01.07.1959

UNIVERSITÄTEN / LATEINO Tisch!

Freimütig gesteht Sir Winston Churchill in seinen Jugenderinnerungen ("My Early Life"), daß er in seinen Knabenjahren dem logischen Wunder der lateinischen Sprache fassungslos gegenüberstand. Beispielsweise vermochte er nicht einzusehen, daß die einprägsame Vokabel "Mensa", der Tisch, in einen Anredefall (Vokativ) gezwängt werden kann: 0 Tisch! "Du benutzt diese Form", erläuterte der Lehrer, "wenn du zu einem Tisch redest." Erwiderte Winnie "in ehrlicher Verblüffung": "Das tue ich aber nie."
Aus diesen Jugenderfahrungen leitete der mäßige Lateiner Churchill eine Nutzanwendung für das englische Bildungssystem ab, die er 1930 in sein erstes Memoiren-Werk einfließen ließ: "Ich würde", empfahl er spöttelnd, "alle Schüler zwingen, Englisch zu lernen; den Gescheiten aber würde ich es freistellen, um der Ehre halber Latein und zur Belohnung Griechisch zu lernen."
Drei Jahrzehnte später, im vergangenen Monat, verfuhren die beiden ehrwürdigen Universitäten Oxford und Cambridge genau nach diesem Rezept. Unabhängig voneinander beschlossen die Professoren-Kollegien der beiden Hochschulen, auf Latein bzw. Griechisch als obligatorisches Fach bei der Aufnahmeprüfung zu verzichten. Es entbehrte nicht der Ironie, daß -der Bruch mit der 600jährigen Latein-Tradition ausgerechnet in der Sprache besiegelt- wurde, die dem Reformdrang zum Opfer fallen soll. Bei der Abstimmung hatten die Befürworter der Neuerung ein lateinisches "Placet" (es gefällt), die Anhänger des Lateinzwangs ein "Non Placet" (es gefällt nicht) abzugeben. In Cambridge, wo sich der Lehrkörper mit 325 gegen 278 Stimmen für die Beseitigung des Lateinzwangs - aussprach, bezeichnete einer der führenden Latein-Gegner, Dr. Lyttleton, das Votum als einen Triumph des gesunden Menschenverstandes. Zugleich aber enthüllte er die grundsätzliche Bedeutung der Abstimmung: "Sie wird schließlich der naturwissenschaftlichen Lehre an der,ganzen Universität Auftrieb verleihen."
Auch in Großbritannien mangelt es nämlich an Nachwuchst in Naturwissenschaft und Technik. Es war Sir Winston Churchill, der den nationalen Gesichtspunkt dieses Dilemmas in einer seiner rar gewordenen Äußerungen hervorkehrte: "Die Russen haben uns in der Ausbildung von Technikernachwuchs auf alarmierende Weise übertroffen", mahnte er, "und die Regierung sollte sich unverzüglich darum kümmern."
Namhafte englische Wissenschaftler vertreten schon seit längerem die Auffassung, daß es beispielsweise für angehende Atomphysiker eine überflüssige Belastung sei, wenn sie sich nur einer jahrhunderte alten Tradition zuliebe mit der Sprache, Ciceros abquälen müßten. Ohne Lateinkenntnisse aber wurden bisher keine Studenten an britischen Universitäten immatrikuliert, schon gar nicht an den beiden Gralsburgen der Bildung, Oxford und Cambridge.
Oxford gilt gemeinhin als eine Lehrstätte, die sich in verstärktem Maße der Geisteswissenschaften annimmt, während Cambridge - die Universität Isaac Newtons - als eine Pflegestätte der Mathematik und der Naturwissenschaften betrachtet wird. Wiewohl Oxford und Cambridge im Intellektuellen-Slang liebevoll zu "Oxbridge" zusammengeschweißt werden, stehen beide Universitäten von jeher miteinander in Konkurrenz - sei es in der Wissenschaft oder im Sport. Bekanntestes Symbol dieser Rivalität ist der Wettkampf, den die beiden Universitäts -Rudermannschaften alljährlich seit über hundert Jahren auf der Themse austragen,
In diesem Jahr waren die Ruderer, von Oxford erfolgreich, und auch auf dem Gebiet des Fortschritts glaubten die Oxforder ihre Rivalen abhängen zu können. Der regierenden Körperschaft der Universität, der Kongregation, wurde eine Entschließung zugeleitet, derzufolge Latein künftig als, Zwangsfach bei der Aufnahmeprüfung entfallen sollte. Prahlte OxfordPhysiker Thompsin: "Wir haben es im Bootsrennen geschafft und können es in der Kongregation wieder tun."
Solcher Argumentation vermochte sich die Kongregation nicht zu verschließen.
Mit der knappen Mehrheit von fünf Stimmen (249 "Placet", 244 "Non Placet") wurde ein Universitätsgremium von Oxford beauftragt, baldmöglichst eine entsprechende Änderung der Aufnahmestatuten vorzulegen. Noch vor den-Cambridge-Professoren glaubten die Oxforder damit die Vorrangstellung des Latein gebrochen zu haben. Künftig solle es genügen, so entschieden sie, wenn der Prüfling Kenntnisse in zwei Wahlsprachen nachweist - gleichgültig, ob es sich dabei um Latein, Griechisch; Deutsch oder Russisch handelt. Überschrieb der "Daily Express" seinen Bericht: "Fabula quae puero omni Britannico placeat" (Eine Geschichte, die wohl jeden britischen Knaben erfreuen kann).
Damit war Cambridge abgeschlagen. Erst, elf Tage später konnte die Konkurrenz-Universität den Gleichstand wiederherstellen: Die regierende Körperschaft von Cambridge, das Regentenhaus, beschloß ebenfalls die Abschaffung des Lateinzwangs. Ihren Sieg quittierten die Anti-Klassiker von Cambridge mit einem diskret gemurmelten Applaus.
Bei der Auseinandersetzung, die das Anti-Latein-Votum von "Oxbridge" unter den prominenten Gelehrten und der Presse Albions auslöste, wurde freilich weniger Zurückhaltung geübt "Oxford, wie konntest du nur?", lamentierte der erzkonservative Kommentator Henry Fairlie in der "Daily Mail", "kein Land und keine Kultur kann ohne eine Aristokratie bestehen, und eine der exklusivsten Aristokratien Englands war bisher die von Oxford und Cambridge."
Die Anhänger des Lateinzwangs argumentierten, das Erlernen der alten Sprache schärfe das logische Denken, vermittle ein, tieferes Verständnis der eigenen Sprache, öffne das Fenster zur europäischen Kultur und wirke einer Amerikanisierung Englands entgegen." In der "Times" erschien eine Anzeige: "Latein - Nach dem Ausverkauf der westlichen Zivilisation durch Cambridge und Oxford stehen einige tausend Exemplare der lateinischen Grammatik zur Verfügung. Das Dutzend einen Penny. Schraubenschlüssel, Comics oder Fahrradketten werden in Zahlung genommen."
Die Anti-Lateiner führten dagegen an, die toten Sprachen seien für viele Zweige der Wissenschaft ohne Bedeutung. Der "Observer" meinte: "Die Äußerungen wütender Latinisten erinnern mehr und mehr an die Behauptungen . . ., vollkommene Gesundheit lasse sich nur durch den Genuß roher Karotten erreichen." Und was das intellektuelle Training angehe, so stelle ja - wie einer der Anti -Lateiner bissig bemerkte - das schwierige Chinesisch ein weitaus geeigneteres Objekt dar.
Die angesehene "Sunday Times" unterzog sich gar der Mühe, die Meinung der britischen Oberschullehrer zu ergründen. Die telegraphisch eingezogenen Erkundigungen ergaben: 87 Schuldirektoren sprachen sich unumwunden und weitere 29 mit Einschränkungen ("nur bei geisteswissenschaftlichem Studium") für Lateinkenntnisse aus; lediglich 59 Direktoren waren gegen die, Latein-Vorschrift.
Auch sonst überwogen in der englischen Öffentlichkeit die kritischen Stimmen - ein Umstand, der für die Latein-Frage in Oxford nicht ohne Konsequenzen blieb: Als die auftragsgemäß abgeänderten Statuten Anfang Juni der Kongregation vorgelegt wurden, revidierte das Kollegium der Hochschullehrer seine ursprüngliche Entscheidung. Ein Plädoyer der Oxforder Professorin Helen Gardner (Literatur der Renaissance) hatte bei den Debatten den Ausschlag gegeben. Die Vernachlässigung des Latein-Unterrichts und das Verschwinden der alten Sprache in den USA, argumentierte die Professorin, seien "ein Grund für die wachsende Unfähigkeit, Englisch zu schreiben - ich denke an Politiker, Journalisten, Pastoren, Essayisten und leider auch Gelehrte".
Der abschreckende Hinweis beeindruckte die versammelten Universitäts-Lehrer. Mit 301 gegen 282 Stimmen entschied das Kollegium, daß auch weiterhin nur Studenten mit lateinischen Grundkenntnissen in Oxford immatrikulieren können. Cambridge hingegen blieb bei seinem Beschluß, auf Lateinkenntnisse zu verzichten, wenngleich sich bald herausstellte, daß die Aufnahme-Bestimmungen der Universität für einige ihrer Fakultäten nicht eindeutig bindend sind.
Angesichts dieses Wirrwarrs sind -die beiden Universitäten stillschweigend übereingekommen, ungeachtet der traditionellen Rivalität eine einheitliche Regelung anzustreben. Nach den Hochschulstatuten ist das vor 1961 allerdings unmöglich.
Latein-Schüler Churchill
Non Placet

DER SPIEGEL 27/1959
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