16.04.1973

SEKTENEden auf Erden

Ein Mainzer Primaner, der es seit acht Wochen mit einer obskuren Sekte hält, steht nach Ansicht von Augenzeugen unter Hypnose: „Ein klarer Fall von Freiheitsberaubung.“
Spätabends noch packte Fachoberschüler Horst Schneider, 20, im rheinhessischen Bechtolsheim seine "Klamotten für eine Berlin-Fahrt der Schule" zusammen und verließ das Haus. Draußen, im Fiat 127, wartete eine Frau.
Statt nach Berlin zu fahren, steuerte der Oberprimaner mit der Dame im Fond das Städtchen Camberg im Taunus an. Nach vier Tagen kam er zurück und bat Mutter Christel um die Unterschrift für einen Reisepaß. Horst Schneiders Erklärung: "Ich will Entwicklungshelfer werden und habe eine Gruppe gefunden, die mir dabei behilflich ist."
Auch Schneiders Verlobte Claudia Kratz, 19, Sekretärin der Stenographen im Mainzer Landtag. setzte sich mit einer Ausrede ("Meine Freundin ist krank") in Richtung Taunus ab. Erwartet wurde das Paar auf einem von vier Hunden bewachten Bauernhof. wo der frühere Häusermakler Paul Werner, 46, ein gebürtiger Pommer aus Österreich, mit Ehefrau Christel den "Garten Eden auf Erden wiedererrichten" will.
Horst und Claudia fanden Aufnahme in einer 20köpfigen Kommune, die sich bei Haferschleim und Reisbrei, strikt nach Geschlechtern getrennt, unter Werners strengem Diktat dem Studium der "göttlichen Prinzipien" widmet.
Claudia mußte nach zwei Tagen wieder abreisen, weil sie -- so der Chef -- "für die Sache zu schwach ist und nicht gehorchen kann". Ihr Freund Horst blieb zurück -- gefangen im Netz einer Sekte, die den Südkoreaner San Myung Mun, 53, als "zweiten Messias" verehrt und nach Ansicht des Mainzer evangelischen Schulpfarrers Kurt Österle "mit hypnotischer bzw. telepathischer Beeinflussung" ihre (bis jetzt rund 600 deutschen) Anhänger wirbt.
Seit sieben Wochen bemühen sich Braut und Pastor, Anverwandte, Schule und Innenministerium in Mainz um die Rückkehr des Oberprimaners" der "offenbar unter Zwang steht" (Claudia Kratz). Für Schneiders Religionslehrer Österle, der den Schüler inzwischen noch zweimal in München und Berlin zu Gesicht bekam, freilich meist nur unter Aufsicht sprechen durfte, ist das "ein klarer Fall von Freiheitsberaubung".
Schneider, der sich inzwischen die Haare kurz scheren ließ und täglich in einer Gruppe auf Muns Wegen zur Vollkommenheit strebt, will bei der Sekte (offizieller Name: "Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums") hingegen sein "größtes Glück gefunden" haben. Dem "neuen Messias möchte er helfen, das "Stümperwerk von Christus jetzt endlich zu Ende zu führen". In Pfarrer, Braut und Mutter. die ihn "da rausholen" wollen, sieht er "den Satan".
Begonnen hatte der Kampf um die Primaner-Seele mit einer "Mitteilung. die Marielen Weier, 29. Sekretärin an der Mainzer Karmeliterschule. ans Schwarze Brett geheftet hatte: "Wer möchte als Missionar(in) nach den USA und in andere Länder der Welt reisen?" Im Auftrag der "Weltchristlichen" lud die Schreibdame, die sonst an der Schule nur wegen Löchern in ihren Strümpfen aufgefallen war, zu einem "Vorbereitungslehrgang" ein und erbat von Schülerinnen und Schüler "schriftliche Bewerbung mit Foto".
Am 19. Februar hatte die Missionarin in ihrer Wohnung zwei Interessenten zu Gast: Claudia und Horst, der am 2. Mai Abitur machen wollte. Um sein Verschwinden zu kaschieren, erzählte die Vorzimmerdame dem Klassenlehrer wider besseres Wissen. "die Mutter" habe Horst Schneiden "krank gemeldet": Anfang März fand sich an seinem Personalbogen in der Schülerkartei der mysteriöse Weier-Vermerk: "H. S. meldete sich von der Schule ab".
Marielen Weier, die seither von Mainzer Oberschülern bei ihren Missionsversuchen, auch auf der Straße. verfolgt und behindert wird (Flugblatt der SMV: "Achtung! Schüler vermißt!"), tippt bis zur Klärung ihrer Manipulationen nicht mehr im Schulsekretariat. sondern im städtischen Liegenschaftsamt die Post. Österle: "Zur Entlassung reicht es wohl nicht."
Andere Missionare der "Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums". die -- von Werner dirigiert -- in Campingwagen von Stadt zu Stadt reisen, sprechen junge Passanten meistens wie aufdringliche Werber einer Buchgemeinschaft an. Wenn es -- wie im Fall Schneider/Kratz -- zu einem Gespräch mit labilen Gottsuchern kommt, zitieren die "Boten der neuen Wahrheit" aus dem "Studienführer" der Gesellschaft (Titel: "Göttliche Prinzipien") und versprechen bei Bekehrung Übersinnliches: "Hellsichtigkeit" und "Trancezustand", das Hören "auserlesener himmlischer Musik" und Kontakt mit der "höchsten Region der geistigen Weit".
Weltchristen, die nach Makler Werners Fasson selig werden wollen, riechen "geistige Gerüche", spüren "geistiges Feuer"; sie können gar "automatisch in Fremdsprachen schreiben, die sie niemals gelernt haben" -- freilich nur dann, wenn sie getreu der fernöstlichen Lehre statt Vater und Mutter den Herrn Mun aus Seoul und seine ihm 1960 angetraute Gemahlin als "wahre Eltern" verehren.
Vertreten werden die Muns, die für Ende April angeblich Sightseeing bei den europäischen Jüngern geplant haben, einstweilen vom Ehepaar Werner, das allabendlich in weißen Gewändern der Anhängerschar kultische Handlungen vorführt. Ein Augenzeuge: "Das Bild vom Meister San Myung Mun und der Mutter hängt vorne und erfüllt den ganzen Raum. Während Paul und Christel (Werner) ihre Zeremonie haben, beten wir."
Genaueres über die Spätvorstellungen in dem Geheimbund konnten bislang auch Sektenforscher der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen nicht in Erfahrung bringen. Claudia Kratz weiß schon mehr: "Wer drei geistige Kinder gezeugt hat, das heißt, drei neue Mitglieder geworben hat, darf mit einem Partner ins Bett."
Bekannt ist indessen, daß Sektenschöpfer Mun dann und wann mit Gemahlin, Krone und golddurchwirktem Gewand Hunderten von Paaren bei Massenfeiern die Hochzeit spendet. Klar zu sein scheint, wer solche Gala-Feten (mit Wagnermusik) wie 1970 in Seoul oder Werners Wagenpark und Grundbesitz finanziert: "Jeder", so Claudia, "muß an die Werners Besitz und Einkommen abtreten -- bis zur Zahnbürste." Das Erzbischöfliche Ordinariat in Wien etwa registrierte nach Werner-Missionen in Österreich, "daß Eltern ... plötzlich vor Erbansprüchen standen, die Werner für seine Anhänger erhob".
Um das Glaubensziel zu erreichen, ist -- so Claudia Kratz -- "vierzig Tage Fasten vonnöten", "Schlafen im Schlafsack auf dem Fußboden" sowie tägliche Meditation mit milder Miene: "Ich mußte zum Beispiel alle Viertelstunde auf Kommando lachen, weil Paul Werner der Meinung war, ich würde mit meinem langen Gesicht die Atmosphäre stören."
Abrupt unterbrochen wurden die Exerzitien auf dem Bauernhof, als Mutter Schneider aus Bechtolsheim am Telephon war; Claudia hatte für alle Fälle daheim die Nummer hinterlegt. Christel Schneider drohte an der Strippe: "Ich hetze euch die Polizei auf den Hals, und wenn mich das tausend Mark kostet." Sekten-Oberst Werner, der schon des öfteren "schreckliche Kämpfe" um neugekeilte Glieder der Glau bensgruppe hatte ausfechten müssen, sah sein Werk wieder einmal "vom Satan" sabotiert: Horst Schneider wurde zur Sektendependance nach München verfrachtet.
Schulpfarrer Österle eilte seinem Schüler nach und versuchte ihn in Gegenwart eines "25- bis 30jährigen Mannes mit Vornamen Christoph" zu überreden, wenigstens vor Eintritt in Muns deutschem Kader noch das Abitur zu machen. Österle in einem Papier für die Staatsanwaltschaft: "Während dieser (ersten) Zeit des Gesprächs machte der Schüler auf mich einen völlig vernünftigen und einsichtigen Eindruck, und die Unterredung verlief in einer guten Atmosphäre."
Horst war zunächst bereit gewesen, heim nach Bechtolsheim zu fahren, erbat dann aber zwei Stunden Zeit, um "die Gruppe von meiner Entscheidung in Kenntnis zu setzen". Als die Frist vorbei war und der Pastor wiederkam, war "Herr Schneider nicht zu sprechen". Erst als Österle im Hausflur zu brüllen begann (Christoph: "Die Nachbarn, die Nachbarn") und mit der Polizei drohte, erreichte er eine neue Begegnung -- eine Stunde später. Diesmal war Schneider "völlig wesensverändert", "nicht mehr richtig ansprechbar" und "zitterte am ganzen Körper". Es sei sein "freier Entschluß", nicht heimzufahren: "Es ist mein Weg."
Als Mutter Schneider mit Bruder und Schwager später nach München kam, traf sie den Sohn nach dem Frühsport an der Isar auf dem Hof, von 15 Glaubensgenossen beschattet. "Jeder hat ihm was ins Ohr geflüstert", erinnert sich Christel Schneider, und Horstens Onkel fiel auf: "Der Christoph, oder wie er hieß, hat ihn mit den Augen gelenkt." Als der Onkel den Neffen am Arm packen wollte, fuhr ein Kleinbus vor, Horst sprang in den Wagen und verschwand.
Drei Wochen später schrieb der verlorene Sohn aus Berlin: "Habt Vertrauen und beendet dieses Treiben -- Ihr wärt auf jeden Fall die Leidtragenden der ganzen Geschichte."
Ende März, als Regionalfernsehen und Mainzer "Allgemeine" mit Pfarrer und Braut nach Berlin jetteten, um Schneiders vorerst letzten Entschluß zu protokollieren, gab es zwischen den Verlobten "eine Begegnung. die so erschütternd verlief" (Österle), daß Südwestfunk-Redakteur Felix Pauly sie später den Rheinland-Pfälzern nicht im Film zeigen mochte. Unverrichteterdinge flog die Abordnung zurück.
Jugendpfarrer Österle, der jetzt mit Eltern anderer verschwundener Kinder eine Interessengemeinschaft gegen die Mun-Sekte gründen will, plagt sich aber auch mit Zweifeln: "Eigentlich müßte man ja starke Leute einschleusen, um den Verein radikal von innen her aufzubrechen." Aber: "Ich würde bei mir selbst sogar eine Persönlichkeitsveränderung befürchten -- die haben eine Art zu überzeugen, die nicht zu erklären ist."

DER SPIEGEL 16/1973
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