24.06.1959

RAUMFAHRTDie Ost-Venusier

In dem Bewußtsein, ein bedeutsames Ereignis registrieren zu können, veröffentlichten die Redakteure der Westberliner Tageszeitung "Der Kurier" vor kurzem auf der ersten Seite ihres Blattes ein sensationell anmutendes Photo. Es zeigte ein von Scheinwerfern angestrahltes, bizarr geformtes Projektil, das - laut Bildunterschrift - in den ostdeutschen Nachthimmel ragt: "Die erste in der Sowjetzone gebaute Rakete."
Eigentlich, so wußte "Der Kurier" zu berichten, hätte diese Rakete in der Nacht vom 27. zum 28. April dieses Jahres gestartet werden sollen; der Versuch sei aber ohne Angabe von Gründen abgebrochen worden. Und nur "unter größten Schwierigkeiten" sei es gelungen, diesen "Fehlstart in der Zone" zu photographieren.
Indes, schon wenige Tage später erwies sich die Veröffentlichung als das, was im Journalisten-Jargon als "Ente" bezeichnet wird. Das Organ der sowjetzonalen SED -Pimpfe, "Junge Welt", konnte die "Kurier" -Rakete (Bild Seite 60) glaubhaft als ein weitaus harmloseres Erzeugnis identifizieren: "Das ist eine ganz gewöhnliche Attrappe für den utopischen Defa-Farbfilm 'Der schweigende Stern' und steht völlig unbewacht auf dem Flugplatzgelände in Berlin-Johannisthal."
Tatsächlich haben die Architekten der sowjetzonalen Staatsfilmgesellschaft Defa seit einigen Wochen den ehemaligen Flugplatz im Berliner Osten als Weltraumflughafen hergerichtet, damit Defa-Regisseur Professor Kurt Maetzig das "bisher umfangreichste Projekt der fortschrittlichen deutschen Filmkunst" verwirklichen kann
- die Herstellung eines Farbfilms, der am
Beispiel einer Raketen-Expedition zum Planeten Venus die "großen, völkerverbindenden Gedanken des Humanismus" (Maetzig) verdeutlichen soll.
Das astro-humanistische Filmvorhaben stand bereits im vergangenen Jahr auf dem Soll-Plan der Defa. Es ließ sich jedoch aus dem gleichen Grund nicht realisieren, der auch den Hamburger Filmproduzenten Friedrich A. Mainz zwang, von der Verfilmung der Wernher-von-Braun-Ballade (SPIEGEL 2/1958) vorübergehend abzusehen: wegen des überraschenden Starts von Sputnik 1.
Mainz hatte seinem halbdokumentarischen Raketenfilm eine historische Struktur unterlegen wollen. Der Film sollte mit Szenen vom deutschen Raketenversuchsgelände Peenemünde beginnen, die Entwicklung der "V 2" wie auch Wernher von Brauns spätere Arbeit in den USA schildern und schließlich das amerikanische Erdsatelliten-Programm erläutern - wobei der Abschuß des ersten US-Satelliten sich als plausibles Happy-End anzubieten schien.
Als jedoch die Satelliten-Ära vom russischen Sputnik eingeleitet wurde, mußte Mainz erfahren, daß seinem finanzkräftigen Produktionspartner - der Ufa - Bedenken kamen. "Man kann doch jetzt nicht mehr zeigen", lamentierte Ufa-Dramaturg Dr. Laurence, "wie die Amerikaner an ihrem Satelliten-Programm arbeiten, während Sputnik um die Erde kreist."
Mainz mußte sich erneut auf die Suche nach einem Geschäftspartner machen, der bereit war, in den ambitiösen Braun-Film reinige Millionen zu investieren. Erst im Februar dieses Jahres gelang es ihm, einen Vertrag mit der Hollywood-Gesellschaft Columbia abzuschließen, so daß die Dreharbeiten in den nächsten Monaten endlich beginnen können. Den Braunschen Raketen-Optimismus soll Curd ("der normannische Schrank") Jürgens verkörpern. Arbeitstitel des Films: "Ich greife nach den Sternen ".
Vor einem ähnlichen, wenngleich nicht so schwerwiegenden Dilemma standen auch die Staatsfilmproduzenten in der Ostzone. "Es ist bei aller Phantasie der Filmleute heute nicht mehr ganz einfach, einen Weltraumfahrerfilm zu schaffen", erläuterte die (Ost-)"Berliner Zeitung", "muß man doch gewärtig sein, daß die Wissenschaft morgen neue Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit präsentiert, die aus einem utopischen leicht einen historischen Film machen können."
Freilich verfolgten die Babelsberger Filmfunktionäre von vornherein andere Ziele als die westlichen Raketenfilm-Produzenten. Das Defa-Opus "Der schweigende Stern" sollte nämlich nicht nur in utopischer Sicht aufzeigen, welche wissenschaftlichen und technischen Probleme die irdischen Weltraumfahrer noch zu bewältigen haben; es sollte darüber hinaus so angelegt sein, daß es auch - trotz aller Utopie - "das Gesellschaftlich-Politische" künftiger Zeiten glaubwürdig darstellt.
Als literarische Vorlage diente den Defa -Autoren der vor einigen Jahren von dem polnischen Schriftsteller Stanislaw Lem verfaßte Zukunftsroman "Der Planet des Todes" - ein Werk, das als volksdemokratischer Bestseller gilt.
Lem versetzt seine Leser in das Jahr 2003 nach Christus. In der sibirischen Taiga - just an der Stelle, an der 1908 ein gewaltiger Meteor niederging - wird ein riesiges Atomkraftwerk gebaut, dessen Energien das Eis des Nordpols abschmelzen sollen. Bei Bauarbeiten stößt man auf einen seltsamen Gegenstand - eine ramponierte Metallspule -, der mit geheimnisvollen Schriftzeichen bedeckt ist. Die zur Entzifferung herbeigerufenen Wissenschaftler folgern, daß an jener Stelle nicht ein Meteor, sondern ein Raumschiff von der Venus niedergegangen ist - eine Romanthese, die freilich nach den Überlegungen namhafter sowjetischer Wissenschaftler gar nicht abwegig ist.
In Lems Roman müssen die irdischen Wissenschaftler, die schließlich die Schriftspule entziffern, zu ihrem Entsetzen erkennen, daß die Verfasser böse Absichten hegten: Sie wollten alles Leben auf der Erde vernichten. Eiligst wird daraufhin das Raumschiff "Kosmokrator" zum Planeten Venus beordert; es soll erkunden, ob die Venusier noch immer eine Attacke auf die Erde vorbereiten.
Diese utopische Erzählung bedurfte nach Auffassung der Defa-Autoren nur noch der ideologischen Aufbereitung. Insgesamt sechs Autoren feilten so lange an der Filmfassung, bis sie die erwünschte Tendenz eines "humanistisch fortschrittlichen Bekenntnisses" (Maetzig) aufwies.
Im Februar dieses Jahres begannen die Dreharbeiten zu dem Farb-Opus, das die Defa in Gemeinschafts-Produktion mit der Warschauer "Polski - Film" kurbelt die Außen- und Trickaufnahmen dreht Maetzig abwechselnd auf dem Flugplatz Berlin -Johannisthal, in dem polnischen Karpaten -Kurort Zakopane und in den Ateliers von Babelsberg und Breslau.
Inmitten der überall aufgebauten Venus -Szenerien und Raketenidylle glaubt der DDR-Nationalpreisträger eine "völlig neue" dramaturgische Konzeption entwickeln zu können, die sich an der "Poesie der Nüchternheit" und "Schönheit der Technik" orientiert. Auf althergebrachte filmdramatische Effekte - wie etwa auf Liebe und Haß - will der Regisseur verzichten.
Trotz dieser utopisch-technischen Zielrichtung, die nach Maetzig in bewußtem Gegensatz zur Darstellung der Technik in Fritz Langs weltberühmtem Monstre -Stummfilm "Metropolis" stehen soll (Maetzig: "Bei uns versklavt die Technik den Menschen nicht mehr"), konnten sich die Defa-Dramaturgen allerdings nicht entschließen, auf eine publikumswirksame weibliche Hauptfigur zu verzichten. Die Defa engagierte deswegen die in Paris lebende japanische Schauspielerin Joko Tani ("... denn der Wind kann nicht lesen"), die als Astro-Medizinerin an Bord des Weltraumschiffes "Kosmokrator" klettert.
Als die "Kosmokrator"-Mannschaft ihr Raumschiff auf venusischem Boden verläßt - die Defa-Autoren haben die Landung auf das Jahr 1970 vorverlegt -, können sie jedoch weder freundlich noch feindlich gesonnene Lebewesen entdecken Auf der Venus gibt es nur noch halbfunktionierende Reste einer einst hochentwikkelten technischen Zivilisation: unterirdische Energieleitungen, die von einer schwarzen, breiigen Eiweißmasse gespeist werden, roboterartige Maschinen und eine zerstörte Stadt, die das Drehbuch wie folgt beschreibt: "Es sind riesige Gebäude in surrealistischen Formen. Ihre Spitzen ragen hinauf bis in die Wolken ..."
In diese tote Stadt verlegten die Defa -Autoren auch den dramatischen Höhepunkt des Films. Regisseur Maetzig griff zu diesem Behufe auf die berühmte Einstein -Formel über die Äquivalenz von Masse und Energie zurück und setzte im Interesse der Filmlogik voraus, "daß es sich dabei um einen steuerbaren Rücklauf-Prozeß handelt".
Diese physikalisch bedeutsame Film -Erkenntnis bewirkt ein Phänomen, als der Expeditionsleiter unwissentlich eine Automatik in Gang setzt: Das Schwerefeld der Venus verstärkt sich ständig und entfaltet schließlich eine solche Kraft, daß das Raumschiff nicht wieder starten kann. Als einer der irdischen Raumfahrer den gegenläufigen Steuerungs-Prozeß auslöst, wird das Schwerefeld umgepolt und das geparkte Raumschiff in den Weltraum zurückgeschleudert. Drei der Besatzungsmitglieder aber müssen zurückbleiben - ein Neger, ein Chinese und der deutsche Raketenpilot.
Der Schleuderprozeß offenbart den Wissenschaftlern die Bedeutung des manipulierbaren Schwerefeldes: "Das elektromagnetisch erzeugte Gravitationsfeld ist ein Katapult für Raumschiffe ... Es hat auch das Venus-Raumschiff in den Weltraum geschleudert, das im Juni 1908 über der Taiga explodierte." Offenbar, so glauben die irdischen Raumfahrer zu erkennen, hatten die Venusier die Beherrschung über die gigantische Schleudervorrichtung verloren und waren dabei von der freigesetzten Energie vernichtet worden.
Die Bedeutung dieser Erkenntnis erläutert die Defa in den Schlußsätzen des Films, die der Raumschiff-Amerikaner spricht: "Wir sahen, was uns zugedacht war und wie der Angriff endete. Die Angreifer wurden selbst das Opfer."
An solcher Ethik soll sich nach dem Willen der Defa spätestens im Herbst "das Publikum zwischen der Elbe und dem Stillen Ozean" (Maetzig) erbauen. Maetzig sah sich zu dieser geographischen Einschränkung genötigt, da die französische Pathé -Produktion, die sich ursprünglich an dem Ost-Venusierfilm beteiligen wollte und ihm mithin auch den westlichen Kinomarkt erschlossen hätte, wieder aus dem Filmprojekt ausgestiegen ist. Maetzig: "Denen hat de Gaulle einen Strich durch die Rechnung gemacht."
Wernher von Braun, Curd Jürgens
Im Weltall ein normannischer Schrank
Film-Landung auf der Venus: Ein Deutscher bleibt zurück
Weltraum-Rakete der Defa
Fehlstart in der Sowjetzone?

DER SPIEGEL 26/1959
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