17.06.1959

ATHEISMUS

Die Welt ist Hülle

Nachdem die "Zeitgemäßen Betrachtungen eines Nichtchristen" des Sonderprogrammleiters am Bayerischen Rundfunk, Gerhard Szczesny, 40, ernste Beachtung, Beifall und herablassende Verweise in der bundesdeutschen Presse erzielt hatten,wurde kürzlich im Nachtprogramm des Norddeutschen Rundfunks die Auseinandersetzung über "Die Zukunft des Unglaubens"* zwischen dem aus Ostpreußen stammenden Autor und dem Wiener Dozenten für Geistesgeschichte des Abendlandes, Friedrich Heer, 43, fortgeführt: Sprecher verlasen drei kritische Briefe Heers und drei Antwortbriefe Szczesnys. Die - privat noch weiterlaufende - schriftliche Diskussion wird im Paul List Verlag erscheinen.

Szczesnys Sorge gilt den seelischen Nöten seiner Mitbürger wie auch der Lage des Westens im ideologischen Stellungskrieg. "Die Behauptung, daß der westliche Mensch ein christlicher Mensch sei oder doch wiederum werden könne und müsse, ist eine Zwangsvorstellung", schreibt Szczesny in seinem Buch, "die jedes Selbstvertrauen und jede humanitäre Widerstandskraft zerstören muß, sobald sich herausstellt, daß die Unchristlichkeit ein nicht mehr behebbarer Zustand ist."

Die Propaganda der Kirchen und herrschenden Parteien sehe sich einer unbekümmert unchristlichen Lebensweise, aber auch einer ernsten "Glaubenslosigkeit" gegenüber. Glaubenslosigkeit sei nicht mehr das Vorrecht einer aufgeklärten Minderheit, sondern "Schicksal eines sich wahrscheinlich in der Mehrheit befindenden ... Typs des zeitgenössischen westlichen Menschen", dem der "eigentliche Inhalt der christlichen Heilslehre unannehmbar und gleichgültig" geworden sei. Szczesny findet diesen Inhalt bestimmt durch die Glaubenssätze - "die Grundpfeiler der westlichen Metaphysik" - "von der Unsterblichkeit des Menschen, seiner Willensfreiheit und von der Existenz eines persönlichen Gottes".

Diese Lehren seien nicht vereinbar mit den Erkenntnissen moderner Physik, Biologie und Anthropologie. Das Christentum habe die im westlichen Menschen "genotypische", weltzugewandte antik-humanistische Tendenz - "das eigentliche Ordnungs- und Fortschrittselement der abendländischen Geschichte" - nur zeitweise zu überlagern vermocht. Mehr und mehr seien "im Verlauf der letzten fünfhundert Jahre die Glaubenswahrheiten durch die Wissenswahrheiten verdrängt worden, so daß im vorigen Jahrhundert, als die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sich verbreiteten, große Teile der Gesellschaft ein nur noch phlegmatisches Pietätsverhältnis zum Christentum unterhielten".

Wenn aber auch inzwischen das Christentum aufgehört habe, als gestaltende Kraft das europäisch-atlantische Leben zu durchdringen, so bleibe doch Religion unentbehrlich und könne nicht durch Beschränkung auf die praktischen Bereiche des Lebens ersetzt werden: "Das, was in unserer Vorstellung existiert und vor sich geht, sind keine in den leeren Raum geschriebenen, nebelhaften und gespenstischen Zeichen, sondern wesentliche Bestandteile der menschlichen Wirklichkeit." Weiter Szczesny: "Glaubens-Überzeugungen sind nötig, um die Menschheit in eine noch unbekannte, reichere und bessere Zukunft vorwärtszureißen und ... aus den Bruchstücken unseres Wissens eine Ahnung der ganzen Wirklichkeit zu gewinnen." Der mit allen untergründigen Strömungen, Verzweigungen und Irrlehren des Christentums vertraute katholische Historiker Friedrich Heer, der jeder Spielart des modernen Atheismus ihre entlegene, gradlinig oder dialektisch abzuleitende christliche Herkunft nachweist, registriert in dem bekennenden Nichtchristen Szczesny "das ostdeutsch-protestantische Denken" vom "radikalen Pietismus" her. Die weit bis zum Ursprung im Wüstenvolk der Juden ausholende Darstellung des christlichen Monotheismus - den Szczesny als "weltverneinend", "naturblind" und "vernunftfeindlich" empfindet - ist nach Heer einseitig durch die "ostdeutsch-lutherische Erfahrung des schrecklichen Gottesherrn" geprägt.

Wenn auch dem Kulturkritiker Heer ein ganz anderes Christentum vorschwebt, so gibt er doch zu, daß nach der Kirchensteuerstatistik von den 92 Prozent der westdeutschen Bevölkerung, die Angehörige christlicher Kirchen und Gemeinschaften sind, "von Seelsorgern und mit Recht besorgten kirchlichen Kreisen" nur acht bis zwölf Prozent als praktizierende Christen angesehen werden.

Diese Massen ungläubiger, praktisch religionsloser Christen betrachtet Szczesny als die gefährlichsten Zeitgenossen. Gerade die nur formelle Kirchenzugehörigkeit verhindere ihre echte religiöse Neubesinnung und mache die unbewußt Glaubenssüchtigen anfällig für totalitäre Ersatzreligionen, die aus zwei verschiedenen Quellen gespeist würden - aus einer "unzulässigen Ausweitung" wissenschaftlicher Teilerkenntnisse "auf Daseinsbezirke anderer Art und Ordnung und aus der Annahme, daß eine formulierbare Sinngebung des Daseins gefunden werden kann".

Mit der "immer sinnfälliger hervortretenden Absurdität der christlichen Dogmatik" geriet der Mensch - nach Szczesny - "in einen Zustand permanenter Verwirrung, weil es ihm nicht gelang, das, was er wußte, mit dem, was er glauben sollte, in Einklang zu bringen". Darum konnten Demagogen sich der Massen bemächtigen und die bolschewistischen und faschistischen Radikalismen heraufbeschwören.

Der Sozialismus als humanitäres Anliegen des industriellen Zeitalters bedinge zunächst weder die Ersatzreligion noch die Irreligiosität. Szczesny: "Die Behauptung, der böse Wille sozialistischer Theoretiker hätte zur Entchristlichung der Massen geführt, stellt die Tatsachen auf den Kopf und ist eine der grandiosesten Geschichtsklitterungen der neueren Geschichte." Nicht Verrohung und Bösartigkeit der europäischen Arbeiter, sondern "die Unfähigkeit der christlichen Kirchen, glaubwürdige Antworten auf letzte und erste Fragen zu geben und sich zu sozial fortschrittlichen Taten zu entschließen", hätten aus einer revolutionären politischen Bewegung eine totalitäre Ersatzreligion gemacht.

Der Versuch einer "Wiederbierstellung des Alten" kennzeichne die heutige Zeit. Ersatzreligionen wie Nazismus und Kommunismus hätten inzwischen ihre verhängnisvolle Unfähigkeit zu einer menschenwürdigen Lösung erwiesen; da sei nichts einleuchtender als "die These, daß die Rettung vor dem drohenden Verfall aller geistigen, sittlichen und kulturellen Werte in der Rückbesinnung auf das überkommene Weltbild besteht". Die von den Kirchen und herrschenden Parteien getragenen, "heute auf allen Gebieten triumphierenden restaurativen Tendenzen" stützten sich auf die öffentliche Meinung, die noch unter dem Eindruck der "unmißverständlich bösen", sich "ihrer Gottlosigkeit brüstenden" Hitlerzeit stehe.

Da aber dem Zerfall eines vor- und gegenwissenschaftlichen Weltbildes "ein nicht umkehrbarer Aufklärungsprozeß, nicht aber eine heilbare und heilbedürftige geistige

Unpäßlichkeit" zugrunde liege, bleibe diese Restauration "ein Täuschungs- und Selbsttäuschungsmanöver" und müsse scheitern: "Von der illusionistischen Basis aus, von der der Westen den 'Kampf der Ideen' zu führen und zu bestehen versucht, wird er auf die Dauer weder dem Ansturm totalitärer Ersatzreligionen gewachsen sein noch auch der mannigfachen Krisenerscheinungen Herr werden, die das Zeitalter der industriellen Massengesellschaft mit sich gebracht hat."

Die "innere Mission" der Großkirchen, warnt Szczesny, werde in einer Zeit, deren Charakteristikum der Verfall des Glaubens sei, das Gegenteil ihrer guten Absichten erreichen:. "Eine Seelsorge, die dem Menschen ... einzureden versucht, in sein Dasein könne nur Sinn und Ordnung kommen, wenn der Glaube sich wieder einstelle, läuft auf massiven Gewissenszwang hinaus und kommt der Aufforderung gleich, sich um keine humanen Ideale mehr zu bekümmern, sollte der 'Unglaube' sich als irreparabel erweisen."

Idealist Szczesny - "Die Welt ist Hülle, aber Hülle von etwas" - hält eine zukünftige Religion, die allen natur- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart gerecht wird, für möglich. Dem stelle sich aber der Anspruch des Christentums entgegen, die Religion schlechthin zu sein. Ausgangspunkt einer "religiösen Neubesinnung" müsse die Auseinandersetzung mit dem Christentum sein: "Wem die Überzeugungen seiner Väter und Vorväter abhanden kamen, der muß vor sich selbst und den Zeitgenossen Rechenschaft darüber ablegen, wie ihm solches widerfahren ist Aus einem Glaubensgebäude, das die leidenschaftliche Überzeugungskraft und Erlösungssehnsucht vieler Generationen errichtet hat, können die Erben nicht heraustreten, als wäre es ein Gasthaus oder ein Museum."

Die Erben müßten sich aber auch bei den außereuropäischen "Hochreligionen" umsehen. Wiewohl Szczesny weder im Christentum noch im Islam oder Buddhismus die menschheitseinigende Weltreligion einer fernen Zukunft sieht, gibt er doch dem Buddhismus in der heutigen Welt eine besondere Chance. Nach Szczesny wird der Buddhismus "den Einbruch der modernen Wissenschaften überstehen ... wahrscheinlich auch die einzige Hochreligion sein, die auf die Dauer dem Kommunismus ... standhält". Zur demokratischen Staatsform passe der Buddhismus ohnehin besser als das "autokratische" Christentum, in dem "das autoritär-patriarchalische Verhältnis der Gläubigen zum Stifter ihres Glaubens verabsolutiert und verewigt" sei.

Auch ethisch ist - nach Szczesny - der Buddhismus, der "die Vollendung nur als Frucht einer unerhörten moralischen, seelischen und geistigen Selbstzucht zugesteht", der reinen Glaubensreligion des Christentums überlegen. Das Christentum konfrontiere den Menschen "mit ethischen Idealen, die seine Natur nicht läutern, sondern verteufeln", so daß sich "Resignation oder gar Zynismus" einstellten. Szczesny meint: "Es tritt jenes merkwürdige, für unsere Kultur charakteristische Phänomen auf, daß bei einer höchsten Sensibilität des Gewissens das praktisch-moralische Verhalten der Menschen unterentwickelt bleibt." Das Ergebnis sei "die spezifische Art der Hartherzigkeit und Rücksichtslosigkeit, des skrupellosen Willens zum Immer-besser -Leben und zur Macht, die den abendländischen Menschen kennzeichnet".

Der Autor erklärt, er wolle den Bekenner der christlichen Religion nicht seinem Glauben abtrünnig machen, vielmehr gelte es ihm, die Zwangsvorstellungen zu überwinden, daß der "gottlose" Mensch "ein minderwertiges Subjekt, eine zum völligen Ruin aller menschlichen Ordnung führende nihilistische Existenz, kurz eine schlechterdings teuflische Erscheinung sei, die mit allen Mitteln zu bekämpfen wahre Einsicht, Humanität und Christlichkeit verrate". Humanität sei ein allen Menschen eingeborenes moralisches Streben, das wie alle zivilisatorischen Leistungen im Lauf der Geschichte auch die großen Religionen hervorbrachte, diese aber hinter sich lassen müsse, wenn sie überalterten.

Verhängnisvoll stemme sich in der gegenwärtigen Restaurations-Epoche gegen jede Entwicklung die Zensur einer durch die Vergangenheit immer noch verwirrten und verängstigten öffentlichen Meinung: "Der allgemeine Eifer, bei jeder Gelegenheit Bekenntnisse zu ... christlichen Grundsätzen abzulegen, führt zu einer weltanschaulichen Sprachregelung, wie sie uniformer und wirksamer kein totalitäres Propagandaministerium durchsetzen könnte." Anscheinend mache die vorgegebene Konzeption vom christlichen Abendland, das verteidigt und gerettet werden müsse, jede sachgerechte Interpretation der sich vor aller Augen abspielenden Vorgänge unmöglich.

Szczesny beendet sein Buch mit der Prophezeiung: "Solange die öffentliche Meinung des Westens darauf besteht, daß nur das Fürwahrhalten der christlichen Glaubenspostulate die Welt retten kann, wird sie die glaubenslose Zeit gewaltsam verlängern und immer neue Generationen dem Zynismus, der Oberflächlichkeit und dem Stumpfsinn in die Arme treiben."

* Gerhard Szczesny: "Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen"; Paul List Verlag, München; 224 Seiten; 12,80 Mark.

Nichtchrist Szczesny

Dem Buddhismus eine Chance

Heer


DER SPIEGEL 25/1959
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