05.03.1973

SCHULENWie, wann, von wem

Pädagogen und Politiker opponieren in Hessen gegen neue Rahmenrichtlinien. Sie sehen darin „eine Anleitung zur permanenten Revolution im Klassenzimmer“.
Ein neuer Gruß macht Schule in Hessens Schulen, vor allem unter älteren Lehrern. Wenn sie sich sehen, richten sie die Blicke himmelwärts. schütteln den Kopf und knurren "Hessen vorn".
Zu weit nach vorn oder sogar in eine Sackgasse geprescht sind, nach Ansicht vieler Lehrer jene 27 linksorientierten Kollegen, die im Auftrage des SPD-Kultusministers Ludwig von Friedeburg "Rahmenrichtlinien" für die Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre ausgearbeitet haben.
"Eine Anleitung zur permanenten Revolution im Klassenzimmer" sieht die Fachschaftskonferenz der Main-Taunus-Schule in dem Deutsch-Papier. Das Grundgesetz verletzt glaubt Hessens CDU-Chef Alfred Dregger. Aber auch die in Hessen mitregierende FDP befürchtet eine "gefährliche Indoktrination der Schüler" und brachte eine große Anfrage im Landtag ein. Die Initiatorin, die Abgeordnete Sibylle Engel, hält die Rahmenrichtlinien für "undemokratisch, unsozial, unliberal und nicht praktikabel".
Den Februar über ging es vor allem um den Deutsch-Text. In der vergangenen Woche begann der Streit um die Gesellschaftslehre, der noch heftiger zu werden scheint. Den Entwurf. verfaßt von einem Team unter Leitung von Studiendirektor Hartmut Wolf, 34, und Oberschulrätin Ingrid Haller, 37, lehnte die hessische Landesvereinigung der Oberstudiendirektoren auf einer Tagung in Gießen einstimmig ab und rief Kollegen und Eltern auf, ihn "vom Tisch" zu fegen.
Während Schlagzeilen die Eltern aus der Ruhe schrecken, reisen Autoren der Entwürfe im Hessenlande umher und versuchen, Schul-Frieden zu stiften. Doch einstweilen ist völlig offen, ob die umstrittenen Texte je für alle Lehrer verpflichtend werden oder ob sie vom Kultusminister aus dem Verkehr gezogen werden.
Sicher ist, daß ein Unterricht nach den hessischen Rahmenrichtlinien für die Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) wenig gemein hätte mit dem Unterricht, den die meisten Eltern aus ihrer eigenen Jugendzeit kennen und den viele Lehrer auch heute noch praktizieren. In der Schule der Zukunft, wie sie sich in diesen Papieren darstellt, soll es keinen Unterricht in Geschichte, Geographie und Sozialkunde mehr geben. Diese Fächer würden zusammengefaßt zur Gesellschaftslehre.
Die Richtlinien unterscheiden auch nicht mehr zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium. sondern proklamieren für alle Schüler der drei Schularten dieselben Lernziele. Damit greifen sie sogar der hessischen Planung voraus, die erst in etlichen Jahren die Gesamtschule überall vorsieht.
Überflüssig würden auch herkömmliche Schulbücher, etwa für Geschichte oder Geographie. Sobald wie möglich sollen die Schüler anhand von Loseblatt-Sammlungen, Arbeitsbögen, Dias und ähnlichen aktuellen Materialien lernen.
lm Deutschunterricht verlören. ginge es nach den Richtlinien-Autoren. Literatur und Rechtschreibung ihren heutigen Rang. Und anstatt ihre Schüler zum "sachangemessenen Sprechen", zur "partnerschaftlichen Toleranz" und zum "zuchtvollen Reden" anzuleiten (wie es die noch gültigen hessischen Bildungspläne von 1957 verlangen), sollen Lehrer wie Lernende im Deutschunterricht hinfort die Frage zu klären versuchen, "wie sich gesellschaftliche Verhältnisse im Sprachgebrauch spiegeln" und "durch welche sprachlichen Muster die Wahrnehmung eigener Interessen gehindert oder gefördert wird".
Der Unterricht in Gesellschaftslehre soll ganz darauf angelegt sein, "den Schüler zur Teilnahme an der produktiven Gestaltung gesellschaftlicher Realität zu befähigen".
Das Haupt-Wort in den Richtlinien für Gesellschaftslehre ist "Sozialisation". gemeinhin als gesellschaftliche Erziehung verstanden. Sie schließt gemäß den hessischen Rahmenrichtlinien auch den Konflikt mit den Eltern ein. Es wird für unumgänglich erklärt. "den Schülern das Instrumentarium zu vermitteln, mit dessen Hilfe eine distanzierte Beurteilung der familiären Erziehungssituation erst möglich wird".
In den Unterricht soll "die Untersuchung folgender Fragen" einbezogen werden:
"Wer dominiert in der Familie? ... Wie wird gestraft, wann, von wem? Wie ist der Kontakt zwischen Eltern und Kindern (Mahlzeiten, abends, tagsüber, am Wochenende, in den Ferien)?
Wie verhalten sich die Eltern untereinander (Formen des Konfliktaustrags, Anlässe für Streit, welche Rolle spielt dabei Alkohol)? Wie wirkt sich die Situation am Arbeitsplatz auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern aus (Feierabendaggressionen, Schlafgewohnheiten z. B. bei Schichtarbeit)? Ist die Mutter berufstätig? Warum?"
Zwar würden solche direkten Fragen vermutlich "als unzulässige Einmischung in die Privatsphäre des einzelnen von den Schülern abgelehnt" werden, aber es könne ja "die nötige Distanz und damit Unbefangenheit durch Einbeziehung von Untersuchungsergebnissen über die vorliegenden Probleme hergestellt werden".
Mit der Bereitschaft, den Konflikt der Schüler mit ihren Eltern zu riskieren, gehen die Autoren des Gesellschaftslehre-Entwurfs weiter als die Verfasser der Deutsch-Rahmenrichtlinien, die unter Leitung des früheren Gymnasialdirektors und jetzigen Didaktik-Professors Hubert Ivo, 46, arbeiteten.
Im Gegensatz zu den bisherigen Lehrplänen enthalten die neuen Deutsch-Richtlinien keine Angaben über die im Unterricht zu behandelnden Stoffe. Denn den Autoren ging es bei der Konzeption des neuen Deutsch-Unterrichts vornehmlich um die Forderung der sprachlichen Kommunikation.
Bislang herrschte die Ansicht vor, allein das Eintrimmen aller Schulkinder auf eine Standard- oder Schriftsprache (Pädagogen-Terminus: Hochsprache) gewährleiste eine Verständigung untereinander. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch ergeben, daß Sprache auch schichtenspezifisch unterschiedlich strukturiert ist. Kinder verschiedener Gesellschaftsschichten erlernen deshalb mit ihrer Sprache zugleich auch unterschiedliche Denk- und Verhaltensweisen infolge der Erziehungspraktiken ihrer jeweiligen sozialen Umwelt.
Beispiel: Der auf Anpassung und Gehorsam ausgerichteten Erziehungsmethode von Unterschicht-Eltern ("Tu jetzt, was ich dir sage!") steht die eher duldsame Haltung der Mittelklasse-Eltern gegenüber ("Was möchtest du denn tun?").
"Richtiges Sprachverhalten" wollen die Reformer nun aber nicht mehr als stupides Einüben in die Formen der Hochsprache (wie lautreines und grammatisch korrektes Sprechen) verstanden wissen, sondern quasi als Lebenshilfe.
Richtlinien-Koautorin Erika Dingeldey, 36: "Die Schüler sollen die verschiedenen Verwendungssituationen von Sprache im mündlichen wie schriftlichen Bereich erlernen und die Fähigkeit erwerben, unterschiedliche Sprachmittel und Sprachtaktiken zur Durchsetzung ihrer Wünsche anzuwenden."
Als einen Appell an die Öffentlichkeit wollen die Richtlinien-Autoren ihre Forderung verstanden wissen, die Überbewertung der Rechtschreibung in der Schule abzubauen und sie nicht mehr zum Kriterium von Eignungsbeurteilungen und Versetzungen zu machen. Weil die Verhältnisse aber noch nicht so sind, sollen Schüler immerhin noch "Grundkenntnisse der Rechtschreibung erwerben", um -- so die Autoren -- "vor ungerechtfertigten Benachteiligungen geschützt zu sein".
Die Behauptung der Rahmenrichtlinien. die Literatur müsse "eine Neubestimmung ihres Stellenwerts" erfahren, hat vor allem bei Gymnasiallehrern den Verdacht genährt, deutsche Dichtung sei nicht mehr in. Springers "Weh" reduzierte sogleich den Trend des künftigen Deutschunterrichts in Hessen auf die Formel: "Mickymaus statt Goethes Faust".
Gegen so dümmliches Denken verwahren sich die Richtlinien-Autoren allerdings, obwohl sie es als einen "Mangel in der Darstellung" bezeichnen, den "Stellenwert" nicht näher definiert zu haben. Denn sie halten die Beschäftigung mit den klassischen Bildungsgütern schon "aus historischen Gründen" für unbedingt erforderlich. Hubert Ivo: "Niemand kann von uns verlangen, daß wir etwas, woran wir selber gelernt haben, so einfach über Bord werfen" Wie das Deutsch-Papier enthalten auch die Richtlinien für Gesellschaftslehre vieles, was längst zum Alltag aller deutschen Schulen gehören sollte. Aufgabe der Schule nicht nur in Hessen müßte es zum Beispiel sein, Begriffe wie "Rolle, Vorurteil, Verhalten, Erziehungsstil, Erziehungsnorm ... Selbsteinschätzung. Fremdeinschätzung. Leitbild, Rollenkonflikt, Rollenerwartung" zum Thema auch für Zehn- bis Fünfzehnjährige zu machen. Fallanalysen und die Arbeit an eigenen Projekten (etwa eine Verkehrszählung) sind ebenso notwendig wie die Behandlung lebensnaher Themen, etwa Raumplanung. Infrastruktur und Leistungssport.
Und sicher ist es auch notwendig, den herkömmlichen Geschichtsunterricht zu reformieren. Doch ob er gleich so weit reduziert werden soll, wie es die hessischen Richtlinien vorsehen, dürfte nicht nur unter Historikern strittig sein.
Nach den Rahmenrichtlinien soll sowohl der allen Eltern aus der eigenen Schulzeit vertraute chronologische Marsch durch die Jahrhunderte wegfallen als auch der thematische Längsschnitt (Beispiel: "Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland").
Ungeklärt bleibt, welches Minimum an Faktenwissen die Autoren für notwendig halten. Und offen bleibt auch die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt Geschichte "zurückverfolgt" werden müsse. Die Jahreszahlen 1789, 1848, 1871 und 1918 werden zur Debatte gestellt, aber allesamt verworfen.
An Hessens Schulen sollen Geschichts- und Geographie-Themen nur noch in aktuellem Zusammenhang behandelt werden. Unter dem Stichwort "Veränderbarkeit von Erziehungsnormen" etwa werden auch die Erziehung zur Zeit der Ritter und der Zünfte und die "Situation der Kinder bei den Pygmäen im tropischen Regenwald Afrikas" als Themen genannt. Ober die Stadt im Mittelalter soll gesprochen werden, wenn es um den "Zusammenhang zwischen Produktionsformen und Infrastruktur" geht.
Mehr noch als die Frage, ob der Geschichtsunterricht lediglich noch der Illustration aktueller Probleme dienen soll, beschäftigt die Kritiker der Richtlinien ein anderer Punkt: daß die Autoren vor allem des Papiers über Gesellschaftslehre die Schüler allzu einseitig zum Denken in Klassen und zum Klassenkampf erziehen wollen.
Zwar wird der Begriff Klasse im Deutsch-Papier gar nicht, in dem anderen Entwurf nur vorsichtig gebraucht: Zumeist werden die Begriffe Schicht und Gruppe zugleich genannt.
Gleichwohl ist sicher, daß selbst im roten Hessen die Texte noch linkslastig sind. Es ist eher ermüdend als ermunternd, daß nahezu jedes Unterrichts-Thema auf die Klassen-Frage zurückgeführt wird.
In einem Abschnitt über Sexualtheorien wird zwar betont: "Auf jeden Fall sollte vermieden werden, Schüler auf eine der hier zu diskutierenden Theorien bzw. Theorieansätze 'festzulegen'." Diesen Leitsatz halten die Autoren auf dem politischen Gebiet aber nicht ein. Hier fordern sie auf weiten Strecken statt sozialem Lernen den sozialistischen Drill.
Als bewiesen gelten Sätze, die selbst unter Marxisten strittig sind -- etwa der, daß "der Fortschritt der modernen Industrie den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit verschärfte". Als Schul-Ziel wird proklamiert, "die Schiller für die inner- und überbetriebliche Wahrnehmung ihrer Interessen als Arbeitnehmer zu qualifizieren".
Den hessischen Kultusminister von Friedeburg, der jüngst wegen Kompetenz-Konflikten mit Bonn und anderem Ärger von Rücktritt sprach und dann dieses Wort wieder zurücknahm, wird der Streit um die Rahmenrichtlinien noch mehr beschäftigen als andere Probleme, die ihn amtsmüde machten. Es gibt insgesamt zwölf Rahmenrichtlinien, erst zwei davon sind in der öffentlichen Diskussion.

DER SPIEGEL 10/1973
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