29.04.1959

SOWJET-UNION / NATIONALITÄTEN-POLITIKFalsche Geographie

Die asiatischen Völker der Sowjet-Union hatten jüngst Gelegenheit, sich an jenen denkwürdigen Ausspruch Josef Stalins zu erinnern, in dem er am 24. Mai 1945 vor Kommandeuren der Sowjetarmee das russische Volk feierte, "dieses hervorragendste Volk der UdSSR", das durch "klaren Verstand, Charakterfestigkeit und Geduld" den Zweiten Weltkrieg gewonnen habe. Das Toastwort des Diktators, der einst der erste Nationalitäten-Volkskommissar des sowjetischen Vielvölkerstaates gewesen war, umschrieb das Grundgesetz des bolschewistischen Bundesstaates: Es dokumentierte vor aller Welt den Führungsanspruch von 100 Millionen Russen gegenüber den anderen Nationalitäten der UdSSR.
Auch die innersowjetische Liberalisierung nach dem Tode Stalins lockerte nicht wesentlich den halbkolonialen Status, in dem die Russen namentlich die asiatischen Sowjetrepubliken halten. Der Ukrainer Chruschtschew schien zwar zunächst den nicht russischen Unionsrepubliken ein größeres Maß an kultureller Eigenständigkeit konzedieren zu wollen, doch kehrte der Sowjet -Premier bald zu der Nationalitäten-Politik seines Vorgängers zurück, wenn er es auch vorzieht, den russischen Führungsanspruch weniger drastisch zu proklamieren.
Mehrere Säuberungsaktionen, von Moskau inszeniert, machten vollends deutlich, daß Nikita Chruschtschew aus Gründen der Staats- und Parteiräson keine Selbstständigkeitsregungen in seinen Unionsrepubliken aufkommen lassen will:
- In Turkmenistan wurden im Dezember 1958 der Erste und Dritte Sekretär der Kommunistischen Partei abgesetzt. Außerdem mußten Ende Januar 1959 elf der insgesamt 13 Mitglieder des Parteipräsidiums ihren Posten aufgeben.
- In Usbekistan wurden Mitte März der
kommunistische Parteichef und der Ministerpräsident abgesetzt und aus dem Präsidium ihrer Landespartei ausgestoßen.
- In der Mongolischen Volksrepublik stürzten wenige Wochen später der zweite Parteisekretär, der Parlamentspräsident, der Minister für Staatskontrolle, der Präsident des Obersten Gerichtshofes und der Generalprokurator.
Britische Sowjet-Experten erklärten dazu, die Säuberungsaktionen Chruschtschews seien die Folge gewisser Differenzen zwischen den asiatischen Sowjetrepubliken und der Moskauer Zentrale. Die Sowjet-Union sei nämlich in Gefahr, das Opfer ihrer eigenen pan-asiatischen Antikolonial-Propaganda zu werden: Die Reaktion auf diese Propaganda könne sich eines Tages auch gegen den "innersowjetischen Kolonialismus" kehren.
Schrieb kürzlich Englands liberaler "Manchester Guardian": "Die Probleme, denen sich die Russen heute im kommunistischen Asien konfrontiert sehen, sind jenen nicht unähnlich, die England und Frankreich im vergangenen Jahrhundert zu schaffen machten. Damals mußten wir entdecken, daß wir durch unsere Hilfe für den europäischen Nationalismus gleichzeitig den Nationalismus in Indien nährten, an dem wir ganz und gar nicht interessiert waren; so könnten auch die sowjetischen Herrscher entdecken, daß sie mit ihrer enthusiastischen Hilfe für den Antikolonialismus von Bandung ein schweres Risiko auf sich genommen haben."
Mögen auch derartige Kommentare den Ereignissen weit vorauseilen - unbezweifelbar ist, daß die Säuberungsmanöver in den asiatischen Sowjetrepubliken Reaktionen auf ein unverhohlenes Mißvergnügen der Sowjetasiaten darstellten. Dabei hatte sich die sowjetische Parteiführung alle Mühe gegeben, die Gründe für die Ablösung der Spitzenfunktionäre in Usbekistan und Turkmenistan zu verschleiern.
Die Moskauer Zentralpresse gab lediglich bekannt, die ausgebooteten Funktionäre hätten sich "parteifeindlicher Bestrebungen" schuldig gemacht, also eines politischen Vergehens, das man bisher nur der verketzerten Gruppe Malenkow-Molotow vorwarf. Verschwiegen aber wurde, worin diese "parteifeindlichen Bestrebungen" bestanden hatten. Nicht einmal die offenherzigeren Provinzzeitungen durften Details erörtern.
Die Schweige-Taktik der sowjetischen Parteiführung wurde besonders deutlich, als das Zentralkomitee der KPdSU zum erstenmal seit dreißig Jahren stenographische Protokolle über seine Tagungen veröffentlichte. Das Zentralkomitee brachte die Reden der Funktionäre aller Unionsrepubliken, mit einer Ausnahme: der des turkmenischen Parteisekretärs. Von ihm berichtete das Protokoll in einem knappen Satz, er habe im Plenum des Zentralkomitees über "einige Fragen der innerparteilichen Arbeit" referiert.
Tatsächlich aber hätte gerade die Rede des Turkmenen die wahren Hintergründe der sowjet-asiatischen Säuberungsaktionen offenlegen können. Denn Turkmenistan bietet ein Musterbeispiel für das nationalistische Mißvergnügen, dem heute die Sowjetrussen in ihren asiatischen Republiken ausgesetzt sind.
Turkmenistan, ein Land von der Größe Frankreichs (siehe Karte), ist die bisher letzte Erwerbung der russischen. Ausdehnungspolitik in Zentralasien. Das Gebiet - zu neun Zehnteln von Wüstensand bedeckt - wurde erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dem russischen Reich einverleibt. Den Grenadieren des Zaren folgten bald russische Kolonisten, die das unwegsame Land an Zivilisation und Fortschritt anschlossen.
Mit gigantischen Bewässerungsprojekten, die erst in der Sowjetära entschlossen angepackt wurden, machten die Russen das Land fruchtbar. Der Bedarf an Facharbeitern für die aufkommenden Erdöl- und Baumwollindustrien Turkmenistans zog weitere russische Einwanderer-Wellen nach sich. Im Hafen von Krasnowodsk schufteten vor allem russische und ukrainische Arbeiter.
Die unvermeidliche Folge war, daß eine kleine Schicht von Russen die Masse der durchweg ungebildeten Turkmenen beherrschte. Obwohl die rund 800 000 Turkmenen im Jahre 1939 etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, stellten sie nur 55 Prozent der Mitglieder des turkmenischen Parlaments. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserte sich zwar diese Relation, die Russen aber beherrschten weiterhin nahezu alle Zweige der Industrie, Wissenschaft und Kultur.
Inzwischen aber war eine turkmenische Intelligenzschicht herangewachsen, die einen größeren Anteil an der Verwaltung des Heimatstaates begehrte. Auf den Wogen einer starken nationalistischen Strömung versuchten die jungen Turkmenen, die Russen aus deren dominierenden Positionen zu vertreiben. Mehrfach mußte Moskau mit Säuberungsaktionen eingreifen, um die Intelligenzler zur Räson zu bringen.
Nach dem Tode des kaukasischen Russifizierers Stalin hielt der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Turkmeniens, Sukhan Babajew, den Augenblick für gekommen, die Russen in ihre Schranken zu verweisen. Gestützt auf Erklärungen Nikita Chruschtschews, die den Unionsrepubliken größere Eigenständigkeit in Aussicht stellten, entwarf er ein Programm für die Turkmenisierung des Parteiapparates. Er begann, wie es heute die neue Parteiführung Turkmenistans vorsichtig umschreibt, "Funktionäre nicht nach ihren politischen und administrativen Fähigkeiten, sondern nach ihrer geographischen Herkunft auszuwählen".
Parteichef Babajew machte denn auch keinen Hehl daraus, daß er die Russen im turkmenischen Parteiapparat durch Turkmenen ersetzen wollte. Er scheute sich nicht, im Dezember 1957 in der Moskauer Zeitschrift "Parteileben" zu schreiben" es sei ihm gelungen, das russische Element in den Parteikadern zurückzudrängen. Während noch 1952 die Turkmenen nur 50 Prozent der Partei- und Verwaltungsposten besetzt hätten, habe sich ihr Anteil nunmehr auf 70 Prozent erhöht.
Babajew: "Die nationalen (turkmenischen) Kader sind durchaus in der Lage, die komplexen und schwierigen Aufgaben der Partei zu lösen."
Der Parteichef ging noch einen Schritt weiter. Es sei nicht damit getan - so schrieb er -, "die turkmenischen Parteikader zu nationalisieren"; das ganze Leben der Republik müsse turkmenisiert werden. Argumentierte Babajew: Das turkmenische Volk nehme zum Beispiel Anstoß daran, daß nur 19 Prozent der Studienplätze auf den technischen Hochschulen der Republik von Turkmenen besetzt seien. Babajews Parteiorgan "Turkmenskaja Iskra" ergänzte diese Angaben durch eine Statistik, aus der hervorging, daß von den 2200 Ärzten der Republik nur 635 Turkmenen sind und daß der Anteil der Turkmenen unter den Studenten der Fachhochschulen nicht mehr als 17,4 Prozent beträgt.
Die sowjetische Parteiführung in Moskau aber gab durch keinerlei Anzeichen zu erkennen, daß sie die Nationalisierungs -Politik des Genossen Babajew mißbillige. Im Gegenteil, auf einer Tagung der turkmenischen KP im Januar 1958 durfte sich der Parteichef sein Programm einstimmig bestätigen lassen.
Sukhan Babajew wurde immer kühner. Er entließ eine Anzahl russischer Parteifunktionäre und ging sogar zu einer antirussischen Säuberung des Staatsapparates über. Schließlich aber griff er zu einer Maßnahme, die offenbar die Moskauer Parteiführung provozierte: Babajew säuberte drei stellvertretende Ministerpräsidenten, darunter zwei Russen, aus der Regierung hinaus.
Ob nun die entlassenen Staatsfunktionäre den persönlichen Schutz Chruschtschews genossen oder ob den Moskauer Parteichef die Furcht beschlich, das Babajew-Experiment könne einen separatistischen Zug in die sowjetische Nationalitäten-Politik bringen - Tatsache bleibt, daß Babajew nach der Absetzung der drei Vizeministerpräsidenten in Moskau verspielt hatte. Am 16. Dezember des vergangenen Jahres teilte die "Turkmenskaja Iskra" mit, der erste Parteisekretär Sukhan Babajew sei abgelöst worden.
Bezeichnend aber war, daß die Moskauer Parteiführung die Gründe für den Sturz des turkmenischen Parteichefs verschwieg. Erst in den vergangenen Wochen, als das Zentralkomitee der KPdSU eine Untersuchung der Vorgänge in Turkmenistan beschloß, mußte der neue KP-Chef Karajew deutlicher werden. Eingedenk der propagandistischen Faustregel, daß die Schutzmacht des farbigen Antikolonialismus keine Nationalitätenprobleme kennen darf, half sich Karajew mit einer recht treuherzigen Formulierung: Sein Vorgänger habe sich, so ließ er verlauten, an falschen "geographischen Gesichtspunkten" orientiert.
Nationalitäten-Kommissar Stalin (1917)
Geographische Gesichtspunkte

DER SPIEGEL 18/1959
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