01.04.1959

EHRENBÜRGERZuck-aus-der-Luft

Bis heute weiß die Bevölkerung der südbadischen Grenzstadt Lörrach nicht, daß ihr liebster Gast, der Bundespräsident Theodor Heuss, den Wunsch der Stadt, ihn zum Ehrenbürger zu ernennen, von sich gewiesen hat. Mehr noch: Heuss wird sich wohl auch in Zukunft niemals eine solche Ehrung aus Lörrach gefallen lassen.
Des Bundespräsidenten ablehnende Haltung ist um so erstaunlicher, als er seit vielen Jahren manchen Urlaub und jede Jahreswende in Lörrach verbringt, wo sein Sohn Ernst Ludwig als Direktor der Wybert-Werke ein geachtetes Dasein führt. Am Neujahrstage 1959 bezeichnete Heuss zur Begeisterung der Lörracher die kleine Stadt an der Schweizer Grenze sogar als seine "zweite Heimat".
Daß der Bundespräsident dabei offenbar sehr fein zwischen offiziellem und privatem Lörrach unterschied, wurde erst deutlich, als diese wohlwollende Äußerung einige Stadtverordnete* der SPD ermutigte, Heuss das Ehrenbürgerrecht von Lörrach anzutragen. Die Initiatoren, des Einverständnisses ihres Oberbürgermeisters Arend Braye (SPD) und seiner Stadträte gewiß, erkundeten bei Sohn Ernst Ludwig, ob denn bei Vater Theodor auch volle Zustimmung zu der beabsichtigten Ehrung zu erwarten sei.
Die diskrete Anfrage erwies sich als sinnvoll, denn Dr. Ernst Ludwig war nicht sicher, wie sich sein Vater verhalten werde. Heuss junior machte vielmehr spontan auf einen Umstand aufmerksam, der den Sozialdemokraten entgangen war: Die Stadt Lörrach nenne noch zwei lebende Ehrenbürger ihr eigen, deren einer dem Demokraten und Literaten Heuss ein Dorn im Auge sei.
Ernst Ludwig Heuss spielte damit nicht etwa auf den Ehrenbürger Julius Wilhelm an, den hochgeschätzten Kreisdenkmalspfleger von Lörrach, sondern auf Hermann Strübe alias Burte in Maulburg bei Lörrach, einen ehemaligen Blut-und-Boden -Sänger des Dritten Reichs. Hermann Burtes Dichtungen, zu denen auch Verse in alemannischer Sprache gehören, sind dem Bundespräsidenten als Kenner der deutschen; insonderheit auch der schwäbischalemannischen Literatur, wohlbekannt, und Theodor Heuss glaubte von jeher, in Burte einen Apologeten der Nazi-Gewaltherrschaft sehen zu müssen.
1938 brachte Burte dem Volke den mit Judenpogromen beginnenden "Daseinskampf" von NSDAP und SS stabreimend nahe:
Schaudernd erkenne ich
Leben ist Raub!
Mord hält am Leben!
Schaue Natur an,
Fraß oder Fresser,
Volk, mußt Du sein.
Freilich hatte sich Burte nicht erst nach 1933 zu solchen Idealen bekannt. Er galt schon lange zuvor als Wegbereiter der Ideen, die unter Hitler auf schreckliche Weise in die Tat umgesetzt wurden. Bereits 1910 dichtete Burte:
Was kann ein Mann mehr Mannes würdig wollen
als Menschen mißzubrauchen, sich zum Scherz?
Durch Leiber hinzupflügen wie durch Schollen?
Was Wunder, wenn Hermann Burte erkannte: "Von Goethe her zu Hitler ist unser aller Weg, liebe Kameraden", und am 6. Juni 1940 - nach einem Fliegerangriff auf England - im "Völkischen Beobachter" schrieb:
Das Wasser fließt,
das Feuer brennt,
die Luft beseelt den Boden,
sie war von je das Element,
des deutschen Gottes Woden.
Wer dich vernichten will, der Schuft,
den darfst du lachend morden.
Guck-in-die-Luft, Zuck-aus-der-Luft.
Du bist der Herr geworden.
In Würdigung solch wortgewaltiger Gesänge und auch des durch viel Druckerschwärze gehobenen Ansehens, das der Dichter genoß, dachte sich die Stadt Lörrach zu seinem 60. Geburtstag - am 15. Februar 1939 - dieselbe Ehrung aus, die dem Dichter Heuss zum 75. Geburtstag - am 31. Januar 1959 - zuteil werden sollte: Für seine "wegweisenden Dichtungen" wurde Hermann Burte das Ehrenbürgerrecht verliehen.
Die damaligen rühmenden Schilderungen hat der Schriftsteller Theodor Heuss nicht vergessen. Als ihm Sohn Ernst Ludwig vom Vorhaben der Stadt Kenntnis gab, wurde zudem die Erinnerung an einen Besuch wach, den Hermann Burte dem Professor Heuss 1951 abstattete, als sich der Bundespräsident mit Frau Elly im "Haus Baden" zu Badenweiler erholte. Jenen Besuch Burtes nennen die Lörracher seitdem einen "erfolglosen Kanossagang", denn die Kluft wurde nicht überbrückt.
Theodor Heuss ließ den 31. Januar verstreichen, ohne auf die aus Lörrach an ihn herangetragenen Wünsche zu antworten. In den ersten Märztagen jedoch traf ein Brief bei Ernst Ludwig Heuss ein, der die Hoffnungen der dem Bundespräsidenten so wohlgesonnenen Stadtverordneten vollends zunichte machte.
Heuss bat seinen Sohn nachdrücklich, die Initiatoren der geplanten Ehrung wissen zu lassen, daß es ihm unmöglich sei, das schöne Anerbieten anzunehmen. Vater Heuss verwies auf Ehrenbürger Burte, den er einen "brutalen Romantiker" und "bramarbasierenden Nationalisten" nannte.
Insonderheit aber reflektierte der ungnädige Bundespräsident über Ereignisse, die sich um den 15. Februar 1959 in Maulburg bei Lörrach zutrugen. In jenen Tagen nämlich wiederholte sich, was 1939 Gegenstand zahlreicher Schilderungen in Presse und Rundfunk war: eine Geburtstagsfeier für Hermann Burte.
Am 14., 15. und 21. Februar - in vier überfüllten Festversammlungen - wurde der nunmehr achtzigjährige "Mahner und Künder" von der Stadt Lörrach, dem "Freundeskreise", der Gemeinde Maulburg und vom Volksbildungswerk Brombach bei Lörrach nicht minder enthusiastisch gefeiert als 1939. Die Volksschüler von Lörrach mußten zu einer Morgenfeier in die Stadthalle, wo der Rektor ein "eindrucksvolles Bild vom Leben und Werk des Dichters" zeichnete, und in den Klassen des Gymnasiums wurde des alemannischen Weisen gedacht.
Waren es 1939 die Größen von NSDAP, Gau und Reich, die dem Mord-Sänger huldigten, so scharten sich 1959 der CDU -Regierungspräsident von Südbaden, Anton Dichtei, der Lörracher Landrat Bechtold, der Präsident des "Deutschen Kulturwerkes", Dr. Römer, sowie - laut "Schwarzwälder Bote" - "prominente Schriftsteller, Gelehrte, Musiker, Kunstmaler und Industrielle" um den greisen Poeten, und die Geistlichen beider Konfessionen nebst einer Vielzahl von Vereinen erwiesen dem Burte die ihm offenbar gebührende Reverenz.
Auch die Presse, der Rundfunk und - 1939 noch nicht vorhanden - das Fernsehen (des Südwestfunks) erfüllten ihre publizistische Pflicht wie zwanzig Jahre zuvor und widmeten Hermann Burte zum 80. Geburtstag viele Spalten und Minuten. Besonders die "Badische Zeitung" in Freiburg lobte ausgiebig: Der Chefredakteur des Blattes, Dr. Rupert Gießler, nebenher auch Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, hatte sich eigens zu den Burte-Feiern eingefunden und eine Rede auf Burtes "im besten Sinne erzieherischen Zug" gehalten.
Ein besonders sinniges Geschenk widmete der Lörracher Landrat Bechtold dem Jubilar: ein Buch mit einer Zusammenstellung von Werken Burtes. Die Sonderausgabe wurde in 5000 Exemplaren gedruckt und schmückte die Schaufenster fast aller Buchhandlungen in Lörrach und Umgebung.
Im Namen des "Deutschen Kulturwerkes" übergab Präsident Dr. Römer aus München dem Geburtstagskind einen Glückwunschbrief mit handgeschriebenen Grüßen von 60 deutschen Dichtern. Am Abend überbrachte der CDU-Regierungspräsident Anton Dichtel die Grüße des Landes Baden-Württemberg und bescheinigte dem Poeten: "Daß Sie all das heute abend erleben durften, das ist eine Gnade Gottes, für die Sie und wir alle dankbar sind ..."
Den stärksten Beifall aber fand der Präsident des Hebelbundes, der evangelische Pfarrer Richard Nutzinger, alljährlich prominenter Neujahrs-Gratulant des Bundespräsidenten in Lörrach, der den Festgästen predigte: "Wer auf Burte schaut, muß aufs Große schauen und darf sich nicht ärgern an Eintagsfliegen." Theodor Heuss ärgerte sich, obschon durchaus fraglich ist, ob Hebelbund-Nutzinger mit der Vokabel "Eintagsfliege" etwa auch den Bundespräsidenten ansprechen wollte, der aus seiner Ablehnung des Strübe-Burte nie ein Hehl gemacht hat.
Inzwischen trägt sich die Stadt Schopfheim bei Lörrach mit dem Gedanken, ihr Gymnasium auf den Namen "Burte-Gymnasium" umzutaufen.
* In der Stadt Lörrach besteht - nach der Gemeindeordnung für Baden-Württemberg - neben dem 14köpfigen Gemeinderat ein Bürgerausschuß mit 28 Stadtverordneten, der den Gemeinderat bei seiner Arbeit unterstützt.
Mord-Barde Burte
"Fraß oder Fresser mußt Du sein"

DER SPIEGEL 14/1959
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