22.04.1959

SPANIEN / FRANCOEs lebe der Tod

Pünktlich um elf Uhr schritten Generalissimus Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde, laut Gesetz "Caudillo Spaniens und des Kreuzzuges", und Dona Carmen die Stufen der sonnenüberfluteten Esplanade empor. Kühl glitt der Blick des Staatschefs über das düstere Felsgestein der Guadarrama-Berge zu dem wuchtigen Betonkreuz hinauf, das sich 153 Meter hoch in den kitschig-blauen Himmel Spaniens reckt. Auf der Esplanade ertönten Kommandos. 3000 spanische Reserveoffiziere schlugen die Hacken zusammen, um ihrem Kriegsherrn zu salutieren.
Der Caudillo war gekommen, jenen Monumentalbau einzuweihen, der den Namen Franco der Nachwelt ebenso unverwischbar überliefern soll wie der Escorial den des Königs Philipp II.: das Tal der Gefallenen, Mahnmal und Grabstätte für die Toten des spanischen Bürgerkrieges (1936 bis 1939).
Begleitet von den Ministern, Generälen und Admiralen Spaniens, von vier Kardinälen, 37 Bischöfen, sechs Äbten und dem päpstlichen Nuntius, betrat der Sieger des Bürgerkrieges das Innere der unterirdischen Grabkirche, die etwa 300 Meter tief in das Felsmassiv hineingesprengt worden ist. Während ein Benediktinermönch auf der Orgel die spanische Nationalhymne intonierte, nahm der Caudillo gegenüber dem Hauptaltar in einem mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Thronsessel Platz. Spaniens Kirchenoberhaupt, der Toledaner Kardinal-Erzbischof Pla y Deniel, weihte die Grabkirche.
Kurz darauf drang die spröde Stimme Francisco Francos zu den versammelten Falangisten, Klerikern und Soldaten des Regimes auf der Terrasse vor dem Kirchenportal. "Spanier", so sprach der Mann, der sich nur Gott und der Geschichte verantwortlich fühlt, "der Bürgerkrieg war kein Bruderkrieg, sondern ein Kreuzzug für das wahre Spanien. Unser Sieg war ein Sieg für die Einheit des spanischen Volkes."
Das feierliche Zeremoniell und die Rede des Caudillos machten deutlich, was die Einweihung des Tals der Gefallenen demonstrieren sollte: Genau zwanzig Jahre nach dem denkwürdigen Heeresbericht Francos vom 1. April 1939 ("Die nationalen Truppen haben ihre letzten Ziele erreicht, der Krieg ist beendet"), will der Caudillo die letzten Wunden des Bürgerkrieges heilen. Franco will die Spanier miteinander versöhnen. Im Tal der Gefallenen sollen die Toten beider Parteien des Bürgerkrieges liegen.
Schon seit langem wird Franco von der Idee beherrscht, dem Wohle Spaniens und des falangistischen Militärregimes sei es nicht dienlich, wenn er nur als der Sieger des Bürgerkrieges in die Geschichte eingehen würde. Die Spanier sollen ihn vielmehr als den Retter ihrer nationalen Existenz akzeptieren. Solcher Sendungsglaube entspringt freilich nicht nationaler Romantik, sondern einer Sorge, die der 66jährige Caudillo mit allen alternden Autokraten teilt: der Sorge um die Zukunft des Regimes nach seinem Tode.
Franco weiß, daß es ihm trotz des zwanzigjährigen Friedens, den er dem Lande durch unbezweifelbares staatsmännisches Geschick erhalten hat, nicht gelungen ist, die seit dem Bürgerkrieg gespaltene Nation zu einigen. Die Spanier, so schrieb einmal ihr Historiker Américo Castro, ließen sich "nicht mit Vernunftgründen, Erkenntnissen, Gesetzen oder durch ein Netz wirtschaftlicher Einrichtungen einigen, sondern nur durch einen Glauben, der sie alle erfüllt".
Diesen Glauben, der dem heutigen Spanier fehlt, will der Autokrat Franco nun durch ein Werk nationaler Versöhnung ersetzen, das Spanien davor bewahren soll, sich nach dem Ableben des Diktators in das Chaos eines neuen Bürgerkrieges zu stürzen. So ist er auf ein Projekt verfallen,
das nur in Spanien mit seiner Todessehnsucht denkbar ist: Franco will die Lebenden durch die Toten versöhnen.
Kein Volk der Erde hat ein engeres Verhältnis zum Tode als die spanische Nation. Im Bürgerkrieg metzelten sich die Truppen beider Seiten, der "Nationalen" und der "Roten", mit dem gemeinsamen Schlachtruf "Es lebe der Tod!" nieder. Schrieb kürzlich ein deutscher Spanien-Kenner: "Man hat im Umgang mit Spaniern und ihrem Land oft das Empfinden, daß die Toten lebendiger und wirksamer sind als die Lebenden."
Ein solcher Todesmythos in einem Lande, das nur der Geschichte zu leben scheint, verlockte Franco noch während des Bürgerkrieges zu dem Projekt, die Toten des Bruderstreits in einer gemeinsamen Grabstätte zum Nutzen und Frommen des Regimes zu vereinen. Im Frühjahr 1939 fand Franco auf einer Reise in Begleitung des Alcazar-Verteidigers General Moscardó einen idealen Platz auf der kargen, steppenhaften Hochfläche Kastiliens, eine Autostunde von Madrid entfernt dort, wo sich der Spanier dem Jenseits näher glaubt.
In dem rauhen Tal, das die Hirten der Sierra "Cuelgamuros" (hängende Mauern) nennen, begannen im Sommer 1941 die Arbeiten an dem "Werk des Jahrhunderts", wie heute die Madrider Fremdenführer das Mahnmal Francos nennen. Architekt Diego Méndez übernahm die Bauleitung: Unterhalb eines riesigen Kreuzes sollte eine Basilika in das Felsmassiv hineingesprengt und eine Gruppe von Bauten errichtet werden, darunter ein Kloster, ein Noviziat und Unterkünfte für Pilger und Touristen. Die Kosten blieben von Anfang an Staatsgeheimnis: Sie sollen etwa 50 Millionen Mark betragen.
Zunächst ging man freilich sparsam vor und setzte KZ-Häftlinge ein, die ihre Arbeit nicht ohne Sabotage betrieben. Ab 1949 wurden am Tal der Gefallenen freie Arbeiter angesetzt, die bald zu den bestbezahlten ganz Spaniens gehörten. Sie sprengten 800 000 Tonnen Felsgestein in die Luft, bevor die Baumeister, Dekorateure, Maler und Kunstschmiede an die Arbeit gehen konnten.
Je mehr sich aber der Monumentalbau seiner Vollendung näherte, desto größer wurde die Beklemmung des spanischen Staatschefs. Das Tal der Gefallenen sollte die letzte Ruhestätte aller Opfer des spanischen Bürgerkrieges werden. Die Zeitungen hatten bereits gemeldet, mindestens 150 000 Leichen würden in den Beinhäusern des Grabmals Aufnahme finden. Woher aber sollten die Toten kommen, die seit zwanzig Jahren in geweihter Erde ruhten?
Die spanische Regierung erließ im Herbst vergangenen Jahres eine Verordnung, wonach bis zum 17. März 1959 alle rechtlichen und seelsorgerischen Vorbereitungen für die Exhumierung und Überführung der (insgesamt auf eine Million geschätzten) Bürgerkriegs-Toten abgeschlossen -sein sollten. Das heftige Echo in der Bevölkerung aber offenbarte dem Caudillo eine ernste Gefahr: Der spanische Todeskult, den Franco so sorgsam einkalkuliert hatte, drohte sich jetzt gegen den Caudillo zu kehren.
Die Spanier, seit Jahrhunderten zur Skepsis gegenüber staatlichen Maßnahmen erzogen, lehnten sich gegen den Gedanken auf, ihre Toten in die ferne, unwirtliche Anonymität des Tals der Gefallenen überführen zu lassen. Auf welcher Seite auch die Gefallenen im Bürgerkrieg gestanden hatten - ihre Angehörigen machten keine Miene, die Ruhe ihrer Toten zu stören. Spanien erlebte einen organisierten Widerstand gegen die Anordnungen des Caudillo.
Franco ließ daraufhin erklären, nur solche Toten kämen für das Tal der Gefallenen in Frage, die in Massengräbern lägen. Dabei hatte der Caudillo vor allem das Massengrab in dem nordöstlich von Madrid gelegenen Dorf Paracuellos de Jarama im Auge, in dem 12 800 Franco-Anhänger liegen, die im November 1936 von
den Kommunisten erschossen worden waren. Sie gelten als die Blutzeugen der nationalen Bewegung.
Als sich jedoch in dem Dorfe die Kunde verbreitete, die Opfer von Paracuellos de Jarama sollten in das Grabmal Francos überführt werden, scharten sich die Hinterbliebenen zu einer "Gesellschaft der Märtyrer von Paracuellos" zusammen und bedrängten die Regierung in Madrid, auf eine Öffnung des Massengrabes zu verzichten. Die erregten Bürger bedienten sich aller Argumente, die gegen Francos Aktion sprechen konnten: von der Sorge, die Toten dürften nicht gestört werden, bis zu dem Einwand, die nationalen Opfer könnten doch nicht mit ihren Mördern zusammengelegt werden.
Die Regierung gab nach und verstärkte zugleich ihren Druck auf die Hinterbliebenen gefallener Falangisten-Führer, die sich ebenfalls gegen eine Exhumierung ihrer Angehörigen sträubten Nicht einmal die Hinterbliebenen des Falange-Gründers Jose Antonio Primo de Rivera wollten ihr Jawort geben, obwohl Antonios Schwester Pilar die Frauenschaft der halbfaschistischen Staatspartei Falange leitet und sein Bruder Miguel zu den führenden Diplomaten Spaniens gehört.
José Antonio, Sohn des Diktator-Generals Miguel Primo de Rivera (1870 bis 1930), war gleich zu Beginn des Bürgerkrieges von den Roten erschossen worden. Nach Kriegsende hatte Franco zum Ärger der Monarchisten befohlen, den republikanischen Falange-Gründer neben der Grabkammer der spanischen Könige im Philippischen Escorial zu bestatten. Nun aber verlangte der Caudillo, das prominenteste Opfer des Bürgerkrieges müsse ins Tal der Gefallenen.
Bruder und Schwester des Toten baten dagegen die Regierung, der Gründer der Falange solle endlich in die Grabstätte seiner Väter umgebettet werden. Franco aber blieb hart, und so konnte denn die spanische Presse drei Tage vor der feierlichen Einweihung des Tals der Gefallenen melden, Jose Antonio sei in Anwesenheit von vier amtierenden und drei ehemaligen Ministern feierlich in das Mahnmal inmitten der Guadarrama-Berge überführt worden. Außerdem ließ die Regierung einen Briefwechsel zwischen Franco und dem Primo de Riveras veröffentlichen, um das volle Einverständnis zwischen Regime und Hinterbliebenen zu demonstrieren.
Als Francisco Franco am Vormittag des 1. April durch die schwere Bronzetür der Grabkirche trat, verweilte er für wenige Augenblicke vor einer Granitplatte mit der goldenen Aufschrift "Jose Antonio". Der Caudillo darf hoffen, daß die Überführung der sterblichen Überreste des Falange -Gründers auch andere Spanier bewegen wird, ihre Toten für das Tal der Gefallenen freizugeben. Tatsächlich wurden in den vergangenen Tagen mehrere hundert Leichen in das Grabmal überführt.
Ob damit allerdings das Gelingen des Francoschen Versöhnungswerks bereits gesichert ist, wird von Beobachtern in Madrid bezweifelt. So muß sich das gigantische, aber keineswegs gigantomanische Tal der Gefallenen einstweilen mit dem makabren Ruf begnügen, die größte Attraktion des spanischen Fremdenverkehrs zu sein.
Tal der Gefallenen: Nationale Versöhnung ...
... über den Gräbern: Franco und Frau in der Grabkirche
Falange-Gründer Prima de Rivera Nach 20 Jahren übergeführt

DER SPIEGEL 17/1959
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