12.03.1973

CHILESieg ohne Folgen

Verständigen sich Chiles Christdemokraten nach ihrer Enttäuschung bei den Parlamentswahlen jetzt mit dem Marxisten Allende?
Noch waren die Wahllokale in Chile nicht geschlossen -- da meldeten die gegnerischen Parteien schon ihre Freudenfeiern an. Noch war, am Abend, erst ein Drittel der Stimmen ausgezählt -- da bejubelten gleichzeitig Anhänger der regierenden Volksfront wie Parteigänger der bürgerlichen Opposition ihren Sieg.
Besorgt wies das Militär den Kontrahenten getrennte Aufmarschplätze in Santiago zu. Denn niemals zuvor war das Land so tief in zwei bitter verfeindete Lager gespalten wie bei den Parlamentswahlen am vorletzten Sonntag. Sie galten der Opposition als die "wichtigsten in diesem Jahrhundert" (so der christdemokratische Ex-Präsident Frei). Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise schien den Volksfront-Gegnern die Gelegenheit gekommen, Salvador Allendes "legalen Weg zum Sozialismus" mit einem Erdrutsch-Wahlsieg zu blockieren.
Doch der erwartete Triumph trat nicht ein. Zwar brachten die in der oppositionellen "Demokratischen Konföderation" (Code) verbündeten Christdemokraten, Nationalen und Radikalen die Mehrheit der Wähler 54,7 Prozent -- hinter sich. Doch Code blieb weit unter der erhofften Zweidrittel-Mehrheit, die ihr ein Mißtrauensvotum gegen Allende ermöglicht hätte.
Allendes Unidad Popular dagegen, die kaum damit gerechnet hatte, ihren bei den Präsidentschaftswahlen 1970 erreichten Anteil von 36,3 Prozent weit zu übertreffen, erhielt 43,39 Prozent der etwa 3,6 Millionen gültigen Stimmen. Sie nahm damit der Opposition zwei Sitze im Senat und sechs Sitze im Abgeordnetenhaus ab. "Keine vorhergehende Regierung", so freute sich Allende. "hat nach zweieinhalb Jahren eine so beträchtliche Unterstützung beim Volk gefunden wie unsere."
In den Augen der Massen, die seit jeher von schmalen Rationen hatten leben müssen, wogen die Versorgungsmängel offenbar weniger schwer als die unter Allende erreichte reale Steigerung ihrer Löhne oder als 260 000 neue Arbeitsplätze. So konnte die Volksfront in Santiagos Arbeiterbezirken zusätzlich Wähler gewinnen. Die im vergangenen Jahr abgeschlossene Enteignung aller Landgüter von über 80 Hektar half den Genossen sogar. in traditionell konservativen Provinzen Stimmen zu erobern:
Erstmals schickt die Provinz Osorno einen KP-Abgeordneten nach Santiago, in Chiloé wurde nach vielen Jahren wieder ein Sozialist gewählt, in Cautín erhielt ein kommunistischer Mapuche-Indio die höchste Stimmenzahl.
Freilich: Der Stimmengewinn der Volksfront ist vor allem ein psychologischer Sieg; er ändert nichts an den wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, denen Allende gegenübersteht.
Mit einem Defizit von rund 500 Millionen Dollar schloß Chiles Zahlungsbilanz 1972 ab. Schon am 3. Januar, so kalkuliert ein interner Bericht der Mapu, einer zur Volksfront gehörenden Partei, wäre kein Dollar mehr in der Kasse gewesen, wenn die sozialistischen Länder nicht mit Anleihen ausgeholfen hätten.
Allein 450 Millionen Dollar, so wird geschätzt, werden in diesem Jahr für Lebensmittel-Importe erforderlich sein um so mehr, als die Regierung mit einem weiteren Rückgang der Weizenproduktion rechnet. Die Lebenshaltungskosten werden dagegen vermutlich noch mehr steigen als im vergangenen Jahr (163,4 Prozent).
Im Kongreß jedoch kann die oppositionelle Mehrheit die Volksfront-Politik nach wie vor bremsen. Vor allem die -- auf Konsolidierung des Erreichten bedachten -- Kommunisten und die Militärs im Kabinett suchen die Unterstützung der Christdemokraten.
"Mit Leuten, die das (Volksfront-) Programm in zwei, drei, vier oder vielen seiner Punkte unterstützen", schrieb das KP-Blatt "El Siglo" schon am Tag nach der Wahl, "kann man einen Dialog beginnen." Traditionell eher Gegner der radikalen Nationalpartei, neigen die Christdemokraten jetzt dazu, das nur auf den Sturz Allendes gerichtete Wahlbündnis mit den Reaktionären wieder zu lösen.
Jedes Arrangement mit der bürgerlichen Opposition freilich könnte den ideologischen Konflikt zwischen Pragmatikern und Revolutionären innerhalb der Undidad Popular. zwischen Kommunisten und Sozialisten vor allem, zu einer gefährlichen Zerreißprobe steigern. Denn die Sozialisten, die bei den Wahlen ihre Sitze im Abgeordnetenhaus von 14 auf 28 verdoppelten, "verweigern jede Konzession an die Bourgeoisie" (so ihr Generalsekretär, Senator Carlos Altarmirano).
"Die explosive wirtschaftliche Lage", so kritisierten auch die -- zum revolutionären Flügel zählenden -- Autoren des Mapu-Berichts, "wird allzu bald schon zum Krach führen (April oder Mai), als daß eine Kurskorrektur zur Mitte hin noch Zweck hätte." In der vergangenen Woche schloß die Mapu ihre Linksabweichler aus.

DER SPIEGEL 11/1973
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