15.07.1959

KIRCHENBAUSpäte Weihe

Hände weg von den Kirchen, Senhor!" tobte der brasilianische Erzbischof von Belo Horizonte, nachdem er - im Jahre 1944 - die von Senhor Oscar Niemeyer entworfene modernistische St. -Franziskus-Kapelle zu Pampulha besichtigt hatte. Entrüstet weigerte sich der katholische Kirchenfürst, das Gotteshaus in den Dienst der Seelsorge zu stellen. Auch der Bürgermeister von Pampulha grollte: "Das ist ja eine Tonne!" Diese Einstufung war durchaus korrekt.
Was der formenhungrige Tropen-Architekt Niemeyer als St. Franziskus präsentierte, war eine rhythmisch geschwungene Betondecke, die einen Vergleich mit den Konturen tonnenartiger Industriegewölbe geradezu nahelegte. Der brasilianische Architekt mit dem deutschen Namen - damals noch am Beginn seiner erstaunlichen internationalen Karriere - hatte sich von Paul Claudel inspirieren lassen und dessen Satz "Die Kirche ist der Hangar Gottes" getreulich in Zement umgegossen.
Aber obwohl sich Niemeyer auf die Worte des renommierten katholischen Dichters aus Frankreich berufen konnte, waren die Vertreter des Erzbistums von Belo Horizonte zutiefst schockiert. Außerdem glaubte der Klerus auch an den Wandgemälden der Kapelle Anstoß nehmen zu müssen, die Candido Portinari, der "Picasso Brasiliens", verfertigt hatte. Die in Kacheln und Fresken dargestellte Geschichte des Heiligen Franziskus von Assisi unterschied sich in demselben Maße von der Wiedergabe auftraditionellen Kirchenbildern wie die Niemeyersche Kirchenarchitektur vom herkömmlichen Erbauungsstil.
Für das ohnedies lebhafte Temperament der Amazonas-Katholiken erwiesen sich solche Neuerungen als gefährliches Stimulans. "Das ist Kirchenschändung", lamentierten die Kirchenbehörden; und die Presse schloß sich an mit verdammenden Urteilen wie: "Das ... sind Auswüchse der Internationalisten" ("A Noite"); "Hinweg mit den kulturzersetzenden Bauten Niemeyers, die unsere schönen, überlieferten Kolonialbauten beleidigen" ("Revista da Semana"); "Zerstört die Machwerke der brasilianischen Modernisten!" ("Tribuna da Imprensa").
In Pampulha selbst - einer Trabantenstadt von Belo Horizonte - glaubte der Bürgermeister mit dem Gewicht seines Amtes gegen die Betonkonstruktion von St. Franziskus vorgehen zu müssen. Er verlangte die Demolierung des "schandhaften Bauwerks", das nach seiner Ansicht einer Blasphemie gleichkam.
Möglicherweise hätten diese Bestrebungen Erfolg gehabt und zum Abbruch des
Bauwerks geführt, wenn den Kirchenschöpfern nicht der damalige Oberbürgermeister von Belo Horizonte zu Hilfe gekommen wäre - Dr. Juscelino Kubitschek, der heutige Staatspräsident Brasiliens. Dem Politiker gelang ein besonderer Coup: Er setzte durch, daß das Nationale Kunstpatrimonium die vom Klerus boykottierte St.-Franziskus-Kapelle übernahm und unter Denkmalschutz stellte.
Freilich waren die Auseinandersetzungen über die Kirchen-Architektur im Kaffeeland damit noch nicht beendet - zumal die Gegner Niemeyers nicht nur ästhetische, sondern auch politische Bedenken erhoben: Sowohl Niemeyer als auch Candido Portinari galten, wie das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" bemerkte, als
"gottlose Kommunisten".
Niemeyer blieb jedoch unbeirrt; seine verwegenen Konstruktionen belebten bald jeden Landstrich Brasiliens. "Es ist bedauerlich", sagte er, "daß unsere Achtung vor der Vergangenheit sich bislang in der Nachahmung kolonialer Bauweise erschöpfte. Wir glauben an die Zukunft des Eisenbetons."
Dieses Kredo setzte der Le-Corbusier -Freund mit ausgeprägter Hartnäckigkeit, dem Erbgut deutscher Vorfahren, in die Wirklichkeit um. Im Ausland war Niemeyer längst als einer der talentiertesten Architekten der jungen Generation gefeiert; in den folgenden Jahren bot man ihm Gelegenheit, seine Begabung zu demonstrieren
- etwa in New York (Bau des Uno-Gebäudes) oder in Berlin, wo er im neuen Hansa-Viertel ein auf V-förmigen Pfeilern ruhendes Wohnhaus errichtete. Für die venezolanische Hauptstadt Caracas projektierte er ein Kunstmuseum, das einer auf den Kopf gestellten Pyramide gleicht.
In Brasilien schließlich zog ihn sein Gönner Dr. Kubitschek, der 1955 zum Staatspräsidenten gewählt worden war, zur architektonischen Planung der neuen Bundeshauptstadt Brasilia heran. Auf diesem idealen Experimentierfeld konnte der Beton-Enthusiast entfalten, was der Altvater der modernen Architektur, Walter Gropius, als Niemeyers "tropische Phantasie" klassifizierte.
Als das markanteste Brasilia-Projekt gilt die monumentale Glas-Stahl-Residenz, die Niemeyer für Kubitschek entwarf. Das Gebäude wird von einem girlandenartigen System schlanker Betonstützen getragen, die das Bauwerk quasi über dem Erdboden schweben lassen. In der Nachbarschaft des Bauwerks wurde nach Niemeyers Plänen die Kapelle des Staatspräsidenten errichtet
- eine Konstruktion, die noch kühner geformt ist als der umstrittene Bau von Pampulha. Die neue Kapelle gleicht einem riesigen Schneckenhaus und hat weder Portal noch Fenster.
Über die Errichtung dieses Kirchen-Silos vermochte sich indes niemand mehr so recht zu entrüsten: Die Kirchenbehörden hatten sich allmählich an die exorbitante Architekten-Phantasie gewöhnt. Außerdem schien jetzt auch der weltanschauliche Einwand zu entfallen. "Oscar Niemeyer und Candido Portinari", so meldete die westdeutsche "Katholische Nachrichten-Agentur" (KNA) im März dieses Jahres, "haben sich vor längerer Zeit bereits vom Kommunismus abgewandt."
Und so holten die brasilianischen Kirchenbehörden schließlich vor kurzem auch nach, was sie fünfzehn Jahre lang nicht verantworten zu können glaubten: die Weihe der St.-Franziskus-Kapelle zu Pampulha. Mit einer feierlich zelebrierten Messe wurde das Gotteshaus doch noch seinem ursprünglichen Zweck zugeführt -
in Anwesenheit von Präsident Kubitschek und Architekt Niemeyer wie auch erzbischöflicher Abgesandter.
Tropen-Architekt Niemeyer
Die Kirche...
... der Hangar Gottes: Niemeyer-Kapelle in Pampulha

DER SPIEGEL 29/1959
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