16.04.1973

Adolf Hitler: „Aufriß über meine Person“

2. Fortsetzung
Professor Karl Alexander von Müller hatte seinen Vortrag gehalten, langsam leerte sich der Saal. Nur eine kleine Gruppe von Soldaten und Studenten blieb zurück, "festgebannt um einen Mann in ihrer Mitte, der mit einer seltsam gutturalen Stimme unaufhaltsam und mit wachsender Leidenschaft auf sie einsprach". wie sich Müller später erinnerte.
"Ich hatte", so erzählt Müller, "das sonderbare Gefühl, als ob ihre Erregung sein Werk wäre und zugleich wieder ihm selbst die Stimme gäbe." Der Professor zu einem Offizier: "Weißt du, daß du ein rednerisches Naturtalent unter deinen Ausbildern hast?"
Hauptmann Karl Mayr, Leiter der Abteilung Ib/P des Reichswehrgruppenkommandos 4, kannte den Redner: "Das ist der Hitler vom List-Regiment." Müller später: "Ich sah ein bleiches Gesicht unter einer unsoldatisch hereinhängenden Haarsträhne mit kurzgeschnittenem Schnurrbart und auffällig großen, hellblauen, fanatisch kalt aufglänzenden Augen."
Die Szene in der Münchner Universität im Sommer 1919 markierte den Beginn der Karriere des Redners Adolf Hitler, die ihn 14 Jahre später an die Spitze Deutschlands trug. Wie kaum ein anderer Redner seiner Zeit wußte Hitler
© 1973 Econ-Verlag, Düsseldorf.
Groll und Enttäuschung der heimkehrenden Weltkrieg-I-Soldaten zu artikulieren, ihren Frustrationen die rechten Feindbilder zu suggerieren.
Ihrer Jugend und Zuversicht beraubt, in den Materialschlachten des Krieges verbittert und mutlos geworden, ließen sich die Heimkehrer nur allzu willig einreden, daß die revolutionären "Novemberverbrecher", jüdischmarxistischen Weltverschwörer und rückgratlosen "Erfüllungspolitiker" die Generation der Frontsoldaten um die Früchte ihres Einsatzes gebracht hätten.
Satz um Satz schleuderte Hitler seine Parolen. Wahnbilder und Thesen in die von Niederlage und Revolution erhitzte Nachkriegsgesellschaft. Er fand eine wachsende Zuhörerschaft. erst unter einzelnen Soldaten, dann unter Offizieren, schließlich in den Bierlokalen des Münchner Kleinbürgertums.
"Während der Räteperiode auf der Konskriptionsliste stehend", so berichtet Hitler in seinem "kurzen Aufriß über meine Person", "wurde ich nach Niederschlagung der roten Herrschaft in die Untersuch(ungs-)Kommiss(ion) des 2. Inf. Reg. kommandiert u. von dort als Bildungsoffizier dem Schützenregiment 41 überwiesen"
Hitler fährt fort: "Ich hielt in diesem Regiment sowie in anderen Formationen nun zahlreiche Aufklärungsvortrage über den Wahnsinn der roten Blutdiktatur und konnte mit Freude erleben, daß aus den infolge der allgemeinen Reichswehrverminderung aus dieser ausscheidenden Heeresangehörigen die 1. Truppe meiner späteren Anhänger entstand. Im Juni 1919 schloß ich mich der damals 7 Mitglieder zählenden Deutschen Arbeiterpartei an, in der ich nun endlich auf politischem Gebiete die Bewegung gefunden zu haben glaubte, die meinem Ideal entsprach."
Dieses Selbstzeugnis entsprach freilich schon weitgehend der Legende, die der Parteiführer Hitler über sich zu verbreiten liebte: Er war nie Bildungsoffizier gewesen. er hatte sich auch nicht im Juni 1919 der Deutschen Arbeiter-Partei angeschlossen.
Dennoch konnte sich Hitler zu Recht darauf berufen, in der Truppe seine politische Karriere begonnen zu haben auf Befehl seiner Vorgesetzten. Sie waren schon früh auf Hitlers Talent aufmerksam geworden, konservative Vorstellungen zu multiplizieren.
Die Niederwerfung der Räteherrschaft durch Freikorps und reguläre Truppen im Mai 1919 hatte in Bayern ein politisches Vakuum hinterlassen, das die Militärs mit eigenen, dem monarchistischen Untertanenstaat entstammenden Ordnungs-Vorstellungen aufzufüllen versuchten. Für einige Wochen galt in Bayern nur, wer eine Uniform trug.
Die Offiziere, von den Sozialdemokraten halb bekämpft, von der rechtskatholischen Bayerischen Volkspartei halb unterstützt, beherrschten bis zur Rückkehr verfassungsmäßiger Zustände die bayrische Politik. Sie konnten sich auf die Sympathien des konservativen Bürgertums stützen, das noch immer unter dem Alpdruck der ebenso terroristischen wie dilettantischen Räteherrschaft litt.
Rund 50 Parteien, zahlreiche Stadtverwaltungen und auch Teile der Truppe gerieten in das Prisma militärischer Säuberungsfunktionäre. Sie erhielten ihre Orders von dem Hauptmann Karl Mayr, der in einem Büro des Bayerischen Kriegsministeriums in Münchens Schönfeldstraße saß und von seinen Vorgesetzten beauftragt war. "bedenkliche Tendenzen" zu bekämpfen, wo immer er sie antraf.
Um den Gegner aufzuspüren, hatte Mayr die Abteilung Ib/P geschaffen, die geheimdienstliche und propagandistische Aufgaben wahrnehmen sollte. Er richtete "Aufklärungskurse" ein, zu denen politisch zuverlässige Soldaten abgestellt wurden; die Kurse fanden in der Münchner Universität statt und wurden von Professoren und Publizisten abgehalten, die aus konservativer Sicht über tagespolitische und historische Fragen referierten.
Ende Mai ging Mayr. in dessen Händen ein wesentlicher Teil der vollziehenden Gewalt lag, dazu über, ein Netz von V-Männern zu schaffen, die in der Truppe den linken Gegner bekämpfen sollten. Anfang Juni trug Mayr einen neuen Mann in seine VM-Liste ein:
Eine Meldung veranlaßte Mayr, den V-Mann Hitler an einer ideologisch besonders gefährdeten Stelle einzusetzen. Am 19. Juli meldete Hauptmann Lauterbach, Leiter eines Werbebüros der Reichswehr, die Soldaten im Lager Lechfeld seien "bereits bolschewistisch und spartakistisch verseucht"; schnelle Abhilfe tue not, denn er habe "Gesichter gesehen, die mir aus der Rätezeit in München unliebsam in Erinnerung geblieben sind".
Hitlers Gönner endete im KZ Buchenwald.
Sofort stellte Mayr ein Aufklärungskommando unter dem Infanteristen Rudolf Beyschlag auf, dem auch Hitler zugeteilt wurde. Am 19. August trafen die Aufklärer im Lager ein und eröffneten ihre Offensive gegen die revolutionär "verseuchten" Soldaten.
In Hitler hatte Mayr seinen besten Agitator gefunden. Der Führer des Wachkommandos Lechfeld, Oberleutnant Bendt, hob die rhetorische Begabung Hitlers hervor: "Vorzüglich ergänzt wurde er (Beyschlag) durch den Gefr. Hitler der 2. JR Abwicklungsstelle, der einzelne Punkte aus den verschiedenen Vorträgen herausgriff und in äußerst temperamentvoller, leicht faßlicher Art sie den Leuten klarmachte."
Auch die anderen V-Männer bewunderten Hitlers Fähigkeiten. Der Krankenträger Lorenz Frank erkannte: "Besonders Herr Hitler ist, ich darf wohl sagen, ein geborener Volksredner, der durch seinen Fanatismus und sein populäres Auftreten in einer Versammlung die Zuhörer unbedingt zur Aufmerksamkeit und zum Mitdenken zwingt."
Zum erstenmal erlebte Adolf Hitler den Rausch der Rhetorik, erfuhr er, daß seine Redegabe ihm Macht über andere Menschen verlieh. Was er später inmitten schier rasender Menschenmengen sogenannter Großkundgebungen praktizierte -- im Lager Lechfeld begriff er bereits, daß Beifall ihn zu einem anderen, zu einem erfolgreicheren Menschen machte.
Chef-Aufklärer Mayr zog Hitler immer enger an sich, der Gefreite durfte sich bald als politischer Berater des Hauptmanns fühlen. Am 10. September 1919 schrieb Mayr an den Gefreiten: Sehr geehrter Herr Hitler!
Anbei eine Abschrift eines Briefes. Da ich derzeit sehr in Anspruch genommen bin, wenn Sie mir 1-2 Seiten lange Ausführung zu den Fragepunkten (mit Ihrer Unterschrift und Briefadresse) zur Verfügung stellen könnten, ich behalte mir vor, im Anschluß an Ihre Zeilen noch die Fragen wegen der "Regierungssozialdemokratie" zu beantworten. Ihre Ausführungen über die Ansiedlungsfrage habe ich erhalten; das Gru. Kdo. behält sich vor, u. U. diesen dienstl. Bericht gekürzt oder ungekürzt in geeigneter Weise in die Presse zu lancieren.
Besten Gruß M.
Die beiliegende Briefkopie stammte von einem Mann namens Adolf Gemlich, der von Mayr wissen wollte, wie die deutsche Sozialdemokratie zum Antisemitismus stehe. Am 16. September antwortete Hitler: zum erstenmal formulierte er einen Teil jener antijüdischen Wahnideen, die -- ab 1921 völlig pervertiert -- bald zum Kernpunkt seines politischen Programms wurden. Hitler schrieb:
Der Antisemitismus als politische Bewegung darf nicht und kann nicht bestimmt werden durch Momente des Gefühle, sondern durch die Erkenntnis von Tatsachen. Tatsachen aber sind:
Zunächst ist das Judentum unbedingt Rasse und nicht Religionsgenossenschaft. Und der Jude selbst bezeichnet sich nie als jüdischen Deutschen, jüdischen Amerikaner, sondern stets als deutschen, polnischen oder amerikanischen Juden. Noch nie hat der Jude von fremden Völkern, in deren Mitte er lebt, viel mehr angenommen als die Sprache.
Durch tausendjährige Inzucht, häufig vorgenommen in engstem Kreise, hat der Jude im allgemeinen seine Rasse und ihre Eigenart schärfer bewahrt, als zahlreiche Völker, unter denen er lebt. Und damit ergibt sich die Tatsache, daß zwischen uns eine nichtdeutsche, fremde Rasse lebt, nicht gewillt und auch nicht im Stande, ihre Rasseneigenarten zu opfern, ihr eigenes Fühlen, Denken und Streben zu verleugnen, und die dennoch politisch alle Rechte besitzt wie wir selber. Bewegt sich schon das Gefühl des Juden im rein Materiellen, so noch mehr sein Denken und Streben.
Er zerstört den Charakter des Fürsten durch byzantinische Schmeichelei, den nationalen Stolz, die Kraft eines Volkes, durch Spott und schamloses Erziehen zum Laster. Seine Macht ist die Macht des Geldes, das sich in Form des Zinses in seinen Händen mühe- und endlos vermehrt, und den Völkern jenes gefährlichste Joch aufzwingt, daß sie seines anfänglichen goldigen Schimmers wegen so schwer in seinen späteren traurigen Folgen zu erkennen vermögen.
Und daraus ergibt sich folgendes: Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden In der Form von Pogromen. Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muß führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden, die er nur zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt (Fremdengesetzgebung). Sein letztes Ziel aber muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein. Hitlers Gönner nahm die makabre Rassenphilosophie seines V-Mannes mit Beifall auf. "Ich kann", schrieb Mayr an Gemlich, "den sehr klaren Ausführungen nur durchaus beipflichten -- mit einer Ausnahme, und das ist das von Herrn Hitler ebenfalls berührte Zinsproblem." Dennoch: "Ich bin mit dem Herrn Hitler durchaus der Anschauung. daß das, was man Regierungssozialdemokratie heißt, vollständig an der Kette der Judenheit liegt."
Mayr konnte nicht ahnen, daß er in der Todesstunde der Weimarer Republik zu eben jener Sozialdemokratie überschwenken und 1945 als Demokrat in einem Konzentrationslager (Buchenwald) seines einstigen Günstlings enden würde.
1919 aber vertraute er Hitler so stark, daß er ihn auch zur Ausforschung und Beobachtung politischer Parteien verwendete. Am Abend des 12. September 1919 setzte er Hitler nach dem "Sterneckerbräu" in Marsch, in dessen "Leiber-Zimmer" eine kleine Partei tagte, die Hitlers weiteren Weg bestimmen sollte: die "Deutsche Arbeiter-Partei" (DAP).
46 Menschen versammelten sich im Leiber-Zimmer, als Hitler in Zivil erschien und sich als "Gefreiter" in eine ausgelegte Anwesenheitsliste eintrug. Gelangweilt, so erzählt er in "Mein Kampf", sei er der Rede des DAP-Redners Gottfried Feder gefolgt, den er Ende Juni auf einem Aufklärungskurs kennengelernt hatte.
Hitler blieb nur, weil ihn die angesetzte Diskussion interessierte. Als dabei jedoch ein Professor namens Baumann die Trennung Bayerns vom Reich und eine Union zwischen Bayern und Österreich forderte, rührte "sich Hitler. "Da konnte ich denn nicht anders", berichtet er, "als mich zum Wort zu melden und dem "gelahrten" Herrn meine Meinung über diesen Punkt zu sagen."
Als er nach seinem Diskussionsbeitrag, der die meisten Teilnehmer stumm werden und den Professor bestürzt "flüchten" ließ aus dem Saal ging. folgte ihm der von solcher Redegewandtheit beeindruckte Erste Vorsitzende der DAP, Anton Drexler. Er überreichte Hitler ein Exemplar seiner Broschüre "Mein politisches Erwachen", die Hitler in der Kaserne las für anspruchslos hielt, inhaltlich jedoch akzeptierte.
Das Kapital der Partei: Sieben Mark und 50 Pfennig.
Einige Tage später schrieb ihm der Parteiausschuß der DAP auf einer Postkarte, daß am 16. September im Gasthaus "Altes Rosenbad" in der Herrnstraße 48 eine Sitzung stattfinden werde, zu der ihn der Vorstand einlade; er, Hitler, sei überdies bereits "in die Deutsche Arbeiter-Partei aufgenommen" worden.
Hitler wurde neugierig und besuchte die Sitzung. Er fand "ein sehr ärmliches Lokal, in das sich nur alle heiligen Zeiten jemand zu verirren schien". wie er in "Mein Kampf" erzählt. "Ich ging durch das schlecht beleuchtete Gastzimmer, in dem kein Mensch saß, suchte die Tür zum Nebenraum, und hatte dann die "Tagung' vor mir. Im Zwielicht einer halb demolierten Gaslampe saßen an einem Tisch vier junge Menschen, darunter auch der Verfasser der kleinen Broschüre, der mich sofort auf das freudigste begrüßte und als neues Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei willkommen hieß."
Das letzte Sitzungsprotokoll und drei Briefantworten wurden verlesen, drei Briefeingänge registriert und der Kassenbericht gegeben. Einziges Kapital der Partei: sieben Mark und 50 Pfennig, einige Leitsätze und ein "ersichtlich guter Glaube und guter Wille" (Hitler). Es gab kein Programm, keine Flugschriften, nicht einmal Mitgliedskarten. Hitler: "Eine Vereinsmeierei allerärgster Art."
Dennoch empfand Hitler sofort, daß er als Politiker nur in einer neuen, noch unbedeutenden Partei etwas werden konnte. Er entschied sich, die Mitgliedschaft in der Partei zu akzeptieren. Später formulierte er: "Es war der entscheidendste Entschluß meines Lebens. Ein Zurück konnte und durfte es nicht mehr geben. So meldete ich mich als Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei an und erhielt einen provisorischen Mitgliedschein mit der Nummer: sieben."
Das freilich ist eine Lüge, die früh schon zum Hitler-Kult der späteren NSDAP gehörte. Hitler war zwar das siebente Mitglied des Arbeitsausschusses der DAP, hatte jedoch als 55. Mitglied der Partei die Mitgliedsnummer 555, da die Mitgliedsnummern erst mit der Ziffer 501 begannen. Gleichwohl verstand es die Nummer 555, sich rasch Respekt und Gehör zu verschaffen.
Mit Ehrgeiz und einem schier unwiderstehlichen Elan drängte Hitler die DAP zu Aktionen und bewog die Parteigenossen zu kühneren Propagandamethoden. Unermüdlich war er dabei, die Partei in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Auf der Dienst-Schreibmaschine seines Regiments schrieb er Einladungen zu DAP-Versammlungen, warf sie in Briefkästen oder überreichte sie Straßenpassanten.
Kein Mittel ließ er unversucht, sich -- und die Partei -- ins Rampenlicht zu setzen. Mit aller Macht stürzte sich Hitler in das Labyrinth jener rechtsradikal-antisemitischen Parteien, Gruppen und Cliquen, die in Bayern den Aufstand gegen Republik und Demokratie übten.
Die DAP, eine der zahlreichen skurrilen Vereinigungen der radikalen Rechtsfront in Bayern, war ein Produkt der ultrakonservativen Durchhalte-Bewegung, die am Ende des Ersten Weltkrieges alle Bemühungen um einen Abbruch des Kampfes gegen die Alliierten befehdet hatte. Zu ihnen gehörte auch der Eisenbahnschlosser Drexler, Werkzeugausgeber in den Münchner Eisenbahnwerkstätten, der im März 1918 mit Kollegen einen "Freien Arbeiterausschuß für einen guten Frieden" gründete.
Drexlers 40-Mann-Verein geriet rasch unter den Einfluß der "Thule-Gesellschaft", einer nationalistischen Tarnorganisation, die rechtsextreme Gruppierungen in Bayern unterstützte und subventionierte. Ihr bayrischer Führer Sebottendorff hatte erkannt, daß der Nationalismus eines neuen Feindbildes bedurfte. Er hatte eines: das Bild des häßlichen Juden. "Jetzt wollen wir Sagen", proklamierte er, "daß der Jude der Todfeind ist, von heute ab werden wir handeln."
Und er handelte: Er ließ den Sportjournalisten Karl Harrer Kontakt zu Drexler aufnehmen, der sich bereit erklärte, sich für die Thule-Ziele zu engagieren. Harrer und andere Thule-Männer, zu denen auch Drexler stieß, schlossen sich zu einer Art Loge, dem "Politischen Arbeiterzirkel", zusammen, der die Gründung einer Massenorganisation vorbereiten sollte: die Deutsche Arbeiter-Partei.
Am 5. Januar 1919 in dem Münchner Lokal "Fürstenfelder Hof" gegründet, eiferte die DAP gegen Bolschewisten, Juden und Demokraten. Den Kurs der Partei bestimmten die Thule-Männer aus dem Hintergrund -- über einen "nationalsozialistischen deutschen Arbeiterverein", als dessen Reichsvorsitzender Harrer figurierte.
"Wir stehen zur Verfügung nach Deinem Willen."
Doch die obskuren Ordensvorstellungen der Thule-Gesellschaft, die sich als eine Geheimloge germanischer Edelmenschen verstand, störten den Tatendrang des DAP-Neulings Hitler. Er hatte keine Lust, ein gesteuerter Exponent der Thule-Männer zu werden, er hatte höhere Pläne. Unverdrossen versuchte er, durch Mund- und Zettelpropaganda auf die Versammlungen der Partei aufmerksam zu machen.
Die Zahl der Versammlungsbesucher stieg langsam "von elf auf dreizehn, endlich auf siebzehn, auf dreiundzwanzig, auf vierunddreißig" (Hitler). Schließlich gelang es ihm, die Parteileitung für eine Annonce im Thule-Blatt "Völkischer Beobachter" zu gewinnen und die Münchner auf eine Kundgebung im Hofbräuhauskeller am 16. Oktober 1919 hinzuweisen.
111 Personen erschienen, Hitler hielt zum erstenmal auf einer politischen Versammlung eine Rede. "Ich sprach dreißig Minuten, und was ich früher, ohne es irgendwie zu wissen, einfach innerlich gefühlt hatte", so schreibt er, "wurde nun durch die Wirklichkeit bewiesen: ich konnte reden!" Bald flossen reichlichere Spenden in die Parteikasse, Ende Dezember 1919 konnte die DAP bereits auf Betreiben Hitlers eine "Hauptgeschäftsstelle" einrichten.
Immer mehr Münchner lockte es. den auf Straßen bereits bekannten Redner Hitler kennenzulernen. Die Mitgliederzahl der Partei wuchs. Nicht nur Arbeiter und Handwerker kamen, jetzt meldeten sich auch Soldaten. Männer, die noch im Wehrdienst standen, durften zwar offiziell den politischen Parteien nicht beitreten; aber die Soldaten gehörten zu den festen Anhängern, auf die Hitler zählen konnte. In ihren Kreisen grassierte zum erstenmal jener Hitler-Kult, der später ein ganzes Volk anstecken sollte. Typisch war dafür ein Brief, den ein Regimentskamerad Hitlers verfaßte: Mein lieber Kriegskamerad Hitler!
Vom Herzen wünsche ich Dir Glück, Heil und Sieg. Dein Kriegsalbum wird sicher noch Erinnerungen aufnehmen können und in dieser Voraussetzung, daß Dir die beigelegenen Aufnahmen Freude bereiten, lege ich selbe bei. Mein lieber Hitler, wer Gelegenheit hatte, Dich seit der Gründung der Bewegung bis heute zu verfolgen, kann sich einer Verehrung Deiner Person nicht verschließen. Du hast geleistet, was wohl kein zweiter deutsche Mann hätte leisten können und wir Frontkameraden stehen zur Verfügung nach Deinem Willen. So denken tausend und übertausende von Männern. Mit den herzlichsten Grüßen und in Verehrung
Dein Kriegskamerad Wackerl
Auch Angehörige gehobener Berufe interessierten sich für die DAP, seit Hitler auf deren Versammlungen sprach. Immer deutlicher wurde, daß der DAP-Propagandist Hitler zu den kommenden Männern der Partei gehörte. Sein demagogisches Naturtalent gab ihm in der Partei ein Gewicht. das er bald in die Waagschale warf.
Thule-Mann Harrer versuchte vergebens, Hitler zu stoppen. Er und Drexler hatten mit ihrem Anhang von Handwerkern, Arbeitern und kleinen Geschäftsleuten, zusammengehalten durch das diffuse Zukunftsbild einer nationalen Volksgemeinschaft, gegenüber den meist soldatischen Anhängern Hitlers längst an Bedeutung verloren. Ab Dezember 1919 war Hitler entschlossen. Harrer auszuschalten.
Augenblicklich legte Hitler eine "Geschäftsordnung" vor, die klar darauf angelegt war, die alte DAP-Führung zu beseitigen:
Die Ziele der Partei sind so groß gesteckte, daß sie nur durch eine ebenso straff als zweckmäßig anpassungsfähige Organisation zu erreichen sind. Der Ausschuß als Kopf dieser Organisation und Leiter der gesamten Bewegung überhaupt kann nur dann mit Aussicht auf Erfolg arbeiten, wenn ihm eine gewisse Autorität verliehen ist, einerseits fußend im Bewußtsein des zustimmenden Vertrauens von seiten der großen Menge der Parteiangehörigen, andererseits des Vertrauens der Ausschußmitglieder gegenseitig untereinander. Das Erste bedingt die Wahl sämtlicher Mitglieder des Ausschusses einschließlich seiner Vorsitzenden durch die Parteiangehörigen in öffentlicher Versammlung. Das Zweite schließt jede Form einer Bevormundung einer Ober- oder Nebenregierung, sei es als Zirkel oder Loge, ein für allemal aus. Harrer verstand Hitlers Kampfansage und schied im Januar 1920 aus der Partei aus. Auch Drexler konnte sich gegenüber Hitler nicht mehr lange halten, obwohl er niemals die Partei verließ: Im Juli 1921 setzte Hitler eine Neuwahl des Ausschusses durch und erzwang seine Ernennung zum Ersten Vorsitzenden der Partei, die sich seit Februar 1920 "Nationalsozialistische Arbeiter-Partei" (NSDAP) nannte.
Hitler hatte erhalten, was er forderte. Er war Parteichef. mit diktatorischer Machtbefugnis, die NSDAP sein Werkzeug. Seit einem Jahr aus dem Dienst der Armee ausgeschieden, hatte ei sein Leben nun einzig der Politik verschrieben. Kurz darauf legten ihm seine treuesten Jünger den Titel zu, der später einem ganzen Volk widerspruchslose Verehrung und absoluten Gehorsam abverlangte: "Der Führer".
Unter seiner Leitung wurde die Partei zu einer Potenz in der bayrischen Politik. Sie wuchs bis 1923 auf 55 000 Mitglieder an, sie weitete sich auf ganz Bayern aus, ihre paramilitärischen Einheiten, die Sturmabteilungen (SA), schlossen eine lockere Allianz mit anderen nationalistischen Wehrverbänden. In kurzer Zeit wurde der NS-Führer zur heimlichen Hoffnung der extremen Rechten.
Mancher Politiker aus dem nationalen Lager suchte Kontakt zu Hitler. Brief eines einflußreichen Redakteurs der "Münchener Neuesten Nachrichten" vom 5. Juni 1923 an Hitler: "Großadmiral von Tirpitz trifft morgen früh hier ein. Wollen Sie morgen Nachmittag 4h zum Thee zu uns kommen?" Und der rechtsliberale Politiker Friedrich Freiherr von Bissing schwärmte am 24. April 1923: Verehrter Herr Hitler!
Was ich 1918/19 hoffte, durch die Münchner Nationalliberalen zu erreichen, was Stresemann mir dann unmöglich gemacht hat, das haben Sie auf anderer Basis glücklich durchgeführt. Als ich erkannt habe, daß Ihr Weg der erfolgreichere und in diesem Fall bessere war, habe ich mich Ihnen angeschlossen. Unter Ihrem Zeichen wird Deutschland leben oder es ist dem Untergange geweiht. Möchte Ihr Tag bald kommen, ehe es zu spät ist! In herzlicher Verehrung bin ich
Ihr Fr. W. Freiherr von Bissing Ein so zielstrebiger Aufstieg verführte später die Biographen, schon in dem Hitler der frühen zwanziger Jahre all jene Zwangsvorstellungen und Wahnideen zu vermuten, die ab 1933 mit voller Wucht Deutschland in den inhumansten Staat europäischer Geschichte verwandelten. Die meisten von ihnen sehen immer noch eine zwangsläufig vorausschaubare Linie von dem V-Mann der Armee zu dem Anstifter des Zweiten Weltkrieges. Ihre Quelle: der Publizist Hitler.
"Ein Mann, der den Herrn Hitler einen Affen hieß."
Hitler selber hat stets behauptet, mit einem festgefügten Programm 1919 die politische Bühne betreten zu haben. "Wien war und blieb für mich die Schule meines Lebens", schrieb er in "Mein Kampf". "Ich erhielt in ihr die Grundlagen für eine Weltanschauung im großen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur noch im einzelnen zu ergänzen brauchte, die mich aber nie mehr verließ."
Die Historiker folgten dieser Darstellung Hitlers, weil sie kaum über Material verfügten, das ihnen die Auffassungen des NS-Führers hätte entschlüsseln können. Unbekannt blieb vor allem lange Zeit, welche Thesen Hitler damals auf seinen Versammlungen vertreten hatte.
Als einzige Unterlagen boten sich die Berichte von Hauptmann Mayrs V-Männern an, die über Hitlers Reden auf oft wunderliche Weise referierten. Am 10. Dezember 1919 notierte ein V-Mann: "Die Versammlung war von Civil und Militär, sowie von Leuten je. den Standes und jeder Partei besucht." Meldung vom 15. Mai 1920: "Es waren meist Leute vom Mittelstand. Die wenigen Arbeiter, welche anwesend waren, schimpften über die Ausführungen des Redners." Ein anderer V-Mann am 28. August 1920: "Der Saal war sehr voll. Ein Mann, der den Herrn Hitler einen Affen hieß, wurde mit aller Gemütsruhe hinausbefördert."
Jetzt weiß der Historiker genauer, was Hitler damals gesprochen und gedacht hat. Hitlers aufgefundene Redeentwürfe und Notizen aus den Jahren zwischen 1920 und 1923 zeigen ihn eher in der Rolle des konventionellen Rechten.
Tatsächlich war der Mann, der es meisterhaft verstand, die Aggressionen und Ängste der deutschen Nachkriegs-Gesellschaft auszubeuten und die Wunschbilder eines geistig-seelisch desorientierten Mittelstandes zu politisieren, ohne ein konkretes Programm erschienen. Was er Weltanschauung nannte, war nur ein Schwamm, der alles aufsog, was Hitlers jeweilige Umwelt dachte und fühlte.
Sein Elternhaus, einige seiner Lehrer, theoretische Studien in Linz, Wien und München, die Auseinandersetzungen mit dem bunten Haufen von pensionierten Offizieren und Beamten, Kaufleuten und Abenteurern im Wiener Männerheim, Erfahrungen als Frontsoldat und V-Mann der Armee -- das waren die Quellen seiner "Weltanschauung". Vor allem aber beeinflußte ihn, was er sich in jahrelangem Selbststudium angelesen hatte.
Weder von den Biographen noch von Hitler selbst ist -- von einigen Ausnahmen abgesehen zu erfahren, was er zeitlebens gelesen hat. So erwähnt er in "Mein Kampf" beispielsweise als Kinderlektüre lediglich einige Bücher militärischen Inhalts und eine Volksausgabe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. An Zeitungen, die ihn nach der Schulentlassung beeindruckten oder interessierten, nennt er die österreichische "Neue Freie Presse". das "Wiener Tageblatt" und das "Deutsche Volksblatt".
Daß er sich in Wien die ersten antisemitischen Schriften gekauft und sich dort mit dem Judentum auseinanderzusetzen begonnen habe, ist eine recht pauschale Mitteilung Hitlers. Auffallend ist freilich, daß sein politisches Schlagwortrepertoire oft die Ausdrucksweise des österreichischen "Alldeutschen Tageblattes" widerspiegelt.
Hitlers Jugendfreund August Kubizek berichtete, daß sein Freund "ungeheuer viel" gelesen habe. Er nannte einige Autoren: Frank Wedekind, Otto Ernst, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Stifter, Schiller, Lessing, Peter Rosegger.
Judenfeindliche Wahnideen seit der Schulzeit in Linz.
1919 bis 1921 las er sich durch die umfangreiche antisemitisch ausgerichtete "nationalsozialistische Bibliothek" seines Münchner Parteifreundes Dr. Friedrich Krohn. In seinem "Aufriß über meine Person" formulierte er: "Von 20 bis 24 hatte ich mich mehr und mehr mit politischen Dingen beschäftigt, weniger durch Besuch von Versammlungen als vielmehr durch gründliches Studium volkswirtschaftlicher Lehren, so wie der damals zur Verfügung stehenden gesamten antisemitischen Literatur. Seit meinem 22. Jahr warf ich mich mit besonderem Feuereifer über militärpolitische Schriften und unterließ die ganzen Jahre niemals. mich in sehr eindringlicher Weise mit der allgemeinen Weltgeschichte zu beschäftigen."
Was er sich nicht zusammenlas, übernahm Hitler von Freunden und Weggenossen. Der Einfluß des Schriftstellers Dietrich Eckart auf Hitlers geistige und gesellschaftliche Entwicklung ist nicht zu übersehen. Auch von Gottfried Feder lernte er, wie er freimütig gestand.
Nicht zugegeben hat Hitler dagegen, daß der Historiker Karl Alexander von Müller, dessen "Schüler" er 1919 kurzfristig war, seine Geschichtsvorstellung und seine sprachlichen Formulierungen beeinflußte. Für beide "wurzelten" sowohl die Bildung als auch die Menschen und Dynastien im "völkisch" bestellten "Volksboden", der Substanz, die alles speise.
Die oft gewollt "unliterarische" und betont bayrisch-volkstümliche Sprache Müllers kopierte Hitler bei seinen Vorträgen vor Soldaten und in seinen Reden vor bayrischen Versammlungsbesuchern. Müllers Vorliebe für Wörter, die in bestimmten Zusammenhängen programmatische Bedeutung hatten, findet sich bei Hitler ebenso wieder wie die gern gebrauchten Wendungen "bodenständig", "überzeugt", "leidenschaftlich". "gesund" und "zersetzend". So war der junge Parteipolitiker Hitler ein sensibel reflektierendes Organ der antidemokratischen und antisemitischen Vorurteile, die nach 1918 große Teile des deutschen Bürgertums beherrschten. Er haßte die Juden, die Sozialdemokraten, die Gewerkschaften und den Parlamentarismus. Er huldigte dem Gewalt- und Germanenkult der Zeit und unterschied sich darin kaum von völkischen und nationalistischen Politikern.
Noch fehlte ihm die spezifisch nationalsozialistische Doktrin der späteren Jahre, noch hielt er sich weitgehend an das traditionelle Konzept der deutschen und österreichischen Alldeutschen, deren Begriffsreservoir ihm seit der Linzer Schulzeit vertraut war. "2 Menschenarten: Schaffende und Drohnen."
Selbst sein Antisemitismus, bis 1924 allein tragendes Element seiner Weltanschauung, war noch lückenhaft und noch nicht hitlerisch im späteren Sinne. So fehlte in seinem Juden-Schreiben von 1919, der ersten programmatischen Erklärung des Politikers Hitler, der typische NS-Jargon:
Die Republik in Deutschland verdankt ihre Geburt nicht dem einheitlichen nationalen Willen unseres Volkes, sondern der schlauen Verwertung einer Reihe von Umständen, die zusammengefaßt sich n tiefer allgemeiner Unzufriedenheit äußerten. Diese Umstände jedoch waren unabhängig von der Staatsform und sind auch heute noch wirksam. Ja mehr noch als früher. So erkennt denn auch schon ein großer Teil unseres Volkes, daß nicht die geänderte Staatsform als solche unsere Lage zu ändern und zu bessern vermag, sondern nur eine Wiedergeburt der sittlichen und geistigen Kräfte der Nation. Und diese Wiedergeburt wird nicht in die Wege geleitet durch eine Staatsführung unverantwortlicher Majoritäten unter dem Einfluß bestimmter Parteidogmen" einer unverantwortlichen Presse, durch Phrasen und Schlagwörter internationaler Prägung, sondern nur durch rücksichtslosen Einsatz nationalgesinnter Führerpersönlichkeiten mit innerlichem Verantwortungsgefühl.
Welche Grundsätze diese nationale "Wiedergeburt" bestimmen sollten, skizzierte Hitler in einem Entwurf für eine "Monumentale Menschheitsgeschichte", den er kurz danach niederschrieb. Er notierte sich: "Die Natur ist unerbittlich gerade, das heißt: Sieg des Stärkeren. weil ihm infolge seiner Kraft oder seines Willens mehr Rechte auf Sieg zukommen."
Bezeichnend für diese Notizen ist, daß Hitler -- im Gegensatz zu seinen späteren Äußerungen in "Mein Kampf" -- auffällig oft auf die Bibel verweist. In seinem Entwurf für diese "erste Völkergeschichte unter (Zugrundelegung des) Rassengesetzes" zwingt er die Menschheit in ein dialektisch kraß schwarz-weiß malendes Schema, das nur "2 Menschenarten" kennt: "Schaffende und Drohnen", "Erbauer und Zerstörer", "Gotteskinder und Menschenkinder".
Hitler war zu der Zeit überzeugt, daß der "wissende Mensch", also der Mensch, der die Gesetze der Natur kenne, die Geschichte in seinem Sinne souverän beeinflussen könne. Zwei Jahrzehnte später bekannte er dagegen: "Tatsache ist, daß wir willenlose Geschöpfe sind, daß es eine schöpferische Kraft gibt. Das leugnen zu wollen, ist Dummheit."
1920 waren ihm solche Überlegungen völlig fremd. Da formulierte er noch: "Geschichte machen Menschen. Der geniale, die Natur erkennende Mensch stellt sein Handeln in den Rahmen des (Natur-)Gesetzes." Seine Überzeugung. daß die Humanitätsvorstellungen der "zum Wissen aufgepäppelten" und daher lebensuntüchtigen "Gebildeten" fälschlich einen Begriff kultivierten, der nach seiner Auffassung dem Naturgesetz zuwiderlief, hat er dagegen weder in "Mein Kampf" noch später revidiert. In seinem Entwurf steht: "Natur ist niemals grausam. Grausamkeit ist Freude an zwecklosem Leid."
Hitlers Kritik an den Rechtsparteien.
Auch alle anderen Notizen Hitlers aus jener Zeit offenbaren, daß er von den traditionellen Denkkategorien völkischer Gruppen noch nicht abwich. Er propagierte die Rückkehr der inzwischen verlorenen Kolonien zu Deutschland und fand verständnisvolle Worte für Rußland. Sein ganzer Haß und Hohn galt der Republik und ihren "Erfüllungspolitikern".
Das las sich auf seinen Stichworte-Zetteln so: "Nach was beurteilt man Bundesgenossen. Wer kommt für Deutschland allein in Betracht? Rußland. Warum? Deutschland industriell (interessiert), Rußland agrarisch. Hinderniß: Rußland wird zu groß." über den kommunistischen "Aufruhr in Mitteldeutschland" 1920: "Rußland hatte daran kein Interesse. Nur die internationale Börse, die Diktatorin von Rußland."
Andere Notizen spiegeln Hitlers politischen Erlöserglauben schon in dieser Zeit. wider: "Errettung durch das Parlament unmöglich. Änderung der Grundlagen. Das Programm einer neuen Bewegung: die D.A.P. Minorität nicht Majorität macht Weltgeschichte. Nicht Mehrheit erlöst Deutschland. Nicht Juden-Diktatur sondern Diktatur des Genies. Heute stehen wir hier als Apostel. Eine neue Zeit wollen wir schaffen."
Um sich selbst als "Apostel" innerhalb der nationalen Erweckungsbewegung zu profilieren, mußte er sich durch Kritik an den Rechtsparteien von den Konkurrenten absetzen. Auch da ideologisch unsicher, warf er ihnen vor, zwar die "Zustände von heute" zu kritisieren, jedoch "alles von früher" zu loben, "alle Schuld auf nur einer Seite" zu sehen, ohne "eiserne Logik" zu sein und nicht "auf den Grund zu gehen".
Die Rechtsparteien, so schalt er, unterschieden "nie zwischen Ursache und Wirkung"; sie wüßten beispielsweise nicht, ob die Revolution von 1918 "Ursache alles Unglücks oder Folgeerscheinung zahlreicher früherer Fehler" sei. Hitler: "Die deutsche Geschichte der ganzen letzten 30 Jahre zeigt bei den leitenden Personen äußerlich einen Mangel an."
Das waren freilich Vorstellungen, die auch andere Nationalisten im damaligen Deutschland verfochten. Nur in einem Punkt hob sich die NSDAP schon früh von ihren rechten Konkurrenten deutlich ab: in der Haltung zum Antisemitismus. Hitler war es gelungen, die Judenfeindschaft zum nahezu ausschließlichen Kapital seiner jungen Bewegung zu machen.
Zwar verharrte er bis 1921 noch im Rahmen des traditionellen Antisemitismus, aber er formulierte bereits radikaler als die anderen Judengegner. Aus einer seiner Redenotizen: "Der Jude bringt die Demokratie und erdrückt damit die Vernunft. Letztes Ziel aber ist Beherrschung der Völker. Daher: Der Jude als Blutegel muß ausgerottet werden."
Raffiniert verstand Hitler es, die Mißstimmung und die Existenzangst vieler Deutscher auf wenige und einprägsame Ursachen zurückzuführen, die er wiederum als Folgen der angeblich unheilvollen Existenz des Judentums deutete. Als Rede-Stichworte notierte er sich: "Entwicklung in Deutschland, Elend in Deutschland, der Jude ist schuld.
Die angeblich "unerhörte Verschärfung der Klassengegensätze" sah er ebenso als Frucht jüdischer Machenschaften wie die vermeintliche Sonderstellung der Juden. Hitler "Klassenausdrücke (dienen) zur letzten Zerreissung des eigenen Volkes. Und warum das alles? Es hat sich im Staat ein neuer Staat gebildet: der Jude."
Immer radikaler wurden Hitlers programmatische Thesen. Auf einem Notizzettel steht: "Gibt es heut antisemitische Parteien? Nein. Höchstens vor den Wahlen. Und warum nicht? Keine Konsequenz. Keine Ahnung von dem ungeheuren Ernst dieser Frage. Unsere Partei ist gewillt. die Frage zu lösen Deutsche zu uns, Juden aus Deutschland hinaus."
Dennoch blieben seine judenhetzerischen Parolen zunächst noch immer dem gleichsam "bürgerlichen" (im Gegensatz zum biologisch-rassistischen) Antisemitismus verhaftet. Erst Ende 1921 begann er, seine judenfeindlichen Vorstellungen grundsätzlich von den rechtskonservativen Dogmen abzusetzen. In der Zelle von Landsberg formulierte er dann endgültig, was Hitler später die "neue Lehre" nannte.
Davor lag die Zäsur seiner politischen Karriere: der Putsch des 9. November 1923. Er hatte geglaubt, Bayerns Rechtsparteien zum Schlag gegen das rote Berlin provozieren zu können, doch die Bundesgenossen hatten ihn bei dem Marsch auf die Münchener Feldherrnhalle im Stich gelassen.
Bayerns partikularistisch-monarchistischer Regierungschef, der Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr, und der Landeskommandant der Reichswehr in Bayern, Generalmajor Lossow, hatten sich derartig mit der Regierung in Berlin überworfen, daß jeden Augenblick Bayern vom Reich abfallen konnte. In Bayern rüstete sich alles, was seit Jahren der Demokratie und dem Fortschritt Todfeindschaft geschworen hatte, zum entscheidenden Schlag. Schon berief Kahr für den Abend des 8. November eine Honoratioren-Versammlung in den Münchner "Bürgerbräukeller". da beschloß Hitler, einen eigenen Putsch zu wagen.
Er wähnte, Kahr wolle die Unabhängigkeit Bayerns proklamieren. Hitler aber war entschlossen, die bayrischen Partikularisten zu einer Flucht nach vorn zu zwingen: zum Marsch nach Berlin, zur Beseitigung der "November-Republik". Hastig alarmierte Hitler seine völkischen Verbündeten, die er für seinen Plan gewann; auch der ehemalige Erste Generalquartiermeister Erich Ludendorff, Haupt aller völkischen Illusionisten, wurde eiligst verständigt.
"Nicht schießen! Ludendorff und Hitler kommen.
Dann war es soweit: Hitler zog einen schwarzen Gehrock an, heftete darauf das Eiserne Kreuz Erster Klasse und drang um 20.45 Uhr mit seinen Gefolgsleuten in den überfüllten Bürgerbräukeller. Er zog eine Pistole hervor, schoß in die Luft. Dann sprang er auf einen Tisch. Hitler schrie: "Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von 600 Schwerbewaffneten besetzt, niemand darf den Saal verlassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt, eine provisorische Reichsregierung wird gebildet."
Kahr und Lossow ließen den Besessenen gewähren und erklärten sich bereit, mit Hitler gemeinsame Sache zu machen. Doch am nächsten Tag alarmierten sie ihre Truppen und sagten sich von Hitler wieder los. Als Hitler in den Mittagsstunden des 9. November mit seinen Gefolgsleuten und Verbündeten in Achterreihen durch die schmale Residenzstraße marschierten, um eine von Kahrs Einheiten eingeschlossene SA-Gruppe zu befreien, stieß er am Odeonsplatz auf etwa 100 Mann Landespolizei, die -- auf den Stufen der Feldherrnhalle postiert -- den Zug stoppten.
Als die Putschisten dennoch weitermarschieren wollten, schob sich eine zweite Einheit von Landespolizisten dazwischen. Hitler und Ludendorff schritten bleich voran. Der Nationalsozialist Ulrich Graf sprang vor die Gewehrmündungen der Polizisten und rief: "Nicht schießen! Exzellenz Ludendorff und Hitler kommen."
Da krachten die Salven der Polizisten. 16 Nationalsozialisten und drei Polizisten kamen bei dem Feuerwechsel ums Leben, nahezu alle Führer der NSDAP wurden verhaftet. Adolf Hitler stand vor den Trümmern seiner Bewegung. In der Landsberger Zelle brachte er seine Enttäuschung über die Rechten und Bürgerlichen zu Papier: Unter dem Titel "Mein Kampf" erschien, was er in Briefen an Freunde seine Rechtfertigungsschrift nannte.
Hitler zürnte: "Überhaupt habe ich schon immer wieder vor jenen deutschvölkischen Wanderscholaren warnen müssen, deren positive Leistung immer gleich Null ist, deren Einbildung aber kaum übertroffen zu werden vermag. Die junge Bewegung mußte und muß sich vor einem Zustrom an Menschen hüten, deren einzige Empfehlung zumeist in ihrer Erklärung liegt, daß sie schon dreißig oder gar vierzig Jahre lang für die gleiche Idee gekämpft hätten."
Von den Juden sprach er jetzt in einer Weise, wie es ein deutscher Politiker noch nie zuvor getan hatte. In "Mein Kampf" charakterisiert er sie als "Bazillenträger"" "Vampir", "Spaltpilz der Menschheit". Der Jude "ist und bleibt", hieß es dort, "der typische Parasit, ein Schmarotzer. der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtschaftsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab."
Auch in anderer Hinsicht wichen seine Darstellungen in "Mein Kampf" von den Auffassungen ab, die Hitler bis 1923 propagiert hatte. So spielten jetzt neben der antisemitischen Grundhaltung der Krieg und die Forderung nach der Gewinnung fremden Landes die entscheidende Rolle in Hitlers Denken.
Ein Vergleich zwischen "Mein Kampf" und den Redenotizen 19211923 offenbart, wie Hitlers Weltanschauung immer radikaler geworden war. Bis 1923 forderte Hitler die "Schaffung eines sozialen Staates" und die "Lösung der Judenfrage". Wenn er den Krieg behandelte, beschwor er seine Folgen nur herauf, um "den Juden" vorwerfen zu können, während des Ersten Weltkrieges das Volk durch Teuerungen zielstrebig ausgehungert und um seine Substanz für den Kampf ums Dasein gebracht zu haben.
Zunächst sollten die Juden "nur' in ihrer beruflichen und finanziellen Bewegungsfreiheit behindert, aus Deutschland ausgewiesen und in bestimmten Fällen als "Wucherer", "Schieber" oder "Rädelsführer" mit dem Tode bestraft werden. In Landsberg aber kam er zu der Überzeugung, daß die gewaltsame Erweiterung des Lebensraumes ohne gleichzeitige konsequente Ausrottung auch der Juden im Reich und in den eroberten Territorien nicht zu den erwünschten Erfolgen führen könne.
Hitlers Traum vom deutschen Imperialstaat.
Wie unfertig und lückenhaft bis 1924 Hitlers Weltanschauung gewesen war, zeigen auch seine Notizen für eine Rede über "Arbeiter und Friedensverträge". Hitler fragt, ob eine "Vermehrung des Volkes" zugleich auch eine "Vermehrung des Bodens" nach sich ziehe, und antwortet mit "Nein". Ebenso lehnt er die Möglichkeit einer "ewigen Steigerung des Bodenerträgnisses" ab und sieht als Alternativ-Lösung zur Bewältigung dieser Probleme nur die Kolonisation, den Welthandel oder die Auswanderung.
Seit der Arbeit an "Mein Kampf aber wies er das Verlangen nach einer "Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914" ab. Er bezeichnete nun die von ihm zuvor selbst verfochtene Forderung als anachronistischen Unsinn und "Verbrechen"; die Wiederherstellung der Grenzen von 1914 einschließlich der Kolonien sei ein Betteln um Almosen, das Deutschland unter gar keinen Umständen als außenpolitisches Endziel akzeptieren dürfe.
Ihm schwebte seitdem nicht mehr ein souveräner deutscher Staat mit "politischer Macht" und Welthandelskapazitäten vor, sondern ein Imperialstaat. der große Landflächen in einem geschlossenen Territorium beherrscht. Wie überwältigend und radikal die neue Vision auf ihn gewirkt haben muß, bestätigt nicht zuletzt die Tatsache, daß er prophezeite, Deutschland oder Rußland, Verlierer des Ersten Weltkriegs. sei dazu berufen, die neue Weltmacht zu werden.
Aber noch saß Adolf Hitler in der Landsberger Zelle, hinter sich die Trümmer einer zudem zerstrittenen Bewegung, Er begann mühsam, einen neuen Weg vorzubereiten, der ihn in die Berliner Reichskanzlei bringen sollte.
Im nächsten Heft
Festungshaft in Landsberg: Hitler verzichtet auf die Parteiführung -- Er zieht sich an den Obersalzberg zurück -- Der Selbstmord der Hitler-Geliebten Geli Raubal
Von Werner Maser

DER SPIEGEL 16/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 16/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Adolf Hitler: „Aufriß über meine Person“

Video 01:28

Erster Weltkrieg Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt

  • Video "Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt" Video 01:28
    Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite" Video 00:43
    Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite
  • Video "Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit völliger Zerstörung" Video 01:32
    Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit "völliger Zerstörung"
  • Video "Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan Maria bedroht Karibikinseln" Video 00:59
    Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan "Maria" bedroht Karibikinseln
  • Video "#1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 01:35
    #1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf" Video 01:24
    Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf
  • Video "Das Tote Meer Chinas: Salzsee färbt sich grell pink" Video 00:00
    Das "Tote Meer Chinas": Salzsee färbt sich grell pink
  • Video "Militärmanöver Sapad: Das Misstrauen ist sehr groß" Video 02:31
    Militärmanöver "Sapad": "Das Misstrauen ist sehr groß"
  • Video "Dokumentation über Flüchtlingskrise: Unfassbar, was da draußen stattfindet!" Video 02:30
    Dokumentation über Flüchtlingskrise: "Unfassbar, was da draußen stattfindet!"
  • Video "Europäer über die Bundestagswahl: Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister" Video 01:38
    Europäer über die Bundestagswahl: "Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister"
  • Video "Radikalisierung der AfD: Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur" Video 05:04
    Radikalisierung der AfD: "Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur"
  • Video "Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe" Video 01:58
    Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe
  • Video "Rapper trifft Familienministerin: N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln" Video 31:45
    Rapper trifft Familienministerin: "N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln"
  • Video "Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest" Video 01:02
    Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest
  • Video "Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt" Video 01:25
    Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt