05.03.1973

MIETWUCHERGeld zurück

Eines der höchsten Bußgelder wegen Mietwuchers wurde jetzt gegen eine Hamburgerin verhängt.
Das Hamburger Ortsamt Lokstedt statuierte ein Exempel. Weil die Vermieterin Ingrid Tlok "in Ausnutzung eines geringen Angebots an vergleichbaren Räumen ... unangemessen hohe" Mieten kassiert hatte, soll sie jetzt 23 400 Mark Bußgeld bezahlen und den "Mehrerlös von 224 800 Mark" an die Landeshauptkasse abführen.
Mit dem Viertelmillionen-Bescheid ahndete die Behörde einen fast zwei Jahre dauernden Mietwucher, dem 88 Bewohner der Hamburger Platanenallee 1a und 1b ausgesetzt waren. In den von Frau Tlok vermieteten Häusern mußten Apartment-Bewohner für ihre 16 bis 22 Quadratmeter großen Behausungen 300 bis 475 Mark "kalte Miete" bezahlen. Außerdem verlangte die geschäftstüchtige Hauswirtin über 50 Mark Nebengebühren für Müllabfuhr, Grundsteueranteil. Antennen-Benutzung und die Pflege der Grünanlagen.
Die Beamten des Ortsamtes wurden auf die horrenden Mieten in ihrem Bezirk aufmerksam, als einige Mieter bei ihnen Anzeige erstatteten. Die zuständige Wirtschafts- und Ordnungsabteilung erkannte schnell, daß sich hier eine Gelegenheit bot, die verschärften Bestimmungen des erst Ende 1971 geänderten Wirtschaftsstrafgesetzes anzuwenden.
Nach Paragraph 2b des Gesetzes kann mit einer Geldbuße bis zu 50 000 Mark belegt werden, "wer vorsätzlich oder leichtfertig für die Vermietung von Räumen zum Wohnen oder damit verbundenen Nebenleistungen unangemessen hohe Entgelte fordert".
Nach dem Gesetzestext sind Entgelte dann unangemessen hoch, wenn sie "infolge der Ausnutzung eines geringen Angebots an vergleichbaren Räumen die üblichen Entgelte in vergleichbaren Gemeinden für die Vermietung von Räumen vergleichbarer Beschaffenheit und Lage nicht unwesentlich übersteigen".
Um den Mietwucher in der Platanenallee exakt belegen zu können, verschickten die Beamten des Ortsamtes an die Bewohner "von vergleichbaren Gebäuden" Fragebögen, mit denen die "ortsübliche Miete" ermittelt werden sollte. Ergebnis dieser und anderer Recherchen: In Lokstedt werden für Wohnungen mit ähnlichem Komfort wie in der Platanenallee 4,50 Mark bis zehn Mark je Quadratmeter Wohnfläche gezahlt. Somit lagen die von Frau Tlok kassierten Mieten von 17 bis 25 Mark pro Quadratmeter weit über dem Durchschnitt.
Die Beamten rechneten der Vermieterin vor, daß sie in der Zeit vom 1. 2. 1971 bis 31. 12. 1972 für die 88 Wohnungen höchstens 328 330 Mark hätte einnehmen dürfen. Tatsächlich hatte sie aber "in diesem Zeitraum Kaltmieten von insgesamt rund 553 170 Mark" erzielt. Die Differenz von 224 840 Mark sei "unangemessen hoch".
In dem Bußgeldbescheid hielten die Stadtbediensteten Frau Tlok außerdem vor, "daß Mieten in dieser Größenordnung nur in Ausnutzung des geringen Angebots an vergleichbaren Wohnungen erzielt werden konnten".
Nach den Amtsrecherchen nutzte die Vermieterin vorwiegend die Notlage junger Ehepaare aus, die auf dem Wohnungsmarkt vergeblich nach billigeren Unterkünften gesucht hatten. Einige der Mieter gaben zu Protokoll, "sie hätten sich unter dem Druck ihrer persönlichen Wohnungssituation und angesichts der allgemeinen Mangellage auf dem Wohnungsmarkt gezwungen gesehen. die Mietverträge -- -- -- abzuschließen, obwohl ihnen die Forderung der Vermieterin überhöht erschien".
In der Begründung des Bußgeldbescheides erwähnen die Kommunalbeamten auch Einzelheiten über das vielfältige Gewerbe von Frau Tlok. So sei die Dame nicht nur "Vermieterin". sondern auch "Händlerin" und "Verwalterin von Grundstücken". Bekannt sei dem Ortsamt außerdem, daß von ihr auch ähnliche "Gewerbe -- besonders der Betrieb privater Alters- und Pflegeheime -- ausgeübt werden".
Tatsächlich verbringen in zwei Spezialhäusern der geschäftstüchtigen Dame zur Zeit 28 Rentner und Pensionäre einen teuren Lebensabend. Durch schnittliche Wohngebühr: monatlich 950 Mark. zu denen noch Pflegekostenvorauszahlungen von 1500 bis 2000 Mark kommen.
Merkwürdig fanden die Behörden auch, daß Frau Tlok selbst nicht einmal Besitzerin der Häuser in der Platanenallee ist. Eigentümerin der Apartments ist nämlich die Hamburger Rüster KG, mit der die Altenpflegerin einen Mietvertrag auf 20 Jahre geschlossen hat.
Der Rechtsanwalt der gemaßregelten Vermieterin. Dr. Michael Bohndorf, hat gegen die Zahlungsanordnung des Ortsamtes Lokstedt inzwischen Einspruch eingelegt. Denn nach seiner Meinung sind die von seiner Mandantin geforderten Mieten auf dem Hamburger Wohnungsmarkt durchaus "nicht ungewöhnlich". Außerdem wäre ja kein Mieter gezwungen worden, sich bei Frau Tlok einzulogieren. Auf einer Mietversammlung wolle er deshalb allen Unzufriedenen die Leviten lesen. Bohndorf: "Wem die Miete zu hoch ist, der kann ja ausziehen."

DER SPIEGEL 10/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 10/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MIETWUCHER:
Geld zurück

Video 01:51

Einst schwerster Mensch der Welt Von 595 auf 120

  • Video "Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Frau steckt auf Gleisen fest
  • Video "Man kann ihn einfach nicht sehen!: Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets" Video 01:47
    "Man kann ihn einfach nicht sehen!": Trumps wirre Huldigung des F-35-Kampfjets
  • Video "Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?" Video 02:08
    Deutschland in der Schwebe: Wie lange darf Merkel noch regieren?
  • Video "Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger" Video 01:31
    Außergewöhnliches Video: Hirsch bedrängt Jäger
  • Video "Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen" Video 02:33
    Pannenflughafen BER: Ein Fail in Zahlen
  • Video "Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: Bisher nur in Lehrbüchern gesehen" Video 01:17
    Nordkorea-Flüchtling mit Wurm-Befall: "Bisher nur in Lehrbüchern gesehen"
  • Video "Wohnort von AfD-Politiker: Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke" Video 02:13
    Wohnort von AfD-Politiker: "Holocaust-Mahnmal besucht Björn Höcke"
  • Video "Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis" Video 06:52
    Filmstarts im Video: Diane Kruger jagt Neonazis
  • Video "Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen" Video 01:31
    Start-up-Idee: Lieber Algen essen als Plastik wegwerfen
  • Video "Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt" Video 00:57
    Chinesischer Schwimmpanzer: Schnellstes amphibisches Angriffsfahrzeug der Welt
  • Video "Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea" Video 01:13
    Dramatisches Video: Soldat flieht unter Beschuss aus Nordkorea
  • Video "Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen" Video 01:52
    Tennislegende wird 50: Boris Becker in Zahlen
  • Video "Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen" Video 01:33
    Virales Video aus Toronto: Verspätungs-Party auf dem Flughafen
  • Video "Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat" Video 00:56
    Mordprozess in Freiburg: Verdächtiger gesteht die Tat
  • Video "Neue SPIEGEL-Ausgabe: Die Lage ist historisch" Video 03:36
    Neue SPIEGEL-Ausgabe: "Die Lage ist historisch"
  • Video "Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120" Video 01:51
    Einst schwerster Mensch der Welt: Von 595 auf 120