05.03.1973

SCHRIFTSTELLERHauptsache gesehen

Zwölf Jahre lang hat der Romanautor Walter Kempowski Bundesbürger nach persönlichen Erfahrungen mit Hitler befragt. Im Hanser-Verlag erscheinen jetzt die gesammelten Antworten.
Den einen liefen bei seinem Anblick "heilige Schauer über den Rücken". Andere waren "ergriffen" von dem "kolossalen Eindruck", den dieser "aufrechte, hübsche Mensch" auf sie machte, der Führer mit den "wasserhellen Augen": Adolf Hitler.
Solche Erinnerungen gaben seit 1961 rund 500 Bundesbürger dem Schrift steiler Walter Kempowski ("Tadellöser & Wolff") zu Protokoll. Auf Partys, bei Maskenbällen und in Reisezügen (Kempowski: "Nur 1. Klasse"), auf Kölns Rheinpromenade und bei Leseabenden in der Provinz hat der Autor Förster und Hausfrauen, Neurologen und Kunstmaler, Maschinenschlosser und Apotheker scheinbar naiv gefragt: "Haben Sie Hitler gesehen?"
Die Antworten -- nur zweimal wurden sie ihm verweigert -- hat der aus Rostock stammende, heute als Zwergschullehrer bei Bremen lebende Romancier, ein Meister des ironischen Zitats, mit einer im DDR-Zuchthaus Bautzen erlernten "Knast-Stenographie" notiert und jeweils kurz darauf, meist "auf dem Klo", in die "authentische Form" gebracht.
Fast alle Befragten -- Nazis. Mitläufer, Anti-Nazis -- hatten, zwischen 1921 und 1945, diesen "geliebten und gehaßten Mann" (so ein Superintendent) einmal erlebt: als Dämon, als enttäuschenden Kleinbürger, als entrückte gottähnliche Figur, als Todbringer; doch in der Erinnerung isoliert und ohne historisches Umfeld, stets punktuell, privat.
"Fünfzigmal", so trumpft etwa ein Kaufmann (Jahrgang 1911) auf, habe er Hitler gesehen: "Zum ersten Mal 1926, da kam er gerade aus der Festung, da hat er in Rostock im Sportpalast gesprochen. Drei Stunden frei! Faszinierend. Sein ganzes Buch, wie er dazu kam und vom Krieg und das Völkische. Da sagten wir uns doch, Donnerwetter ..."
Ein Einkäufer (Jahrgang 1918) erinnert sich an "1933 oder 34, ich hab lange gewartet. In Sechserreihen standen die Menschen". Freilich wurde er enttäuscht: "Abstoßender Anblick, quittegelbes, verkniffenes Gesicht." Ein Maschinenarbeiter hingegen, Jahrgang 1911, der Hitler "gut gekannt" haben will und mit ihm "auch sehr zufrieden" war, mag seinem Führer noch heute nichts Schlechtes nachsagen: "Der war immer freundlich, immer sehr nett und aufgeschlossen."
"Nett" fand den Diktator auch eine Hausfrau (Jahrgang 1927). Jungmädel damals. Erinnerungsselig skandiert sie dem Frager Kempowski ins Stenogramm: "Lieber Führer, sei so nett, komm doch mal ans Fensterbrett!" Höhepunkt für sie: "Wenn er auf den Balkon kam. Hauptsache, wir sahen ihn."
"Oft" hat auch ein Kunstmaler (Jahrgang 1914) "den Hitler" gesehen
-- "im Traum": Daß "dieser Mann in großer seelischer Not gewesen sein muß", ist ihm "dadurch" klargeworden.
Klar werden soll dem Leser dieser "Deutschen Antworten" (Untertitel), die jetzt in der "Reihe Hanser" erscheinen*, die "Tragik des irregeleiteten Idealismus". So jedenfalls will es Interviewer Kempowski, der die Führer-Frage vor allem stellte, um Hintergrund-Material für seine (1971 und 1972 erschienenen) Romane "Tadellöser & Wolff" und "Uns geht's ja noch gold" zu sammeln.
Doch die Tragödie aus Hysterie und Lethargie -- darauf verweist auch Sebastian Haffner in seinem mild-verzeihenden Nachwort -- verebbt, kaum reflektiert, zumeist im Anekdotischen; menschlich zwar, doch sicherlich auch ein Hauptindiz für das "unleugbare Fehlen" (Haffner) einer gesicherten Anti-Hitler-Tradition in der Bundesrepublik.
Zu absurden Pointen führt der totale Mangel an historischem Augenmaß Und, selbst heute, bewußtem Durchblick bei den befragten Bürgern:
Ein Jurist (Jahrgang 1893) beispielsweise, dem Hitler "damals ja zuhörte,
* "Haben Sie Hitler gesehen? Deutsche Antworten". Gesammelt von Walter Kempowski; Nachwort von Sebastian Haffner. Hanser Verlag, München; 124 Seiten; 6,80 Mark.
weil ich ihn beraten sollte", berichtet: "Ich hab ihn gefragt: 'Wie haben Sie sich das eigentlich vorgestellt, als Sie in München marschiert sind, wie wären Sie nach Berlin gekommen? So können Sie das doch nicht machen ... Sie müssen ganz legal an die Macht zu kommen versuchen.'" Kommentar des Rechtwahrers: "Und das hat er sich dann ja leider zu Herzen genommen."
Eine Hausfrau (Jahrgang 1912) erzählt Kempowski eine Episode aus dem deutschen Widerstand: "Mein Onkel wohnte in Pommern, der hatte Herdbuchvieh, und nach dem 30. Januar 1933 hat er alle braunen Hühner erschossen. So was ging damals noch."
Aus all diesen Fetzen einer oft einsichtslosen Erinnerung, so hofft gleichwohl Sammler Kempowski, werde eine "Bündelung der Erfahrung", eine "Intensivierung des Lernprozesses dieser Generation" resultieren.
Da er bei seinen Interviews nicht nur nach Hitler, sondern auch nach aktuelleren Problemen gefragt hat, will der gern in größeren Dimensionen planende Schriftsteller künftig weitere solcher "Sachbücher" veröffentlichen -- "so sechs bis sieben insgesamt". Sie sollen als zeitgeschichtliche Materialiensammlung seinen derzeit auf zwei Bände gediehenen, auf fünf Bände angelegten autobiographischen Roman-Zyklus begleiten und dereinst, gemeinsam mit den Romanen, eine "vollständige Information über die Mitte dieses Jahrhunderts" abgeben.
Hat Walter Kempowski (Jahrgang 1929) Hitler gesehen? "Ja, in Rostock am Bahndamm, zusammen mit Mussolini, im Speisewagen" Hitler stand da "wie sein eigenes Ölgemälde -- absolut ehern. Die Sonne schien, und die Leute waren ganz verkniffen". Kempowski erinnert sich: "Das hat hingehauen."

DER SPIEGEL 10/1973
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