05.03.1973

„Endlich flog alles in die Luft“

Über die Schwierigkeiten, auf die ein Sowjetburger stößt, wenn er sich den Traum vom eigenen Wochenendhäuschen -- der Datscha -- erfüllen will, macht sich der Satiriker Kalaschnikow in der Moskauer „Literaturzeitung“ lustig. Er vertraute die Leiden des sowjetischen Bauherrn einem fiktiven Tagebuch an.
20. Februar. Ich habe ein Gesuch für die Zuteilung einer Bauparzelle zur Errichtung einer Datscha eingereicht. Endlich werden wir ein Landhäuschen besitzen! Sonne, gute Luft und in der Nähe der schöne Wald. Obst werden wir anbauen, Erdbeeren und Himbeeren, und das meiste zum Markt bringen. Jeder bekommt seine Parzelle für den individuellen Gebrauch zugeteilt.
20. April. Ich ging ins Amt zu Iwan Kusmitsch und gab ihm 80 Rubel. Er sagte: "Um den Erwerb der Parzelle rechtskräftig zu machen, muß jemand geschmiert werden ..."
Na schön, wenn's sein muß ... Dafür kommen wir aber zu einer Datscha, zu einer eigenen Datscha! Aber unsere Nachbarn, die Petrows, die haben keine Datscha, die können sich die Nägel abbeißen ...!
30. April. Ich brachte noch weitere 50 Rubel zu Iwan Kusmitsch. Er sagte: "Wir haben geschmiert, aber es war zu wenig!" Zum Teufel, wenn es notwendig ist ...
20. Mai. Unser Mann, der das Schmiergeld erhalten hatte, ist verhaftet worden ... Ich erhielt den Rat, "die Sache neu zu beginnen".
2. Juni. Endlich ist es soweit! Wir fuhren hin, um das Bauland zu besichtigen. Ödes, nacktes, unbebautes Land. Bis zum Wald sind es 20 und bis zum Fluß zehn Kilometer. Es wird behauptet, daß in fünf Jahren hier ein blühendes Paradies entstehen würde. Die Fahrt mit dem Bus bis zum "Paradies" dauerte zwei Stunden. Dann war es noch eine Stunde Fußweg. Und für die Hinfahrt ins Paradies mußte ich für mich, meine Frau und das Töchterchen drei Rubel (zwölf Mark) bezahlen. Für die Rückfahrt den gleichen Betrag. Meine Frau meinte beruhigend: "Das Geld wird mit dem Verkauf von Früchten wieder herausgeschlagen. Wir werden reichlich Erdbeeren anpflanzen."
15. Oktober. Das Land wurde aufgeteilt. Ich erhielt eine Parzelle unmittelbar an der Straße. Tag und Nacht poltern Lastwagen vorbei. In der Nähe wird eine Seifenfabrik gebaut, und die Sonne verbirgt sich hinter einer dichten Staubwolke, die von den Lastwagen und der Baustelle ständig aufgewirbelt wird. Wenn das ein Paradies ist, was ist dann die Hölle? ... Na schön, wie dem auch sei, dafür besitzen wir eine Datscha. Eine eigene Datscha!
20. Oktober. Ich brachte Latten für den Zaun, die ich für 40 Rubel schwarz erworben hatte, aufs Land.
25. Oktober. Ich brachte auch Schalbretter dorthin. Diese kosteten 30 Rubel. aber die Latten waren inzwischen verschwunden.
30. Oktober. Ich brachte neue Latten. Jetzt waren die Schalbretter abhanden gekommen.
4. November. Den ganzen Tag verbrachte ich bei der Miliz und machte Angaben über das gestohlene Gut. Mir wurde versprochen. der Sache nachzugehen. Mit halbem Ohr hörte ich jedoch, wie ein Milizoffizier sagte: "Diese Privatbesitzer sind bekloppt! Wir sind mit Arbeit bis zum Halse eingedeckt, da kommen die mit ihrem privaten Krimskram ..."
1. Januar. Prost Neujahr! Der Haussegen hing schief. Vom zweiten Sparbuch habe ich noch 100 Rubel abgehoben, ein Graben für die Rohre mußte ausgehoben werden. Weshalb regt sich meine Frau darüber so auf? Im ersten Jahr haben es eben alle schwer. Dafür haben wir später: Obst, Gemüse und den Schlag der Nachtigallen ...
28. Januar. Alles lag tot unter dem Schnee, ich fuhr mit den Skiern darüber. Alles schlief. Auch die Wächter. Dem Nachbarn wurde das Schieferdach abgedeckt.
25. April. Eine erschütternde Neuigkeit! Die Leitungsrohre waren Diebesgut. Irgend jemand ist verhaftet worden. Eine Untersuchung hat stattgefunden. Das Geld ist zum Teufel ...! Auf den Grundstücken begannen alle, Brunnen zu graben. Ohne Wasser ist es keine Datscha.
26. April. Wir begannen mit dem Ausschachten.
3. Mai. Zur Feier des "Tages der Arbeit" erhielt ich eine Ladung zum Untersuchungsrichter. Ich kam mit leichtem Schrecken davon.
5. Mai. Ich war krankgeschrieben. nun hat mein Bruder die Apfelbäume eingepflanzt.
10. Mai. Die Stämmchen haben keine Wurzeln geschlagen. Jemand hat sie an einen nicht bekannten Ort umgepflanzt. Wer das war, ist nicht zu erfahren. Das Maß meiner Geduld ist voll.
20. Mai. Meine Frau fuhr zu ihrer Mutter. Angeblich zu einem ihrer üblichen Besuche. Beim Abschiednehmen sagte sie zu mir: "Petjuscha, du hast dich verändert, du bist nicht mehr der alte ...!"
10. Juni. Ich besorgte mir zehn Kilogramm. Wird es ausreichen? Eine Zündschnur dazu hat mir ein Verwandter beschafft.
15. Juni. Endlich flog alles in die Luft. Hurra!!! Die Erdbeeren und die Himbeeren ... Alles, was auf den Markt gebracht werden sollte! Alles! Ich sang vor mich hin: "ich habe selbst ein Gärtchen angelegt -- und habe es selbst in die Luft gesprengt ..."

DER SPIEGEL 10/1973
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