12.03.1973

„Bekennt, daß ihr anders seid“

In dieser Woche berät ein Bundestagsausschuß über die weitere Liberalisierung des Paragraphen 175: Das Schutzalter soll von 21 auf 18 Jahre gesenkt werden. Bisher jedoch haben alle Strafrechtsreformen nicht vermocht, die Homosexuellen aus ihrer gesellschaftlichen Ächtung zu befreien. Als das Deutsche Fernsehen Rosa von Praunheims Homosexuellen-Film ausstrahlte, rebellierten die Zuschauer. Protest-Tenor laut WDR: „Die Homos sollen in der Ecke bleiben.“ Aufschluß über Herkunft und Verhalten der Homosexuellen gibt eine neue wissenschaftliche Untersuchung -- der SPIEGEL wertete sie aus.
Sie sind lustig im ausverkauften Theater: Weißondulierte Matronen juchzen, ihren Begleitern tränen die Augen. Daneben packt einen hübschen Jungen die Heiterkeit; er knufft seinen Nebenmann, genauso hübsch und ebenso parfümiert. Und, weiter in der Reihe, Eheleute in den besten Jahren. Sie kreischt, er zögert noch, dann wiehert er auch.
So lustig macht der Homosexuellen-Schwank "Bitte nicht stören!", der vor vollen Häusern in Berlin, Hannover, Stuttgart, Hamburg, München und Frankfurt läuft.
Am lustigsten wird es stets, wenn der Hauptdarsteller an die Rampe tritt und ins Publikum hinein überlegt: "Also jeder sechste soll ja so sein. Das wären dann in dieser Reihe da vorn schon mindestens drei."
Doch wie viele Männer in der Bundesrepublik tatsächlich "so" sind, weiß in Wirklichkeit niemand. Schätzungen schwanken zwischen 200 000 und zweieinhalb Millionen. Gewiß ist nur, daß sie eine tolerierte bis verachtete Minderheit sind, über die gelacht werden darf.
Auch unter den Theater-Zuschauern sitzen sie und lachen. Sie lachen immer mit, wenn und weil die anderen lachen. Sie tun immer das, was andere tun, hier und überall, heute wie zu jeder Zeit. Die Anpassung ist zum Zwang geworden, unter dem sie leiden -- mehr als sie unter dem Gesetz gelitten haben, als es ihnen noch Strafe androhte.
Seit Jahren bemüht sich der Sonderausschuß des Bundestages für die Strafrechtsreform um eine noch weitergehende Liberalisierung des Paragraphen 175. Das sogenannte Schutzalter soll von 21 auf 18 Jahre gesenkt, die Straffreiheit auf Strichjungen ausgedehnt werden. An diesem Mittwoch wird der Ausschuß über die Neuformulierung des Paragraphen-Textes beraten.
Aber weit mehr als die langjährige Strafreform-Debatte beschäftigte in den letzten Wochen eine Sendung des Deutschen Fernsehens die Homosexuellen. Mitte Januar hatte das Erste Programm (außer Bayern) spät nachts den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" ausgestrahlt. Der Berliner Jung-Filmer und Namens-Transvestit Rosa von Praunheim (bürgerlich: Holger Mischwitzky), 30, hatte das Werk "als Schwulen-Schocker" angelegt -- mit Erfolg.
Nicht nur fast alle Homosexuellen, auch die meisten anderen TV-Zuschauer waren schockiert -- trotz einer anschließenden Marathondiskussion zwischen Homosexuellen, Gelehrten, Politikern und Journalisten. Das militante Auftreten des sich betont ideologisch gebenden kleineren Teils der Minderheit verschreckte die Bürger nur noch mehr.
Noch während der Sendung waren die WDR-Telephone blockiert. 95 Prozent aller Anrufer beschwerten sich. Klage-Tenor laut WDR-Pressestelle: "Die Homos sollen in der Ecke bleiben und gefälligst nicht herauskommen."
Seither sind jene, die "anders rum" oder "schwul" genannt werden, anderen und sogar sich selbst als Gruppe noch rätselhafter geworden. Noch nie gelang es, ein halbwegs zutreffendes Bild von diesem Teil der Gesellschaft zu zeichnen.
Die Wissenschaft widmete sich bislang nur zwei Gruppen von Homosexuellen: die einen saßen im Gefängnis, die Namen der anderen steckten in der Patienten-Kartei des Psychiaters. Mithin trugen nur jene zu empirischen Untersuchungen bei, die polizeilich oder medizinisch irgendwie aufgefallen waren. Von diesem Bruchteil zog die Mitwelt ihre Rückschlüsse auf den Rest, also auf die Mehrheit der Homosexuellen, die weder selber geklagt noch anderen Grund zur Klage gegeben hatten.
Jetzt liegen die Daten einer neuen Untersuchung vor. Sie ist die größte und differenzierteste, die es bislang gegeben hat.
Im Auftrage des Hamburger Instituts für Sexualforschung stellten die Soziologen Martin Dannecker, 30, und Reimut Reiche, 31, (beide Frankfurt) einen Katalog von 170 weitgefächerten Fragen auf. 131 Kontaktpersonen verteilten an Homosexuelle jeglichen Alters und Berufs 1623 Fragebogen; davon konnten 789 ausgewertet werden -- ein höherer Anteil als bei vergleichbaren Umfragen in der Intimsphäre.
Trotzdem ist es ein Mangel der Untersuchung. daß etwa die Hälfte derer, die einen Fragebogen erhielten, ihn nicht ausfüllten. Auch das System der Auswahl war nicht ideal, weil die Kontaktpersonen die Fragebogen nach einer Art Schneeballsystem unter Homosexuellen ihres Bekanntenkreises verteilten und die in der Demoskopie üblichen Verfahren nicht angewendet werden konnten. Eine der Folgen ist, daß Studenten -- ohnehin eher zu Auskünften über dieses Tabu-Thema bereit zahlreicher vertreten sind, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht.
"Im strengen Sinne". sagen denn auch Dannecker und Reiche, "ist unsere Untersuchung nicht repräsentativ, denn die Gesamtzahl der Homosexuellen ist keine bekannte Größe. Aber sie glauben, daß die von ihnen entdeckten Trends "auch durch eine sogenannte repräsentative Untersuchung nur unwesentlich korrigiert" würden.
Gleichwohl ist die Untersuchung nach Ansicht des Hamburger Sexualforschers Dr. Gunter Schmidt "die bislang zuverlässigste und wissenschaftlich wichtigste Arbeit auf diesem Gebiet in Europa".
Die beiden Frankfurter machten sich bereits früh einen Namen. freilich auf verschiedene Weise. Reiche. der von 1966 bis 1967 zum Vorstand des SDS gehörte, schrieb ein Buch über "Sexualität und Klassenkampf". Dannecker, selbst homosexuell, ist bemüht, die
* Links: "Bitte nicht stören im Hebbel-Theater; rechts: gesendet ins Januar 1972 in der ARD-Dokumentation "Fragen an Homosexuelle und an uns Selbst".
gleichgeschlechtlichen Männer zum Kampf für ihre Befreiung zu gewinnen. Ihn irritiert nicht, daß sich die meisten seinen Thesen widersetzten. Dannecker: "Wer lächelt denn schon, wenn er aus dem Schlaf gerissen wird"
Nur eine winzige Minderheit innerhalb der Homo-Minderheit unter den Deutschen engagiert sich für die öffentlichen Auftritte. Die Mehrheit hält sich weiterhin zurück und verbirgt ihr Anderssein soweit wie möglich, oft sogar vor Eltern und Geschwistern.
Was noch vor einem Jahr fast undenkbar schien. erlebten die Bürger mehrerer Großstädte in den letzten Monaten. Homosexuelle demonstrierten für ihre Forderungen. Doch einstweilen sind es noch wenige, und die wenigen wissen nicht recht, was sie eigentlich wollen, aber sie wollen es mit Entschiedenheit.
Wie Dannecker ist vor allem auch Rosa von Praunheim bestrebt, die Homosexuellen zu mobilisieren: "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!" Der hübsche Homosexuelle wurde Cineasten durch verschiedene Kurzfilme bekannt: "Rosa Arbeiter auf Goldener Straße", "Schwestern der Revolution" und "Die Bettwurst". Sein Homo-Film läuft bereits seit 1971 in Privatvorstellungen für Homos und wurde gegen den verzweifelten Widerstand der eher bürgerlichen Homosexuellen-Verbände im Vorjahr zunächst nur vom Dritten Programm des WDR gesendet: 65 Minuten lang sahen die Homosexuellen sich selber als eine Horde von papageien- und pavianhaften Gestalten. Sie hörten sich Schwülstiges mit affektierten und hohen Stimmen reden.
Mit dieser Darstellung einer zur Karikatur verfremdeten "Welt der Schwulen" (Praunheim) wollte der Regisseur "die Homosexuellen aufrufen, ihre unmäßige Angst zu überwinden und selbst für ihre Rechte zu kämpfen".
Doch seine Parolen ("Bekennt euch zu eurem Anderssein, seid stolz auf eure Homosexualität!") zündeten nicht. Wo immer auch Praunheim den Film unter seinesgleichen vorführte, hatte er viele oder die meisten gegen sich.
Mit einjähriger Verspätung setzte dann auch das ARD-Fernsehen außer den Bayern das ganze Bundesvolk ins Bild. In der danach gesendeten Diskussion aber zerredeten Dannecker, Praunheim und ihr Anhang ("Wir Schwulen und unsere beschissene Situation") die Probleme vollends. Beschwerden über Diffamierung und Diskriminierung wucherten in uferloses Polit-Geschwafel aus.
Wie die Selbstbefreiung der Homosexuellen zu erreichen sei, hatte der Hamburger Sexologe Gunter Schmidt den Homo-Wortführern bereits vor ihrem TV-Auftritt eingeschärft: "Klagen und Betteln helfen wenig. Erforderlich sind gesellschaftliche und politische Aktionen, notwendig sind Provokation und Agitation ... Gerade denen, die es nicht hören wollen, müssen sie ins Gesicht sagen, daß sie schwul sind. "Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht."
So demonstrierten im vergangenen Jahr zwei Hundertschaften Homosexueller aus allen Teilen der Bundesrepublik in Münster, um das einjährige Bestehen der ortsansässigen "Studentischen Arbeitsgruppe Homosexualität" zu begehen. Doch die überwiegend linken Gäste trugen zum Entsetzen ihrer Gastgeber und der Bürger Parolen vor sich her, die in der Bischofsstadt ungewohnt wirkten: "Nieder mit dem Kapitalismus!", "Schwulsein macht Spaß" und "Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht".
Nach dem Umzug wieder unter sich. machte die aus Frankfurt angereiste "Rote Zelle Schwul -- Rotzschwul" durch linkes Gerede und elitäres Gehabe die Gemeinsamkeit fragwürdig. Und vier Wochen später, als wiederum -- diesmal in West-Berlin -- rund 150 Homo-Aktive aus vielen Bundesländern über "unsere beschissene Situation" palaverten, war die Einigkeit vollends dahin. Fünf Münsteraner, von Rotzschwul infiziert, gründeten eine eigene "Schwule Aktion Münster". Und auch als es Ende des Jahres in Bochum gelang. zum erstenmal eine Dachorganisation der Homosexuellen-Verbände zu gründen, der sich linke und rechte Aktionsgruppen anschlossen, blieb das Münsteraner Schwulen-Aktiv dem sogenannten Koordinationsgremium fern.
Vielen Linken und Rechten in studentischen Aktionsgruppen ist außer "unserem Sosein" eigentlich nur noch gemein, daß sie Danneckers Fragebogen ausgefüllt haben.
Gefragt wurde unter anderem nach dem Alter beim ersten Sexualkontakt mit einem Mann (Ergebnis: durchschnittlich 16,4 Jahre), nach der Zahl der Sexualpartner (durchschnittlich .14 in den letzten zwölf Monaten, durchschnittlich 97 insgesamt), ob er seinem Freund schon einmal gesagt habe, daß er ihn liebe (83 Prozent: ja, ob er jemals verheiratet war oder
noch ist (zehn Prozent: ja) und ob er sich für religiös halte (64 Prozent: nein).
Die Antworten bestätigten manche landläufige Ansicht wie etwa die, daß Homosexuelle mehr Geld für Frisur und Garderobe ausgeben als andere Männer. Sie widerlegten andererseits manche weitverbreitete Vermutung wie die, die meisten Homosexuellen stammten aus vaterlosen Familien. In Wirklichkeit sind 70 Prozent der Befragten in sogenannten "vollständigen Familien" aufgewachsen.
Die Untersuchung förderte aber auch Widersprüche zutage, die sich für den Unkundigen kaum erklären lassen:
* Fast alle halten zwar ihre Homosexualität nicht für eine Krankheit, aber mindestens ein Drittel würde seine Homosexualität kurieren lassen, wenn es ginge.
* Fast alle begreifen sich selber als Angehörige einer verfemten Minderheit, aber sie entwickeln keine Solidarität untereinander. 75 Prozent lehnen die effeminierten Typen. die sogenannten Tunten, voller Haß und Angst ab.
Und die Umfrage ergab schließlich, daß Homosexuelle wesentlich erfolgreicher aus den unteren Sozialschichten nach oben drängen als ihre "normalen" Kollegen.
Bislang war dieser Aufwärts-Trend weder vermutet noch belegt worden. So zählte der Hamburger Psychiatrie-Dozent Klaus Dörner, der vor acht Jahren "Homosexualität und Mittelschicht" untersucht hatte, unter seinen Probanden nur drei Prozent Facharbeiter und schloß daraus auf eine "gewisse Homosexualitätsresistenz namentlich der Facharbeiter".
"Diese Vermutung", so behaupten jetzt Dannecker und Reiche, "ist nach unseren Ergebnissen keineswegs aufrechtzuerhalten." Denn: 13 Prozent der von ihnen Befragten hatten eine Facharbeiterlehre absolviert. Aber zur Zeit der Befragung waren nur noch drei Prozent als Facharbeiter tätig.
Jeder fünfte Homosexuelle hat zwei Berufe gelernt.
Ein weiteres Indiz für den Aufstieg in die Mittelschicht: 33 Prozent der Väter gehörten den unteren Schichten an. Von den Söhnen aber hatten zur Zeit der Befragung nur noch elf Prozent eine vergleichbare Position inne.
Das Überwechseln vom Schraubstock zum Schreibtisch haben sich viele Homosexuelle freilich durch doppeltes Lernen erkaufen müssen: Mehr als 20 Prozent der Befragten haben mindestens zwei Berufsausbildungen hinter sich.
Diese Aufwärts-Mobilität, im Vergleich zur übrigen Bevölkerung "vielleicht sogar beispiellos", läßt sich nach Ansicht der Autoren "aus nichts erklären als aus der Diskriminierung, die die Homosexuellen in der Bundesrepublik erfahren".
Mit anderen Worten: Nicht die Erziehung in den Mittelschichten bringt Homosexuelle hervor; die Homosexuellen sind in der Arbeiterschaft vermutlich nicht minder zahlreich als in anderen Schichten. Aber sie werden gezwungen, in etwas geschütztere Positionen aufzusteigen und sich um Whitecollar-Jobs zu bemühen, wo die Kollegen sie nicht so rüde wie in Werkhallen verspotten, verachten und verfolgen.
Mithin arriviert der Homosexuelle keineswegs durch höhere Intelligenz (die er nicht besitzt), wohl aber durch jene Angestellten-Tugenden, die in einer leistungsorientierten Gesellschaft hoch im Kurs stehen und die sich zwangsläufig bei ihm weitaus stärker als bei anderen entwickeln müssen.
Ihm hat eine mitleidlose Mitwelt schon von frühauf beigebracht, daß er nie sein wahres Gesicht zeigen darf, wenn er nicht überhaupt sein Gesicht verlieren will. Er hat gelernt, leistungsbereit, beweglich, wachsam und anstellig zu sein. Dannecker und Reiche im Kommentar zu ihrer Untersuchung: "Der Homosexuelle ist extrem gut angepaßt im Sinne gesellschaftlicher Normalität. Er funktioniert."
Zum idealen Angestellten machen den Homosexuellen besonders zwei Tugenden, die er mehr als andere entwickelt hat:
* Er kann sich wechselnden Situationen und Meinungen geschickt anpassen. Da er immer schauspielern muß, beherrscht er das ganze Repertoire von Verhaltensweisen, Sprüchen und Gesten, die im Kundendienst verlangt werden -- sei er nun Produktmanager, Verkaufs-Ingenieur, Steward, Verkäufer in einer Boutique oder Reisebüro-Angestellter.
* Er ist immer einsatzfähig, da er keine Familie hat. Weil er häufig die Partner wechselt, empfindet er Reisen als angenehm.
Dieser Aufstiegs-Zwang hat freilich noch eine weitere Ursache: Freunde, Sex-Partner und Kommunikation mit Gleichgesinnten findet der Homosexuelle fast nur in der homosexuellen Subkultur. Und dort gelten Arbeiter noch weniger als in der übrigen bundesdeutschen Gesellschaft.
Dannecker und Reiche definieren als diese Subkultur "alle Orte, an denen sich Homosexuelle nicht nur zufällig treffen, seien sie nun öffentlich zugänglich oder nicht".
Lokale oder Klubs, in denen sich ausschließlich Homosexuelle aufhalten, gibt es in jeder deutschen Stadt; und fast alle Homosexuellen kennen sie ebenso wie die anderen Anlaufpunkte der Subkultur, wo Gleichgesinnte darauf rechnen können, einen Partner zu finden: Bahnhöfe, Bedürfnisanstalten ("Klappen") und umliegende Parks aber auch manche Saunas.
Nur hier fühlen sich Homosexuelle nicht gezwungen, die Rolle des Heterosexuellen zu spielen. Nur hier dürfen sie sicher vor Repressionen sein. Nur hier ist jedermann für jeden Mann ein potentieller Sexualpartner.
Wie ausschließlich die Homosexuellen in der Freizeit auf ihre Subkultur angewiesen sind, verdeutlichen die Antworten auf die Frage nach der Häufigkeit des Besuchs von Homo-Lokalen innerhalb der letzten zwölf Monate: 42 Prozent der Befragten kehrten dort fünfmal pro Monat bis täglich ein. Jüngere fühlen sich in diesen Klubs und Gaststätten erheblich wohler als Ältere. Über die Hälfte der Befragten verbringt einen großen oder sogar den größten Teil der Freizeit mit homosexuellen Freunden.
Die Zahl der Partner, mit denen sie intime Beziehungen hatten, bestätigt, daß Homosexuelle besonders zur Promiskuität neigen. Es hatten im Laufe ihres Lebens von den 789 Befragten Intimkontakte:
* 38 mit einem bis fünf Partnern,
* 44 mit sechs bis zehn Partnern,
* 74 mit elf bis 20 Partnern,
* 174 mit 21 bis 50 Partnern,
* 116 mit 51 bis 100 Partnern,
* 138 mit 101 bis 300 Partnern,
* 84 mit 301 bis 600 Partnern,
* 53 mit 601 bis 1000 Partnern,
* 65 mit mehr als 1000 Partnern.
In der Gruppe derjenigen, die schon mehr als tausend Partner hatten, befindet sich nach Ansicht von Dannecker und Reiche "zweifellos ein großer Anteil von zwanghaft promisken Homosexuellen,
Strafgesetzliche Bestimmungen "ohne erkennbaren Sinn".
Weniger die Zahl der Partner als vielmehr die Art der Intimkontakte ist seit langem ein weithin erörtertes Thema, in Stammtisch-Runden ebenso wie in Homosexuellen-Zirkeln und in wissenschaftlichen Instituten. Nur acht, höchstens 14 Prozent der Homosexuellen, so heißt es, neigten zum Analverkehr. Eine Minderheit in der Minderheit also, derentwegen man -- so ein Homosexuellen-Argument -- die übrigen nicht scheel anzusehen brauche.
Selbst in psychiatrischen Lehrbüchern tauchen die acht bis 14 Prozent auf, und niemand weiß, woher diese magische Zahl eigentlich stammt.
In Wirklichkeit dominiert auch unter denen, die sich Homophile nennen, diese unisono weggelogene Verkehrsform, 64 Prozent aller Befragten praktizieren mindestens manchmal aktiven und 52 Prozent mindestens manchmal passiven Analverkehr.
Früher galt er als ein todeswürdiges Verbrechen, und noch heute ist er der Auslöser für Ekel, Widerwillen, Haß oder Angst bei der Masse der Heterosexuellen: Die jeweiligen Sanktionen gegen den Analverkehr ließen sich jahrhundertelang leicht verhängen und verwirklichen, weil die Ächtung der Homosexualität eines der dauerhaftesten Vermächtnisse des alten Judentums und des frühen Christentums ist.
Jahrhundertelang blieb das Strafrecht des Abendlandes auf Kirchenkurs. Unter Berufung auf die Bibel erließ Kaiser Justinian in den Jahren 538 und 544 zwei Gesetze, in denen gleichgeschlechtliche Unzucht unter Männern mit Enthauptung bedroht wurde. Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein stand bei allen Völkern mit kodifiziertem Recht auf homosexuelle Akte die Todesstrafe -- in vielerlei Varianten jeweiliger Zeitläufe wie Rädern, Vierteilen, Pfählen, Augenausstechen, Ertränken und Verbrennen
Erst nach der Aufklärung gab es statt Schafott erst Kerker und dann Gefängnis. Dabei blieb es, zumindest nach dem Buchstaben des bundesdeutschen Strafgesetzes, bis in die jüngste Vergangenheit hinein.
Die sogenannte Modifizierung des Paragraphen 175, die in der deutschen Justiz sieben Jahrzehnte hindurch erörtert, aber nie erledigt wurde, kam 1969 nur als Kompromiß zustande. Eile schien geboten, weil in Europa fast nur noch die Bundesrepublik die Homosexualität unter Männern bestraft.
Daher ist auch der jetzt geltende Paragraph 175 mit allen aus Kompromiß und Eile gezeugten Mängeln behaftet: Nunmehr ist zwar nicht mehr strafbar, wenn Männer über 21 Jahren miteinander "Unzucht treiben" (was immer das auch bedeuten mag), aber dafür werden Heranwachsende mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bedroht: "Ein Mann über 18 Jahre, der mit einem anderen Mann unter 21 Jahren Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt."
"Ohne erkennbaren Sinn" erscheint dem renommierten Strafgesetzbuch-Kommentar von Schönke-Schröder diese Bestimmung. Die Kommentatoren (und nicht nur sie) fragen sich, "warum die Homosexualität unter Jugendlichen zwischen 18 und 21 Jahren schlechthin unter Strafe stehen soll ..., da der über 18 Jahre alte Täter ja nach den ausgesprochenen Absichten des Gesetzgebers selbst zum geschützten Personenkreis gehört".
Schließlich: "Warum die Homosexualität zwischen Siebzehnjährigen straflos, zwischen Achtzehnjährigen für beide strafbar und zwischen Einundzwanzigjährigen wieder straflos sein soll, dürfte kriminalpolitisch kaum begründet werden können." So ist es.
Daß in der Bundesrepublik das Schutzalter von 21 Jahren auf 18 Jahre gesenkt wird, ist im Strafrechts-Sonderausschuß schon so gut wie sicher.
Strittig zwischen Koalition und Opposition ist im wesentlichen nur noch die Frage, ob Strichjungen weiterhin bestraft werden sollen. Die Opposition ist -- noch -- dafür. Die SPD will "den Strichjungen gestrichen wissen" (Ausschuß-Mitglied Hans de With) -- mithin seiner Kollegin, der Prostituierten, gleichstellen. Ausschuß-Vorsitzender Adolf Müller-Emmert (SPD) hofft gleichwohl, daß der neue Paragraph 175 noch vor der Osterpause vom Bundestag verabschiedet wird.
Demgegenüber meint der Frankfurter Rechts-Professor Friedrich Geerds, daß man "im Grunde den ganzen Paragraphen 175 abschaffen könnte". Denn qualifizierte Tatbestände dieses Paragraphen.
wie Verführung Minderjähriger, Mißbrauch des Abhängigkeitsverhältnisses und gewerbsmäßige Unzucht ließen sich auch mit anderen Paragraphen erfassen.
Empfindlicher als jedes Strafgesetz trifft die Homosexuellen das ungeschriebene Gesetz der Gesellschaft, das sich nicht mit einem Federstrich beseitigen läßt. Geerds: "Auch bei Straflosigkeit bleibt der Homosexuelle ein Gegenstand unverhohlener Verachtung und gesellschaftlicher Ächtung. Er hat daher weiter viel, sehr viel Anlaß, seine andersartige Veranlagung nicht zur Schau zu stellen, sondern sie im Gegenteil so sehr wie irgend möglich zu verbergen."
Wachgehalten und verstärkt werden die Antipathien auch von Kathedern und Kanzeln aus. Denn noch immer zählt die Homosexualität für viele Frommen zu den "schweren und himmelschreienden Sünden" (katholisches "Lexikon für Theologie und Kirche"). Doch Vorurteile gegen und falsche Vorstellungen über Homosexualität befinden sich keineswegs im Alleinbesitz der nicht-homosexuellen Allgemeinheit. Auch die Betroffenen sehen sich vielfach selber falsch, nämlich so, wie die Gesellschaft sie sieht, der sie sich anpassen möchten.
Und auch darüber, "wovon es abhängt, ob ein Mensch homosexuell wird oder nicht", waren sich die von Dannecker und Reiche befragten Homosexuellen so wenig wie die Wissenschaft einig. Zwei Drittel neigen zur "Angeboren"-These, der Rest zur "Erworben"-Theorie.
Ob angeboren oder erworben, ob "Krankheit", wie der US-Psychoanalytiker Charles W. Socarides behauptet, oder "nur ein Merkmal bei ansonsten stinknormalen Leuten", wie der Hamburger Sexologe Gunter Schmidt versichert -- dieser Streit wird auch durch die jüngsten Ergebnisse der Forschung noch immer nicht entschieden.
Homosexualität durch Erziehung?
Jahrzehntelang waren Diagnose und Therapie der Homosexualität fast ausschließlich eine Domäne von Psychiatern und Psychotherapeuten. Als ausschlaggebend für die spätere homosexuelle Triebrichtung gelten gegenwärtig weithin die psychosozialen Einflüsse, beispielsweise die Rollenverteilung innerhalb der Familie, während der ersten Kindheitsjahre bis ins Pubertätsalter. Wie mancher die homosexuelle Veranlagung für vererbbar hielt, so gab es auch Forscher. die eine sexuelle Übersättigung dafür verantwortlich machten, daß ein Jugendlicher -- nach ausgiebigen heterosexuellen Erfahrungen -- sich schließlich teilweise oder ausschließlich gleichgeschlechtlich orientierte.
In den letzten Jahren nun mehren sich die Hinweise, daß Homosexualität weder nur genetisch, noch ausschließlich durch Erziehung und andere Umweltfaktoren begünstigt wird. In meist mehrjährigen Beobachtungen und Versuchsreihen haben Mediziner und Psychologen an einer Anzahl amerikanischer Universitäten und Sex-Forschungszentren herausgefunden, daß es zwischen Homo- und Heterosexuellen meßbare physiologische Unterschiede gebe und daß die gleichgeschlechtliche Triebrichtung organisch bedingt sei.
Im Blut homosexueller Studenten hatten bei einer Vergleichsuntersuchung die Forscher einen wesentlich geringeren Anteil des männlichen Sexualhormons Testosteron festgestellt als bei deren heterosexuellen Kommilitonen. Den zweiten Unterschied fanden die Mediziner im Ejakulat der Probanden. Je ausgeprägter die Homosexualität war, um so geringer war die Anzahl und Beweglichkeit lebensfähiger Spermien.
Daß Testosteron möglicherweise eine Schlüsselstellung in der Homosexualität einnimmt, dafür spricht auch eine Anzahl weiterer Forschungsergebnisse. Doch zur Zeit wird noch vor übereilten Schlußfolgerungen gewarnt. Nach Meinung der Forscher ist insbesondere ungeklärt, ob verminderter Testosteron-Anteil im Blut Ursache oder Folge der Homosexualität sei.
Läßt sich Homosexualität biochemisch erklären?
Immerhin beweisen die Forschungsergebnisse, wie der US-Mediziner Robert C. Kolodny resümierte, daß Homosexualität nicht länger ausschließlich ein Problem der Psychotherapeuten "sei. "Wir können beginnen", so Kolodny, "die Homosexualität von einer sehr viel breiteren wissenschaftlichen Basis aus zu erforschen." Und der amerikanische Hormonexperte Margolese meinte, die Mediziner brauchten nicht länger die Möglichkeit auszuschließen, "daß es für die Homosexualität eine biochemische Erklärung" gebe.
An Versuchen, Homosexuelle sozusagen umzudrehen, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt. Mediziner und Psychiater erprobten dabei eine ganze Palette therapeutischer Maßnahmen. Doch dem Unterfangen, von Psychoanalyse, Elektroschockbehandlung und Gruppentherapie bis hin zu Kastration und Gehirnoperationen, war meist kläglicher Erfolg beschieden oft zum psychischen wie physischen Nachteil der Behandelten.
* Im Praunheim-Film.
Auch zwölf Prozent der Probanden, die Danneckers und Reiches Fragebogen ausfüllten, haben sich schon einmal beraten oder behandeln lassen, am häufigsten (sieben Prozent) von einem Psychiater.
Die beiden Frankfurter Sexologen haben für die von der Medizin angebotene Hilfe nur Spott übrig: "Eine übliche Beratung beim Nervenarzt dürfte zwischen zwölf und 50 Minuten dauern. In dieser Zeit wird dieser Arzt seine private, mehr oder weniger religiöse, liberale oder fundierte Meinung zum besten geben, dem Homosexuellen anschließend Valium verschreiben oder ihn ermuntern, sich am Riemen zu reißen, oder aber. ebenso selten wie noch am erfreulichsten, versuchen, ihm seine Angst zu nehmen."
Reiche und Dannecker meinen, daß es so lange unzulässig ist, Homosexuelle schlechthin als "psychisch kränker" zu bezeichnen, solange als Maß der "Gesundheit" das sogenannte normale, nämlich statistisch normale heterosexuelle Funktionieren gilt. Aber die Mehrheit der Befragten denkt anders: > Drei Viertel sind der Ansicht, bei Homosexuellen gebe es mehr seelische Leiden und Neurosen als bei der übrigen Bevölkerung.
* Andererseits meint gut die Hälfte: "Viele Homosexuelle sind zu wehleidig. Sie suchen jemanden, der an ihrem Unglück schuld ist." So beflissen sich Homosexuelle den Normen anpassen und bei den Normalen anbiedern, so zänkisch und aggressiv gebärden sie sich in ihrem Getto -- wie sie selber ihre Subkultur nennen.
Es begann 1969 in der Zeit nach der Neufassung des Paragraphen 175, unter Homos "Nachseptember" genannt. gut deutsch mit Eintragung ins Vereinsregister, Einzug ins Vereinslokal, Schriftwart und monatlichen Mitteilungs-Blättchen.
Mit dem Tauwetter sprossen die ersten Homo-Magazine aus der Marktlücke, die sich nun auftat. Derzeit werden in der
Bundesrepublik vier Homo-Zeitschriften öffentlich gehandelt: "hirn", "du & ich", "Don" und "pikbube".
Daß sich dieses Schriftgut auch zur Kommunikation mit der Masse der anderen Männer eignet, hoffen zwar einige Homosexuelle. Aber die Erwartung, durch derartige Lektüre ließen sich Vorurteile abbauen, trügt mit Sicherheit. Der hohe Verkaufspreis von fünf bis sieben Mark schreckt die Heteros ebenso ab wie die Furcht, sie könnten mit solchen Heften gesehen und einschlägig verdächtigt werden.
"Wir sind das Sprachrohr der Schwulen in Deutschland."
"him"-Chef Dieter Michael Specht. 31, versteht denn auch sein Blatt einerseits als "ein sachlich und aufgeschlossen informierendes Sprachrohr der Schwulen in Deutschland", andererseits weiß er aus Erfahrung: "Ein Schwanz-Bild weniger = 5000 Käufer eingebüßt."
Die Spannung zwischen missionarischem Selbstverständnis der Redaktion und roten Zahlen im Verlag spiegelt sich in den Homo-Heften wieder: Mal ähneln sie dänischer Porno-Produktion, mal deutscher Gartenlaube. Und der ewige Streit, ob es tunlicher sei, sich der Gesellschaft anzupassen oder ihr zu trotzen, führt zu permanentem Eiertanz der Redaktionen.
Deutlicher noch als in den Homo-Heften markiert sich die Zerstrittenheit dieser Minorität in ihren Vereinen. Nur ganz selten gelingt es den Interessengruppen, länger als ein Jahr beisammen zu bleiben -- wie etwa die Hamburger Sektion der "Internationalen Homophilen Welt-Organisation" (IHWO). Sie ist mittlerweile die einzige IHWO-Gruppe der Welt (alle anderen haben sich aufgelöst), und sie nennt sich daher seit letztem Herbst zusätzlich noch "Verband für sexuelle Gleichberechtigung". Mit über 800 Mitgliedern im gesamten Bundesgebiet ist sie Deutschlands stärkste Homo- Riege.
Seit einem dreiviertel Jahr unterhält die IHWO in Hamburg ein ganz passables Klub-Zentrum, 200 Quadratmeter groß, mit Bar, Tanzfläche und verschiedenen Zimmern für Umtrunk, Spiel, Fernsehen und Diskussion. Anders als in den üblichen Homo-Lokalen, in denen Unbekannte, sofern sie über 30 sind, entweder vergebens um Einlaß klingeln oder mitleidig belächelt werden, wird hier fast jedermann aufgenommen.
Abseits von so gutbürgerlichem Betrieb formierten sich in aller Stille an den Universitäten homosexuelle Studenten zu "Aktionsgruppen". Einer "Homosexuellen Aktionsgruppe Bochum" (HAG), inzwischen vom Uni-Slang auch "Schwulack" genannt, folgten weitere Gruppen in Münster, Köln, München, Berlin, Saarbrücken, Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf, Aachen, Bielefeld, Bonn, Freiburg, Gießen, Göttingen, Heidelberg, Mainz, Marburg, Stuttgart, Würzburg und anderswo.
Die Homosexuellen gründeten einen überregionalen Dachverband.
Mit ihrer Parole "Schwulsein als Waffe im Klassenkampf" lösten die Berliner Homos einen Streit über die Frage aus, welche Kampfparolen politisch noch zulässig seien; aber im traditionell homofreundlichen Berlin fand auch zum Jahreswechsel die erste Arbeitstagung der im Dezember gegründeten Deutschen Aktionsgemeinschaft Homosexualität (DAH) statt, auf der unter anderem über "die Situation schwuler Beamter und Lehrer" diskutiert wurde.
Der überregionalen DAH (Adresse: Münster, Schloßplatz 1) gehören bislang 16 überwiegend studentische Homo-Zirkel an. Ihr Ziel: "Völlige Emanzipation -- nicht nur nach dem Gesetz -- der homosexuellen Minderheit".
Der großen Mehrheit der Homosexuellen erscheinen die Pläne, die zumeist an Universitäten ausgeheckt werden, wenig realisierbar und eher geeignet, die Vorurteile der Bevölkerung noch zu festigen. Wie sehr sich die meisten Homosexuellen vor Entdeckung fürchten, obwohl viele das Gegenteil behaupten, verraten sie oft nur unbewußt und ungewollt.
So kreuzten bei der Frankfurter Untersuchung die 81 Probanden mit Ehe-Erfahrung (darunter 30 Geschiedene und fünf Witwer) jeweils verschiedene vorgegebene Gründe für ihre Heirat an: "Um einen Gefährten zu haben" (68 Prozent); "um Kinder zu haben" (54 Prozent); "um meine Homosexualität zu verbergen" (40 Prozent); "aus Verlangen nach Geschlechtsverkehr mit einer Frau" (39 Prozent); "um mein homosexuelles Leben zu beenden" (25 Prozent).
Doch Dannecker und Reiche werten viele Angaben eher als Schutzbehauptung: "In Wirklichkeit haben sie aus Gründen geheiratet, die sehr viel mit ihrer Homosexualität und sehr wenig mit sexuellem Verlangen nach Frauen zu tun haben: nämlich aus Angst, ihre Homosexualität würde entdeckt; aus Angst, unverheiratet keinen so guten Posten in der Industrie zu bekommen; aus Angst vor der Homosexualität ganz unmittelbar."
Denn: Auf die Frage, ob die Frau über die eigene Homosexualität informiert sei, gaben 33 Prozent die Antwort: "Nein, hat es nie erfahren."
Kommentar von Dannecker und Reiche: "Daß so viele verheiratete Homosexuelle vor ihren Frauen ihre Homosexualität verleugnen, spricht nicht nur gegen die Homosexuellen, sondern auch gegen die Ehe, die eben weniger eine Gemeinschaft zweier Liebenden als vielmehr ein Produkt sozialer und ökonomischer Zwänge ist."
Daß ein eheähnliches Verhältnis zweier Homosexueller die Beteiligten glücklicher machen könnte als die Flucht-Ehe mit einer Frau, hält die Wissenschaft bislang für unmöglich, oder sie deklariert bekanntgewordene Fälle als seltene Ausnahmen. Nach medizinischer Schulmeinung sind Homosexuelle generell unfähig, tiefere Gefühle füreinander aufzubringen.
Sogar der amerikanische Sex-Papst Kinsey schloß sich dieser Überzeugung an. Er behauptete: "Es gibt erstaunlich wenig langfristige Beziehungen zwischen zwei Männern." Und auch diese raren homosexuellen Zweisamkeiten, so Kinsey weiter, überlebten "sehr selten die ersten Meinungsverschiedenheiten".
Die Frankfurter Untersuchung zwingt nach Ansicht Reiches und Danneckers. dieses Problem künftig differenzierter zu sehen. Denn einerseits waren 58 Prozent der Befragten. als sie den Fragebogen ausfüllten. "fest befreundet". Gut ein Drittel davon lebte sogar als Freundespaar in einer Wohnung zusammen. Andererseits bestätigte sich, was 43 Prozent der Befragten selbst bekennen: daß solche Freundschaften oft nicht lange halten und daß sich Homosexualität und längerfristige Bindungen fast ausschließen. Nur vier Prozent hatten eine Freundschaft erlebt. die sieben Jahre dauerte. Aber immerhin sind 50 Prozent aller bestehenden Freundschaften älter als zwei Jahre.
Dannecker und Reiche: "Homosexuelle bleiben in der Regel nur so lange zusammen, solange sie scharf aufeinander sind. Die Angst vor dem Alleinsein trägt keine homosexuelle Beziehung."
Homosexuelle sind nach außen hin stets zwanghaft der Rolle verhaftet, deren Spiel die Gesellschaft von ihnen erwartet. Um diesen eigentümlichen Mechanismus noch deutlicher zu machen. wurden sie befragt. von "welchem Typ Mann" sie sich "sexuell besonders angezogen fühlten. Bewußt war bei dieser Frage die Betonung auf sexuelle Attraktivität gelegt und nicht auf allgemeinmenschliche Sympathie. Neun Wahl-Typen waren vorgegeben, darunter besonders "männliche" und besonders "weibliche" Männer, intelligent Aussehende. Knabenhafte. Besitzer eines mutmaßlich großen Penis und Träger einer Lederkluft.
Weitaus die meisten aller Befragten -- 86 Prozent -- reagierten so, wie die Fragesteller vermutet hatten. Sie entschieden sich für einen "ganz normal aussehenden Typ, dem man möglichst nicht ansieht, daß er homosexuell ist",
Dazu Dannecker und Reiche: "In Wirklichkeit fühlen sich natürlich nur die wenigsten Homosexuellen von diesem Typ angezogen, sondern, wie andere Menschen auch, von einem Typ, der eine sexuelle Ausstrahlung hat und auch offen zeigt, daß er über Sexualität verfügt."
Im Konflikt zwischen tatsächlichem sexuellem Wunsch und sozialer Kontrolle bricht bei den meisten Homosexuellen stets der Normalitäts-Zwang durch. "Es läuft", so erläutern die Frankfurter Forscher, "etwa folgende Assoziationskette ab, die auch durch unsere Frage ausgelöst wurde: "Mir persönlich sieht man es ja nicht an, daß ich homosexuell bin. Aber wenn ich mit dem da gesehen werde ... Dem sieht es doch jeder an. Dann denken alle, ich sei auch homosexuell.'"
Die Praktiken dieses Versteckspiels entwickeln sich an jedem Wochenregion zur Groteske: Wenn am Montag von den Kollegen die Sexfreuden des Wochenendes erörtert werden, muß auch der Homosexuelle, wenn er nicht verdächtigt oder gar durchschaut werden will, von tollen Weibern prahlen und wie er sie vernascht hat.
Trotz dieses entwürdigenden Rituals gaben drei Viertel der Befragten an. sie seien mit dem Betriebsklima an ihrem Arbeitsplatz durchaus "zufrieden". Aber bei der Hälfte der Befragten weiß kein Kollege von ihrer Homosexualität. Daß der homosexuelle Arbeitnehmer über seine Veranlagung schweigt und sie noch zusätzlich mit Sexprotzereien tarnt, nimmt nicht wunder. Aber "noch lange nicht plausibel" kommt es den Autoren vor, daß jemand "die dauernde Maskierung der eigenen Bedürfnisse und der eigenen Wahrnehmung" als gutes Betriebsklima empfindet: "Diese blinde Identifikation ist es, was wir als Anpassung bezeichnen."
"Homosexuelle sind Opfer des Männlichkeitsideals."
Eine Lawine haßerfüllter Schmähungen traten die Sexologen mit einer bewußt projektiv formulierten Frage los: "In der Öffentlichkeit wird, wenn von Homosexuellen die Rede ist. häufig von besonders weibischen Typen gesprochen: Würden Sie bitte kurz schildern. was Sie von sogenannten Tunten halten?"
Drei Viertel aller Befragten lehnten die Tunten affektiv ab. Ein großer Teil kennzeichnete persönlichen Abscheu mit drastischen Ausdrücken, wie "zum Kotzen", "widerlich", "Scheiße" oder "greulich".
Der nachgerade oft schon klinische Homo-Haß gegen die Tunten sowie die Tatsache, daß diese effeminierten Typen von vielen Homosexuellen für das Los der gesamten Minorität verantwortlich gemacht werden, zeigt nach dem Dafürhalten Danneckers und Reiches, "wie weithin auch Homosexuelle das Opfer des antihomosexuellen Männlichkeitsideals unserer Gesellschaft" geworden sind: "Für ihre gesellschaftliche Anpassung an die homosexuellenfeindliche Kultur sind sie bereit, einen hohen Preis zu zahlen, Sie geben die Verachtung der übrigen Welt an ihre eigenen "Homosexuellen' weiter, nämlich an die "Tunten'."
Diese Umkehr der Fronten -- der Sozialpsychologie als "Identifikation mit dem Aggressor" bekannt -- entwickelt sich häufig in verfolgten Minderheiten. So hielten zahlreiche "Reichsjuden", die von den Nationalsozialisten gejagt wurden, die ungepflegten und nach Knoblauch riechenden Mitjuden aus Galizien für "böse", weil sie schuld daran sein sollten, daß sich die "guten" Juden in Deutschland nicht mit den Nazis verständigen konnten.
Diesem Trugschluß ist nach den Untersuchungsergebnissen von Dannecker und Reiche auch die homosexuelle Minorität erlegen. Weil Homosexuelle in den Tunten sich selber hassen, werden die Verfolgten zu Verfolgern.
"Sie grenzen", so resümieren die beiden Frankfurter Sexologen, "die "bösen Juden' aus ihrer Mitte ab, in der Hoffnung, sich dadurch ein wenig Sonnenschein von ihren Verfolgern erkaufen zu können."

DER SPIEGEL 11/1973
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