22.04.1959

KLETTDie Wohnmaschine

Arnulf Klett, Oberbürgermeister der 600 000 - Seelen - Metropole Stuttgart, will sich ein Denkmal setzen, das seinesgleichen in Europa nicht hat: Es soll 650 Meter lang und 50 Meter hoch werden und - im Gegensatz zu gewöhnlichen Denkmälern - im Innern nicht nur begehbar, sondern auch bewohnbar sein. Zur dauernden Erinnerung an sein bisher schon an zweifelhaften Denkwürdigkeiten nicht gerade armes Stadtregiment will der 54jährige OB nämlich einen Mammut-Wohnblock errichten lassen, der vor allem einen Vorzug vor anderen Blöcken haben soll: der größte des Kontinents zu sein.
Mit solcher Denkmalssehnsucht erklärt jedenfalls die "Stuttgarter Zeitung" das jüngste Vorhaben des seit jeher baufreudigen Stadtoberhauptes: "Was er (Klett) für das Projekt ins Feld führt, ist so abgestanden, daß man es nur mit Grausen hören kann, und Stück für Stück längst als unrichtig erwiesen ... Der Oberbürgermeister ... will Europas größtes Wohnhaus bauen; was kümmert ihn, wie man sich darin befindet."
Wie man sich darin befinden wird, kann vorerst nur mit Hilfe der Phantasie gemutmaßt werden, weil die Riesenwohnmaschine erst in einigen Jahren aufgestellt sein wird - an einem für Denkmäler sehr günstigen Platz übrigens, auf der sogenannten Filderebene am Rande Stuttgarts, wobei die Nähe der Autobahn garantiert, daß alle an der schwäbischen Hauptstadt Vorüberfahrenden auch wirklich den rechten Eindruck von der Gigantomanie Kletts erhalten.
Was sich in Kletts Denkmal befinden soll, weiß man indes schon genau: 1200 Eigentumswohnungen mit insgesamt etwa 4000 menschlichen Bewohnern, was der Einwohnerzahl einer ganzen Ortschaft entspricht. Die Stuttgarter Architekten Otto Jäger und Werner Müller, die das "Riesenwaben"-Projekt entworfen haben, vermerkten denn auch bescheiden: "Hier ist kein Hausverwalter am Platz, sondern ein Bürgermeister."
Von der gleichen Selbsteinschätzung ihres Bauplans ließen sich die Architekten auch leiten, als sie das Projekt auf den Namen des karthagischen Feldherrn Hannibal tauften: "Hannibal hat zur Lösung eines schier unlösbaren Vorhabens ungewöhnliche Methoden eingesetzt: Er zog im Winter (218 v. Chr.) mit afrikanischen Elefanten über die europäischen Alpen." Vor den Toren Stuttgarts wollen Otto Jäger und Werner Müller nun Vergleichbares leisten.
Was die Länge des projektierten Hauses angeht, so braucht das Planer-Paar Vergleiche nicht zu scheuen. "Hannibal" wird um ein Drittel länger sein als der Louvre in Paris und um zwei Fünftel länger als die Götterburg in Lhasa, die der Dalai Lama unlängst überstürzt verlassen mußte.
Wer sich von dem Gedanken nicht schrecken läßt, mit 4000 Menschen unter einem Dach zu wohnen, kann sich bei einer "Interessengemeinschaft Eigenwohnungsbau" für eine Wohnung zum Preis von 21 000 bis 75 000 Mark vormerken lassen. Die Wohnungen werden ein bis sieben Zimmer umfassen, mit Wohnflächen von 57 bis 205 Quadratmetern. Vor jeder der 1200 Wohnungen wird - auf der Südseite - ein gegen Wind und nachbarliche Blicke geschützter Balkon angebaut sein, der eine unverbaubare Aussicht auf die Schwäbische Alb bietet. Im Erdgeschoß sollen Geschäfte installiert werden.
Hinter der schlichten Fassade des Mehr-Familien-Hauses werden die Wohnungsaufgänge bei Besuchern den Eindruck eines Untergrundbahnhofs oder einer Rampengarage hervorrufen. Von vier Aufzugtürmen aus wandern die Hausinsassen auf drei übereinanderliegenden Straßen den davon abzweigenden zahlreichen Treppenaufgängen zu, die das traute Gefühl erwecken sollen, in einem normalen Mietshaus zu sein.
Die "Stuttgarter Nachrichten" rechneten aus, daß sich an den Kreuzungen der Haus-Straßen je 450 Menschen stauen würden, wenn einmal alle Bewohner gleichzeitig zu den Aufzügen eilen sollten. Tröstend fügte das Blatt jedoch hinzu: "In Wirklichkeit dürften es aber höchstens 200 sein, weniger also als an einer größeren Haltestelle der Straßenbahn im Berufsverkehr."
Es nimmt nicht wunder, daß in Schwaben, wo der Erwerb eines eigenen "Häusle"
Nationalsport ist, derlei gigantische Pläne heftige Diskussionen auslösten, die von Debatten über die "Gewissensbelastung" der Architekten Jäger und Müller (ob der seelischen Not und Verödung der künftigen "Hannibal"-Bewohner) bis zu der besorgten Frage reichten, ob der Wind nicht im Säulenwald des offenen Erdgeschosses zu einem Dauer-Orkan werden müsse.
Hauptargument der "Hannibal"-Befürworter ist, daß der Riesenbau nur ein Zehntel des - immer knapper werdenden - Baugrundes erfordert, der für 1200 Menschen-Behausungen in Häusern normaler Größe benötigt würde.
In Wirklichkeit wird der Bodengewinn jedoch nicht so groß sein, daß 'er ohne weiteres kostspielige Bau-Experimente (nach Schätzung des Städteplaners Döcker wird "Hannibal" 50 bis 60 Millionen Mark kosten) rechtfertigen würde: Vor und hinter dem Koloß muß nämlich nach allgemein anerkannten Grundsätzen auf der gesamten Länge von 650 Metern an Fläche das Doppelte, mindestens aber das Anderthalbfache der Höhe frei gehalten werden. Selbst dann werden die Grünflächen teilweise noch im Schatten liegen, und künftige "Hinterlieger" - vor "Hannibal" kann nicht gebaut werden - werden sich immer noch von der Riesen-Wohnwabe erdrückt fühlen.
Oberbürgermeister Klett wurde jedoch trotz aller Kritik in seinem Entschluß nicht wankend, Stuttgart mit Hilfe einer Wohnmaschine um eine Attraktion zu bereichern. Vielmehr schaltete er auf einen an sich in Rathäusern unüblichen Beratungs-Schnellgang.
Ohne Wissen der Öffentlichkeit befaßten sich bereits zwei Wochen nach der ersten Veröffentlichung über die "Hannibal"-Idee der Technische und der Wirtschafts-Ausschuß des Stuttgarter Gemeinderats mit dem Projekt, wiewohl zunächst offiziell verlautbart worden war, es handle sich nur um eine unverbindliche "Fühlungnahme" mit den Architekten.
Wenige Tage nach der Ausschußsitzung begaben sich die Gemeinderäte schon in den Asemwald auf der Filderebene, wo "Hannibal" aufgestellt werden soll. Danach kamen die Stadtväter bereits überein, drei Wochen später zum dritten und letzten Male im Ausschuß zu beraten und "wenn möglich, auch zu einer grundsätzlichen Beschlußfassung zu gelangen".
Ein zumindest in Europa einmaliges, riskantes und umstrittenes Bauprojekt auf städtischem Boden sollte auf diese Weise binnen nur vier Wochen gebilligt werden, obwohl die Architekten selbst dem Gemeinderat versicherten, von einer präzisen Detail-Gestaltung ihrer Pläne könne noch keinesfalls die Rede sein. Der Grund für das Tempo dieser Beratungen war bald gefunden: Die SPD-Fraktion, die stärkste des Gemeinderats, hatte ihr Herz an "Hannibal" verloren, offenbar aus dem Wohnblock-Denken dieser auf die Großstadtwähler spekulierenden Partei heraus. Da die FDP, die dort DVP heißt, zwar an sich - parteitraditionell - unentschlossen, grundsätzlich aber einer Bau-Koalition mit den Sozialdemokraten nicht abgeneigt war, spielte der Widerstand der Liliput-Fraktionen von CDU und UBL (Unabhängige Bürgerliste) keine Rolle.
In der dritten Ausschußsitzung wurde dann ein fördernder Antrag des Bürgermeisteramtes mit zehn gegen sechs Stimmen bei einer Enthaltung im Technischen und mit elf gegen sechs im Wirtschafts-Ausschuß angenommen.
Die Vollversammlung soll nun Ende April beschließen: Der Gemeinderat solle die weitere Ausarbeitung des Projekts durch die Interessengemeinschaft gestatten, ihr die Option auf zwölf Hektar im Asemwald gewähren (Quadratmeterpreis etwa 20 DM), wofür dereinst Stuttgarter Wohnungsuchende zu bevorzugen seien. Außerdem möchte sich das Bürgermeisteramt beauftragt wissen, das Projekt "in bebauungsplanmäßiger und baurechtlicher Hinsicht beschleunigt zu behandeln".
Bei allen bisherigen Abstimmungen machte Oberbürgermeister Arnulf Klett von seinem Abstimmungsrecht zugunsten "Hannibals" Gebrauch. Den Vorschlag, einen Bürgerentscheid herbeizuführen, verwarf er triumphierend mit dem Hinweis auf die Gemeindeordnung Stuttgarts, die in diesem Fall kein Plebiszit gestattet.
Vergebens warnte Professor Döcker, Inhaber des Städtebau-Lehrstuhls an der Stuttgarter Technischen Hochschule: "Wohnungsbauten sollten keine Objekte zur Befriedigung sensationeller Gelüste oder sonstiger Ambitionen sein." OB Klett wird sich sein Denkmal setzen können, nachdem inzwischen sogar bei der Interessengemeinschaft "Hannibal" bereits 4000 Bewerbungen um einen Platz in dem Super-Haus eingegangen sind.
Klett und die Wohnmaschine: Länger als der Louvre

DER SPIEGEL 17/1959
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