08.04.1959

TIBET

Wie das Orakel meint

In Tibet, wo in den letzten Wochen Mönche und Berghirten einen Partisanenkrieg gegen die Chinesen führten, werden schwerwiegende politische Entschlüsse gewöhnlich nicht ohne den erprobten Rat eines staatlich angestellten Orakels gefaßt. Als jedenfalls der gegenwärtige Dalai Lama, das geistliche und weltliche Oberhaupt des zentralasiatischen Priester-Staates, Ende des Jahres 1950 zum erstenmal vor einer chinesischen Armee flüchtete, machte er sich nicht auf den beschwerlichen Weg über die karge Hochfläche seines Landes, ohne vorher das Orakel befragt zu haben.

Erinnert sich der österreichische Alpinist Heinrich Harrer, der seinerzeit am Hofe des Dalai Lama lebte, an die entscheidende Kabinettssitzung der tibetischen Regierung: "In Gegenwart des Dalai Lama ... wurden zwei ... Kugeln gedreht und auf einer goldenen Waage geprüft, bis sie gleich schwer waren. Zwei kleine Zettelchen, auf deren einem mit der Hand ein 'Ja', auf dem anderen ein 'Nein' geschrieben worden war, wurden in die Kugeln eingerollt und diese in einen goldenen Becher geworfen. Den Kelch drückte man dem Staatsorakel in die Hand, das bereits in Trance seinen Tanz vollführte. Es ließ das Gefäß schneller und schneller rotieren, bis eine der Kugeln heraussprang und zu Boden fiel. Sie enthielt das 'Ja', und damit war entschieden, daß der Dalai Lama Lhasa verlassen sollte."

Mitte März dieses Jahres ist nun der tibetische Gottkönig erneut aus seiner Hauptstadt entwichen. Bisher sind zwar die näheren Umstände nicht bekannt geworden, unter denen er diesmal floh. Doch darf angesichts der Zähigkeit, mit der die Tibeter an althergebrachten Sitten und Gebräuchen festhalten, unterstellt werden, daß sich die tibetischen Minister des Orakel -Beistandes versichert haben, bevor sie ihrem göttlichen Staatsoberhaupt die Abreise nahelegten.

Begleitet von Vorderlader-Schützen des räuberischen ost-tibetischen Khamba -Stammes, der schon seit 1952 Franktireur -Überfälle auf die chinesischen Besatzungssoldaten unternimmt, entzog sich der Dalai Lama durch seine Flucht der dringenden Einladung des chinesischen Stadtkommandanten von Lhasa, ohne Leibwache das chinesische Stabsquartier zu besuchen.

Anti-chinesische Demonstrationen am Fuße der hochgetürmten Winter-Residenz des Dalai Lama in Lhasa (1400 Zimmer) entwickelten sich zu Straßenkämpfen bewaffneter Mönche mit den Chinesen, die Ende März niedergeschlagen wurden.

Die Khamba-Krieger, die nach Väter -Sitte auf Raubzüge gegen Kaufmanns -Karawanen trainiert sind, leisteten, nach dem Ende der Kämpfe in der Hauptstadt, hinhaltenden Widerstand im unzugänglichen Bergland südöstlich von Lhasa.

Die Chinesen äscherten die großen Klöster Sera und Drepung ein und verhafteten mehrere tausend Mönche, die seit Jahrhunderten zusammen mit dem Feudal -Adel die Herren Tibets sind - und seit ebenso langer Zeit mit Protektorats-Statthaltern der Pekinger Regierung um die Behauptung ihres politischen und wirtschaftlichen Einflusses kämpfen.

Waren die Kämpfe auch diesmal umfassender als früher, so hatte sich doch nichts grundsätzlich Neues begeben. Noch immer galt, was die französische Zeitung "Le Monde" im Herbst vergangenen Jahres zu den Gerüchten über politische Unruhen in dem hochgelegenen Priester -Staat (mittlere Höhe 4500 Meter) nüchtern festgestellt hatte: "Die von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchenden Nachrichten über tibetische Revolten ... gegen chinesische Truppen melden weder Neues noch Ungewöhnliches, denn der Kampf der Tibeter gegen die Chinesen dauert nun schon drei Jahrtausende ... und darum bedeuten die derzeitigen Revolten gegen die rotchinesischen Truppen durchaus nicht Kampf gegen den Kommunismus.

"Heute wie vor 3000 Jahren liegt die eigentliche Ursache des Kampfes der Tibeter gegen China ... in ihrem kompromißlosen Widerstand gegen Einordnung in irgendeine von außen an sie herangebrachte Sozialordnung ... Der Hauptanlaß für das neue Aufflackern der tibetischen Feindseligkeit gegen die Chinesen ist der Widerstand der mächtigen großen Klöster gegen die von den Chinesen erstrebte Land- und Sozialreform."

So gelassen und nüchtern wollten allerdings die meisten anderen führenden Organe der westlichen Welt die Schießereien in Tibet nicht mehr betrachtet wissen, seit die direkte Einbeziehung des geheimnisumwitterten Gottkönigs in die tibetisch chinesischen Erbstreitigkeiten den Publikums-Appeal der blutigen Vorgänge jenseits des Himalaja beträchtlich erhöht hatte.

Aus der Spalte für kleine Nachrichten, wo seit Jahren gelegentlich und skeptisch der Guerilla-Krieg des Khamba -Stammes gegen die Chinesen verzeichnet worden war, rückten die Tibet-Meldungen in die Schlagzeilen auf.

Ungeachtet der Tatsache, daß für Tibet der geistige Abstand zu den im 19. Jahrhundert in Europa entwickelten Menschenrechten - für die das ungarische Volk im Herbst 1956 kämpfte - noch größer ist als die Entfernung zwischen Budapest und Lhasa, wurde den tibetischen Raubrittern und Mönchen der Ehrentitel "ungarischer Freiheitskämpfer" verliehen. Aus dem "Dach der Welt" - der eingeführten Feuilleton-Umschreibung für Tibet - wurde das "asiatische Ungarn".

Die Regierung der Vereinigten Staaten ging in ihrem Bemühen, den - unbestreitbar tapfer geführten - Freischärlerkampf der tibetischen Mönche und räuberischen Hirten mit dem gängigen Etikett "Volks-Kampf gegen den Kommunismus" versehen zu können, sogar so weit, den Rot-Chinesen vorzuwerfen, sie hätten bei der Regierungs-Ablösung des geflohenen Dalai Lama durch den China-freundlichen Pantschen Lama "ohne Zustimmung des tibetischen Volkes" gehandelt - als gäbe es wie im mittleren Westen Amerikas auch unter den Bewohnern - der Einöd -Dörfer Tibets die Vorstellung vom freien, souveränen Volkswillen.

Tatsache ist lediglich, daß der 23jährige Dalai Lama unter den rund drei Millionen Bewohnern Tibets (das etwa so groß ist wie Frankreich und Deutschland zusammen) eine größere Anhängerschaft besitzt als der zwei Jahre jüngere Pantschen Lama, dessen Stammsitz das Kloster Taschi-lumpo westlich von Lhasa ist.

Beide Priester gelten als Wiedergeburten buddhistischer Götter, wobei der Pantschen Lama sogar einen übergeordneten geistlichen Rang einnimmt, weil er die Inkarnation eines höher auf der Stufenleiter der vielen Buddha-Wiedergeburten stehenden Gottes ist (Allein in Tibet gibt es etwa 200 Buddha-Inkarnationen).

Die jahrhundertealten Cliquen-Kämpfe zwischen den mönchischen Anhängern der beiden Götter führten jedoch schließlich zur politischen Vormachtstellung des Dalai Lama, was den Pantschen Lama und seinen Klan zur Aufnahme inzwischen schon traditioneller freundschaftlicher Beziehungen mit dem mächtigen Nachbarn China veranlaßte. Bereits der vorige Pantschen Lama (die neunte Inkarnation) starb nach Kämpfen mit dem damaligen 13. Dalai Lama 1937 im chinesischen Exil.

Etwa ein Fünftel der Tibeter sind Mönche lamaistischen Glaubens - einer Mischreligion aus Buddhismus und alttibetischem Dämonen-Glauben -, denen zusammen mit einer kleinen Adelsschicht aller Grund und Boden gehört, und damit auch alle Macht.

Sie regieren im Schutze der Gebirgsketten rings um Tibet noch so, wie es der Reformator des Lamaismus, Tsong Kha-pa, um das Jahr 1400 vorgeschrieben hat. Das Kind, in dem nach ihrem Glauben der Geist eines verstorbenen Dalai Lama Urständ feiert, wird nach oft jahrelanger Suche mittels komplizierter Prüfungen ausgewählt. So haben dem gegenwärtigen Dalai Lama unter anderem abstehende Ohren zur Inthronisation als Staatsoberhaupt verholfen, weil sie - neben anderen Zeichen - eine Buddha-Ähnlichkeit des Kindes anzeigten.

China hat stets die Oberhoheit über dieses "asiatische Ungarn" beansprucht: Schon 1720 standen chinesische Truppen als Besatzungsmacht im Lande; zu Beginn dieses Jahrhunderts erklärte Peking den nach Indien geflohenen Dalai Lama sogar für abgesetzt und versuchte das Land enger an China zu binden. Nach der chinesischen Revolution 1912 vermochte Peking jedoch seine Ansprüche auf den fernen Priester -Staat nicht mehr wirksam zu vertreten, was dem Gottkönig die Rückkehr nach Lhasa ermöglichte.

England, damals noch Herr in Indien, vermittelte zwischen Peking und Lhasa, um selbst Einfluß in Tibet zu gewinnen: 1914 wurde Chinas Oberhoheit abermals bestätigt, Tibet wurde das Recht auf autonome Verwaltung zugesprochen, England kontrollierte den - unbeträchtlichen - tibetischen Außenhandel. Damit war auch in diesem Gebiet Asiens die Grundkonzeption der seinerzeitigen westlichen Kolonialpolitik verwirklicht worden, die unter Wahrung formeller Rechte eines asiatischen Landes - Chinas - den realen Einfluß einem europäischen Staate verschaffte.

Die Machtübernahme der Kommunisten in China und die sich daran anschließende Zusammenfassung der bis dahin im Bürgerkrieg zersplitterten Expansions-Kräfte des 600-Millionen-Volkes ermöglichten Peking nach jahrzehntelanger Nominal-Herrschaft die Entsendung einer Expeditions -Armee in das für moderne Waffen strategisch wichtige und an unerschlossenen Bodenschätzen reiche Tibet: Im Oktober 1950 rückten chinesische Soldaten in den Priester-Staat ein, die in ihrem Troß die jüngste Wiedergeburt des Pantschen Lama, des China-freundlichen Gottes, mit sich führten.

Nach entsprechendem Orakel-Spruch floh der Dalai Lama vorübergehend an die Südgrenze seines Landes, kehrte jedoch schon nach wenigen Monaten zurück, um einen Vertrag mit Peking zu billigen, der sowohl Chinas Oberhoheit als auch Tibets Recht auf Autonomie festlegte.

Auf diesen Vertrag beruft sich Peking heute, wenn es die Bereinigung seiner Schwierigkeiten in Tibet als "innere Angelegenheiten Chinas" deklariert. Auch Amerika erhob damals keine Einwände, weil es zwar Rotchina nicht anerkannt, jedoch stets die Protektorats-Rechte Nationalchinas über Tibet akzeptiert hatte.

Dennoch zögerte das amerikanische Außenministerium Ende März nicht, von einer "barbarischen Intervention" Chinas in Tibet zu sprechen: Die Verlockung, Asien mit abendländischen Maßstäben zu messen, war zu groß.

Nicht verlockt von der Möglichkeit, antikommunistische Erklärungen abgeben zu können, wurde dagegen der indische Ministerpräsident Nehru. Für ihn ist der tibetische Aufstand fast ärgerlicher als für die Chinesen selbst. Freudlos teilte Nehrus Regierung das Eintreffen des Dalai Lama in Indien mit.

Indien hat mit China 1954 einen Vertrag abgeschlossen, der die chinesische Oberhoheit über Tibet von indischer Seite garantiert. In einer Deklaration zu diesem Vertrag wurden fünf Grundsätze der "friedlichen Koexistenz" niedergelegt (als wichtigster das Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung in innere Angelegenheiten), die Nehru für ein Allheilmittel der gesamten Ost-West-Beziehungen hält: Zugunsten des tibetischen Gottkönigs möchte Nehru diese Grundsätze nicht aufgeben.

The Observer, London

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

Dalai Lama und Pantschen Lama in Peking: Freiheitskampf?


DER SPIEGEL 15/1959
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