06.05.1959

KNECHTSAND-BOMBENDie große Meldung

Bei 19 Anflügen 45 Bomben auf das Vogelschutz-Gebiet Knechtsand." Mit dieser und ähnlich lautenden Balkenüberschriften traf Westdeutschlands Presse - voran die Erzeugnisse des Hamburger Zeitungskonzerns Springer, der sich immer schon gegen die Hundeschlächter und für den Tierschutz stark gemacht hat - die patriotisch und tierfreundlich gestimmte Eintracht aller Deutschen mitten ins Herz.
Düsenflugzeuge, so empörten sich die Gazetten im Chor, hätten einen ganzen Tag lang - am Dienstag vorletzter Woche - die bundesdeutsche Souveränität dreist verletzt, serienweise Bomben über dem Wurster Watt südwestlich der Sandbank Großer Knechtsand sowie über dem offenen Meer westlich der Insel Neuwerk abgeladen und mit diesem rüden Kriegsmanöver Tausende von Brandgänsen bei friedlicher Bruttätigkeit mitleidlos erschreckt.
Die Brandgänse nisten zwar erst im Juli auf dem Knechtsand, aber Strandläufer und Regenpfeifer trippeln auch im April über das Watt. Und weil die Ehre der Nation und die Wohlfahrt der Tiere durch glückliche Fügung endlich einmal in gleichem Maße beeinträchtigt zu sein schienen, hatte die Obrigkeit verständlicherweise Eile, dem deutschen Einheitssentiment zu huldigen. In blindem Vertrauen auf die Zeitungsmeldungen schickten Landrat und Oberkreisdirektor des Landkreises Wesermünde an den Bonner Verteidigungsminister Strauß und den noch amtierenden niedersächsischen
Ministerpräsidenten
Hellwege fast gleichlautende Protest-Fernschreiben.
Der Leiter der "Schutz- und Forschungsgemeinschaft Knechtsand" - er selber und seine Schutz- und Forschungsgehilfen hatten weder Flugzeuge oder Rauchpilze gesehen, noch Detonationen gehört - schloß sich dem Protest des Landkreises an: "Ich dulde es nicht, daß meine freiwilligen Helfer auf dem Knechtsand durch Bombenabwürfe gefährdet werden." Und: "Es steht unerschütterlich fest, daß Bomben fielen."
Blieb nur die "brennende Frage", die Springers Familien-Postille, das "Hamburger Abendblatt", formulierte: "Wer hat ... ohne Rücksicht auf die Hoheitsrechte der Bundesrepublik, ohne Rücksicht auf das Leben von Menschen und Tieren Sprengbomben auf Europas bedeutendste Vogelfreistätte abgeworfen?"
Da niemand die Hoheitszeichen der angreifenden Düsenbomber hatte ausmachen können, fiel die Antwort nicht schwer. Jene Zwangsvorstellung der Deutschen vom perfiden Albion, die mindestens ebenso hartnäckig wie der antiteutonische Affekt der Engländer alle Integrationsbemühungen überdauert hat, und die bitteren Erfahrungen aus der recht- und würdelosen Nachkriegszeit obsiegten diesmal sogar über das ansonsten schmerzhaftere Bolschewisten-Trauma: Briten - nicht Bolschewisten - hatten nach Kriegsende die Insel Helgoland zerbombt, bis die "Deutsche Aktion" des Prinzen zu Löwenstein unter dem schwarzen Banner deutscher Verzweiflung und dem weiß-grünen E-Emblem europäischer Zuversicht den Bomben auf der Insel Trutz geboten hatte.
Die Royal Air Force ließ von Helgoland ab und warf ihre Bomben - durch einen Vertrag mit der Bonner Regierung sanktioniert - fortan auf den Großen Knechtsand. Als dieser Bombenvertrag im Herbst 1957 abgelaufen war, wünschten die Bomberkommandeure ihn zu verlängern.
Unterdes wollten Vogelschützer 70 000 Brandgänse gezählt haben, die auf dem Knechtsand im Bombenhagel der Briten verendet waren. Vor der ehernen Widerstands-Front deutscher Tierfreunde und europäischer Integratoren gab die Royal Air Force schließlich klein bei - wenngleich sie an ihrem Argument festhielt, daß Bomberpiloten und Bombenschützen nur mit der Flugrichtung nach Osten auf den Ernstfall ernsthaft vorbereitet werden könnten.
Angesichts derart erdrückender Indizien und ob der chronischen Gott-strafe-England-Psychose nützte es den Briten nichts, daß sie in der vorletzten Woche, als die Knechtsand-Bombenstory gesponnen wurde, ihre Schuld bestritten. Im Gegenteil, das "peinliche Versteckspiel" (Springers "Bild am Sonntag") mußte geradezu als Beweis für die britische Täterschaft gewertet werden.
Selbst ein so intimer Freund der West-Alliierten wie der Hamburger SPD -Bürgermeister Brauer - der noch im Bundestagswahlkampf 1953 verlangt hatte, daß die (projektierten) westdeutschen Soldaten nicht westdeutschen, sondern alliierten Offizieren anvertraut werden sollten - sagte nun, was alle Patrioten dachten: "Ich nehme an, daß es gar keine anderen gewesen sein können als die Engländer."
Den Bonner Instanzen kam diese Version durchaus zupaß. Britische Bomben auf deutsches Hoheitsgebiet und wehrlose Vögel - mit diesem Argument ließ sich die Kritik der englischen Presse an Adenauers Außenpolitik trefflich konterkarieren. Das Bundesverteidigungsministerium "bestätigte" denn auch zunächst die "Bombenwürfe" und merkte an, die Bomber seien schwerlich "amerikanischer oder sowjetischer Herkunft" gewesen.
Das Verteidigungsministerium hatte freilich einen triftigen Grund, seine Aufklärungsbemühungen nicht bei diesem lapidaren Statement bewenden zu lassen. Denn den Radarstationen der Nato, die im Ernstfall angreifende Sowjetbomber in einem Umkreis von 220 Kilometern und bis zu einer Höhe von 15 000 Metern orten und die eigenen Abwehrwaffen wie die Zivilbevölkerung warnen sollen, waren die Knechtsand-Bomber entgangen. Schon hatte sich der Cuxhavener SPD-Bundestagsabgeordnete Hermsdorf mokiert: "Wenn das wirklich geschehen konnte, dann funktioniert das gesamte Radar-Warnsystem nicht." Und die Frankfurter "Abendpost" hatte ihren Knechtsand-Bombenbericht mit der Schlagzeile verstärkt: "Militärischer Skandal - Radar versagte!" Mithin: Die Bombengeschichte vom Knechtsand hatte nicht nur Nationalgefühl und Tierliebe belebt, sondern auch Mißtrauen in die Abwehrkraft der Nato erregt. Schon deswegen setzten Bundeswehr- und Nato-Kommando alle verfügbaren militärischen und zivilen Dienststellen in Bewegung, um dem wahren Sachverhalt zu erhellen. Was - bislang - dabei herauskam, läßt nur den Schluß zu, daß die Mannschaft des Marine-Funkpostens Sahlenburg bei Cuxhaven etwas gesehen hat, was die Augen anderer Bürger in Uniform oder Zivil sowie die optischen oder elektronischen Geräte und Instrumente der Nato-Kommandos nicht wahrzunehmen vermögen.
Es begann am Dienstag vorletzter Woche, morgens gegen zehn. Der Kapitän Brandenburg, Kommandant des Feuerschiffs "Bremen", das seewärts vom Wurster Watt steht, sichtete in Richtung des Wurster Watts eine "Explosion mit einer hohen schwarzgelben Rauchsäule". Die Beobachtung wurde gewissenhaft im Funktagebuch registriert und der Wasserschutzpolizei in Bremerhaven gemeldet, weil Kapitän Brandenburg vermutete, bei dem von ihm beobachteten Vorgang könne es sich um einen Seenotfall (Flugzeugabsturz) handeln. Das Wasserschutzboot "Bremen I", das unverzüglich auslief, fand jedoch nichts, keine Schiffs-, keine Flugzeugreste. In der Richtung, die Kapitän Brandenburgs "hohe schwarzgelbe Rauchsäule" bezeichnet hatte, liegt - vom Feuerschiff "Bremen" aus gesehen - die Küste. Meinten die Wasserschutzpolizisten deshalb: "Das muß wohl eine Rauchsäule über Land gewesen sein."
Inspektor Albers von der Wasserschutzpolizei Bremerhaven, der vergebens nach Rückständen des "Rauchzeichens" gesucht hatte, informierte vorsichtshalber den Funkposten der Bundesmarine, der bei Sahlenburg unmittelbar an der Küste in einem 18 Meter hohen Turm eingerichtet ist. Der Posten ist mit vier Funkern besetzt, einem Maat und drei Matrosen. Außerdem gehört ein - ziviler - Heizer dazu. Und justament war zu der Zeit, als die Bremerhavener Wasserschutzpolizei in Sahlenburg nachfragte, ob "dort etwas los ist", auch noch der Oberbootsmann Becker zugegen, der die Sende-Anlagen im Kopf des Turms prüfte.
Oberbootsmann Becker hatte bis dahin nichts bemerkt. Von den Wasserschutzpolizisten neugierig gemacht, spähte er nun angestrengt aufs Watt hinaus, zum Knechtsand hinüber; Entfernung: acht Seemeilen. Der Erfolg blieb nicht aus.
Drei bis vier Seemeilen hinter dem Knechtsand - 20 Kilometer vom Funkturm Sahlenburg entfernt - hatte der Oberbootsmann eine Vision, die er seinem Vorgesetzten, dem Fregattenkapitän von Schultz, Kommandanten des Marine-Fernmeldeabschnitts Cuxhaven, flugs per Telephon meldete: "Herr Kapitän, in Richtung Großer Knechtsand haben wir zwei Aufschläge gesichtet. Ich vermute Seenotfall." Von Flugzeugen oder Bombenwürfen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede.
Fregattenkapitän von Schultz rief den Stützpunktkommandanten und den Standortkommandanten in Cuxhaven und wiederum die Wasserschutzpolizei in Bremerhaven an. Eine Rettungsaktion - für den Seenotfall - wurde eingeleitet, alsbald aber wieder eingestellt. Denn schon knapp eine halbe Stunde nach seinem ersten Anruf meldete sich der Oberbootsmann Becker aufs neue am Telephon des Fregattenkapitäns von Schultz: "Herr Kapitän, das scheint doch kein Seenotfall zu sein, sondern so eine Art von Reihenwürfen. Ich vermute, daß es sich um Bombenabwürfe handelt."
Der Oberbootsmann, der Maat, die drei Matrosen und der Heizer wollten von Sahlenburg aus hinter dem Knechtsand "einwandfrei weiße Fontänen mit braungelben Raucherscheinungen" gesehen haben. Der Fregattenkapitän fragte zurück: "Habt ihr Detonationen gehört?" Der Oberbootsmann: "Nein, Herr Kapitän."
Gleichwohl gab der Fregattenkapitän auch diese Meldung des Oberbootsmanns an den Stützpunktkommandanten, den Standortkommandanten und den Befehlshaber der Seestreitkräfte der Nordsee (BSN) weiter. Die Dienststelle des BSN rief "mehrere Flugdienststellen im nord- und westdeutschen Raum" an: "Was für Übungen machen Sie eigentlich beim Knechtsand?" Die Antworten lauteten ungefähr einheitlich: "Wovon sprechen Sie? Wir haben keine Übungen."
Mittlerweile meldete die deutsche Flugsicherungsstation in Hannover den Seenotverdacht des Feuerschiffs "Bremen" der alliierten Flugsicherungsstation am gleichen Ort, die den Rettungsdienst im Nordsee-Gebiet verrichtet. Das Wehrbereichskommando II in Hannover fragte bei Dienststellen des Heeres, der Marine und der Luftwaffe nach. Die Nato-Armeegruppe Nord (Northern Army Group) des Nato-Landkommandos Europa-Mitte in Mönchen-Gladbach stellte in ihrem Kommandobereich Nachforschungen an. Die Zweite Taktische Nato-Luftflotte (Second Allied Tactical Air Force - 2nd Ataf) in Mönchen-Gladbach verlangte von den Clevener und Gütersloher Hauptquartieren der operativen Radarstationen Meldung, ließ den Bedienungsmannschaften der Radargeräte äußerste Wachsamkeit einschärfen und wünschte von den nationalen Oberkommandos der Nato-Luftwaffen Auskunft. Das Auswärtige Amt in Bonn bat die Bonner Botschaften der Nato -Länder um Aufschluß.
Das Resultat aller dieser intensiven Recherchen: Fehlanzeige. Abgestürzte Flugzeuge, Bomben, Raketen oder Artillerie-Granaten konnten die "schwarzgelbe Rauchsäule" - die der Feuerschiffs -Kapitän Brandenburg sichtete - und die "weißen Fontänen mit braungelben Raucherscheinungen" - die der Oberbootsmann Becker entdeckte - schlechterdings nicht verursacht haben.
Die Radarstationen, Glieder der Nato -Radarkette, die von Norwegen bis in die Türkei reicht, machen in einem Aktionskreis von 360 Grad - also auch in westlicher Richtung - gemeinhin jeden Gänseschwarm aus. Am Knechtsander Bombentag orteten sie zivile Passagier- und die britischen Transportflugzeuge, die Kurs Sylt hielten - aber keine Kampfmaschine.
Dieser stichhaltigen, mehrmals geprüften Radarmeldung vermochte auch der deutsche Argwohn nichts anzuhaben, die Royal Air Force, die den Radargürtel dirigiert, habe ihre Bombenwurfkameraden in der Luft nicht preisgeben wollen. Denn neben den britischen sitzen - zwecks Ausbildung - auch bundesdeutsche Soldaten an den Radargeräten.
So kam es, daß der Cuxhavener Fregattenkapitän von Schultz, der vom Oberbootsmann Becker über die "weißen Fontänen mit braungelben Raucherscheinungen" informiert worden war, einen verkürzten, wenn auch nicht ganz korrekten Nachrichtenweg gewählt hatte, um sich Klarheit zu verschaffen. Schultz hatte bei einem deutschen Offizierkameraden, der auf der britischen Radarstation Brockzeethe angelernt wird, telephonisch angefragt, ob auf den Radarschirmen Etwas zu sehen sei. Die Antwort: "Keine Sichtung." Der Fregattenkapitän zog sich zurück: "Mit der Weiterleitung der Meldung an den Standortkommandanten war meine Aufgabe erledigt."
Mit diesem Standortkommandanten, dem Korvettenkapitän Hebestreit, trat nun der Mann in Aktion, der die Bombengeschichte schließlich in Umlauf setzte. Zunächst fuhr Hebestreit von Cuxhaven zum Funkposten nach Sahlenburg hinaus, um die Erscheinungen des Oberbootsmanns Becker in Augenschein zu nehmen: "Als ich dort ankam, war absolute Stille. Es war nichts zu sehen. Aber kaum war ich wieder in meinem Büro in Cuxhaven, da meldete Sahlenburg erneut Reihenabwürfe. Oberbootsmann Becker hat mir dann laufend berichtet. Detonationen hat allerdings keiner gehört. Das ist auch verständlich, denn die nordöstlichen Winde an diesem Tage haben den Schall abgetrieben. Flugzeuge hat auch niemand gesehen."
Korvettenkapitän Hebestreit wünschte Sicherheit. Er bat den Bürgermeister Fischer auf der Insel Neuwerk, nach Bomben-Explosionen Ausschau zu halten. Der Bürgermeister nahm seine Frau und seinen Feldstecher mit auf den Ausguck. Am Abend rief er den Korvettenkapitän Hebestreit in Cuxhaven an: "Nichts gewesen. Ich habe keine Bombenabwürfe gesehen und auch nichts gehört. Flugzeuge waren nicht am Himmel." Auch der Kapitän Brandenburg und die Besatzung des Feuerschiffs "Bremen" hatten keine neuen Rauchsäulen" ausfindig gemacht oder Detonationen gehört. Und der Kapitän des Feuerschiffs "Weser" brummelte: "Bomben sind nicht gefallen; das ist ja alles Unsinn."
Der Korvettenkapitän Hebestreit dagegen setzte sein Vertrauen in die Kriegserfahrungen des Oberbootsmanns Becker. Achtzehnmal hatte Oberbootsmann Becker, 38, eine oder mehrere "Detonationen" beobachtet. Der kriegsunerfahrene Maat, 23, die drei Matrosen, zwischen 17 und 19, und der Heizer hatten der Beobachtungsgabe des älteren Kameraden Beifall gezollt. Und der Kapitän Brandenburg vom Feuerschiff "Bremen" hatte ein "Rauchzeichen" ausgemacht. Korvettenkapitän Hebestreit lancierte diese stattliche Erfolgsmeldung auf dem Dienstweg für "Besondere Vorkommnisse" in die Bonner Ermekeilkaserne, wo sie schon am Dienstagabend einlief.
Von der dramatischen Wucht seiner eigenen Bombenmeldung offenbar etwas, mitgenommen, schickte sich der Korvettenkapitän Hebestreit einen Tag später - am Mittwoch vorletzter Woche - an, die Öffentlichkeit aufzuklären: "Als ich die Meldung von den Bombenabwürfen bekam, habe ich den Chef des Stabes beim Wehrbereich II, Oberst Herzog, angerufen und ihn gefragt, was zu tun sei. Oberst Herzog gab mir, nachdem ich ihm gesagt hatte, es sei anzunehmen, daß die Öffentlichkeit über kurz oder lang protestieren werde, den Befehl, der Presse den nackten Sachverhalt mitzuteilen. Das habe ich getan. Ich habe auf Befehl gehandelt."
"Auf Befehl" rief Hebestreit den Redakteur Kohl von der "Cuxhavener Presse" an: "Haben Sie schon was darüber gehört?" Dem Redakteur hatte schon am Dienstag ein ihm unbekannter Mann am Telephon gesagt, auf Knechtsand seien Bomben gefallen. Kohl hatte dieses Telephonat vergessen. Er ahnte auch nicht, wohin der Korvettenkapitän Hebestreit mit seiner Frage eigentlich zielte, aber er spekulierte darauf, daß Hebestreit gesprächig werden würde, wenn er, Kohl, sich informiert gab. Also antwortete der Redakteur dem Korvettenkapitän: "Ja, ich habe etwas läuten hören."
Kohls Rechnung ging auf. Bald saß der Korvettenkapitän in der Redaktion der "Cuxhavener Presse" und verhalf dem Redakteur Kohl zu dieser Meldung: "Nachdem gestern, Dienstag, im Laufe des Nachmittags mehrfach aus dem Kreise der Einwohnerschaft Sahlenburgs und Duhnens Rauchwolken westlich über der Insel Neuwerk beobachtet wurden, über deren Herkunft keine Feststellung getroffen werden konnte, baten wir heute morgen den Standortkommandanten um eine Erklärung oder Auskunft über diese rätselhaften Erscheinungen ...
"Dazu gab der Standortkommandant, Kapitän Hebestreit, heute morgen der Presse bekannt: Eine Marine-Küstenwache meldete gestern der Standortkommandantur und dem BSN als Besondere Vorkommnisse die bereits von der Zivilbevölkerung wahrgenommenen Raucherscheinungen am Horizont. Eine Rückfrage der Standortkommandantur beim Befehlshaber im Wehrbereich II (Hannover) besagt, daß bisher keine Übungen von Luftstreitkräften angemeldet waren oder festzustellen gewesen sind ..."
Die "Cuxhavener Presse" kam mittags heraus, zur gleichen Zeit, als der Korvettenkapitän Hebestreit den Cuxhavener Korrespondenten Lemke von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit den "Raucherscheinungen am Horizont" vertraut machte. Zwei Stunden später versorgte dpa die westdeutsche Presse mit einer Meldung, in der erstmals 19 "Anflüge von Flugzeugen unbekannter Nationalität" und 45 "Bomben" vorkamen.
Diese Falschmeldung - deren Urheberschaft der Korvettenkapitän Hebestreit leugnet - erboste alle guten Deutschen, bis der Major von Raven, dritter Mann im Pressereferat des Bundesverteidigungsministeriums, am Montag vergangener Woche vor Bonner Zeitungsleuten die 19 "Anflüge" auf 19 "Vorgänge" reduzierte
- "wie ich es mal bezeichnen will". Raven
tat noch ein übriges, um den Zorn der Patrioten zu dämpfen. Manchmal neige er, so scherzte Raven, zu der Annahme, die 19 "Vorgänge" seien "übersinnlicher Art" gewesen.
Desungeachtet hält der Korvettenkapitän Hebestreit an seiner Bombengeschichte fest. Hebestreit hat "Beweise", die er jedoch in seiner Meldung an das Verteidigungsministerium noch nicht aufführte. Er hat am Tag der Bombenabwürfe "mehrere Flugzeuge am Himmel gesehen und auch gehört". Die Maschinen "zogen weiße Streifen hinter sich her, wie bei Düsenflugzeugen, und flogen in der Zeit zwischen 14 und 17 Uhr in etwa 1000 Meter Höhe".
In der Tat, die Zweite Taktische Nato -Luftflotte in Mönchen-Gladbach hatte - als die Bombenwürfe trotz der Dementis der Radarstationen kein Ende zu nehmen schienen - dem Nato-Fliegerkommando in Oldenburg befohlen, das Bombenmysterium an der Nordseeküste von der Luft aus aufzuklären
Dein Korvettenkapitän Hebestreit kann dieser Befehl nicht verborgen geblieben sein. Dem Redakteur Kohl erzählte Hebestreit jedenfalls "unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit" (Kohl), in Oldenburg seien zwei Flugzeuge gestartet, "um nachzusehen, was hier eigentlich los ist".
Was hingegen die Erscheinungen des Oberbootsmanns Becker anlangt: Alte Fahrensleute, die den Details des Falles nachspürten, sind sicher, daß Luftspiegelungen über dem Wattenmeer den Oberbootsmann genarrt haben.
Bombenmelder Hebestreit
Nichts gehört, nichts gesehen
Knechtsand-Bombengegner: Wurden Gänse erschreckt?

DER SPIEGEL 19/1959
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KNECHTSAND-BOMBEN:
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