06.05.1959

UHRENSprung nach Pforzheim

Das altrenommierte "Hotel Ruf" in der schwäbischen Uhrenstadt Pforzheim hat seit einigen Wochen ein Dutzend amerikanischer Dauergäste. Ihre Tage verbringen sie im Verwaltungsgebäude der Uhren- und Uhrengehäusefirma Lacher & Co. (Laco) an der Richard-Wagner-Allee, das sie am 30. Juni offiziell als neue Eigentümer beziehen werden.
Seit der Fabrikant Ludwig Hummel, 69, am 2. Februar dieses Jahres den Verkauf seiner Firmen Laco, Deutsche Uhrenrohwerke (Durowe) und Uhrensteinfabrik L. Hummel & Co. dem Präsidenten Lehmkuhl der amerikanischen US-Time-Corporation mit Handschlag bestätigte, sind seine Kollegen aus der süddeutschen Zeitmesserindustrie nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Dieser jüngste amerikanische Versuch, sich rechtzeitig innerhalb der künftigen Zollmauern des gemeinsamen Europamarktes anzusiedeln, trifft nämlich einen Industriezweig, der in vielen Hinsichten so empfindlich ist wie seine Produkte. "Die kontinentaleuropäische Uhrenindustrie", schrieb die "Stuttgarter Zeitung", "beheimatet in jenem schon fast magischen Uhren-Dreieck Schwarzwald, Schweiz. Südostfrankreich, hat nun einen aufsehenerregenden Einbruch amerikanischen Kapitals zu verzeichnen."
Nicht nur die traditionelle Eigenbrötelei der Industrie jedoch verhalf den Amerikanern zu solchem Aufsehen. Noch beunruhigender mußte es wirken, daß der amerikanische Sprung nach Pforzheim ausgerechnet in eine ohnehin für die Uhrenhersteller gefahrvolle Zeit fiel.
Die westdeutschen Hersteller von Armbanduhren haben im vergangenen Jahr einen leichten Produktionsrückgang hinnehmen müssen. Zwar glaubte die "Frankfurter Allgemeine" eine "unverkennbare Marktsättigung" feststellen zu können, aber vor allem machen billige ausländische Fabrikate den europäischen Uhrenproduzenten zu schaffen. So werden japanische Imitationen zu einem Drittel des Preises ihrer westdeutschen Vorbilder angeboten, und auch die russischen und chinesischen Uhrenindustrien konkurrieren im Inland und auf den Exportmärkten mit der westdeutschen Produktion.
Während in acht Betrieben der Pforzheimer Uhrenindustrie bereits ein Teil der Belegschaft zur Kurzarbeit übergehen mußte, sind die Hummel-Unternehmen von solchen Sorgen bislang verschont geblieben. Ludwig Hummel hat aus der Firma Lacher & Co. - er übernahm sie vor 35 Jahren als Zwergbetrieb mit 13 Mann Belegschaft - den größten und modernsten Spezialbetrieb Westdeutschlands gemacht. In den drei ehemaligen Hummel -Betrieben stellen 1200 Mann ausschließlich Armbanduhren her. Damit ist er einer der Riesen in Süddeutschlands Uhrenindustrie: Von den etwa 200 Firmen, die Armbanduhren produzieren, haben 90 weniger als 20 Beschäftigte, die Durchschnittsgröße liegt bei 100 Beschäftigen.
Die Stärke der Laco-Gruppe hat nun durch den neuen Besitzer noch beträchtlich zugenommen: Mit der US-Time-Corporation, Stammsitz Waterbury im Staate Connecticut, steht jetzt hinter den drei ehemaligen Hummel-Betrieben das größte Uhren-Unternehmen der Welt ("Jede vierte auf der Welt getragene Armbanduhr stammt aus unseren Werkstätten"). In drei amerikanischen, drei englischen, einem kanadischen und einem französischen Werk beschäftigt die Gesellschaft über 7000 Menschen; allein in den USA stellt sie jährlich fünf Millionen Armbanduhren her.
Einen so finanzstarken Außenseiter, der notfalls auch Preiskämpfe nicht zu scheuen braucht, sehen die Uhrenindustriellen naturgemäß mit Unbehagen in ihr schwäbisches Reservat eindringen, und sie sind deshalb dem Ludwig Hummel ob seines Verkaufs gram. Schmollt Funktionär Kauth vom Verband der Taschen- und Armbanduhrenindustrie: "Schön war das nicht, und wir waren ziemlich überrascht."
Überrascht war zunächst auch Fabrikant Hummel selbst, als ihm sein Geschäftspartner US-Time Anfang des Jahres das Kaufangebot auf den Tisch legte: "Ich hatte nicht vor, zu verkaufen, überhaupt nicht."
Allein, sein Alter und der Umstand, daß er außer einer in Kanada lebenden Tochter keine Nachkommen hat, machten den Fabrikanten im Verein mit der Überraschungstaktik der Amerikaner zum Verkauf geneigt. Dazu kam die ansehnliche Kaufsumme - 50 Millionen Mark, mehr als das Doppelte des Jahresumsatzes der Hummel-Betriebe.
Zudem glaubt Ludwig Hummel zu wissen: "Die Amerikaner wären gekommen und hätten gebaut, so oder so." Eine neue große Uhrenfabrik in der Bundesrepublik hätte aber, so sieht es Hummel, eine Abwerbungskampagne um die westdeutschen Facharbeiter heraufbeschworen und damit der Industrie einen Lohnauftrieb gebracht, der ihr gegenwärtig höchst unwillkommen sein müßte. Durch den Verkauf sei das verhindert worden.
Solche Rechtfertigungen können jedoch nicht über einige Züge des neuen Laco -Hausherrn hinwegtäuschen, die seinen deutschen Branchenkollegen unheimlich sind. So ist die straffe Zügelführung der amerikanischen Zentrale unverkennbar: Direktor MacFadden in Pforzheim und sein US-Time-Stab sind beispielsweise zu keinerlei Auskunft ermächtigt; Anfragen werden an die Public-relations-Abteilung in Waterbury weitergegeben und auch von dort nur höchst dürftig beantwortet. Selbst bei kleineren geschäftlichen Entscheidungen holt MacFadden jedesmal die Zustimmung der Zentrale ein.
Was die zugeknöpften Amerikaner dennoch von ihren Plänen haben durchsickern lassen, ist wenig geeignet, den westdeutschen Uhrenfabrikanten ihren ruhigen Schlaf zurückzugeben: Die Produktion von Laco-Uhren und -Rohwerken - der Markenname bleibt erhalten - soll gesteigert und die Kapazität zu diesem Zweck erweitert werden. Zudem plant US-Time die Produktion einer Pforzheimer Armbanduhr, deren Preis alle gleichwertigen Uhren Europas unterbieten soll.
Aber auch andere Branchen werden sich für die Konkurrenz der US-Time rüsten müssen. So hat die amerikanische Gesellschaft angekündigt, sie werde in ihren Pforzheimer Werken auch Kamera-Teile produzieren. Damit soll zwar zunächst der amerikanische Markt des Unternehmens beliefert werden, um dort den Kostenvorteil der niedrigeren westdeutschen Löhne und das psychologische Plus des "Made in Germany" einzuheimsen. Aber auch die Herstellung fertiger Photoapparate in Pforzheim ist nicht ausgeschlossen.
Der westdeutschen Elektro - Industrie wird ein Patent zu schaffen machen, das die US-Time-Corporation zugleich mit den Hummel-Unternehmen übernommen hat. Ein Laco-Techniker hatte sich bisher vergeblich bemüht, seine Erfindung eines neuartigen Hörgeräts für Schwerhörige, das ohne störende Kabel auskommt, von Ludwig Hummel produzieren zu lassen. Während Hummel Bedenken hatte, sich mit der Herstellung dieses Hörgeräts auf seine alten Tage branchenfremd zu betätigen, haben die neuen Herren sofort zugegriffen: Der Erfinder kann sein Gerät in amerikanischen Laboratorien serienreif entwickeln. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß sich das amerikanische Groß-Unternehmen in seinem neuen Bereich auch noch einer anderen zukunftsträchtigen Produktion widmen wird. Bei Laco wurden nämlich während des Krieges Bombenzünder fabriziert, und viele Facharbeiter aus jener Zeit sind noch heute in den Werken beschäftigt. Auf eine entsprechende Anfrage kabelte die Zentrale in Waterbury ebenso knapp wie diplomatisch: "Wir können ... noch keine weiteren Auskünfte geben."
Amerikanischer Uhrenfabrikant Lehmkuhl, Hummel: "Sie waren sowieso gekommen"

DER SPIEGEL 19/1959
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