29.04.1959

TODESSTRAFEDas Gaskammerspiel

Mit der bedächtigen Routine eines kurzsichtigen Kolonialwarenhändlers, der seiner Kundin eine Tüte feiner Raffinade einwiegt, gießen zwei freundliche, uniformierte Männer mittleren Alters eine helle Flüssigkeit aus großen Flaschen in einen Meßbehälter um: Schwefelsäure. Sodann ziehen sie sich schwarze Gummihandschuhe über und füllen behutsam einen Gazebeutel mit weißen Kugeln: Zyankali.
Es ist der 3. Juni 1955, 8.55 Uhr, in der Todeszelle des kalifornischen Zuchthauses San Quentin. Die Männer bereiten die, für zehn Uhr angesetzte Hinrichtung der 32jährigen Barbara Graham in der Gaskammer vor. Das Schwurgericht von Los Angeles hat das mehrfach vorbestrafte Party-girl sowie die Berufsverbrecher Jack Santo und Emmett Perkins am 22. September 1953 des Mordes an einer Witwe für schuldig befunden und die Angeklagten zur Höchststrafe verurteilt: "Verabreichung giftigen Gases, bis der Tod eintritt."
Die Vorgänge, die sich, zwischen 8.55 und 11.37 Uhr in der Todeszelle von San Quentin abspielen, werden den deutschen Kinobesuchern seit Ende der vorletzten Woche mit bemühter Präzision in einem Film dargeboten, "der Ihnen (den Kinobesuchern) die Todesstrafe zeigt, wie sie wirklich ist". Mit dieser Versicherung offeriert die Hollywood-Firma United Artists ihr Oscar-gekröntes Opus "Laßt mich leben" - nach dem Urteil der "Welt" einen "der schrecklichsten und zugleich aufwühlendsten Filme, die je das Licht einer Leinwand erblickten".
Die Produktion bediente sich für ihr Anti-Todesstrafen-Plädoyer einer authentischen Begebenheit, der Geschichte von "Bloody Babs", der "Tigerin". Die blutige Babs, eine Nachtklubschönheit namens Barbara Graham, war viermal verheiratet und Mutter von drei Söhnen, Second Lady amerikanischer Matrosen und vorbestraft wegen Prostitution, Unzucht, Landstreicherei und Meineides. Sie wurde zusammen mit Perkins und Santo im Mai 1953 verhaftet und angeklagt, die verkrüppelte Witwe Mabel Monahan erschlagen zu haben. Die Anklage stützte sich auf die Aussagen eines Kronzeugen und auf ein fragwürdiges Geständnis der Graham, das ihr ein als Ganove verkappter Polizist unter dem Vorwand entlockt hatte, er würde ihr dann auch ein Alibi für die Mordnacht besorgen.
Obgleich die Graham vor Gericht immer wieder ihre Unschuld beteuerte, obgleich der gutachtende Psychologe Carl Palmberg zu dem Schluß kam, die Angeklagte sei "zwar asozial und unmoralisch, aber nie einer Gewalttat fähig", wurde sie in der Gaskammer hingerichtet.
Der Film retuschiert die Untugenden der Barbara Graham nicht - sie wird von Susan Hayward gespielt, die für diese Rolle jüngst den Oscar als beste Schauspielerin des Jahres bekam -, aber er macht klar, daß sie keine Mörderin ist, und konzentriert sich in einer dreißigminütigen Passage auf den würgenden Horror eines Todeszellen-Insassen, der die Exekution erwartet. Er schildert, dokumentarisch trocken und ohne melodramatische Akzente, die fast wissenschaftlich präzisen Vorbereitungen einer staatlichen Hinrichtung. "Die Unmenschlichkeit der Vorgänge in der Gaskammer ... sind in sich selbst schockierend", schrieb der New Yorker Kritiker Arthur Knight in der "Saturday Review". "Wenn man sie mit der Annahme verbindet, daß der Todeskandidat unschuldig ist, verwandeln sie sich in eine Anklage gegen das gesamte (Justiz-) System."
In einem Filmvorwort kommentierte der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Albert Camus: "Der Tag wird kommen, an dem uns solche Dokumente wie Zeugnisse prähistorischer Zeiten anmuten werden, und wir werden sie ebenso unglaublich finden wie die Tatsache, daß man in früheren Jahrhunderten Hexen verbrannt und Dieben die rechte Hand abgehackt hat."
Der Vorgang, den Camus mit den Hexenverbrennungen und Diebesverstümmelungen verglich, bannt die Zuschauer in die (vom Filmarchitekten nachgebaute) Todeszelle von San Quentin. Während die Gefängniswärter, die bedächtig Schwefelsäure und Zyankali-Kugeln abgefüllt haben, das Funktionieren der Tötungsanlage kontrollieren, schrillt - um 9.05 Uhr - das Telephon der Todeszelle: Gouverneur Knight ordnet Aufschub an, weil der Anwalt der Graham mit neuen Argumenten gehört werden will. Die beiden freundlichen Herren unterbrechen ihre Tätigkeit.
Um 10.26 Uhr klingelt das Telephon erneut: Der Gouverneur hat die Argumente verworfen.
Nun werden Zeugen und Zeitungsreporter in die Todeszelle eingelassen. Sie stellen sich hinter den Schaufenstern der Gaskammer auf. Der Verurteilten wird die Membrane für ein Schlauch-Stethoskop auf die Brust geschnallt.
Als das Telephon um 10.43 Uhr zum drittenmal schrillt - ein neuer Aufschub -, schreit die Verurteilte: "Warum quälen Sie mich? Um zehn war ich bereit!"
Um 11.12 Uhr ruft der Gouverneur zum letztenmal an: Nun ordnet er endgültig
die "Beförderung vom Leben zum Tode" an. Barbara Graham verlangt eine schwarze Augenbinde. Als der Wärter sie - um 11.31 Uhr - in die Gaskammer führt, um sie mit geübten Griffen auf einen Stuhl zu schnallen, sagt er mitfühlend: "Wenn Sie die Kügelchen fallen hören, zählen Sie bis zehn, und dann atmen Sie tief. So ist's leichter." Die Graham antwortet ihm: "Woher wissen Sie das?"
Die Gaskammer wird verriegelt. Es ist 11.31 Uhr.
Um 11.34 Uhr gibt der Zuchthausdirektor
- ein gepflegter, modisch gekleideter Herr mit graumeliertem Haar - ein Zeichen: Der Gazebeutel mit den Zyankali-Kugeln platscht in die Schwefelsäure. Dämpfe steigen auf. Barbara Graham hält den Atem an. Sie wirft den Kopf zurück. Um 11.37 Uhr atmet sie tief ein und stirbt. Die versammelten Herren eilen auseinander.
"Noch nie ist so brutal gegen die Todesstrafe polemisiert worden", berichtete ein New Yorker Kritiker der "Welt" nach der Uraufführung des Films in Amerika. "Noch nie sah man die Besucher so betäubt ein Filmtheater verlassen." Gerade die kommentarlos gruselige Schilderung von der Hinrichtung einer Frau, die bis zuletzt ihre Unschuld beteuert hat, veranlaßte die englischen Kinozensoren, die Aufführung des Hollywood-Films in Großbritannien zu untersagen. Die Auslöschung eines Menschenlebens durch die Hinrichtung, so begründeten die Zensoren ihren Entschluß, sei "kein Thema, das sich zur Unterhaltung eignet". Die deutschen Kinobesucher dürfen dagegen seit Mitte des Monats den Gaskammer-Film in ungekürzter Fassung sehen.
Hingerichtete Barbara Graham
Authentische Begebenheit - schrecklicher Film

DER SPIEGEL 18/1959
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