22.07.1959

GENOSSE GENERAL - KONTROLLE !

Im ersten Teil seines Berichts hatte der Verfasser, bis vor kurzem Offizier im DDR-Verteidigungsministerium, seine Flucht, Geheimhaltungs-Praktiken in Sowjet-Armee und Volksarmee sowie dienstliche, und private Gepflogenheiten in der Spitze des Ministeriums beschrieben. Mit Porträts führender Volksarmee-Offiziere und einem Vergleich zwischen Volksarmee und Sowjet-Armee setzt er den Bericht fort.
1. Fortsetzung
Die stereotype Ausrede - "unersetzbar" -, mit der die Partei (Polit-Abteilung und Kontrollkommission) den Dienst der faschistischen Offiziere und auch Affären à la Artillerie-General Rentzsch zu entschuldigen pflegt, klingt verständlicher, sobald man der erbarmungswürdigen Generalsfiguren aus ideologisch unverfälschter KPD-, SED- und FDJ-Zucht ansichtig wird.
Mir jedenfalls wird es für immer unerfindlich bleiben; warum die Genossen Munschke und Köhn, Chef und stellvertretender Chef der Kader(Personal)-Abteilung des Ministeriums, jemals zu Generalmajoren befördert werden konnten. Bei ihren Schriftsätzen müssen sich beide - wie andere Generale übrigens auch - auf die grammatischen und orthographischen Talente der Sekretärinnen verlassen. Das schließt nicht aus, daß sie sich und die ganze Volksarmee dennoch blamieren.
Generalmajor Munschke kann-immerhin alte Verdienste vorzeigen: seit 1922 in der KPD, schon 1930 auf einer Polit-Schule in der Sowjet-Union, 1936 in Spanien Bataillonskommandeur, allezeit ein linientreuer Kommunist, aber immer leger, ohne-Fanatismus, ohne Intrigen.
Generalmajor Köhn hingegen hat seine militärische Qualifikation in der faschistischen. Wehrmacht erworben - als Obergefreiter. Die Stationen seiner Laufbahn: Gefangenschaft in der Sowjet-Union, Nationalkomitee "Freies Deutschland", Verwaltungsfunktionär im Bezirk Halle, Parteifunktionär in der Bezirksleitung Halle, Hauptverwaltung der Kasernierten Volkspolizei.
Ich war zugegen, als Generalmajor Köhn im Generalhauptquartier einen Wagen anforderte. Der Fahrer war fehlgeleitet worden; er meldete sich in der Polit-Abteilung. Ein Hauptmann dieser Abteilung führte ihn zu Kühn. Der Hauptmann verdankte seinen Dienstgrad einem Übersoll an Spitzelei. Er sagte: "Genosse Generalmajor, Ihr Wagen wartet auf Ihnen." Köhn merkte garantiert nichts; er verzog keine Miene und sagte brav: "Danke, Genosse, ich komme schon."
Gewiß, Schaden anrichten können diese beiden Verlegenheitsgenerale nicht. Alle wichtigen Personalentscheidungen trifft die Partei. Über die Beförderung zum Unterleutnant befindet die Kreisleitung, über die Beförderung zum Major die Bezirksleitung, über die Beförderung zum Generalmajor das ZK.
Ohne die Gunst der höchsten Partei-Instanz, ohne seinen Bruder Paul Verner, Intimus Ulbrichts und Chef der West-Abteilung in ZK*, hätte auch der Schaufensterdekorateur Waldemar Verner, der Chef der Seestreitkräfte, kaum je diese Dienststellung und den Dienstgrad eines Vizeadmirals erlangt. Seine dienstlichen Aufgaben, an Umfang und Bedeutung geringt erfordern allerdings auch kaum besondere Fähigkeiten. Sie lassen ihm Zeit und Bewegungsfreiheit für persönliche Neigungen, denen Verner auf eine für internationale Marinegepflogenheiten ungewöhnliche Weise nachgeht.
Verner verschmäht das Einheitsvergnügen der Volksarmee: Schnaps und Frauen. Statt dessen geht er mit Passion auf die Pirsch - nach Konterrevolutionären, Agenten und Diversanten; besonders unter den Offizieren der Seestreitkräfte. Die Strecke dieses Chefspitzels im Admiralsrang hat selbst bei der Staatssicherheit in Berlin Bewunderung hervorgerufen und überdies seine Admiralsposition gefestigt.
Die Jagdgründe des Vizeadmirals Verner liegen in Rostock und Stralsund, dem Doppelstandort des Generalhauptquartiers der Seestreitkräfte.
Der Generalmajor Keßler dagegen, Chef der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung, wickelte seine abenteuerlichen Skandale in Strausberg ab, dem Sitz des Generalhauptquartiers der Landstreitkräfte. Er tat es dort, obschon das Generalhauptquartier der Luftstreitkräfte in Cottbus untergebracht war.
Luftchef Keßler residiert, fern von seinem Cottbuser Hauptquartier, in Strausberg, weil er zu den insgesamt fünf Stellvertretern des Ministers Stoph zählt, und zwar mit der
Platznummer zwei. In Abwesenheit Stophs kommandiert Generalleutnant Hoffmann, der Chef der Landstreitkräfte. Fehlen Stoph und Hoffmann, führt Generalmajor Keßler, der Chef der Luftstreitkräfte, das Kommando. Sind Stoph, Hoffmann und Keßler verhindert, so teilen sich drei Generalmajore gleichberechtigt in das Regiment: Pech, der stellvertretende Generalstabschef, Dölling, der Chef der Polit-Verwaltung, und Freyer, der Chef der Ingenieurtechnischen Verwaltung.
Keßler - Spitzname: "Casanova" - ist das konkurrenzlos traurigste Exemplar aus der kommunistischen Generalsgattung: gelernter Maschinenschlosser, in Hitlers Heer niederster Mannschaftsdienstgrad, 1941 zu den Sowjets übergelaufen, nach dem Krieg Mitglied des ZK der SED und Vorsitzender der FDJ-Bezirksleitung Groß-Berlin, vorn FDJ-Zentralrat als jüngster General -
heute 39 Jahre alt - in die Volksarmee delegiert.
Ein Beispiel für die Extravaganz dieses Generals: Keßler, in Generalsuniform;, suchte Abwechslung im Strausberger "Volkshaus", einer Tanzscheune, die Volksarmee und leichte Mädchen Sonntag für Sonntag bevölkern. Er traf dort einen alten Bekannten aus der FDJ, einen Unteroffizier aus dem Kfz-Bataillon des Generalhauptquartiers. Der Unteroffizier saß mit seiner Braut zusammen , Keßler setzte sich ungebeten dazu.
Der General machte der Unteroffiziersbraut wie ein Obergefreiter den Hof. Er tätschelte ihren Arm, strich ihr über das Haar.
Der Unteroffizier machte dem General eine Szene, so laut, daß die Soldaten an den Nachbartischen einander anstießen.
Keßler bat das Mädchen zum Tanz. Beim Tanzen wurde er handgreiflich. Das Mädchen riß sich los, ging an den Tisch zurück und beschwerte sich bei dem Verlobten über dessen hohen Freund.
Der Unteroffizier stand auf, ging Keßler entgegen, holte aus und versetzte dem General bierruhig eine Ohrfeige. Keßler hob auch den Arm: Er ordnete seinen Scheitel.
Der allgemeine Aufruhr nahm die Form einer Meuterei an. Das "Volkshaus" bebte von dem tosenden Lärm.
Der Unteroffizier wurde arretiert, drei Tage lang, aber nicht bestraft.
Generalmajor Keßler, der dritte Mann in der Volksarmee, suchte am darauffolgenden Sonntag aufs neue Abwechslung im Strausberger "Volkshaus".
Bei dem Besonderen Vorkommnis im "Volkshaus" am Sonntag vorher war nur der Generalsrang eines der Beteiligten aus dem üblichen Rahmen gefallen. Daß Offiziere und Mannschaften gemeinsam trinken und tanzen gehen, daß sie sich ungeachtet der Rangunterschiede um Mädchen prügeln, daß sie gemischte Cliquen bilden (Offiziere und Mannschaften durcheinander), die sich gegenseitig Saalschlachten liefern, dies alles passiert fast jede Woche.
Es kommt auch gelegentlich vor, daß sich betrunkene Offiziere aus dem Generalhauptquartier auf den Straßen Strausbergs ihrer Uniformstücke entledigen und in Unterwäsche mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Trunkenheit ist in Strausberg- Dauerzustand.
Als noch unangenehmer habe ich empfunden, daß Generale, Oberoffiziere und Offiziere der Volksarmee fast ausnahmslos, ob verheiratet oder nicht, den Ehebruch, das intime Bratkartoffelverhältnis wie einen Massensport pflegen.
Nach der "kommunistischen Moral", die Kalinin (Kommunistischer Dogmatiker, Mitarbeiter Lenins und Stalins - Red.) Anfang der zwanziger Jahre verkündete, ist die Ehe eine politische Aufgabe, ein Bauelement der sowjetischen Gesellschaft. Die Propaganda drüben, die diesen Lehrsatz interpretiert, übertüncht den moralisch laxen Alltag mit einem Anstrich von eintöniger Prüderie.
Für den Verfall der "kommunistischen Moral" bei den Offizieren der Volksarmee gibt es viele Gründe. Schon bei der Gattenwahl muß mancherlei bedacht werden. Wer seine Karriere sichern will, muß eine sichere Ehefrau finden; politisch interessiert, beschlagen, diskussionsgeübt.
Ganz emsige Streber ziehen Russinnen vor. Solche Verbindungen garantieren einen raschen Aufstieg.
Wer eine politisch indifferente Frau wählt, kommt nicht voran. Denn, so lautet die offizielle Begründung, wer seine Familie nicht erziehen kann, wird auch Soldaten nicht ausrichten können.
Konsequenz: Offiziere, die als jüngere Leutnante in den Provinzgarnisonen früh heiraten und später ins Ministerium oder in andere Stäbe versetzt werden, lassen sich scheiden, sofern nicht auch die Frauen intellektuell nach oben klettern. Oder sie lassen die Frauen in der Provinz sitzen und bändeln mit ihren Mitarbeiterinnen an, meistens mit mehreren zugleich.
Hinzu kommt, daß Wohnungen rar sind, während Versetzungen innerhalb der Volksarmee häufig verfügt werden. Die räumliche Trennung des Offiziers von seiner Ehefrau verleitet ihn schon deshalb zu Ausschweifungen, weil nutzbringende Entspannungsmöglichkeiten nach dem intensiven Dienst in Truppe und Partei kaum, pekuniäre Mittel dagegen reichlich vorhanden sind.
Schließlich bietet das unverbindliche Amüsement in der DDR die einzige Zuflucht, in der man den ideologischen Dauerzwang kompensieren kann.
Die Genossen im ZK der Partei, in der Polit-Verwaltung und Polit-Abteilung des Generalhauptquartiers registrieren diese Massenreaktion auf den von ihnen ausgeübten Druck schon seit Jahren mit Sorge und Ärger. Strafen haben da bisher wenig angeschlagen, zumal die Chefs, die Vorbilder, kaum angefaßt werden.
Der Disziplinarvorgesetzte oder die Justiz greifen bei solchen moralischen Delikten nur ein, wenn sie in der Truppe passieren oder von Nichtgenossen begangen werden oder wenn die Partei schuldige Genossen zur Bestrafung freigibt.
Der Disziplinarvorgesetzte kann Arrest bis zu zehn Tagen, Degradation um einen Dienstgrad und Strafversetzung verhängen. Bei Delinquenten im Offizierrang spricht der Offizier-Ehrenrat mit.
Die Justiz kann auf Versetzung in die Bewährungsbataillone (Haftarbeitslager für Militärpersonen) auf dem Darß und in der Uckermark - "Taiga und Tundra" - erkennen. Oder auf Haft in den Militärfestungen Niederschönhausen, Köpenick, Dresden, Torgau und Neubrandenburg. Wer zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt wird, kommt - wie es heißt - "nach Bautzen", in Wirklichkeit nach Rußland.
Wichtiger, folgenschwerer als Gerichtsverfahren oder Disziplinarstrafe sind für straffällige Parteimitglieder oder Parteikandidaten das Parteiverfahren und die Parteistrafe. Die Partei-Kontrollkommission zieht jede Disziplinar- oder Strafsache, in die Genossen verwickelt sind, von vornherein an sich. Das Ermittlungsergebnis und den Strafvorschlag legt sie im Parteiverfahren der Parteiversammlung vor.
Die Parteiversammlung beschließt die Parteistrafe, deren Schwere nach der Sühneleistung bemessen wird, zu der sich der Beschuldigte im Parteiverfahren verpflichtet hat.
Immer, wenn der Sekretär die Parteiversammlung einberuft, mal jeden sechsten, mal jeden dritten Tag, rätseln die Genossen, die teilnehmen müssen, wen es diesmal treffen wird. Unbehagen beschleicht alle. Niemand fühlt sich makellos sicher.
Die Prozedur läuft schematisch ab, routiniert, erbarmungslos. Die Kontrollkommission rechnet dem Beschuldigten seine Fehler vor, und ein Genosse nach dem anderen diffamiert ihn bis zur Unkenntlichkeit. Keinem Eingeweihten mit "Fronterfahrung" würde der Gedanke kommen, den Verdammten in Schutz zu nehmen, seine Fehler zu verkleinern. Dem Beschuldigten würde das überhaupt nicht helfen, dem Fürsprecher schaden.
Nach jeder dieser dreißig, vierzig, fünfzig Diskussionsreden nimmt -der Beschuldigte Stellung - stehende Redensart im Volksarmee-Jargon: "Nimm mal eben schnell Stellung" - und forciert noch seine eigene Verdammnis durch einsichtsvolle Selbstkritik. Je heftiger sein Reuebekenntnis ausfällt, um so milder verfährt die Parteiversammlung mit ihm.
Manchmal stört eine unvorhergesehene Panne dieses oft erprobte Spiel.
Ein Major Ziegler, Abteilungsleiter in der Verwaltung Werbung-Auffüllung und stellvertretender Parteisekretär, der aus der FDJ in die Volksarmee gekommen war, hatte die Partei-Patenschaft über seine Sekretärin, eine Parteikandidatin, übernommen. Ihm oblag es, die Sekretärin für die Dauer ihres Kandidatenjahrs in Parteistatut und Parteiarbeit einzuführen.
Ziegler holte seinen Schützling zwecks Kandidaten-Schulung in seine Wohnung, mehrere Male; seine Frau lag im Krankenhaus. Nach einigen Wochen eröffnete die Parteikandidatin ihrem Parteipaten, daß sie ein Kind von ihm erwarte. Sie gestand ihm, daß sie in der gleichen Zeit noch von einem zweiten Offizier aus dem Generalhauptquartier, einem Major Dall, betreut worden sei.
Major Ziegler hatte die Adresse eines Westberliner Arztes parat. Der Arzt verlangte 100 Mark West, im freien Kurs 420 Mark Ost. Ziegler spendierte 300 Mark, die restlichen 120 Mark schoß ein Unterleutnant von der Sportschule der Armeesportvereinigung "Vorwärts" zu - gewissermaßen der dritte Pate.
Die Kandidatin sollte ihren Jahresurlaub in Westberlin verbringen. Sie zögerte die Reise hinaus, weihte Freundinnen ein, und bevor Major Ziegler sie abschieben konnte, ging in der Polit-Abteilung des Ministeriums die fällige Meldung über dieses Besondere Vorkommnis ein.
Oberst Engels, Chef der Partei-Kontrollkommission, führte höchstselbst die Ermittlungen gegen Ziegler: Mißbrauch der Patenfunktion, Anstiftung zur Devisenschiebung und Schwangerschaftsunterbrechung, versuchte Gefährdung der Sicherheit der Nationalen Volksarmee - insofern, als Ziegler eine Sekretärin aus dem
Generalhauptquartier dem Zugriff westlicher Agenten habe preisgeben wollen.
Die Parteiversammlung verlief zunächst in traditioneller Manier. Die Genossen redeten Ziegler in Grund und Boden; Ziegler nahm jeweils Stellung, bezichtigte sich jeweils selber aller erdenklichen Verbrechen. Bis Major Dall, der zweite Betreuer der Kandidatin, zu seinem Diskussionsbeitrag ansetzte. Das war für Ziegler zuviel. Er fuhr hoch und sagte: "Ich nehme alles an. Ich sehe meinen Fehltritt ein und bereue ihn zutiefst. Aber ich kann nicht verstehen, wie Genosse Dall es sich erlauben darf, gegen mich aufzutreten. Was Genosse Dall getan hat, ist genauso schlimm wie mein Vergehen."
Nun bekannten sich beide Majore, Ziegler und Dall, schuldig. Ziegler verpflichtete sich, seine Verbrechen durch
fünfjährige Produktionsarbeit im Kombinat "Schwarze Pumpe" bei Hoyerswerda zu sühnen. Dall zeigte sich etwas weniger sühnebereit.
Der Parteispruch: Ziegler wurde aus der Partei und Armee ausgeschlossen, Dall aus dem Generalhauptquartier zur Truppe strafversetzt.
Man begreift: Die Nationale Volksarmee ist keinen Schuß Pulver wert. Die Sowjet-Armee dagegen hat eine ungeheure Schlagkraft.
Ich kann die Verhältnisse im Westen nicht sicher beurteilen. Die Amerikaner habe ich zuletzt kurz vor dem Ende des Hitler-Krieges gesehen, hinter Aachen und bei Bastogne. Trotzdem möchte ich eine Meinung wagen, einen Vergleich zwischen Amerikanern und Russen, der sich hinsichtlich der einen auf reichliches Nachrichtenmaterial, hinsichtlich der anderen auf reiche Erfahrungen stützt.
Ich möchte den primitiven Satz riskieren: Die Sowjet-Armee ist die beste der Welt, mit weitem Vorsprung vor den Amerikanern.
Was die Bundeswehr anlangt: Gegen die Sowjet-Armisten, Mann gegen Mann, haben die westdeutschen Soldaten überhaupt keine Chance, zumal die politische Integrität der Bundeswehr nicht weniger brüchig zu sein scheint als die Moral der Volksarmee. Diesen Schluß legt die Vielzahl der militärischen Quellen in Westdeutschland nahe, aus denen drüben die Spionage-Verwaltung 19 und der Stab I im Hauptstab für allgemeine Fragen, die Verwaltung Aufklärung, ihre Informationen über die Bundeswehr beziehen. Gegen lächerlich geringes Honorar übrigens.
Die politische Moral der Sowjet-Armee ist eisenhart, unverletzlich.
Ich glaube nicht, daß die technische Intelligenz des Durchschnittsoffiziers in der amerikanischen Armee das Mittelmaß der Sowjet-Offiziere immer noch, wie im Hitler-Krieg, übertrifft. Inzwischen geben nämlich auch unter den Sowjet-Offizieren die Absolventen der Hochschulen den Ton an: Ingenieure, Architekten, Lehrer, Verwaltungs- und Wirtschaftsfunktionäre.
Zudem werden in der Sowjet-Armee heute selbst die Mittelschüler, bevor sie zum Offizier-Staatsexamen zugelassen und zum Unterleutnant befördert werden, politisch-ökonomisch so intensiv geschult, daß sie ihren allgemeinen Bildungsrückstand durch ideologische Festigkeit und den daraus resultierenden Kampf- und Siegeswillen mehr als wettmachen.
Ich habe oft politische Diskussionen mit Sowjet-Offizieren erlebt. Immer wieder war ich überrascht von dem hohen Niveau, auf dem sich sogar die jüngsten Leutnante, ohne auszurutschen, elegant bewegten. Das war enorm interessant, aufregend, geschliffener Marxismus-Leninismus, beinahe Mathematik. Da gab es keine politische, ökonomische oder militärische Frage, die nicht glänzend beanwortet wurde.
Am meisten überrascht hat mich jedesmal das fast abergläubisch sichere Selbstbewußtsein, die Siegesgewißheit, die ebenso aus dem Triumph über Hitler im Großen Vaterländischen Krieg damals wie aus dem Atomraketen-Vorsprung heute herrührt. Am stärksten imponiert hat mir die gläubige Hoffnung, die auf der Ideologie beruht, das überlegene Selbstwertgefühl, das sich mit der überlegenen gesellschaftlichen Denkmethode des dialektischen Materialismus erklärt.
Eine der trivialen, drüben aber effektvollen Thesen, mit denen Sowjet-Offiziere die Zukunft umschreiben, haftet in meinem Gedächtnis: "Die Amerikaner bauen heute noch bessere und billigere Autos als unsere Produktion. Aber was besagt das, da die amerikanischen Soldaten keinen Grund erkennen werden, für die amerikanischen Auto-Aktionäre zu sterben?"
Ich möchte wissen, was die amerikanische Armee und die westdeutsche Bundeswehr diesem magnetischen Zwang, den die Ideologie auf die Sowjet-Armee ausübt, entgegenstellen wollen.
Zugegeben, dem Mannschaftsersatz der Sowjet-Armee fehlen vielfach die Voraussetzungen, ohne die der Soldat den Marxismus-Leninismus nicht aufnehmen und der Marxismus-Leninismus den Soldaten nicht überzeugen kann. Den Kolchosen-Muschiks, den ungelernten Hilfsarbeitern aus der Produktion, 'den Rekruten aus den asiatischen Republiken geht meistens ~-das kann man sagen - jede Kultur ab.
Bei diesen ungehobelten Mannschaften ersetzt man die ideologische Schulung durch Erziehungs- und Ausbildungsmethoden, die in der Volksarmee rasch und sicher zu Massendesertionen, zum Zusammenbruch führen würden. Im Polit-Unterricht werden die Sowjet-Mannschaften mit Phrasen abgespeist, die ganz einfach, manchmal geradezu albern formuliert sind. Das allein genügt naturgemäß noch nicht, um aus primitiven Rekruten leistungsfähige Soldaten zu machen. Deshalb werden die Sowjet-Mannschaften, solange sie dienen, mit-graus samer Härte geschunden. Tag für Tag, Nacht für Nacht, in den Objekten, auf dem Kasernenhof, im Feldlager, auf dem Grundübungsplatz, im Manövergelände, im Dienst und nach dem Dienst - überall und immer: Druck.
Ich muß einschränken: Ich berichte von den Sowjet-Soldaten, die in der Deutschen Demokratischen Republik leben; den. Dienstbetrieb in der Sowjet-Union kenne ich nur vom Hörensagen.
Bei den Sowjet-Divisionen, die in Ostdeutschland stationiert sind, herrscht durchweg eine brutale Gangart, neben der die alten Barras-Schikanen der faschistischen Wehrmacht verblassen. Die Unterkunft, auch die der Offiziere, ist unvorstellbar dürftig, ungepflegt, menschenunwürdig, die Verpflegung anspruchslos, eintönig, die Schnapsration minimal. Der Dienst geht bis in die Nacht, oft genug die Nacht hindurch. Die Truppe lebt isoliert, praktisch im Kasernenarrest, von allen Abwechslungen, die der öffentliche Apparat bietet, ausgeschlossen. Ausgang in die Stadt, Kontakt zur zivilen Umgebung gibt es so gut wie nie. Dafür gibt es Ohrfeigen, Fußtritte, Stockschläge, Peitschenhiebe - täglich, stündlich.
Niemand, der seinen Militärdienst in Deutschland absolviert, wird später zu Hause in der Sowjet-Union etwas über die deutsche Kultur sagen können. Jeder wird sagen: Deutschland, das ist die Hölle.
Die sowjetischen Luftstreitkräfte benutzen einen Flugplatz in der Nähe von Zerbst; sowjetische Düsenjäger liegen dort. Auf der Straße vor dem Kasernenzaun dieses Objekts spielte sich eine Szene ab, bei der ich als unbeteiligter Zuschauer einen besseren Einblick in das Gefuge der Sowjet-Armee gewann als bei meinen Lehrkommandos in sowjetischen Truppenteilen.
Ein Sowjet-Soldat, vermutlich ein Rekrut, mit schmutziger Bluse und Drillichhose, auf dem Kopf ein schmieriges Schiffchen, spähte von innen über den Zaun, schwang sich mit einem Satz hinüber, ordnete seinen Anzug, wobei er nochmals nach allen Seiten sicherte. Er merkte nicht, daß ihm genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ein sowjetischer Oberleutnant stand, hinter einem Baum halb verdeckt.
Ich schwankte zwischen Neugier und Mitgefühl. Ich entschied mich, dem Soldaten, der das Objekt so eindeutig auf verbotenem Weg verlassen hatte, zu helfen. Dem Oberleutnant bedeutete ich mit einer freundlichen Geste, daß alles nicht so schlimm sei; dem Soldaten wollte ich sagen, daß der Offizier drüben stehe. Aber der Oberleutnant winkte grantig ab. Und schon war der Soldat eilends auf einen HO-Kiosk zugegangen, der am Ende des Kasernenzauns stand.
Der Verkäufer stellte Wodka auf den Tresen, eine Literflasche. Der Soldat legte etliche Geldscheine und Geldstücke daneben. Es war klar, die Genossen auf der Stube hatten gesammelt, zusammengelegt.
Das Geld stimmte. Der Soldat nahm den Wodka, drehte sich um und blieb wie gebannt stehen; die Flasche Wodka pendelte aus seiner rechten in die linke Hand, aus der linken wieder in die rechte und wiederum aus der rechten in die linke, immerzu hin und her: Mitten auf der Straße stand der Oberleutnant, breitbeinig, die Arme verschränkt; sein Gesicht verzog sich zu geringschätzigem Grinsen.
Es war, als ob der Offizier dem Mann gegenüber die Sprache für ein untaugliches Verständigungsmittel hielt. Zwischen den beiden fiel kein Wort. Mit gekrümmtem Zeigefinger, ohne den Arm zu rühren, signalisierte der Oberleutnant den Soldaten zu sich heran, streckte ihm die Hand entgegen, in die der Soldat bereitwillig die Wodkaflasche legte.
Der Oberleutnant zerschlug die Flasche am Bordstein. Er packte den Soldaten mit
der linken Faust im Nacken, am Blusenkragen, und traktierte ihn mit Fausthieben auf den Hinterkopf und Stiefeltritten in den Hintern, in gemächlichem Rhythmus, mal die Faust, mal der Stiefel. Einen bockigen Esel hätte man nicht elender behandeln können.
Der Soldat traf keinerlei Anstalten, sich zu wehren. Er stöhnte, wimmerte lautlos, krümmte sich, wenn die Faust, reckte sich, wenn der Stiefel traf. Er schrie schließlich vor Schmerzen und alarmierte so die Wache. Ein Posten löste den Oberleutnant ab. Er trieb den wimmernden Soldaten mit Kolbenstößen der Maschinenpistole und neuen Fußtritten ins Objekt zurück.
Der Oberleutnant grinste. Er schrieb eine Notiz auf. Mich fand er nicht der Beachtung wert. Ich hatte Angst, nicht zuletzt um die Sowjet-Soldaten, die das Geld für die Flasche Wodka zusammengebracht hatten.
Auch in der Nationalen Volksarmee setzt es hin und wieder Prügel. Kaum im Dienst. Selten von oben nach unten, meistens von unten nach oben. Unteroffiziere, die dilettantische, unbequem wirkende Befehle geben, müssen vor den betroffenen Mannschaften auf der Hut sein. Oder Offiziere, die in Fehde zu anderen Offizieren stehen, im Streit über Beförderungstermine, wiegeln Mannschaften gegen ihre Konkurrenten auf. In den Kneipen beim Schnaps, auf dem Tanzboden prügeln gelegentlich alle Waffengattungen, aber auch alle Dienstgradklassen einträchtig durcheinander.
Ich halte es für ausgeschlossen, daß die Distanz, die Offizier und Mann voneinander trennt, in irgendeiner anderen Armee der Welt so weitgespannt sein kann wie in der Sowjet-Armee. Ich habe aber gefunden, daß diese Riesenentfernung zwischen sowjetischen Offizieren und sowjetischen Soldaten nichts Künstliches ist, sondern etwas Natürliches. Die Sowjet-Offiziere sind geschult, sie haben Kultur. Die Sowjet-Soldaten erkennen das an, ohne zu maulen. Die Autorität der Offiziere bei den Mannschaften begründet eine gesunde Rangordnung.
Eine Rangordnung in diesem Sinne gibt es in der Nationalen Volksarmee überhaupt nicht. Die Mannschaften der Volksarmee nehmen ihre Offiziere nicht für voll. Die Verkehrssprache zwischen beiden ist der Kumpelton, mit Duzen und Auf-die-Schulter-Klopfen. Auf diese mehr als legere Weise diskutieren sie auch über Befehle, mitten im Dienst, sofern die Mannschaften es nicht vorziehen, auf Null zu schalten und überhaupt nicht zu reagieren. Von Spannungen frei bleiben die Beziehungen zwischen Offizier und Mann nur, solange sie sich in den Formen jovialer Kameraderie abspielen.
Die Offiziere pumpen die Mannschaften an. Nach Dienstschluß ziehen sie in ihrer Gesellschaft los, zum Schnaps, zu den Mädchen, und demonstrieren ihnen ein Lotterleben, das die Mannschaften allein nie zu führen wagten. So geht der Gehorsam - Generaloberst Stoph sagte: "die eiserne, besonders militärische Disziplin" - schnell kaputt.
Wie die moralische Verkommenheit der Offiziere, so drückt auch deren Beschränktheit das Niveau der Volksarmee und provoziert den Ungehorsam der Mannschaften.
In der Politischen Abteilung des Ministeriums saß ein Major Freudenreich. Dieser Major amtierte dort, wiewohl er kaum einen Satz fehlerfrei zu Papier bringen konnte, sage und schreibe als Chefpropagandist. Er entwarf seine Konzepte schriftlich, gab das Expose seiner Schreibkraft, die es tippen und dabei überarbeiten mußte. Alles kicherte, wenn Freudenreich leutseligen Tons zu seiner Schreibkraft sagte: "Es wird schon klappen. Stellen Sie's doch nur zusammen und zeigen Sie's mir dann noch mal." Der Satzbau war irrsinnig komisch, weniger als Funktionärsdeutsch, eigentlich überhaupt kein Deutsch. Auf einer DIN-A4-Seite standen durchschnittlich zwischen fünfzehn und zwanzig Rechtschreibefehler.
Ich habe in Freudenreichs Kader-Akte geblättert. Dieser Major hatte keinerlei Beruf erlernt. Aber Skrupel kannte er nicht. Der ließ jeden hochgehen, der irgendwie etwas auch nur Ungewohntes gesagt hatte.
Freudenreich war von einem Analphabeten allerdings noch ein bißchen weiter entfernt als Hauptmann Grunewald, ein Schreihals und verdienter Spitzel, aber ein regelrechter Dummkopf, der von der Polit-Abteilung aus die kulturelle Massenarbeit in der Volksarmee dirigierte. Hauptmann Grunewald - Spitzname: "Kommagrab" war einfach hilflos, wenn sich ihm gegenüber zum Beispiel ein Stabsgefreiter, von Beruf technischer Zeichner, einen Ton herausnahm, der sich nach Aufruhr anhörte.
Derartige Auftritte zwischen beschränkten Offizieren und intelligenteren Mannschaften waren an der Tagesordnung. Sie enthüllten augenfällig das Mißverhältnis zwischen oben und unten, die personelle Mißwirtschaft in der Volksarmee.
Markiert man die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der DDR-Bevölkerung auf einer Leistungsskala mit Null, so steht die Marke für die Volksarmee-Mannschaften nur wenig, die Marke für die Volksarmee-Offiziere dagegen erheblich unter dem Nullstrich. Diesem Tiefstand entspricht die miserable soziale Resonanz der Volksarmee in der Republik. Das Urteil der intelligenteren Oberoffiziere und der Sowjet-Berater über die Volksarmee lautet ähnlich negativ: militärisch völlig belanglos, im Krieg Sperrkette weit hinten.
Aber: "Bereitet euch auf den Krieg vor' - so lautete dennoch die Parole, der Befehl, mit dem die Sowjetniks drüben - die russischen Berater der Volksarmee - fast jede Dienstbesprechung schlossen, die sie mit uns im Ministerium für Nationale Verteidigung führten.
Ich glaube, ich muß diesen Satz erläutern, zumal ich bei den Engländern und Amerikanern in Charlottenburg und Oberursel festgestellt habe, daß man ihn im Westen falsch, nämlich zu eng auslegt.
Das Wort "Krieg" bedeutet in der revolutionären Militärwissenschaft mehr als nur die rein militärtechnische Seite, die im Westen damit gemeint ist. Die revolutionäre Kriegslehre umgreift alle Kampfformen, an erster Stelle Propaganda und Diversion, die ideologische Zermürbungskampagne, an letzter Stelle erst den Krieg im engeren, überholten Sinn des Worts.
Lenin und Stalin, die beide noch den Begriffen bürgerlicher Spezialisten verhaftet waren, obschon auch sie diese Begriffe bereits dialektisch auslegten, tauchen in der modernen kommunistischen Kriegslehre kaum noch auf. An ihre Stelle ist - in der Sowjet-Armee wie auf der Militärakademie und den Offizier- beziehungsweise Polit-Schulen der Volksarmee - Mao Tse-tung getreten, der führende Theoretiker des internationalen Kommunismus, der Klassiker des revolutionären Krieges.
Mao Tse-tung hat nach seinen jahrzehntelangen Erfahrungen in den chinesischen Revolutionskriegen den Marxismus-Leninismus für die Militärwissenschaft neu interpretiert. Nach seiner Lehre vom "lang hingezogenen Krieg" wäre es ein Fehler, den kritischen, rein militärtechnischen Krieg zu beginnen, solange das Kräfteverhältnis zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen Lager noch ungefähr ausgeglichen ist.
Vielmehr kommt es darauf an, zu warten und die kapitalistischen Mächte warten zu lassen, sie allmählich ideologisch zu zermürben, je länger, desto besser. Denn mit der Zeit und unter dem Druck des Kommunismus wird der objektive Zwang, werden die inneren Widersprüche des Kapitalismus das kapitalistische Lager mit errechenbarer Sicherheit schwächen, ideologisch, ökonomisch, militärisch. Schließlich wird die ideologische Überlegenheit des Kommunismus ihm kleine militärische Aktionen gestatten, sozusagen unmerkliche, unauffällige Operationen.
Solche Vorstöße müssen jeweils in den Grenzen der objektiven Bedingungen geführt werden, nur bis zu Punkten, die man sicher gewinnen, an denen man aufs neue geduldig warten, von denen man risikolos wieder zurück kann. Der einzelne Vorstoß dieser Größenordnung bringt wenig ein, aber ein Vorstoß nach dem andern, Schritt für Schritt, bringt den Sieg der Revolution.
Das oberste Prinzip der Strategie Mao Tse-tungs hat zwei Namen, die das gleiche umschreiben: Sicherheit und Geduld. Auf der Polit-Offizier-Schule in Treptow mußten wir die drei Hauptforderungen, die Mao Tse-tung aufgestellt hat, immer wieder hersagen: "Erstens, mit Entschlossenheit in jedem Feldzug und in jeder Schlacht entscheidende Kampfhandlungen führen, wenn der Sieg gewiß ist. Zweitens, entscheidende Kampfhandlungen in jedem Feldzug und in jeder Schlacht vermeiden, wenn der Sieg ungewiß ist. Drittens, unter allen Umständen eine strategisch entscheidende Kampfhandlung vermeiden, die das Schicksal des Friedenslagers aufs Spiel setzt*"
Der Prozeß, der die Voraussetzungen dafür schafft, daß "eine strategisch entscheidende Kampfhandlung" zum Sieg führen wird, vollzieht sich nicht nur mit Hilfe des Mechanismus, den die innerkapitalistische Konkurrenz in Gang hält. Der ideologische Kampf fördert diese Entwicklung, beschleunigt sie. Er ist eine wesentliche Phase des Gesamtvorgangs, für den in der revolutionären Militärwissenschaft das Wort Krieg gebraucht wird. Im idealen Schulfall macht der ideologiche Kampf sogar die Hauptphase des Krieges aus. Je intensiver, je erfolgreicher er geführt wird, um so geringer ist der Zwang, der revolutionären Ideologie mit militärischen Waffen nachhelfen zu müssen.
Deshalb fordern die Polit-Instrukteure sowohl der Sowjet-Armee als auch der Volksarmee das Übergewicht der Polit-Arbeit über die militärische Ausbildung, den Vorrang des gesellschaftlichen Bewußtseins vor dem Waffenstolz. Sie sind sich ihrer Sache ganz sicher: Die ideologische Offensive des Kommunismus wird den ausschließlich auf die Defensive eingestellten Westen früher oder später überflügeln, günstigstenfalls ohne einen Schuß. Daß die gleichen Instrukteure dem Westen militärische Angriffsabsichten unterschieben, gehört zum ideologischen Kampf.
Im Ernst glaubt drüben niemand daran, daß der Westen den Osten angreifen wolle. Im Gegenteil. Ich muß ehrlich sagen, wann immer wir dieses Thema im Ministerium diskutiert haben, waren wir alle stets der Meinung, daß irgendwann einmal der Zeitpunkt da sein wird, zu dem der Osten angreift, vielleicht nicht direkt militärisch, sondern politisch und ideologisch, und zwar weitaus heftiger als bisher. Dieser Meinung bin ich auch heute noch. Der Polit-Unterricht, die politische Ausbildung schlechthin sind eindeutig offensiv angelegt.
Auch in der militärischen Planung sprechen keinerlei Anzeichen dafür, daß die Sowjet-Armee beziehungsweise die Volksarmee mit einem Angriff des Westens rechnen. Für das Generalhauptquartier der Landstreitkräfte ist in der Nähe Pasewalks ein Kriegs-Ausweichquartier gebaut worden. Möglicherweise hat das Kommando des Warschauer Pakts, das allein die Operationspläne entwirft, der Volksarmee eine belanglose Deckungsaufgabe an der mecklenburgischen und vorpommerschen Ostseeküste zugedacht. Sicherheit gegen eine Landoffensive der Nato-Armee würde jedenfalls Pasewalk dem Generalstab der Volksarmee genauso wenig geben wie -das Friedensquartier in Strausberg.
Beim militärwissenschaftlichen Studium und im Polit-Unterricht ist nicht selten die Frage behandelt worden, ob sich der Westen dem politischen und ideologischen Druck des Kommunismus nicht dadurch entziehen wird, daß er nach vorn ausbricht, mit einem anderen Wort: angreift. Die offizielle Version für diese Variante heißt: Es hängt alles vom Tempo, von der Schnelligkeit ab; die Sowjet-Armee wird schneller schießen, ihre Raketen werden die amerikanischen Stützpunkte sämtlich in zehn Minuten zerstören.
Das Vertrauen in die Raketen der Sowjet-Armee ist unbegrenzt, das der Sowjet-Soldaten wie das der Volksarmee-Soldaten. Seit es die Sputniks gibt, übertrifft das militärische Selbstbewußtsein der Sowjet-Offiziere sogar noch deren ideologische Überzeugung. Seither auch gelten die nuklearen Waffen drüben als etwas Normales, mit dem man sich abfinden, auf das man sich einrichten muß.
Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Solange ich drüben war, hat die Volksarmee keine nuklearen Waffen besessen, auch nicht zu Lehrzwecken. Hingegen ist die Volksarmee im vorigen Frühjahr, nachdem der Bonner Bundestag Atomwaffen für die Bundeswehr beschlossen hatte, für den Nuklear-Krieg umgegliedert worden.
Die Gefechtsstärke der Schützenbataillone wurde um eine Kompanie auf 370 Mann herabgesetzt; den Schützenregimentern wurden je drei Panzerkompanien, ausgestattet mit dem neuesten Muster der russischen Tankserie T-54, als taktische Reserve zugeteilt. Die Artillerie-Abteilungen bekamen die russischen Mehrzweck-Geschütze der Kaliber 7,6 Zentimeter und 12,2. Zentimeter, so daß nun die gesamte Artillerie des Warschauer Pakts einheitlich sowjetische Munition verbrauchen kann.
Die chemischen Truppeneinheiten der Volksarmee, denen bis dahin nur Abwehraufgaben im Gaskampf gestellt waren, wurden durch Bataillone - laut Plan: je Division ein Bataillon - ergänzt, die auch im Angriff mit chemischen Kampfstoffen ausgebildet werden. Die Kampfstoffe: Chloracetophenon (Augenreizstoff), Adamsit (Nasen- und Rachenreizstoff), Chlorpikrin (Lungengift), Lewisit (Hautgift).
In mecklenburgischen Standorten wurden sogenannte nukleare Truppen aufgestellt, Regimenter, die nicht mit nuklearen Waffen ausgerüstet sind, sondern den nuklearen Abwehrdienst in der Armee versehen sollen. Die Abteilung Nukleare Waffen im Ministerium plant und überwacht die Ausbildung dieser Atomschutz-Truppen.
Die wichtigste technische Neuerung seit vorigem Frühjahr kommt der Luftverteidigung der Volksarmee zugute. Rund um die Hauptquartiere der Land- und Luftstreitkräfte in Strausberg und Cottbus sowie um die Flugplatz-Objekte Groß-Dölln und Oranienburg werden seit einem Jahr Raketenbasen gebaut, unter dem Kommando der Sowjet-Armee und der Bauaufsicht russischer Ingenieure.
Es ist eindeutig, Angriffsraketen gegen den Westen können von diesen Basen nicht abgefeuert werden. Die Feuerstellungen dienen ausschließlich der örtlichen -Luftabwehr. Ob die Abwehrraketen eines Tages aus Brisanz-Sprengstoff bestehen werden oder mit nuklearem Sprengstoff versehen sind, läßt sich schwer voraussagen. Eins aber ist sicher: Als ich im Ministerium, im Strausberger Generalhauptquartier der Landstreitkräfte, saß, standen nukleare Sprengköpfe noch nicht auf dem Plan.
Alle diese neuen Waffen, wie militärtechnische Dinge überhaupt, haben den eigentlichen Chefs der Volksarmee, den Polit-Offizieren, keine ungeteilte Freude bereitet. Gewiß, moderne Waffen stärken das Selbstgefühl des Soldaten, auch in der Volksarmee. Das räumen die Polit-Offiziere durchaus ein. Aber wie die Soldaten, denen der Waffen- und Gefechtsdienst Spaß macht, den Polit-Offizieren schon deshalb verdächtig sind, so sind nach ihrer Meinung Waffen im Grunde genommen nur zweitrangige Hilfsmittel, auf die man verzichten könnte, wenn die politische Gesinnung und die ideologische Durchschlagskraft fest und stark genug wären.
Dieser verschrobene Polit-Fanatismus hat seinen Grund nicht nur darin, daß die Polit-Offiziere von Waffen kaum etwas verstehen. Als viel ärger noch empfinden sie den Zeitverlust, den die Polit-Erziehung zugunsten der Ausbildung an den neuen Waffen erdulden muß. Und dies, obgleich nach ihrer Ansicht die Volksarmee ihr revolutionäres Ziel im ideologischen Kampf - nicht im Waffengang - erreichen soll. (Fortsetzung folgt)
* Paul Verner wurde kürzlich zum Sekretär der SED-Bezirksleitung Groß-Berlin bestellt.
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DER SPIEGEL 30/1959
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