27.05.1959

HEUSINGER

Bittgang zur Gestapo

Dr. Bonner Vierstern-General Adolf Heusinger hat Offiziere aus der Ermekeilkaserne ausgeschickt, Material zusammenzusuchen, mit dem sich der General gegen einen Anschlag auf seine Ehre wappnen will: Ein "Untersuchungsausschuß militärischer Experten", Hilfsorgan der Pankower Agit-Prop-Zentrale, behauptet, Heusinger habe die Verschwörer des 20. Juli 1944 an die Gestapo verraten.

Heusinger ist das zweite militärische Ziel, das sich die Pankower Propaganda in Westdeutschland ausgesucht hat. Das erste war Heusingers Generalskollege Speidel, den die Sowjetzone beschuldigte, den 1934er Doppelmord an König Alexander von Jugoslawien und dem französischen Außenminister Barthou inszeniert zu haben (SPIEGEL 31/1957 und 16/1959).

Um diesen Anwurf zu beweisen, fabrizierten die Enthüllungs-Experten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit Dokumente, die sich schon auf den ersten Blick als plumpe Fälschungen erwiesen. Die Agit-Prop-Techniker hatten die Dienstvorschriften übersehen, die im Schriftverkehr der alten Wehrmacht zu beachten waren.

Damit derlei Stil-Schnitzer bei der Attacke auf Heusinger vermieden werden, haben sich die Pankower Diversanten diesmal den militärischen Sachverstand dreier ausgedienter Wehrmacht-Generale zunutze gemacht, die als "Untersuchungsausschuß militärischer Experten" firmieren:

- Generalleutnant a.D. Johannes Zukertort,

- Generalmajor a.D. Martin Lattmann

und

- Generalmajor a.D. Arno von Lenski.

Daß drei Kommiß-Spezialisten aufgetragen wurde, die Kampagne gegen den Kameraden Heusinger in Szene zu setzen, hat außer dem militärtechnischen freilich auch noch einen ideologischen Grund.

Die Konspiration der Militärs gegen Hitler, die am 20. Juli 1944 mit dem mißglückten Attentat des Grafen Stauffenberg scheiterte, zählt nämlich keineswegs zu den historischen Ereignissen, deren Helden sich - wie die der Bauern- oder der Befreiungskriege - in die proletarische Ahnenriege der Weltrevolution einreihen lassen. Im Gegenteil, die Verschwörer gegen Hitler gelten in der DDR laut amtlicher Nomenklatur wahlweise für "reaktionäre Bankrotteure" oder "bankrotte Reaktionäre".

Eine SED-amtliche Aktion, die den Putsch gegen Hitler verherrlicht, würde das ideologische Bewußtsein trüben müssen. Den Generalen hingegen, die mit Propagandahonoraren ihren Ruhestand finanzieren, sieht man solche ideologischen Unklarheiten gerne nach - zumal man sich bei deutschnationalen Bundesbürgern und nicht zuletzt bei den Offizierchargen der Bundeswehr von der Propagandasprache der Generale mehr Effekt erhofft als vom Agit-Prop-Kauderwelsch ideologisch krisenfester Funktionäre.

Der "Untersuchungsausschuß militärischer Experten" in Sachen Heusinger hat sich nach Kräften bemüht, den Erwartungen seiner Auftraggeber gerecht zu werden. Er setzte einen Kronzeugen namens Job-Wilhelm von Witzleben in Positur. Dieser Zeuge, ehemals HJ-Gefolgschaftsführer mit Goldenem HJ-Ehrenzeichen, bei Kriegsende Major im Generalstab, heute Oberst in der Nationalen Volksarmee,

trägt zu Recht den Namen von Witzleben, nennt aber zu Unrecht den - nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten - Feldmarschall gleichen Namens seinen "Großonkel" und behauptet, Widerstandskämpfer gewesen zu sein.

Kronzeuge von Witzleben rühmt sich, nicht nur sein "Großonkel", auch sein "Freund", der Oberstleutnant Klamroth, hätte ihn "in die Verschwörung gegen Hitler eingeweiht". Witzleben sagt: "Bei unserer Zusammenkunft im Juni 1944 sagte mir Klamroth, daß von seiten (General) Olbrichts und Stauffenbergs eine Umgruppierung in der Durchführung des Sprengstoffanschlags vorgenommen werden mußte, da Heusinger nicht mehr in Betracht gezogen werden könne. Auf ihn sei kein Verlaß, Olbricht und Stauffenberg seien sogar der Ansicht, daß er ein Doppelspiel triebe ...

"Von Oberstleutnant Klamroth erfuhr ich dann .... Stauffenberg ... habe Weisungen gegeben, Heusinger und die Offiziere der Operationsabteilung, Brandt, Graf Kielmansegg, über die weiteren Maßnahmen und besonders über die Termine des Attentats nicht mehr zu informieren."

Vor dem dramatischen Hintergrund dieses Kronzeugnisses präsentierte der "Untersuchungsausschuß militärischer Experten" zwei Dokumente, die das Staatssicherheitsministerium geliefert hatte, deren Authenzität aber dennoch kaum bestritten werden kann.

Das erste - in Westdeutschland bisher nicht veröffentlichte - Schriftstück stammt aus dem Aktenschrank des "Sonderkommandos 20. 7. 44" der Geheimen Staatspolizei und enthält einen Auszug aus der staatspolizeilichen Vernehmung des Generalmajors Stieff, der damals zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

ANTWORT (Stieffs): Ich kann Ihnen jetzt auch sagen, daß ich mit anderen darüber gesprochen habe.

FRAGE: Mit wem und worüber?

ANTWORT: Mit General Heusinger, später mit General Wagner (Generalquartiermeister des Heeres) und General Lindemann (Amtschef im Oberkommando des Heeres). Mit allen dreien habe ich über eine gewaltsame Beseitigung des Führers, die Stauffenberg plante, gesprochen.

Bei dem zweiten - auch in Westdeutschland längst veröffentlichten - Dokument handelt es sich um das Stenogramm der Hauptverhandlung, die der Volksgerichtshof unter Vorsitz des Präsidenten Freisler am 7. und 8. August 1944 gegen die erste Verschwörergruppe geführt hat. Danach wiederholte der Angeklagte Stieft vor dem Präsidenten Freisler, was er vorher den Gestapo-Beamten gesagt hatte:

FREISLER: Ist es richtig, daß Sie im Sommer 1943 Oberst von Tresckow aufgesucht hat ... ?

STIEFF: Jawohl.

FREISLER: ... daß er davon gesprochen hat, der Krieg müsse durch Verhandlungen zu Ende gehen, Voraussetzung dafür sei die Beseitigung des Führers ...

STIEFF: Ja.

FREISLER: ... und das sei möglich durch einen Sprengstoffanschlag bei einer Lagebesprechung?

STIEFF: Jawohl.

FREISLER: Haben Sie das Ihrem Vorgesetzten gemeldet?

STIEFF: Ich habe über dieses Gespräch mit General Heusinger, dem stellvertretenden Chef des Generalstabs, gesprochen.

FREISLER: Haben Sie darüber hinaus dem nächsten Vorgesetzten darüber Meldung erstattet?

STIEFF: Nein.

FREISLER: Haben Sie es unserem Führer zur Meldung gebracht?

STIEFF: Nein, das habe ich nicht getan.

Kein Zweifel, dem Angeklagten Stieff zufolge hat Heusinger den Attentatsplan gekannt. Kein Zweifel auch, daß die NS -Justiz jeden Mitwisser des Attentatsplans gegen Hitler schnurstracks an den Galgen brachte. So zum Beispiel wurde der Oberstleutnant Engelhorn hingerichtet, der nur eine Stunde vor Stauffenbergs Attentat von dem Plan erstmals Kenntnis bekommen und ihn nicht unverzüglich gemeldet hatte. Ebenso endete der Major von Leonrod, der von einem Verwandten gehört hatte, daß "auf eine hochgestellte Persönlichkeit des Staates" ein Attentat vorbereitet werde und der zum Kaplan Wehrle gegangen war, um seine Kenntnisse zwecks Gewissenserleichterung zu beichten. Der Volksgerichtshof verurteilte beide - den Major und seinen Beichtvater - zum Tode.

Räsoniert der "Untersuchungsausschuß militärischer Experten": "Aber der Mitwisser Heusinger lebt ... Warum richteten die nationalsozialistischen Machthaber skrupellos nur die anderen und nicht auch ihn?" Die Antwort auf diese rhetorische Frage- daß sich nämlich Hitler für Heusingers "Kameradenverrat" erkenntlich gezeigt habe - stützt das Generalskonsilium auf zwei Indizien, von denen das zweite der Memoirenschreiber Heusinger beigesteuert hat.

Indiz Nummer eins: Das NS-Zentralorgan "Völkischer Beobachter" vom 9. August 1944, in dem der Bericht des offiziösen Deutschen Nachrichten-Büros über den Prozeß vor dem Volksgerichtshof steht. Dieser von Freisler und Goebbels genehmigte Bericht hat die drei Fragen des Gerichtspräsidenten, ob der Angeklagte Stieff den Attentatsplan seinem

- Vorgesetzten",

- "darüber hinaus dem nächsten Vorgesetzten" und schließlich

- "unserem Führer"

gemeldet habe, zu einer Frage komprimiert: "Haben Sie von dieser Ungeheuerlichkeit Ihren Vorgesetzten und haben Sie dem Führer Meldung erstattet?"

Die drei Antworten Stieffs auf Freislers drei Fragen sind gleichfalls auf einen Generalnenner gebracht worden: "Nein, das habe ich nicht getan."

Der Name Heusinger kommt nicht vor. Kommentar aus Pankow: "... griff man zum Mittel des Pressebetrugs ..., fälschte die Aussage des Generalmajors Stieff ..., sollte die Öffentlichkeit nicht erfahren, daß auch Heusinger von der Vorbereitung des Attentates wußte."

Das zweite Indiz, mit dem der "Untersuchungsausschuß" den Verrats-Nachweis gegen Heusinger führen will, hat er aus Heusingers Memoiren herausgeklaubt. Heusinger wurde drei Tage nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler, bei dem er selbst verletzt worden war, der Gestapo überstellt, die ihn intensiv, aber

korrekt ausfragte, ohne Prügel, ohne Folter. Den kritischen Punkt seiner Vernehmungen durch die Gestapo beschreibt Heusinger in seinen Memoiren, die er unter dem etwas zu ehrgeizigen Titel "Befehl im Widerstreit" in der fast drehreifen Fasson eines Film-Drehbuchs abgefaßt hat.

DER KRIMINALBEAMTE: Ein Angeklagter (Oberstleutnant im Generalstab Smend) hat angegeben, er habe Sie Anfang Juli 1944 von dem beabsichtigten Attentat unterrichtet. Was sagen Sie dazu?

GENERALLEUTNANT HEUSINGER: Das glaube ich nicht. Das muß ein Irrtum sein.

DER KRIMINALBEAMTE: Wir werden sehen. - Wie erklären Sie sich die Hintergründe dieses Attentats?

GENERALLEUTNANT HEUSINGER: Ganz einfach, aus der Gesamtentwicklung der Lage seit 1941, besonders seit Stalingrad. Es ist nichts weiter als der Höhepunkt einer Vertrauenskrise und eine Verzweiflungstat in letzter Minute.

DER KRIMINALBEAMTE: Wollen Sie das näher ausführen?

GENERALLEUTNANT HEUSINGER: Mir scheint, Sie können sich weder von dieser Entwicklung noch von der ganzen Zusammenarbeit des militärischen Führungsapparates ein Bild machen. Ich bin bereit, Ihnen das schriftlich niederzulegen, brauche aber dazu einige Tage.

Es entstand, was Heusinger seine "Denkschrift" nennt. Der Gestapo-Beamte, der mit Heusingers Fall befaßt war, schickte seine Sekretärin; Heusinger diktierte ihr viereinhalb Seiten in die Maschine. Das Diktat kam auf dem SS-Dienstweg über Gestapo-Chef Müller, Sicherheitsdienst -Chef Kaltenbrunner und SS-Chef Himmler zu Hitler ins Führerhauptquartier.

Dort fand sich Ende September 1944,

soeben wieder auf freiem Fuß, auch Heusinger befehlsgemäß zum Rapport beim Führer ein.

HITLER: Ich habe Ihre Denkschrift aus der Haftzeit studiert. Ich danke Ihnen dafür. Es ist die einzige zusammenhängende Kritik, die ich über meine Maßnahmen während des Krieges zu lesen bekommen habe.

GENERALLEUTNANT HEUSINGER

(nach kurzem Stocken): Ich mußte mir während der langen Zeit meiner Haft diese Gedanken von der Seele schreiben, und sie haben vielleicht zum Verständnis der Situation, aus der heraus das Attentat geschah, beigetragen.

Eine Stunde später war Heusinger zur Führerreserve des Heeres-Oberkommandos abgestellt. Interventionen des neuen Generalstabschefs Guderian und des neuen Führer-Adjutanten Burgdorf, der Generalstab bedürfe in den schweren Zeiten des "operativen Genies" Heusinger, verschlugen nichts.

Desungeachtet interpretiert das Pankower Generalskonsilium die Meldung Heusingers bei Hitler so: "Heusinger schreibt (in seinem Buch) nicht, was in der von ihm verfaßten 'Denkschrift' stand. Aber Hitler dankte ihm dafür. Warum empfing ihn Hitler in persönlicher Audienz? Warum bedankte sich Hitler bei ihm für seine 'Denkschrift'?"

Antwort: "Ob er (Heusinger) im Auftrage seiner Herren sich als Spitzel an die Verschwörer heranmachen mußte, ob er sie alle durch seine 'Denkschrift' den Henkern auslieferte oder ob er beides tat, das ist und bleibt belanglos."

Die "Denkschrift" Heusingers, die er in der Gestapo-Haft angefertigt hatte, ist kurz vor Kriegsende im Gestapo-Archiv bei Hof in Bayern vernichtet worden. Wenn der General heute beweisen will, was er wirklich in diesem Dokument geschrieben hat, so ist er auf das Zeugnis jenes Gestapo-Beamten angewiesen - eines Oberregierungsrats aus dem "Sonderkommando 20. 7. 44" -, der dem Gestapo-Häftling Heusinger damals Sekretärin und Schreibmaschine in die Zelle schickte.

Indes, was dieser Beamte bestätigen könnte, gereicht dem Generalinspekteur der Bundeswehr nicht gerade zum Ruhm. Zwar hat Heusinger in seiner "Denkschrift" keinen Verschwörer-Namen genannt. Aber der tatsächliche Inhalt dieses Dokuments ist dennoch wenig geeignet, Heusingers Ruf als "operatives Genie des Westens" zu festigen.

Die "Denkschrift" hatte eine Vorgeschichte: Die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen an der Ostfront, fast ausschließlich Feldmarschälle, hatten einander im Frühjahr 1944 gelegentlich einer Oberbefehlshaber -Konferenz gelobt, das Führerhauptquartier nicht eher zu verlassen, als bis Hitler ihren Organisationswünschen nach einer zentralen Struktur des Wehrmacht- und Heeres-Oberkommandos - mit Manstein an der Spitze - willfahren werde. Angesichts ihres Führers waren die Feldherrn, die ihren Mannschaften alltäglich den Soldatentod abverlangten, erwartungsgemäß umgekippt. In Heusinger reifte der Entschluß, diese Feldmarschalls-Scharte auszuwetzen. Der Entschluß schlug sich in der "Denkschrift" nieder.

Mit anderen Worten: Der Mann, dessen Wort im Nato-Hauptquartier heute gilt, hoffte noch im Spätsommer 1944 allen Ernstes, eine neue Spitzengliederung der Wehrmacht werde die "Verhältnisse an der Ostfront stabilisieren". Nichts anderes

- kein Name eines Verschwörers - steht

in Heusingers "Denkschrift".

Der Gestapo-Beamte, der das bekunden könnte, wünscht allerdings nicht, daß sein Name und seine Tätigkeit im "Sonderkommando 20. 7. 44" des Geheimen Staatspolizeiamts publik wird. Er hat sich auch durch Bittgänger des Bonner Verteidigungsministeriums nicht zu einem öffentlichen Auftritt bewegen lassen und sogar dem Vorschlag der Bonner Wehrjuristen widerstanden, seinen Namen notariell beglaubigen und auf einer zweiten Urkunde ohne Namensangabe sein Zeugnis für Heusinger notariell beurkunden zu lassen.

Gleichwohl, der Verdacht, Heusinger habe mit seiner "Denkschrift" Verschwörer verraten, hält nicht Stich. Offen bleibt dagegen, wie der General den 20. Juli überleben konnte, obgleich Stieff ihn vor Polizei und Volksgericht als Mitwisser nannte. Auch hier muß der Bonner General wieder einen Gestapo-Beamten bemühen, um seine Unschuld zu beweisen, und auch dieser Mann wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, öffentlich für Heusinger in die Bresche zu springen.

Der Beamte war zugegen, als Generalmajor Stieff bei einer Gegenüberstellung mit Heusinger die Heusinger belastenden Aussagen widerrief. Das geschah freilich schon gleich nach der ersten polizeilichen Vernehmung Stieffs, also noch vor der Hauptverhandlung des Volksgerichtshofs, in der Stieff seine Vorwürfe gegen Heusinger abermals erneuerte.

Anfang nächsten Monats soll in der Sowjetzone ein Heusinger-Film - Titel: "Der 20. Juli und der Fall Heusinger" - aufgeführt werden, der die Untersuchungsergebnisse der "militärischen Experten" ins Optische übersetzt hat.

Nach dem Plansoll der psychologischen Ost-Krieger hätte das Werk schon vor vier Wochen herauskommen sollen. Zwei Agit -Prop-Kommissare aus dem Zentralkomitee

der SED hatten den Film nach einer Probe im Defa-Büro Jägerstraße zu Ostberlin bereits am 24. April genehmigt. Es fehlte nur noch der Ton. Da passierte das Malheur.

DDR-Charakterstar Raimund Schelcher, der den Begleittext sprach, hatte das Schlucken, stieß mit der Zunge an und lallte. Ursache: Trunkenheit am Mikrophon. Die Tonaufnahme mußte wiederholt werden - ohne Star Schelcher.

In diesen Film sind Stücke jener Dokumentaraufnahmen eingeklebt, die Hitler im August 1944 bei den Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof und beim Urteilsvollzug in Plötzensee hatte drehen lassen. Ursprünglich 50 Kilometer lang, wurde dieser Streifen von den NS-Propagandisten zu einem Film von fünfzehn Kilometern Länge zurechtgeschnitten.

Eine Teilkopie - fünf Kilometer - dieser Fassung erbeuteten die Sowjets 1945 im Archiv der Afifa-Kopieranstalt Berlin -Tempelhof. Sie vervielfältigten den Film; eine-Kopie, tauchte auch in Amerika auf. Von dort bezog die Bonner Bundeszentrale für Heimatdienst im Juli 1954 einen Film von 40 Minuten Spieldauer, der im Münchner Riva-Kopierwerk technisch regeneriert wurde, "stark gekürzt, vor allem unter Weglassung unbrauchbar gewordener Stellen".

Der technische Hauptmangel der Urfassung, der unzulängliche Ton, wurde nicht behoben. Kameramann Erich Stoll, Mitglied des Teams der "Deutschen Wochenschau", das den Film 1944 verfertigte: "Wir mußten dem Präsidenten (Freisler) mitteilen, daß er den Angeklagten gegenüber zu laut geschrien habe, so daß es dem Tonmeister nicht möglich war, den Ausgleich zwischen der schreienden Stimme und der leisen Stimme des Angeklagten herzustellen."

Freislers Brüll-Orgien dürften jedoch kaum schuld daran sein, daß der Name Heusinger im Dialog Freisler-Stieff des renovierten Bonner Prozeß-Films gar nicht, im gleichen Dialog des abgestandenen Pankower Prozeß-Films dagegen deutlich zu hören ist. Dabei versichern die Bonner "Erläuterungen" der westlichen Filmversion, "daß Tonband (des Films) und Stenogramm (des Prozesses) im Wortlaut übereinstimmen". Wohingegen der Pankower "Untersuchungsausschuß militärischer Experten" die östliche Filmversion als "unbestechliches Zeugnis" für Heusingers "Kameradenverrat" ausgibt.

Die "Denkschrift" Heusingers, von der nur ein - vor Kriegsende vernichtetes - Exemplar existierte, wird in dem Defa -Dokumentarfilm nur erwähnt, nicht etwa als nachgemachte Neuauflage gezeigt. Auch der tatsächliche Anteil Heusingers an der Verschwörung gegen Hitler wird in dem Film nicht gewertet.

Heusinger selber bestätigt auch heute noch, was er in seinem Buch "Befehl im Widerstreit" bereits andeutete: engen Kontakt zu zwei erklärten Verschwörern, dem General der Artillerie Wagner (der sich am 20. Juli erschoß) und dem General der Nachrichtentruppe Fellgiebel (der nach dem 20. Juli gehenkt wurde), die ihn schon frühzeitig mit Attentatsplänen vertraut gemacht hätten.

Beide Generale, Wagner und Fellgiebel, kannten Stauffenbergs Attentatstermin und hielten sich am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier parat.

Weshalb Stauffenberg dennoch seine Bombe ausgerechnet zu Füßen des Mitverschwörers Heusinger placierte und Heusinger in dem Augenblick, als die Bombe krepierte, justament Lagevortrag vor dem Führer hielt, ist heute nicht mehr aufzuklären.

20.-Juli-Verschwörer Heusinger

Anschlag zu seinen Füßen

20.-Juli-Verschwörer Stieff vor dem Volksgerichtshof: Was wußte Heusinger?


DER SPIEGEL 22/1959
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 22/1959
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HEUSINGER:
Bittgang zur Gestapo