17.06.1959

WORRINGERZiehvater der Abstrakten

Vor mehr als einem halben Jahrhundert schrieb ein aus Aachen stammender Student in Bern einen Satz, der mindestens ebenso rücksichtslos mit der deutschen Sprache wie mit der damals geltenden Kunsttheorie umsprang: "Der Abstraktionsdrang steht ... am Anfange jeder Kunst und bleibt bei gewissen auf hoher Kulturstufe stehenden Völkern der herrschende." Die revolutionäre These, daß der Urimpuls aller Kunst nicht auf Nachahmung der Natur, sondern auf Abstraktion gezielt habe, gehörte zu einer Dissertation, die der junge Kunsthistoriker Wilhelm Worringer 1907 seinem Bruder in Neuwied am Rhein anvertraute; in der kleinen Druckerei des Bruders wurden die für jede Doktorarbeit erforderlichen Universitäts-Pflichtexemplare und, wie Worringer berichtet, "ein Überschuß für sozusagen den Hausgebrauch" billig hergestellt.
Eines dieser Überschuß-Exemplare erhielt der Dichter Paul Ernst ("Erdachte Gespräche"), den Worringer auf einer Italienreise kennengelernt hatte. Ernst war vom Inhalt der Schrift so fasziniert, daß er in der Zeitschrift "Kunst und Künstler" eine überschwenglich lobende, folgenreiche Besprechung veröffentlichte.
Der bekannte Goethe-Forscher und Soziologe Georg Simmel ("Philosophie des Geldes") sprach den jungen Worringer in einem Brief "mit den Tönen einer ihm (Simmel) selbstverständlichen geistigen Gleichberechtigung" an, und der Münchner Verleger Reinhard Piper entschloß sich, die Dissertation unter dem Titel "Abstraktion und Einfühlung" zu publizieren.
Die Wirkung der theoretischen Schrift Worringers ist bis heute kaum verblaßt, so daß der Piper-Verlag in diesen Wochen eine neue Auflage* ausliefern konnte, für die der inzwischen 78jährige Worringer ein "Schlußwort nach fünfzig Jahren" schrieb. In diesem Schlußwort konfrontiert Worringer seine These aus dem. Jahre 1907 mit einigen Theorien über den Ursprung der Kunst, die inzwischen von anderen Forschern aufgestellt worden sind.
Tatsächlich dürfte Worringers Schrift eine der höchsten Auflageziffern erreicht haben, die je einer Doktorarbeit beschieden, waren. Zu vergleichen ist die Dissertation des 26jährigen Worringer allenfalls mit der Dissertation des 25jährigen Philosophen des Pessimismus Arthur Schopenhauer - "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde" -, von der Schopenhauer - noch Jahrzehnte später bekannte: "Diese elementarphilosophische Abhandlung ... ist nachmals der Unterbau meines ganzen Systems geworden." Worringers Breitenwirkung war womöglich noch größer: "Abstraktion und Einfühlung" wurde in 18 Sprachen übersetzt und gilt als eine Art Bestseller im Bereich der wissenschaftlichen Kunstliteratur.
Als das Buch erschien - 1908 -, hatte sich jene Richtung noch nicht formiert, die heute unter der pauschalen Bezeichnung "abstrakte Kunst" zusammengefaßt wird. Ein Jahr zuvor waren an Picassos Bild "Les Demoiselles d'Avignon" die ersten Anzeichen des Kubismus, einer geometrischen Formen zuneigenden Malweise, zu entdekken; zur gleichen Zeit hatte Henri Matisse die Schule der "Fauves", der "Wilden", eröffnet, die zur Wiederbelebung der Kunst des Primitiven tendierte. Abstrakte Malerei im heutigen Sinne entstand erst ein paar Jahre später - mit Marc und Kandinsky und der 1911 gegründeten Münchner Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter".
Werner Haftmann, gegenwärtig einer der prominentesten deutschen Kunsthistoriker, bestätigt noch heute: "Klee, Marc, Kandinsky ...' kaum einer der Avantgarde der modernen Kunst, der nicht durch dieses (Worringers) Buch aufs tiefste erregt wurde." Wirklich entnahmen und entnehmen die Künstler der abstrakten Richtung der Erstlingsschrift Worringers die Argumente, die sie gebrauchen können - und lassen beiseite, was ihnen nicht paßt.
Worringer, der 1909 Privatdozent in Bern geworden war und später an den Universitäten Bonn (1913), Königsberg (1928), Halle (1946) las - 1950 siedelte er nach München über, weil ohne sein Wissen sein Name unter einen "Friedenskomitee"-Aufruf gesetzt worden war -, hatte nämlich keineswegs eine Rückkehr zur "abstrakten" Malerei gefordert. Seine Polemik richtete sich nur gegen das starre Schema einer Kunstbetrachtung, die "nur ganz kleine Komplexe" zur Kenntnis nehmen wollte, nämlich vor allem die Kunstdenkmäler der Antike und der Renaissance.
Worringer verwarf die auf "Einfühlung" oder Natur-Nachahmung, auf Naturalismus begründete Theorie der Kunst und erklärte, "daß das Kunstwerk als selbständiger Organismus gleichwertig neben der Natur und in seinem tiefsten, innersten Wesen ohne Zusammenhang mit ihr steht". Nur von dieser Einsicht aus, so meinte Worringer, sei der Kunst, die ja nicht nur in "klassischen" Perioden produziert wird, gerecht zu werden: "Denn für das Jenseits der Klassik bedeutet das künstlerische Schaffen und Erleben die Betätigung einer geradezu entgegengesetzten seelischen Funktion, die fern von aller weltfrommen Bejahung der Erscheinungswelt sich ein Bild von den Dingen zu schaffen sucht, das sie weit über die Endlichkeit und Bedingtheit des Lebendigen hinausrückt in eine Zone des Notwendigen und Abstrakten."
"Solche Notwendigkeit aber", fand Worringer, "vermag der Mensch nur im großen Jenseits des Lebendigen, im Anorganischen, zu empfinden. Das führte ihn zur starren Linie, zur toten kristallinischen Form. Alles Leben übertrug er in die Sprache dieser unvergänglichen und unbedingten Werte. Denn diese abstrakten, von aller Endlichkeit befreiten Formen sind die einzigen und höchsten, in denen der Mensch angesichts der Verworrenheit des Weltbildes ausruhen kann."
An Argumenten für seine Theorie konnte es Worringer nicht fehlen: Er durfte zum Beispiel auf altägyptische Kunstdenkmäler verweisen, in denen - dem naturalistischen, dem natur-abbildenden Prinzip entgegengesetzt - Tier- und Menschenkonturen in abstrakte, geometrische Formen gezwungen worden waren, oder auf die Bedeutung der ebenfalls abstrakten Ornamente in allen frühen Kulturen bis in die Zeit der griechischen Klassik.
Die Formen, zu denen nach der Veröffentlichung seiner Schrift die moderne Kunst fand, hat Worringer dagegen eher mit einer Art Mißbehagen betrachtet und ausdrücklich eine Kluft zwischen der von ihm so genannten "Künstlerkunst" und der "Publikumskunst" konstatiert, "die kein guter Wille mehr überbrücken kann".
In dem "Schlußwort nach fünfzig Jahren" nun, das der alte Worringer der Neuauflage seiner Schrift zugefügt hat, beschäftigt er sich nicht mit dieser Kluft zwischen moderner Kunst und Publikumsgeschmack. Es geht ihm vielmehr um eine Auseinandersetzung mit Funden aus der Vorzeit, die seine Theorie zu gefährden scheinen, daß am Anfang aller Kunst der Wille zur Abstraktion gestanden habe. In Höhlen sind nämlich Zeichnungen entdeckt worden, deren Alter auf etwa 40 000 Jahre geschätzt werden kann und die nicht abstrakte Ornamente, sondern ganz offensichtlich Menschen und Tiere darstellen, also gewissermaßen Spuren eines vorzeitlichen Naturalismus sind.
In jüngster Zeit hat vor allem der Mainzer Professor Herbert Kühn in seinem Werk "Felsbilder Europas" (1952) wie auch in anderen Veröffentlichungen durch Interpretation von Höhlenmalereien beweisen wollen, daß am Anfang aller menschlichen Kunstbemühung die Naturnachahmung gestanden habe; nach Kühns Ansicht entwickelte sich bereits die Kunst der Vorzeit - wie die moderne Kuhst heute - vom Impressionismus zum Expressionismus.
Worringer nennt in seinem "Schlußwort nach fünfzig Jahren", das er ausdrücklich als "Verteidigungsschrift" bezeichnet, nicht den Namen Kühns, sondern polemisiert allgemein: "All meine Behauptungen von einem absoluten Primat des Geometrisch -Abstrakten in der Stunde des Kunstbeginns sollen durch diese so überraschend naturalistisch-impressionistische Höhlenmalerei der letzten Eiszeit eindeutig und unwiderruflich widerlegt worden sein."
Demgegenüber weist Worringer darauf hin, daß wegen der riesigen Zeitspannen zwischen den - grob geschätzten - Entstehungszeiten dieser Bilder zum Problem der Kunstentwicklung überhaupt nichts geschlossen werden dürfe. Es gibt, erläuterte er, "innerhalb der Abfolge dieser Funde Lücken des Schweigens, die unter Umständen auf zehntausend Jahre eingeschätzt werden müssen".
Worringer macht geltend, daß es sich "Wo ist draußen auf der Oberfläche der Erde im Laufe der Jahrtausende noch ein Stein auf dem anderen geblieben? Wo
konnte er auf dem anderen bleiben?" -
bei allen diesen Funden um Höhlenzeichnungen handelt weil allein in Höhlen die Chancen für eine zufällige Konservierung gegeben waren.
Um die Fragwürdigkeit einer Kunsttheorie, die sich allein auf die Zeugnisse von Höhlenfunden stützt, augenfällig zu machen, erlaubt sich Worringer einen "hypothetischen Vergleichsscherz": In unverändert kühnem Deutsch erinnert er daran, daß es auch in der Gegenwart "noch höhlenbewohnende Völkerschaften gibt. Man denke sich nun aus, daß es durch die Zufälligkeiten des späteren Fundglücks", nämlich etwa bei Forschern im Jahre 20 000, "gerade die Zeugnisse dieses Tatbestandes sein würden, die am Anfang dieser Wiederaufdeckung stünden. Würde das dann nicht heißen, daß es ein im großen Ganzen gesehen völlig belangloser ... Sachverhalt sein würde, der für jene kommende Forschergeneration zu einer unwillkürlich bestimmenden Ersteindrücklichkeit käme?"
Indem er seine eigene "Unbekehrbarkeit" in dieser Sache ironisch apostrophiert, verweist Worringer auf das Mißverhältnis zwischen "Fundmöglichkeiten oberirdischer und solchen unterirdischer Art". Er beharrt auf seiner Meinung, daß eine Theorie über die Entstehung der Kunst besser als auf zufällig gefundene Felsbilder - zwischen deren Entstehung 10 000 Jahre liegen können - auf einen überschaubaren Zeitraum von etwa 6000 Jahren gegründet ist, dessen Kunstdenkmäler zu großen Teilen erhalten blieben: Es ist die Zeitspanne, auf die Worringer seine Theorie stützt.
Nachdem er sich solcherart zu den Grundgedanken seiner Jugendschrift bekannt hat, räumt Worringer in heiterer Altersgelassenheit ein: "Ich verkenne nicht, daß sich weder die eine noch die andere (Theorie) beweisen läßt."
* Wilhelm Worringer: "Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie". R. Piper & Co. Verlag, München; 188 Seiten; 7,80 Mark.
Kunstwissenschaftler Worringer
"Am Anfang war ...
... die Kunst abstrakt": Höhlenzeichnung in Südfrankreich (Lascoux/Dordogne)

DER SPIEGEL 25/1959
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