05.03.1973

Unmenschliche Abgründe

Oberstdorf will Europas führender Winterkurort werden. Deshalb entstand für 13 Millionen Mark eine Großschanze. Erwartung: Ein Weltrekord im Skiflug lockt Touristen an.
Sekundenlang hockte der Mann zusammengeduckt und nahezu unbewegt auf sausenden Skibrettern. Nach 140 Metern Talfahrt zeigten die Geschwindigkeitsmesser auf dem Kontrollturm 112 Stundenkilometer an. Plötzlich streckte sich der Athletenkörper; dort, wo die Piste im Leeren endete.
Fünf Sekunden lang segelte der Skiflieger durch die Luft. die Arme an den Leib gepreßt. 165 Meter weiter setzten die Bretter hei Tempo 146 auf. Der Athlet blieb auf den Beinen. 45 000 Zuschauer an der Skiflugschanze im slowenischen Planica jubelten. Der Thüringer Manfred Wolf hatte einen neuen Weltrekord aufgestellt.
Das war am 23. März 1969. Seitdem mühten sich die besten Skiflieger der Welt vergebens, noch weiter zu springen. 1970 mußten die Veranstalter von Oberstdorf im Allgäu ihre Skiflugwoche abbrechen. Zwei Springer hatten bei Stürzen im Schneetreiben Gehirnerschütterungen erlitten. Der Thüringer Horst Queck räsonierte: "Die Schanze ist ein Mordkatapult."
Auch letztes Jahr auf der Wolf-Schanze in Planica übertraf keiner die Bestmarke. Den erstmals ausgesetzten Weltmeistertitel gewann der Österreicher Walter Steiner mit 158 Metern. Weltrekordler Wolf erreichte nur 137 Meter und wurde Sechster.
Doch inzwischen türmten die Oberstdorf er, denen ein neuer Skiflug-Weltrekord als geeignete Werbung erscheint, Europas führende Winterkurorte Davos und Arosa zu überflügeln, für 5,3 Millionen Mark die größte Skiflugschanze der Welt auf. Höhenunterschied zwischen oberster Startluke und Auslauf: 189 Meter, 32 Meter höher als bei einem Sprung vom Kölner Dom. Für insgesamt 13 Millionen Mark entstand um den schiefen Turm im Birgsautal ein Sprungstadion nebst Zufahrtsstraßen.
Als "Zeigefinger Gottes im Allgäu" beschrieb der "Sport-Informations-Dienst" die Schanze. Die Oberstdorfer gaben ihr den Namen des einheimischen Architekten Heinrich Klopfer. Der frühere Skispringer und Erbauer von mehr als 250 Flug- und Sprungschanzen war 1968, zurückgekehrt von einer Inspektionsreise nach Planica, gestorben. Doch die Pläne für den Neubau im Heimatort Oberstdorf hatte der Architekt bereits ausgearbeitet.
"Weite Flüge sind wir Heini Klopfer jetzt schuldig", begründen Oberstdorfer wie Max Bolkart, der früher Deutschei Meister im Skisprung war und nunmehr als Alphornbläser die Skiflugwochen in seiner Heimat verschönt, die Notwendigkeit, mit einem Weltrekord wieder zum Zentrum des Skiflugs zu werden.
Den Spaß, von Schneehügeln mit Skibrettern möglichst große Sprünge zu machen, hatten schon Skandinavier um 1800 betrieben. Als Polarforscher Fridtjof Nansen in seiner norwegischen Heimat einmal einen Springer erblickte, berichtete er: "Das ist eins der stolzesten Schauspiele, welche uns die Erde zu bieten hat." Dabei war jener Springer gerade 20 Meter weit gehüpft.
Inzwischen unterscheiden Fachleute das Springen und das Fliegen von mächtigen Schanzen: Bei Weiten über 100 Meter hinaus gilt ein Sprung als Flug. Als erster schaffte es der Österreicher Josef Bradl mit 101,5 Metern -- in Planica, wo ein Ingenieur namens Stanko Bloudek eine Mammutschanze aus Holz errichtet hatte, die von den führenden norwegischen Funktionären im Weltverband als zu gefährlich eingestuft und damit für Sprungmeisterschaften nicht zugelassen wurde. Zudem siegten häufiger Springer mit besseren Stilnoten über Rivalen mit größeren Weiten.
In Wirklichkeit waren die Norweger verärgert. Jahrzehntelang hatten sie alle Rekorde gehalten. Den ersten 100-Meter-Sprung wollten sie selbst und dann auch noch möglichst im eigenen Land vollbringen. Deshalb boykottierten sie die Skiflug-Startrampe im nördlichen Jugoslawien. Auch lange nachdem Bradl ihnen den ersten 100-Meter-Sprung vorweggenommen hatte, behielten sie ihren Skiflugkomplex und sorgten dafür, daß nur Skisprünge als olympische Disziplin zugelassen wurden.
Als "unmenschliche Abgründe" qualifizierte der Weltmeister Sigmund Ruud die Großschanzen ab. In Planica beispielsweise hatte Ruud selbst nie einen Sprung über 100 Meter geschafft.
In Oberstdorf errichtete Klopfer, der sogar 111 Meter weit geflogen war, eine Mammutschanze, auf der 1964 der Italiener Nilo Zandanel auf die Weitrekordweite von 144 Meter hinaussegelte. Nun erst bauten auch die Norweger bei Oslo die Großschanze Vikersund, auf der ihr Landsmann Björn Wirkola den Weltrekord auf 146 Meter steigerte.
"150 Meter sind die Grenze", glaubte selbst Klopfer. Doch bald stellte sich heraus, daß sogar die 200 Meter nicht mehr unerreichbar sind. Freilich bedurfte es dazu noch größerer Schanzen.
Klopfers wichtigste Erkenntnis: "Durch die Zurücksetzung des Schanzentisches wird die Flugkurve flacher, das ist aerodynamischer." Tatsächlich erwies sich die ballistische Kurve in nur sechs Meter Höhe über dem Schneeprofil günstiger als zuvor bei hoch hinausgeführten Flügen, die unversehens in einen steilen Fall übergingen. Ein flacher Flug milderte auch die Sturzgefahr: Seitenwinde störten weniger.
Freilich beansprucht das Wettfliegen auf Skibrettern die Athleten so sehr, daß sie, wie der deutsche Trainer Ewald Roscher herausfand, nur einmal in einer Saison zu Rekordleistungen fähig sind.
Nach Versuchen im Windkanal forderte der Schweizer Skiflugtheoretiker Dr. Reinhard Straumann, auf Großschanzen nur routinierte Athleten zuzulassen, denn der Springer müsse "Zeit finden und lernen, mit der Luft als dem tragenden Medium zu spielen, statt wie früher mit ihr zu kämpfen".
Bis heute existieren nur fünf Skiflugschanzen, eine sechste entsteht in der CSSR. Jeder Veranstalter also kann künftig nur alle drei oder vier Jahre damit rechnen, die Skiflugwoche oder gar die Weltmeisterschaft zu veranstalten. So unterstützten Bund und Freistaat Bayern, obschon sie bereits durch das Olympia 1972 in München finanziell stark beansprucht worden waren, die Oberstdorfer mit jeweils drei Millionen Mark. Denn für 1973 hatte sich der Winterkurort im Allgäu die Weltmeisterschaft gesichert.
In Oberstdorf soll nach dem Plan der Gemeindeväter das Turm-Monster am Fuß des Nebelhorns durch einen Weltrekord von möglichst 170 Meter Weite oder gar mehr für die nächsten Jahre helfen, den Fremdenverkehr anzukurbeln.
Zur Weltmeisterschaft am kommenden Wochenende spielte der Musikzug des Heereskorps V in Koblenz einen eigens komponierten "Skifliegermarsch". Gleich nach den Wettkämpfen soll der Fahrstuhl im schiefen Türm von Oberstdorf Touristen in die oberste Startetage liften, wo bis zu 100 Personen Platz finden,
Den festlich vorbereiteten "Jungfernsprung" auf dem Skiflugplatz, den bundesdeutsche Nationalmannschaftsspringer ausführen sollten, verdarb freilich ein Spaßvogel. Er hatte uni 1000 Mark gewettet, daß er heil von der Großschanze herunterspringen würde, Zur Sicherheit nahm er Skistöcke mit. Der Jux ging gut aus. Die Weite des Freizeitspringers: 40 Meter.

DER SPIEGEL 10/1973
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