08.07.1959

FORSSMANNDie Entlassung

Zum erstenmal erhalten wahre Ärzte den
Zu Preis", kommentierte der Präsident des Europäischen Kardiologischen Kongresses zu Stockholm, als im Oktober 1956 der Nobelpreis für Medizin an den deutschen Arzt Dr. Werner Forssmann und zwei amerikanische Mediziner vergeben wurde.
Mit 27jähriger Verspätung wär der Dr. Forssmann für einen heroischen Selbstversuch ausgezeichnet worden, den er 1929 als junger Assistenzarzt in einem Eberswalder Krankenhaus vollbracht hatte: Er schob sich damals ein dünnes Rohr - einen sogenannten - Katheter - durch eine der großen Venen bis in die rechte Kammer seines Herzens und eröffnete damit der Medizin neuartige diagnostische und therapeutische Möglichkeiten. Die beiden amerikanischen Nobelpreisträger des Jahres 1956, die Doktoren Cournand und Richards, entwickelten die Herz-Katheterisierung weiter.
Forssmanns Forscherkarriere wurde allerdings bald nach seinem Selbstversuch durch allerlei widrige Umstände unterbrochen, und er begann - erst als Chirurg, später als Urologe - praktisch zu arbeiten. Als Oberarzt war er an Krankenhäusern in Berlin und Dresden tätig, als Sanitätsoffizier diente er während des Krieges in einem Reserve-Lazarett. Aber als die Nachricht von der Nobelpreis Verleihung bekannt wurde, hatte Forssmann sich längst damit begnügen müssen, bei den Diakonie-Anstalten in dem Städtchen Bad Kreuz-" nach als Urologe zu arbeiten. So ist es nicht verwunderlich, daß der Dr. Forssmann in der Nobelpreis-Ehrung eine Chance erblickte, dieser Abgeschiedenheit zu entfliehen.
Tatsächlich bot sich dem Kreuznacher Urologen bald ein größeres Betätigungsfeld. Forssmann akzeptierte das Angebot des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf, als leitender Arzt die Chirurgische Abteilung zu übernehmen. Der Stellungswechsel wurde sogar von der ausländischen Presse begrüßt. Schrieb "Stockholms Tidningen": "Der Nobelpreis hat ihm zu dem Platz an der Sonne verholfen, den er verdient."
Am 1. Januar 1958 trat Forssmann seinen neuen Posten an, doch bereits in den darauffolgenden Monaten sah sich der Nobelpreisträger in einen Konflikt verstrickt, der ihn jetzt wieder vom "Platz an der Sonne" zu verdrängen droht.
Kaum hatte nämlich Forssmann im Januar 1958 seine Tätigkeit in Düsseldorf aufgenommen, verbitterte er das Kuratorium des Evangelischen Krankenhauses mit einer Denkschrift. Er beklagte sich, daß er entgegen den Gepflogenheiten nicht als Chefarzt eingeführt worden sei und die Chefarzt-Kollegen, Oberärzte, Assistenten und Schwestern ihm die kalte Schulter zeigten.
Allerdings: Eine solche Haltung nahm auch bald die Verwaltung des Krankenhauses ein, denn Forssmann beschwerte sich gleichfalls über Mängel in der chirurgischen Station. Er rügte schriftlich ungenügende Sauberkeit besonders in den zur Aufbewahrung und Reinigung der Instrumente dienenden Räumen. Dort lägen, monierte Forssmann, Nahrungsmittel, Putzgeräte, Bettpfannen und vieles andere in malerischer, doch unappetitlicher Eintracht beieinander. Er forderte auch die Einrichtung eines Dauerwachdienstes auf einer Station für Frischoperierte und besonders schwere Fälle: Außerdem verlangte er, daß ein ihm unwürdig erscheinender Brauch beendet werde - Sterbende in den nicht dafür vorgesehenen Badezimmern hinscheiden zu lassen.
Der Vorsitzende des Krankenhaus-Kuratoriums, Detlef Herting, bis 1945 Oberfinanzpräsident in Düsseldorf und heute Fachanwalt für Steuerrecht, sah in Forssmanns Denkschrift eine "Zerstörung des Vertrauens", das das Kuratorium in den Nobelpreisträger gesetzt habe. Am 22. Juni 1958, noch vor Ablauf der sechsmonatigen Probezeit, die mit Forssmann vereinbart war, legte er ihm nahe, den Posten wieder aufzugeben.
Forssmann lehnte das Ansinnen kategorisch' ab und erklärte, er könne in den Rügen keinen Vertrauensbruch erblicken. Da unterdes die sechsmonatige Probezeit ablief, trat Forssmanns Vertrag, der eine halbjährige Kündigungsfrist vorsah, in Kraft. Doch der Konflikt schwelte weiter, und Forssmann sagte über seine Arbeit in den folgenden Monaten: "Ich muß mich mit Widerständen gegen meine Tätigkeit herumschlagen, die mich siebzig Prozent meiner Arbeitskraft und -zeit kosten."
Seit Forssmann seinen Posten angetreten habe, klagte dagegen die Krankenhaus-Verwaltung, sei zu bemerken, daß Düsseldorfer Ärzte die chirurgische Station überhaupt nicht mehr "mit Krankenmaterial belieferten". Andere Düsseldorfer- Ärzte wiederum hätten die "Lieferung" (gemeint ist die Einweisung Kranker) auch an die übrigen Stationen des Krankenhauses eingestellt.
Den Grund für diesen seltsamen Boykott glaubten Forssmanns Gegner in unzureichenden chirurgischen Kenntnissen und Fähigkeiten des Nobelpreisträgers erblicken zu können. Er habe, so kritisierten sie, durch jahrelange Tätigkeit als praktischer Arzt und als Urologe den Kontakt mit der Chirurgie weitgehend verloren und sich nicht auf dem laufenden gehalten. Eine ununterbrochene einschlägige Praxis sei aber Vor-, aussetzung, die Große Chirurgie, die Forssmanns Station erfordert, völlig zu beherrschen.
Der stetig schwelende Konflikt wurde nun im vergangenen Monat verschärft, als auch der Leiter der Chirurgischen Klinik der Düsseldorfer Medizinischen Akademie, Professor Ernst Derra, Stellung gegen Forssmann bezog. In einer Gedächtnisrede auf den verstorbenen Professor Schüller erklärte Professor Derra, der Verstorbene habe schon vor Forssmann einen Versuch mit einem Herz-Katheter gemacht. Forssmann wies diese Darstellung unter" Hinweis auf die medizinische Literatur zurück.
Dennoch ermutigte die Rede des Professors Derra offenbar das Kuratorium des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf, dem freiwillig nicht von seinem Posten weichenden Nobelpreisträger die Kündigung auszusprechen. Unter Führung des Kuratoriums-Vorsitzenden Herting und eines anderen Kuratoriums-Mitglieds, der Frau Brigitte Schröder, der als streitbar bekannten Gattin des Bundesinnenministers, entschied sich eine knappe Mehrheit des 13köpfigen Gremiums, das Arbeitsverhältnis mit Forssmann zum 31. Dezember 1959 zu lösen.
Das Kündigungsschreiben, das dem Dr. Forssmann in der vergangenen Woche zugestellt wurde, enthält einen Passus, der auf Wunsch einiger Kuratoriums-Mitglieder eingefügt wurde: Er stellt eine Erneuerung des Vertragsverhältnisses in Aussicht, falls Forssmann sich spätestens bis Ende September einer Befähigungsprüfung unterzieht und dieses Examen, das über seine Eignung für den Chefarztposten der Chirurgischen Abteilung entscheiden soll, zu seinen Gunsten ausfällt.
Doch die DüsseldorferÄrztekammer, die vom Krankenhaus-Kuratorium aufgefordert worden war, die erwünschte Eignungsprüfung durchzuführen, wies das Ansinnen entrüstet zurück. Schon vorher hatte sich die Ärztekammer geweigert, ein Gutachten über Forssmanns Qualifikationen zu verfassen. Nunmehr erklärte Dr. Porschen, Geschäftsführer der Kammer, Forssmann sei schließlich Facharzt für Chirurgie, Sauerbruch-Schüler und Nobelpreisträger. Außerdem könne Forssmann eine Reihe von Zeugnissen vorweisen, die ihm eine hervorragende Eignung als Chefarzt einer chirurgischen Abteilung bescheinigten.
Die Düsseldorfer Ärztekammer erklärte sich lediglich bereit, etwaige konkrete Fälle, die auf Kunstfehler Forssmanns schließen lassen könnten, sachverständig zu prüfen. Solche Fälle seien aber weder von der Krankenhausleitung noch aus Ärztekreisen vorgelegt worden. Dr. Porschen: "Jegliche Eignungsprüfung des seinerzeit vom Kuratorium einstimmig gewählten und seit fast zwei Jahren in Düsseldorf tätigen Chefarztes kann und will die Ärztekammer nicht vornehmen." Doch die Krankenhaus-Verwaltung gab nicht auf. Kuratoriums-Vorsitzender Herting leitete in der vergangenen Woche dem nordrhein-westfälischen Innenminister Dufhues eine Beschwerde über die Haltung der Ärztekammer zu. Auch Forssmann war entschlossen, die Fehde durchzustehen: Ende der vergangenen Woche erhob er beim Arbeitsgericht Düsseldorf Klage. Es sei sozial ungerechtfertigt, begründete Forssmann seinen Schritt, einen 54jährigen Vater von sechs Kindern, die sich in der Ausbildung befinden, ohne schwerwiegende Gründe auf die Straße zu setzen.
Zugleich hat Forssmann bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt wegen Verleumdung erstattet; als Wissensträger der verleumderischen Behauptungen nannte er die Mitglieder des Krankenhaus-Kuratoriums. Forssmann: "Mit der Klage vor dem Arbeitsgericht will ich erreichen, daß meine Gegner endlich mal konkret sagen, wodurch mir das Vertrauen der Düsseldorfer Ärzteschaft verlorengegangen sein soll."
Nobelpreisträger Forssmann*
Kündigung zum Jahresende
* SPIEGEL 44/1956.

DER SPIEGEL 28/1959
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