01.04.1959

ANNE FRANK

Was schrieb das Kind?

Die Lübecker Staatsanwaltschaft muß sich gegenwärtig mit einer Affäre beschäftigen, in deren Mittelpunkt die Behauptung steht, ein Zeitdokument von erwiesener moralischer Überzeugungskraft, das "Tagebuch der Anne Frank" nämlich, sei zum großen Teil eine Fälschung. Diese Behauptung stammt von dem 50jährigen Lübecker Studienrat Lothar Stielau: Er hatte sie, in einem provozierenden Zusammenhang und offenbar nicht ohne böswillige Absicht, in der "Zeitschrift der Vereinigung ehemaliger Schüler und der Freunde der Oberrealschule zum Dom E.V., Lübeck" veröffentlicht.

"Die gefälschten Tagebücher der Eva Braun ... und das nicht viel echtere der Anne Frank", so lautete der inkriminierende Satz, "haben den Nutznießern der deutschen Niederlage zwar einige Millionen eingebracht, uns dafür aber auch recht empfindlich werden lassen."

Als einen solchen "Nutznießer" verstand Stielau sinngemäß auch den heute 70jährigen Otto Frank, Vater der im Konzentrationslager Bergen-Belsen im Alter von fünfzehn Jahren umgekommenen Tagebuchschreiberin Anne. Otto Frank, ein aus Deutschland stammender Jude, der im Ersten Weltkrieg Leutnant war und 1933 mit seiner Familie nach Amsterdam emigrierte, besitzt die Rechte an dem Werk seiner Tochter. Er überlebte als einziger seiner Familie die Verschickung in ein Vernichtungslager.

Vater Frank und die Verleger der deutschen Ausgaben des Tagebuchs - der Lambert Schneider Verlag in Heidelberg, der 1950 die erste Buchausgabe der deutschen Übersetzung publizierte, und der S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main, der 1955 eine von Schneider lizenzierte Taschenbuchausgabe herausbrachte - haben. Stielau bei der Lübecker Staatsanwaltschaft der Verleumdung beschuldigt. Um die Echtheit des Tagebuchs zu beweisen, will Vater Frank - zum ersten Male - Einblick in die handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Tochter Anne gewähren. Stielau wurde inzwischen vom* Dienst suspendiert, und der Kultusminister des Landes Schleswig-Holstein leitete ein förmliches Dienststrafverfahren gegen ihn ein.

In der Hamburger Wochenzeitung "Welt am Sonntag" ließ sich der Schriftsteller Ernst Schnabel die moralische Hinrichtung des Lübecker Studienrats angelegen sein. Schnabel schien für diese Aufgabe besonders qualifiziert: Im Jahre 1957 hatte er im Auftrage des S. Fischer Verlags mehrere Monate damit verbracht, der Spur Anne Franks in Holland und Deutschland nachzugehen. Er trat mit 42 Zeugen in Verbindung, die Anne Frank gekannt hatten oder ihr auf ihrem Leidensweg begegnet waren. Früchte dieser Recherchen waren ein Hörbericht und ein Buch mit dem Titel "Anne Frank - Spur eines Kindes", dem Schnabel die Widmung "Für meine Kinder, daß sie es wissen" voranstellte.

In seiner "Antwort an einen Studienrat" schrieb Schnabel: "Was soll man nun eigentlich scheußlicher finden, die Infamie, mit der dieser deutsche Lehrer Hitlers Geliebte und Hitlers Opfer in einem Atemzuge nennt, die Heimtücke, die in der Bemerkung von den Nutznießern der deutschen Niederlage steckt ... oder die Feigheit, die er beim Versuch, sich aus der Schlinge zu ziehen, beweist?" Schnabel bezog diesen letzten Vorwurf auf eine einschränkende Äußerung des Studienrats, wonach er nicht habe bezweifeln wollen, daß Anne Frank Tagebuch führte. Vielmehr, so hatte Stielau erläutert, wollte er nur darauf hinweisen, daß Stellen des Original-Tagebuches redigiert oder ausgelassen worden seien.

Schnabel: "Ich habe mich mit diesem Tagebuch, auch mit seinem handschriftlichen Manuskript in holländischer Sprache, zu beschäftigen gehabt. Ich wünschte, alle Übersetzungen wären so getreu. Und was die ausgelassenen Stellen betrifft ..., es handelt sich hier wirklich um Respekt und nicht um Falschmünzerei. Tagebücher enthalten nämlich vielfach auch Stellen, die die Öffentlichkeit nichts angehen. Ein Studienrat sollte das wissen."

Stielau, in die Enge getrieben, verteidigte sich mit Argumenten, die den Verdacht nahelegen, daß er das Tagebuch der Anne Frank - zumindest bis zu jenem

Augenblick, da er seine Behauptungen aufstellte - gar nicht kannte. Stielau hatte nämlich die Buchausgabe des Diariums mit den zwei amerikanischen Bühnenbearbeitungen des Tagebuchs verwechselt. Die erste Fassung wurde nie aufgeführt, während die zweite, ein naturalistischer Reißer, beim Publikum fast noch stärker einschlug als das Buch. Kürzlich lief in New York ein Film an, der denselben Titel hat.

Der Studienrat mißverstand auch den Sachverhalt in einem New Yorker Gerichtsprozeß, in dem der Autor der ersten - verworfenen - Bühnenfassung, Meyer Levin, unter anderem gegen die Autoren der zweiten Fassung, das Ehepaar Hackett -Goodrich, auftrat. Stielau behauptete,

Meyer Levin habe gegen Vater Frank geklagt, weil dieser "ganze, von Meyer Levin natürlich erfundene Dialoge abschrieb und ins Tagebuch der Anne Frank als deren geistiges Produkt verpflanzte". In Wirklichkeit aber forderte Meyer Levin Schadenersatz dafür, daß seine Arbeitsleistungen von Hackett-Goodrich mitbenutzt, beispielsweise Dialogstellen in die zweite Bühnenfassung übernommen worden seien.

In seiner Verteidigung gegen Ernst Schnabel verknüpfte Stielau den im Nachwort der Buchausgabe enthaltenen Hinweis auf ausgelassene Stellen, "die für den Leser wertlos sind" - also einen Einwand, der sich auf das Verhältnis zwischen Buchausgabe und Handschriften bezieht -, mit der Meldung einer deutsch-amerikanischen Provinzzeitung, wonach Vater Frank das "Tagebuch der Anne Frank", - dem Sinne nach hätte das Theaterstück zweiter Fassung gemeint sein müssen - mit Dialogen aufgefüllt habe, die er von Meyer Levin abschrieb: "Stellen unbekannter Länge und Themenstellung", so konstatierte jetzt Stielau, ohne zu sagen, wo, seien "von zweiter Hand nicht nur ausgelassen, sondern auch hinzugefügt worden". Auf dem Umweg über eine unbewiesene Behauptung, eine Verwechslung, eine Falschmeldung und einen Rechtfertigungsversuch ist Stielau indes, ohne den wahren Sachverhalt zu kennen, auf ein tatsächlich heikles Problem gestoßen - das Problem der Entstehung der Buchausgabe.

Vater Frank, der von den Russen in Auschwitz befreit worden war, kehrte Ende Mai 1945 über Odessa nach Amsterdam zurück. Er übernahm wieder sein Geschäft in der Prinsengracht - die Amsterdamer Niederlassung einer Frankfurter Firma, der Anne Frank in ihren Aufzeichnungen den Decknamen "Travis A. G." gegeben hatte. Der körperlich und seelisch geschwächte Mann fand bei einer früheren Angestellten, der im Tagebuch erwähnten "Miep", und deren Mann "Henk" Unterkommen. Miep übergab ihm mit den Worten "Und nun, Herr Frank, habe ich noch etwas für Sie" die Tagebuchaufzeichnungen seiner Tochter. Sie waren von Miep und "Elli", einer anderen früheren Angestellten Franks, nach dem 4. August 1944 im "Achterhuis", dem Hinterhaus -Versteck der Franks in der Prinsengracht, gefunden worden.

Am 4. August 1944 war die "Grüne Polizei", wie es im Nachwort zu Anne Franks Tagebuch heißt, ins Hinterhaus eingefallen und hatte die Versteckten verhaftet. Der im Tagebuchtext "Koophuis" genannte holländische Prokurist, der als Mitwisser ebenfalls verhaftet wurde, konnte in einem unbewachten Augenblick der Angestellten Miep einen Schlüssel zum Hinterhaus-Eingang zustecken: Auf diese Weise gelangten die Frauen nach dem Abzug der Polizei in das verschlossene Versteck und retteten aus einem Haufen alter Bücher, Zeitungen und Zeitschriften die Aufzeichnungen des Mädchens.

Miep zufolge beschäftigte sich Vater Frank bis Oktober 1945 mit dem Abschreiben der Tagebuch-Aufzeichnungen. Er soll dies zum Teil allein, zum andern Teil mit Hilfe seiner Sekretärin Isa Cauvern getan haben - einer Holländerin, die schon vor dem Kriege in seinem Geschäft tätig und mit Franks Freund Albert Cauvern verheiratet war. Die Cauverns hatten Anne Frank gut gekannt; zu Anfang des Krieges verbrachten die beiden Frank-Töchter Margot und Anne ihre letzten freien Ferien bei der Familie Cauvern in Laren.

Vom Oktober 1945 bis zum Januar 1946 arbeiteten Otto Frank und Isa Cauvern an einer Neufassung der Abschrift; sie war als Entwurf für ein Buchmanuskript gedacht und bereits jener Stellen ledig, von denen es im Nachwort des Buches heißt, sie seien "für den Leser wertlos". Diese zweite Manuskriptfassung wurde Albert Cauvern vorgelegt, der als Rundfunkmann - Lektor bei der Radiogesellschaft "De Vara" in Hilversum - sich auf die Überarbeitung von Manuskripten verstand. Albert Cauvern stellt heute nicht in Abrede, daß er jene maschinengeschriebene Zweitfassung mit kundiger Hand redigiert hat: "Am Anfang habe ich ziemlich viel geändert." Später, so erläutert Cauvern, hätten sich seine Eingriffe in den Text darauf beschränkt, "daß ich nur die Interpunktion, die idiomatischen und grammatikalischen Fehler verbesserte".

Ob stimmt, was Cauvern mitteilt, daß er nämlich als Bearbeiter den vollständigen Text des Anne-Frank-Tagebuchs nicht gesehen habe und daher auch nicht wisse, welche Stellen ausgelassen wurden, läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit ausmachen: Die einzige Zeugin, die außer Otto Frank an der Herstellung des Buchmanuskriptes beteiligt war, Cauverns Frau Isa, beging im Juni 1946 aus ungeklärten Gründen Selbstmord. Sie stürzte sich aus einem Fenster der Amsterdamer Wohnung Cauverns.

Auch die Original-Tagebücher mit den Niederschriften Anne Franks will sich der Bearbeiter Cauvern nicht näher angesehen haben: "Ich kenne nur ein Tagebuch, nämlich das grüne Buch, das im Schaufenster der Buchhandlung Blankevoort in Amsterdam ausgestellt worden ist." Nachweislich besteht jedoch die Hinterlassenschaft des Mädchens Anne Frank aus fünf Schreibbüchern und einem Stoß loser Blätter, die heute in einem Safe der "Travis A. G." in Amsterdam aufbewahrt werden:

- aus dem "Geburtstags"-Tagebuch mit eingeklebten Familien-Photos (Geschenk des Vaters zum 13. Geburtstag seiner Tochter),

- zwei Fortsetzungs-Tagebüchern,

- 312 losen Seidenpapier-Blättern, die "unreine" Fassungen von Tagebuch -Eintragungen enthalten,

- einem Kurzgeschichten-Buch ("Verhaaltjes-boek") und

- einem Zitaten-Buch.

Die Tagebuch-Aufzeichnungen - ohne Kurzgeschichten- und Zitatenbuch - sind ungefähr doppelt so umfangreich wie der gedruckte Text. Allerdings fehlt nach Aussage von Vater Frank mindestens ein Fortsetzungs-Tagebuch, über dessen Verbleib man nichts weiß: Ein Zeitraum von mehr als einem Jahr, nämlich vom 5. Dezember 1942 bis zum 22. Dezember 1943, wurde in jenem undurchsichtigen Stadium der Text-Selektion, für das der Bearbeiter Cauvern die Verantwortung ablehnt, aus den losen ("unreinen") Blättern aufgefüllt. Cauvern: "Hat jemand wirklich das fehlende Jahr aus den Entwürfen rekonstruiert? Ich weiß nicht mehr, wieviel Seiten die ursprüngliche Maschinenschrift hatte... Ich habe Frank damals gebeten, das von mir bearbeitete Manuskript zum Andenken an meine Frau an mich zurückzugeben. Das hat er bis heute nicht getan."

Offenbar hat Vater Frank das von Albert Cauvern bearbeitete Manuskript noch einmal abschreiben lassen, denn drei prominente Gutachter, die den Text im Frühjahr 1946 zu Gesicht bekamen, können sich heute nicht daran erinnern, auf Spuren einer Bearbeitung gestoßen zu sein. Für diese Gutachter stand fest, daß die ihnen vorgelegte Maschinenschrift wortwörtlich Anne Franks Text enthielt - gekürzt um "einige Stellen" persönlicher Natur, nach deren Inhalt die Experten aus Gründen der Diskretion nicht weiter fragten: "Ich hatte nicht einmal das Gefühl, daß etwas fehlte", bemerkte Frau Anna Romein-Verschoor, Verfasserin des holländischen Vorworts zum "Achterhuis". "Ich bin wohl nicht mißtrauisch genug gewesen."

Der zweite Gutachter war ein Frankfurter Schulfreund Otto Franks, Kurt Baschwitz, Professor für Zeitungswissenschaft an der Universität Amsterdam. Professor Baschwitz, der sich in den Kriegsjahren wie Familie Frank bei Freunden in Amsterdam vor der deutschen Staatspolizei verborgen hielt, erinnert sich heute an die Entstehungsgeschichte der holländischen Ausgabe von "Het Achterhuis" so: "Ich Mußte, das ursprüngliche Tagebuch war größer. Ich wußte auch, daß Vater Frank es gekürzt hatte, weil einzelne Stellen zu persönlich waren, es gab besonders uns angenehme Passagen über die Mutter." Baschwitz fügt hinzu: "Später habe ich natürlich die holländische Buchausgabe gelesen. Ich habe aber keinen wissenschaftlichen Vergleich angestellt zwischen dem gedruckten Text und dem Manuskript."

Mit dieser Wendung deutet der Frank: Freund an, daß im Erscheinungsjahr des holländischen Erstdrucks - 1947 - kein sonderliches Interesse daran bestand, die Zuverlässigkeit der Textwiedergabe im einzelnen nachzuprüfen: Es genügte zu wissen, daß jenes Diarium der Anne Frank Beine bloße Erfindung war. "Anne war ein Mädchen mit einem Herzfehler", resümiert Kurt Baschwitz seine persönlichen Erinnerungen an die Tagebuch-Schreiberin. "Wie es oft vorkommt, reift ein körperlich benachteiligtes Kind seelisch schneller als andere. Ich fand, Anne besaß kein überragendes Talent; sie war im ganzen ein munteres und aufgewecktes Kind. Ihre schnelle Reife ist auch damit zu erklären, daß Anne gleichsam in 'Einzelhaft' saß. Auch andere Jungen, oder Mädchen haben so ein Tagebuch geschrieben."

Eine ähnlich sachlich-kühle Einstellung zu einem Pubertätstagebuch mit Kriegs-, KZ- und "Onderduiker"-Hintergrund*, wie sie, Kurt Baschwitz noch heute für angemessen hält, bekundeten im Jahre 1946 einige große holländische Verleger, als Vater Frank - "So etwas muß die Welt sehen!" - sie über Gutachter und Mittelsmänner für das Vermächtnis seiner Tochter zu gewinnen suchte. Trotz dringender Vorstellungen, "Het Achterhuis" zu drukken, lehnten Verlagshäuser wie Querido, Meulenhoff und "De Bezige Bij" mit der fast gleichlautenden Begründung ab, das allgemeine Interesse an dem Stoff sei gering, das wirtschaftliche Risiko daher zu groß.

Doch da trat der dritte prominente Gutachter auf den Plan, Professor Jan Romein, Ehemann der Vorwort-Autorin Anna Romein-Verschoor. Romein schrieb, am 3. April 1946 in der Amsterdamer Zeitung "Het Parool" unter der Überschrift "Kinderstimme" einen Artikel, dessen erster Absatz lautete: "Durch Zufall gelangte ein Tagebuch in meine Hand, das während der Kriegsjahre geschrieben wurde. Das Reichsinstitut für Kriegsdokumentation besitzt schon annähernd, 200 solcher Tagebücher; aber es sollte mich wundern, wenn eines darunter wäre, das so rein, so klug und so menschlich ist wie dieses. Ich vergaß für einen Abend die, Gegenwart mit ihren vielen Pflichten und las es, ohne aufzuhören."

Nachdem dieser Artikel Jan Romeins erschienen war, meldete sich der Amsterdamer Contact-Verlag, ein damals wenig bekanntes Unternehmen, und erklärte sich bereit, die Aufzeichnungen der Anne Frank zu drucken - aus Idealismus, wie die Contact-Leute Vater Frank zu verstehen gaben, denn "wir versprechen uns nicht viel Gewinn".

Otto Frank, endlich am Ziel seiner Wünsche, wollte nun ganz sicher gehen, daß im Tagebuch keine Stellen blieben, die holländische Leser schockieren könnten. Er wandte sich an mehrere geistliche Ratgeber - so zum Beispiel an den protestantischen Amsterdamei Pfarrer Buskes - und räumte ihnen freiwillig Zensoren-Befugnisse ein. Inwieweit die Geistlichen davon Gebrauch gemacht haben, bleibt ungewiß; an einzelnen Stellen ist jedenfalls der holländische Text puritanischer als spätere Übersetzungen. Albert Cauvern meint: "Es ist weiter möglich, daß nach meiner Bearbeitung noch Kürzungen durch geistliche Ratgeber erfolgt sind. Das ist aber neu für mich... Ich glaube, daß Otto Frank sich damals nicht im klaren darüber war, welche Bedeutung das Tagebuch seiner Tochter einmal bekommen werde."

Darüber scheint sich auch Albert Cauvern nicht klar gewesen zu sein. Jedenfalls schreckte er im Jahre 1946 nicht davor zurück, den kindlich-frischen Stil der Anne Frank gelegentlich zu entschärfen, wenn ihm der Ausdruck zu forsch und gefühlsbetont schien. Wenn etwa die Autorin "um den Hals fallen" schrieb, verbesserte Cauvern in "sehr dankbar sein". Die Bearbeiter verfaßten außerdem Überleitungen; Tagebuch-Stellen, die in den Schreibheften verschieden datiert sind, faßte Cauvern unter einem einzigen Datum zusammen; wo im Manuskript die Zeitangaben nicht mehr stimmten, wurden sie ungeniert abgeändert. Nirgendwo im späteren Buchtext finden sich Auslassungspunkte, die auf eine Kürzung hindeuten; wo wirklich solche Punkte sind, gehören sie zum Text. Cauvern: "Ja, ja, die Pünktchen fehlen... Aber fremde Gedanken kommen im Tagebuch nicht vor."

Daß es jedoch zur Erzielung eines klareren Gesamteindrucks besser gewesen wäre, die eigenen Gedanken des Mädchens Anne ohne Amputationen, Veränderungen oder Zusätze herauszubringen - wodurch das Tagebuch allerdings an Wirksamkeit eingebüßt hätte -, geht zum Beispiel aus einer Eintragung hervor, die im Manuskript das Datum vom 23. März 1944 trägt und bisher nicht veröffentlicht wurde. Die 14jährige Anne berichtet darin von einem "Hinterhaus"-Gespräch mit dem 17jährigen Peter über sexuelle Themen:

"Als ich gestern bei Peter war", schreibt Anne Frank, "kamen wir, ich weiß nicht mehr genau wie, auf das sexuelle Gebiet. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, ihn verschiedene Dinge zu fragen. Er weiß nämlich alles. Als ich ihm erzählte, daß Margot und ich über nichts richtig Bescheid wüßten, war er sehr erstaunt. Ich erzählte ihm manches über Margot, über mich, über Mutter und Vater und daß ich in der letzten Zeit keine Fragen mehr stellen dürfe. Er erbot sich darauf, mich aufzuklären, und ich ging dankbar auf sein Angebot ein. Er erzählte mir, wie Verhütungsmittel wirken, und ich stellte kühn die Frage, wie die Jungen merken, daß sie Erwachsene sind. Er sagte, darüber müsse er einmal nachdenken, und er werde mir am Abend Bescheid geben.

"Am Abend erzählte ich ihm die Geschichte von 'Jacque' (Jopie van der Waal, eine Schulfreundin) und daß Mädchen starken Jungen gegenüber wehrlos seien. 'Vor mir brauchst du keine Angst zu haben', sagte er darauf. Wir sprachen noch über manches andere, und er erzählte mir von den Jungen. Ein wenig peinlich war es schon, aber doch auch gut, mit ihm einmal darüber zu sprechen. Er sowohl als ich konnten uns nicht vorstellen, daß wir noch einmal mit einem Mädchen oder einem Jungen so offen über die intimsten Dinge sprechen könnten."

Ein Kuriosum der Anne-Frank-Literatur ist das Übersetzungs-Oeuvre der Anneliese Schütz, von dem Autor Schnabel sagte, "ich wünschte, alle Übersetzungen wären so getreu", dessen Text aber sehr häufig vom holländischen Original abweicht.

Die Arbeit der Übersetzerin ist insofern zum Teil entschuldbar, als Anneliese Schütz zunächst gar nicht für die Öffentlichkeit gewirkt hatte: Ihr ursprünglicher Auftrag lautete vielmehr, der hochbetagten Großmutter Anne Franks, die in Basel lebte und kein Wort Holländisch verstand, durch die deutsche Übertragung privat die Möglichkeit zu verschaffen, das Tagebuch der Enkelin zu lesen. Als Freundin der Franks und Lehrerin Annes schien die vor dem Kriege nach Amsterdam emigrierte Berlinerin für einen solchen Familienauftrag durchaus geeignet.

Erst später, als das Veröffentlichungs -Projekt konkretere Formen annahm, reifte auch in der Vorstellung der Übersetzerin Schütz der Gedanke, daß nicht nur die Großmutter in Basel, sondern auch andere Leser aus ihrer Arbeit Nutzen ziehen könnten: Sie versuchte damals - erfolglos -, Schweizer Verleger für den deutschen Text des Anne-Frank-Tagebuchs zu interessieren. Aus dem witzig-drastischen Backfisch-Holländisch der Anne Frank hatte die Schütz ein literarisch angehobenes Erwachsenen-Deutsch gemacht.

"Pfiffige Antworten" wurden zu "beschwingten Antworten", ein "warmer Blick" zur "reizenden Art", "empfindlich" zu "empfindsam", "eigensinnig" zu "eingebildet". Wo Anne Frank geschrieben hatte: "We zijn zo stil als baby-muisjes" ("Wir sind so still wie Baby-Mäuschen"), stand "Wir verhalten uns sehr ruhig"; "Wie in einem Blitz sah ich etwas von ihrem Leben" wurde zu "Manchmal dachte ich vorübergehend an sie".

Auch gröbere Übersetzungsfehler finden sich im "Tagebuch der Anne Frank". So übersetzte Anneliese Schütz zum Beispiel die Bemerkung "Intimer werden ist nicht möglich; das ist der springende Punkt" so: "Es ist mir nicht möglich, mich auszusprechen, und ich bin dann wie zugeknöpft." Frau Schütz hatte "knoop" (der Jackenknopf) mit "knoop" (der Knoten in einem Drama) verwechselt. Ähnliches passierte ihr mit "dropjes" (Lakritzen) und "drop" (der Tropfen); einen Trichter (tuitje) hielt sie für eine Tülle, durch die Wurstbrei "in Därme gefüllt" wird.

Im deutschen Text sind die Abweichungen, Zusätze und Auslassungen so zahlreich, daß sie sich gelegentlich nur aus der Großmutter-Perspektive erklären lassen: Anneliese Schütz, die den Originaltext in den Schreibheften gelesen hatte, hielt sich nicht immer an die redigierte und verkürzte Fassung, die ihr Vater Frank blattweise als Übersetzungsvorlage auf den Schreibtisch gelegt hatte. Sie zitierte stellenweise großzügiger und argumentierte, die Großmutter habe ein Recht darauf, mehr zu erfahren - vor allem dort, "wo Anne nach meiner Erinnerung etwas Besseres gesagt hatte".

Andere Stellen dagegen - vor allem einige Auslassungen des Mädchens gegen die Deutschen - schwächte Anneliese Schütz ab, ließ sie ganz weg oder gab ihnen einen neuen Sinn. Zum Beispiel in dem Satz "Es gibt keine größere Feindschaft auf der Welt als zwischen Deutschen und Juden" schickte sie dem Wort "Deutschen" ein kursiv gedrucktes "diesen" voraus - gemeint waren jetzt nur noch die "bösen" Hitler-Deutschen. Übersetzerin Schütz heute: "Ich habe mir immer gesagt, ein Buch, das man einmal in Deutschland verkaufen will, kann keine Schimpfworte gegen die Deutschen enthalten." Die einstige Berliner Suffragette Anneliese Schütz - sie gehörte im Wilhelminischen Deutschland zu den Vorkämpferinnen für das Wahlrecht der Frauen - fällt über ihre Schülerin Anne Frank ein Urteil, das sich mit dem des Zeitungswissenschaftlers Kurt Baschwitz im wesentlichen deckt: Das Mädchen habe sich körperlich schonen müssen, habe viele "boy-friends" gehabt, sei verwöhnt und geistig überdurchschnittlich, aber in keiner Weise außergewöhnlich begabt gewesen. Gegen die Tagebuchschreiberin Anne verteidigt die Schütz das Bild der Mutter Frank, die in Auschwitz starb: "In Wirklichkeit war Frau Frank eine sehr kluge und vor allem sehr geistreiche Frau. Es ist durchaus möglich und sogar wahrscheinlich, daß viele Gedanken, ganze Sätze und Abschnitte des Tagebuchs die Wiedergabe von Bemerkungen der Mutter sind - unbewußt natürlich, wie uns das selbst oft passiert, wenn wir für eigene Gedanken halten, was uns von den Gedanken anderer haften geblieben ist."

Scharf distanziert sich Anneliese Schütz vom sogenannten "Anne-Frank-Mythos", an dem außer Vater Frank auch der Schriftsteller Schnabel mitgesponnen habe: "Ich frage mich, war das nötig, daß der (Ernst Schnabel) nun noch ein zweites Buch dazuschreiben mußte. Warum eigentlich?" Frau Schütz fürchtet, daß Vater Frank nun auch dem Mythos zuliebe einen Prozeß anstrenge: "Wenn ein Mann wie Stielau eine solche Bemerkung macht, da hört man einfach nicht hin. Das überhört man. Warum nun dieser Prozeß?"

Die gleiche Frage stellt sich auch Frank -Freund Professor Kurt Baschwitz. Der Amsterdamer Zeitungswissenschaftler plädiert für einen Vergleich. Der Studienrat Stielau, so meint Baschwitz, sei doch sicher bereit, seinen Irrtum zuzugeben und seine maliziöse Bemerkung zurückzuziehen. Otto Frank dagegen möge - wenn auch in beschränkter Auflage - der Öffentlichkeit den vollständigen und unredigierten Text des "Tagebuchs der Anne Frank" übergeben. Baschwitz: "Ich sehe die Lösung des Falles in der baldigen Veröffentlichung einer bibliophilen Ausgabe der Tagebücher."

* Onderdutker = Untertaucher; Bezeichnung für die aus politischen Gründen Versteckten in Holland.

Tagebuch-Autorin Anne Frank: "Wir sprachen noch über anderes"

Frank-Haus in der Prinsengracht

Fünf Schreibbücher blieben zurück

Vater Frank

"Die Welt muß es sehen"

Autor Schnabel

Fand alles richtig

Studienrat Stielau

Hat nichts geprüft


DER SPIEGEL 14/1959
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