19.03.1973

MEDIZIN

Bann gebrochen

Die Antibabypille hat sich durchgesetzt. Neun von zehn Ärzten verschreiben sie -- mitunter auch an Vierzehnjährige.

Nach Schweden und Neuseeland hält die Bundesrepublik die Spitze im Verbrauch von Antibabypillen. Jede dritte Frau im gebärfähigen Alter nimmt sie -- und die Manager der marktbeherrschenden Schering AG waren schon der Meinung, damit sei so "ziemlich das Maximum erreicht".

Doch das Bedürfnis nach Sicherheit im Verkehr scheint noch weiter anzuwachsen. Diese Prognose jedenfalls läßt sich aus Pillen-Studien herleiten, die ein Team von Kieler Sozialmedizinern um Professor Oskar Grüner vorgenommen hat.

2500 schleswig-holsteinische Schülerinnen und 500 Studentinnen waren befragt worden. Und zumindest in Norddeutschland ist demnach das moralische Verdikt gegen die Pille aufgehoben: Nur mehr vier Prozent der befragten Studentinnen berichteten von Widerständen im Elternhaus; 90 Prozent hatten jeweils schon beim ersten, die übrigen beim zweiten konsultierten Arzt das gewünschte Rezept erhalten.

Mit vierzehn fangen schleswig-holsteinische Schülerinnen schon vereinzelt (ein Prozent der Befragten) mit dem Pillen-Schutz an; bei den 16jährigen ist es dann schon jede fünfte, bei den 18jährigen fast jede zweite, die sich das Pillen-Päckchen neben den Spiegel hängt.

Noch höher über dem westdeutschen Frauen-Durchschnitt lag der Pillenkonsum der 19jährigen, soweit sie Real-, Ober- und Berufsschulen besuchten: 70 Prozent "Pillen-Mädchen" zählten die Kieler Sozialmediziner in dieser Gruppe. Und bei Studentinnen stieg der Anteil der Pillen-Benutzerinnen sogar auf mehr als 80 Prozent. Daß sich Klein- und Mittelstadtbewohnerinnen auch im Schulalter nur halb so pillenfreudig zeigen würden wie Mädchen aus Kiel und Lübeck. war zu erwarten. Als überraschend jedoch sahen die Kieler Wissenschaftler an, daß die aus eher bildungsschwachen Schichten stammenden Berufsschülerinnen im Durchschnitt mehr Ovulationshemmer gebrauchen als Gymnasiastinnen.

Dazu paßten die Angaben über den Beruf des Vaters. Zwar: "Landwirts"-Töchter im Schulalter nehmen die Pille kaum, Handwerker-Töchter hingegen überdurchschnittlich häufig. Vielen Arzt-Töchtern bleibt die Pille fremd. Und Töchter von Polizisten hielten den Rekord.


DER SPIEGEL 12/1973
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