05.03.1973

„Ich mußte unten eine Säule küssen“

Auf dem Wiener Opernball vergangenen Donnerstag ließ sich Axel Springer von dem Direktor des österreichischen Fernsehens (ORF), Helmut Zilk, interviewen. "A bisserl in launiger Stimmung" (Zilk) plauderte der Presse-Zar dabei gegen Mitternacht über mögliche TV-Kassetten-Geschäfte, die in der Alpen-Republik aus politischen Gründen umstritten sind (SPIEGEL 48/1972). Auszug aus dem Interview:
ZILK: "Wir freuen uns, daß Sie auch nach Wien gekommen sind ...
Von Ihnen behauptet man, daß Sie Antiquitäten und Zeitungen sammeln. Kaufen Sie vielleicht eine Zeitung in Wien? Oder benutzen Sie den Opernball nur als Vorwand des Besuchs?"
SPRINGER: "Nein ... Diesesmal war ich wirklich auf der Suche nach Antiquitäten, nach Fayencen aus dem 18. Jahrhundert."
ZILK: " ... Wenn Sie also so nichts kaufen wollen, vielleicht wollen Sie den Österreichern etwas verkaufen. zum Beispiel, daß Sie den Opernball benützen, um Fernsehkassetten zu verkaufen. Man hört ja soviel, daß Sie gemeinsam mit uns, mit dem ORF, und mit anderen Kräften des Landes, zum Beispiel mit der österreichischen Regierung, uns mit Kassetten beglücken wollen?"
SPRINGER: "Dazu würde ich den OpernbaU nicht benützen. An sich aber: Warum sollte man nicht Kassetten verkaufen? In einem demokratischen Land muß es ja möglich sein, mit einer sozialistischen Regierung und einem liberal-konservativen Verleger und mit dem österreichischen Fernsehen zusammen Kassetten zu produzieren und sie zur Belehrung an den Mann zu bringen.
ZILK: "Der Opernball bestärkt Sie in Ihren Beziehungen zu Österreich?"
SPRINGER: "Der Opernball bestärkt mich sehr in meinen Beziehungen zu Österreich. Österreich ist überhaupt für mich ein Erlebnis. Es ist ja ein ungeteiltes Land. Ich war gestern im Schloß Belvedere. Ich konnte leider nicht auf den Balkon, von dem der Staatsvertrag verkündet wurde. Deshalb mußte ich unten eine Säule küssen. Der Staatsvertrag ist natürlich das Bewegende für mich hier und das, was an Österreich in meinem Interesse über das Kassetten- Fernsehen hinausgeht."

DER SPIEGEL 10/1973
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