann geschehen, daß Frankreich im Falle von Wirren wieder in Marokko intervenieren muß - nicht um das Protektorat wiederzuerrichten, sondern um eine der Parteien des Bürgerkrieges zu unterstützen, die zwar stark genug ist, das jetzige Regime zu stürzen, aber unfähig, ohne Hilfe von außen ihre Regierung zu errichten."
Diese neue Regierung würde dann den Appell Frankreichs an die Marokkaner zulassen, und Marokko - so spekuliert die französische Interventionspartei, die in Paris und in Algier Regierungspartei ist würde kraft eines Referendums nach algerischem Vorbild in Schutz und Abhängigkeit Frankreichs zurückkehren: als Mitglied der französischen Gemeinschaft mit innerer Autonomie, eingeschränkter Souveränität und französischer Besatzung.
Eine ähnliche Entwicklung wäre in Tunesien jederzeit denkbar, so daß eine politische Konstellation wie vor der Aufhebung des Protektorats über Marokko und Tunesien wiederhergestellt werden könnte. Algerien wäre dann von der arabischen Außenwelt abgeschnitten und Frankreich unbestrittene Vormacht Nordafrikas.
Tunesiens Staatspräsident Burgiba, der seit Jahren unter dem Alpdruck einer französischen Besetzung seines Landes leidet, versucht zur Zeit, die neue französisch-tunesische Krise zu benutzen, um von Paris eine formelle Garantie der tunesischen Unabhängigkeit und außerdem die Zusicherung zu erhalten, daß Frankreich sich nicht in innertunesische Angelegenheiten einmischen werde. Er spart dabei nicht mit freundlichen Worten für de Gaulle und erklärte in der vorigen Woche, der General sei der einzige, der den Krieg in Algerien beenden könne, "und wir müssen ihm dabei helfen".
Viel mehr als freundliche Worte vermag Burgiba dem General de Gaulle, der den Wiedereroberungsplänen der Nationalisten vorerst noch ablehnend gegenüberstehen soll, freilich nicht zu offerieren. Denn die französische Forderung, Tunesien solle den algerischen Rebellen nicht länger sein Staatsgebiet als Aufmarschraum überlassen, kann Staatspräsident Burgiba nicht erfüllen: Er ist ebensowenig Herr seines Landes wie König Mohammed V. von Marokko.
Marokkanischer König Mohammed V.
Nicht mehr Herren ...
Tunesischer Staatspräsident Burgiba
... im eigenen Land?

DER SPIEGEL 10/1959
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