19.03.1973

„Er ist nie in den Höhlen gewesen“

SPIEGEL: Herr Móricz, in seinem jüngsten Buch behauptet Erich von Däniken, mit Ihnen in Ecuador in eine geheimnisvolle Höhlenwelt hinabgestiegen zu sein.
MÓRICZ: Däniken ist nie in den Höhlen gewesen -- es sei denn vielleicht in einer Fliegenden Untertasse.
SPIEGEL: Er schreibt, Sie hätten ihm in den Höhlen sogar eine auf Metallfolien eingravierte prähistorische Bibliothek, einen ganzen Zoo goldener Tiere, einen Saal mit Stühlen rund um eine Tafel gezeigt.
MÓRICZ: Wenn er behauptet, er habe die Bibliothek und die anderen Dinge selbst gesehen, dann ist das Lüge. Das ist äußerst unanständig. Wir haben ihm diese Dinge nicht gezeigt. Er mogelt sogar mit den Photos: Das Bild auf Seite 15 seines Buches "Aussaat und Kosmos" wurde schon bei unserer Expedition im Jahre 1969 aufgenommen, es zeigt einen von Wasser ausgewaschenen Höhlengang; das auf Seite 20 abgebildete Amulett habe ich nicht, wie er schreibt, in einer Höhle gefunden.
SPIEGEL: Wie kommt Däniken dann zu seinen Behauptungen?
MÓRICZ: Ich habe ihm alles erzählt. Stunden-, tagelang hat er mich ausgequetscht. Er wollte immer mehr hören. Er hat sogar mit 200 000 Dollar für eine Höhlenexpedition gewinkt.
SPIEGEL: Warum wurde daraus nichts?
MÓRICZ: Er hatte keine Zeit. Eine Expedition zu den Höhlen im östlichen Ecuador hätte mindestens 14 Tage gedauert. Er war aber nur etwa eine Woche hier.
SPIEGEL: Statt dessen haben Sie ihn zu einem Seiteneingang der Höhlenwelt, wie Däniken es nennt, geführt?
MÓRICZ: Ja, wir sind zwei Tage mit ihm im Jeep nach Cuenca gefahren und haben ihm dort einen der vielen Höhleneingänge in der Umgebung dieses Ortes gezeigt. Aber man konnte in diese Höhle nicht hinein, sie ist verschüttet. Däniken kann lügen soviel er will, ich nicht.
SPIEGEL: In Cuenca haben Sie ihm die Sammlung des Paters Crespi gezeigt. Haben Sie ihn nicht vor den vielen unechten Stücken gewarnt?
MÓRICZ: Doch, wir haben ihm gesagt, daß Crespi früher zwar viel Wertvolles zusammengetragen hat, daß heute aber die echten Stücke unter lauter Mist begraben sind. Das meiste in den beiden bis unter die Decke vollgestopften Räumen ist Blech. Trotzdem wollte Däniken alles photographieren. Er ist völlig durchgedreht. Von morgens um zehn bis nachmittags um drei hat er geknipst, und ich glaube, es sind nicht gerade die echten Stücke, die er in seinem Buch abgebildet hat.
SPIEGEL: Im August letzten Jahres kam Däniken noch einmal nach Ecuador, zu welchem Zweck?
MÓRICZ: Es war nur ein kurzer Besuch, nur zwei, drei Tage. Ich glaube, er war gekommen, um zu beichten, aber er hat es nicht getan. Statt dessen lud er meinen Anwalt, Dr. Pena Matheus, und mich ein, zur Präsentation seines Buches auf der Buchmesse in Frankfurt zu kommen, wohl zu seiner Rechtfertigung. Herr Däniken hat uns wohl für Halbwilde gehalten, die zu dumm sind, ihr Wissen selbst auszuschlachten.
SPIEGEL: Wußten Sie da schon, daß Däniken Ihre Erzählungen als seine eigenen Erlebnisse ausgibt?
MÓRICZ: Er hatte sein Buch nicht mitgebracht, er las uns nur einige Passagen aus einer Korrekturfahne vor. Däniken hatte versprochen, daß er in seinem Buch nur auf
meine Entdeckungen und ein Buch, das ich selbst schreiben will, hinweisen würde. Die Höhlen existieren ja wirklich.
SPIEGEL: Sie behaupten, ein Hunderte von Kilometern langes Tunnelsystem ziehe sich unter den Anden von Ecuador bis nach Peru und Bolivien ...
MÓRICZ: ... ja, von Cuzco zum Beispiel, der alten Kaiserstadt der Inkas in Peru, führen Höhlen bis nach Bolivien, ja sogar bis ans Meer.
SPIEGEL: Haben Sie alle diese Höhlen abgeschritten?
MÓRICZ: Nein, aber ich habe die Eingänge gesehen. Ich stütze meine Behauptungen auf die Mythologie ...
SPIEGEL: Sind diese Tunnels auf natürliche Weise entstanden?
MÓRICZ: Viele dieser Höhlen sind durch Wasserauswaschung entstanden, aber andere sind angelegt worden.
SPIEGEL: Wer könnte diese gigantische Arbeit vollbracht haben, die Inkas oder gar außerirdische Wesen, wie Däniken schreibt?
MÓRICZ: In der Quechua-Mythologie ist die Rede von einem Käfer, der die Höhlen gegraben hat. Bei unserer -- von der ecuadorianischen Tourismus-Organisation Ceturis geförderten -- Expedition im Jahr 1969 haben wir am Rio Santiago in den Guevas de los Tayos ja tatsächlich eine künstliche Höhle entdeckt. Nachdem wir zunächst durch einen vom Wasser ausgewaschenen Gang gekrochen waren, standen wir plötzlich in einem riesigen Saal, der mindestens 80 Meter hoch war. Die Wände da drinnen waren glatt, wie poliert, und am Boden waren Stufen.
SPIEGEL: Und dort haben Sie die Metall-Bibliothek entdeckt?
MÓRICZ: Nein, die ist in einer anderen Höhle. etwa 30 Kilometer entfernt.
SPIEGEL: Sind Sie bei Ihrer Expedition 1969 auch bis dorthin vorgedrungen?
MÓRICZ: Nein, denn uns ging die Verpflegung aus.
SPIEGEL: Wann haben Sie die Bibliothek zum erstenmal gesehen?
MÓRICZ: Das kann ich nicht sagen; man könnte sonst zurückverfolgen, wo ich zu der betreffenden Zeit gewesen bin.
SPIEGEL: Wie haben Sie die Bibliothek entdeckt?
MÓRICZ: Jemand hat mich dorthin gebracht.
SPIEGEL: Wer war denn dieser Führer?
MÓRICZ: Das kann ich nicht sagen.
SPIEGEL: Befindet sich der Goldene Zoo im gleichen Raum wie die Bibliothek?
MÓRICZ: Es handelt sich nicht eigentlich um einen Zoo, sondern um naturgetreue Nachbildungen von Pflanzen und Tieren, wie sie nach den Chroniken des Inca Garcilaso de la Vega einst zum Beispiel in den kaiserlichen Gärten von Cuzco zu finden waren. Ich weiß auch nicht, ob sie aus reinem Gold sind, vielleicht sind sie nur vergoldet.
SPIEGEL: Haben Sie die Folien der Metall-Bibliothek gezählt, und stimmen die von Däniken angegebenen Maße 96 mal 48 Zentimeter?
MÓRICZ: Nein, ich kann nicht sagen, wie viele es sind. Ich habe auch kein Metermaß bei mir gehabt.
SPIEGEL: Um was für eine Schrift könnte es sich nach Ihrer Meinung bei den Zeichen auf den Folien handeln?
MÓRICZ: Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Zeichen auf den Folien von Kulturen des untergegangenen Atlantis stammen.
SPIEGEL: Konnten Sie diese Zeichen entziffern?
MÓRICZ: Wahrscheinlich kann man sie entziffern, aber ich war nicht lange dort.
SPIEGEL: Woher wissen Sie dann, daß -- wie Sie in Ihrer bei dem Notar Gustavo Falconi niedergelegten Erklärung behaupten -- auf diesen Folien eine "chronologische Aufzeichnung der Menschheitsgeschichte" enthalten ist?
MÓRICZ: Das hat mir mein Führer gesagt.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht wenigstens eine Folie als Beweisstück mitgebracht?
MÓRICZ: Das hätte den sicheren Tod bedeutet. Diejenigen, die diese Schätze bewachen, lassen nicht zu, daß man sie fortschleppt.
SPIEGEL: Sind es wilde Jivaro-Indianer?
MÓRICZ: Nein, es sind sehr gutartige Leute. Es ist ein Stamm, es sind Bélas.
SPIEGEL: Aber ein Indio-Stamm dieses Namens ist nicht bekannt.
MÓRICZ: Es sind höhere Wesen. Es sind weiße Indios mit hellen Augen, Wenn jemand bis zu ihnen vordringt, zwingen sie ihn, für immer dort zu bleiben.
SPIEGEL: Wie sind Sie wieder zurückgekommen?
MÓRICZ: Sie machen Ausnahmen.
SPIEGEL: Eine Expedition könnte das Geheimnis der Schätze lüften. Der Econ-Verlag hat angekündigt, daß er verschiedene Wissenschaftler in die Höhlen entsenden will.
MÓRICZ: Econ hat mir nie geschrieben. Nur Däniken hat angekündigt, daß er im März mit einem Filmteam und mit Wissenschaftlern zu einer Expedition herkommen will. Ob ich daran teilnehmen werde, hängt ganz von den Bedingungen ab. Es geht wirklich nicht an, daß man mit Lügen eine Diskussion entzündet und dann mit einer Expedition die Diskussion noch mehr anfacht, um immer weiter zu profitieren.

DER SPIEGEL 12/1973
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