05.03.1973

LÖHNEGroßes Vergnügen

Rund zwei Millionen Arbeitnehmer fordern Lohnzuschläge, die über der Stabilitätsgrenze von 8,5 Prozent liegen.
Karl Hauenschild, Chef der IG Chemie-Papier-Keramik, wird den gewerkschaftlichen Stabilitätspakt mit Finanzminister Helmut Schmidt brechen -er muß es, ob er will oder nicht.
Auf einen erträglichen Lohnzuwachs hatten sich DGB und Stabilitätskämpfer Schmidt für die Tarifverhandlungen dieses Jahres geeinigt. Aber schon die im März beginnenden Gefechte um den Lohn von rund zwei Millionen Arbeitnehmern bringen den Pakt ins Wanken.
Vor allem die Chemie-Werker, über deren Lohn demnächst entschieden wird, haben sich gegen die 8,5-Prozent-Sperre gelegt. 11,5 Prozent mehr Lohn verlangten Anfang vergangener Woche die nordrhein-westfälischen und hessischen Chemiearbeiter. "Sechs Prozent Preisverfall plus sechs Prozent Wirtschaftswachstum macht zwölf Prozent Forderung", begründen die Vertrauensleute der Gewerkschaft im Bayer-Werk Dormagen die Wünsche an ihre Tarifkommission.
Die Kollegen berufen sich bei ihrer Kalkulation auf Empfehlungen, die Bundeskanzler Willy Brandt erst im Herbst auf dem IG-Chemie-Gewerkschaftstag vorgetragen hatte: "Für jeden guten Gewerkschaftler kommt es darauf an, was unter dem Strich steht."
Dort würde --bei 8,5 Prozent Nominallohnsteigerung -- nichts mehr bleiben. Bayer-Betriebsratsvorsitzender Hans Weber: "Jetzt knurren die Kollegen mich an: 'Du weißt wohl nicht, wo der Hammer hängt -- beim Unternehmer war der Weihnachtsmann und hat fette Mäuse verteilt'."
Tatsächlich haben die Chemie-Unternehmen im vergangenen Jahr gut verdient. Die Bayer-Erträge zum Beispiel stiegen um 32,5 Prozent. Der Chemie-Konzern BASF, der 1970 wegen strapazierter Finanzen seine Auslandsniederlassungen eintrocknete und selbst die Bestallung neuer Sekretärinnen verbot, läßt inzwischen wieder üppig Geld in die Übersee-Beteiligungen rollen.
Für dieses Jahr sagen Deutschlands Wirtschaftsforscher unisono eine munter sprießende Konjunktur voraus. Allein im angeblich aufwertungsgefährdeten Exportgeschäft der Industrie kletterten die Auftragszahlen in den vergangenen fünf Monaten um 40 Prozent. Hält der Boom an, würden am Ende des Jahres die westdeutschen Ausfuhren um 50 Prozent gestiegen sein.
Die Arbeitnehmer müssen bei solchen Konjunkturaussichten eher mit einem noch höheren Kaufkraftschwund rechnen, als sie bislang einkalkulierten. Karl Hauenschilds IG-Chemie-Zentrale in Hannover kann mithin ihre Tarifkommissionen nur noch an der Leine halten, wenn sie deren Forderungen nicht bremst.
"Es ist halt nicht leicht", warnte Hoechst-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Rolf Brandt, "wenn sich ein Arbeiter über die sozialpolitischen Taten der Regierung freut und plötzlich bemerkt. daß die Lohntüte deshalb leichter wird." BASF-Betriebsratschef Rudi Bauer sekundiert: "Die Stimmung wächst, sich nichts von zwölf Prozent abhandeln zu lassen."
"Die Regierung Brandt/Scheel", polemisierte die DKP-Betriebszeitung "Der Chemiearbeiter", "hat Qualität des Lebens versprochen -- jetzt macht sie mit beim Raubzug auf die Taschen des kleinen Mannes."
In Düsseldorf hatte Chemie-Bezirksleiter Walter Gläsner Mühe, die versammelten Vertrauensleute zu steuern: "Nicht die Höhe der Forderung ist wichtig, sondern ob sie auch durchsetzbar ist." Trotz solcher Mühen will Manfred Menzel, Sprecher der Chemie-Gewerkschaft, sich "den Bart abnehmen lassen, falls die Unternehmer nicht sofort überall ihre transportablen Klagemauern aufstellen".
Menzel hat um den Bart wenig zu fürchten: "Mit Besorgnis" und postwendend gab Hermann Handrack" Tarifkommissar des Arbeitsrings der Arbeitgeberverbände, zu bedenken, die Lohnforderungen seien durch "die für 1973 zu erwartende Produktivitätsentwicklung der Unternehmen" nicht gerechtfertigt. Die währungs- und steuerpolitischen Belastungen würden zudem die unternehmerische "Ertragskraft entscheidend einschnüren".
Doch Arbeitgeber und Gewerkschaftler stehen vor einem Hochseilakt, der leicht mit einem Sturz in die Manege enden könnte. Noch in den Monaten März/April sollen außer für 600 000 Chemiewerker neue Lohntarife auch für 860 000 Textilarbeiter (Forderung: 60 Pfennig mehr je Stunde), 340 000 Drucker und Setzer (Forderung: 13 Prozent) abgeschlossen werden.
Schließen die Tarifpartner in der Nähe der gewerkschaftlichen Forderungen ab, droht in Tarifbereichen, die vorher Schmidt-konform niedrigere Sätze ausgehandelt haben. Druck von unten.
Betroffen von vergleichsweise üppigen Abschlüssen wäre vor allem die IG Metall, die nach 11,5 Prozent Forderung nur 8,5 Prozent herausholte. IG-Metall-Vize Hans Mayr düster: "Falls die Regierung die preispolitischen Überwälzungs-Spielräume der Unternehmer nicht einschränkt, werden sich die Arbeitgeber plötzlich einem Nachholbedarf gegenübersehen, gegen den ihnen die heutige Situation vergleichsweise problemlos vorkommen wird."
Für Karl Hauenschild, den Chef der besonders SPD-treuen Chemie-Gewerkschaft, ist das Dilemma ebenfalls groß. Noch auf dem Gewerkschaftstag hatte SPD-Vize Schmidt es bei einer Grußadresse seiner Partei als "besonderes Vergnügen" empfunden, daß "die allermeisten der hier Sitzenden gleichzeitig Empfänger und Absender sind". Jetzt muß Hauenschild, dessen Verband als einzige DGB-Gewerkschaft ohne Urabstimmung streiken kann, dem Parteifreund melden, mindestens zweistellig müsse die Zuwachsrate der Löhne ausfallen.
Vom fernen Genf erhielten die Gewerkschaftler einen Wink, der ganz und gar gegen die Stabilitätstheorie des Ministers Schmidt steht. Charles Levinson, Ökonomieprofessor und Generalsekretär der Chemie-Internationale (ICF). teilte mit, es sei "die heilige Kuh einiger Ökonomen zu erledigen, nach der mit Lohnverzicht in ganzen Industriezweigen eine Inflation stabilisiert würde".

DER SPIEGEL 10/1973
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