05.03.1973

AUTOMOBILERauhe Reiter

Von 1975 an sollen Spikesreifen verboten sein. Was kommt dann?
Die meisten Reifenhändler sind in diesem Winter gleichsam zu Fakiren der Gummibranche geworden -sie blieben auf ihren Nägeln sitzen.
"Nur Betrübliches", grämte sich ein Sprecher des "Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie", sei über den Verkauf von Spikesreifen zu melden. Im dritten milden Winter nacheinander hielten viele Autofahrer die benagelten Reifen für entbehrlich." Der Spikes-Pneu", ermittelte die Zürcher "Weltwoche" sogar im eisreichen Herzen der Alpen, "ist tot." Vor allem aber wird die verschmähte Fahrhilfe, allem Anschein nach, von 1975 an verboten sein. Straßenbau-Techniker des Bundesverkehrsministeriums hatten schon im Sommer anklagend gemeldet, die Spikes würden -- trotz 100 km/h-Knebelung ihrer Benutzer -- pro Jahr für mindestens 400 Millionen Mark Belag von den Straßen wetzen. Dabei blieb freilich außer acht, daß auch Schnellverkehr, Lastwagen und Salzstreuer ihren Anteil am Belagschwund haben. Außerdem bildet der Spikesreifen ein Sicherheitsrisiko bei normalen Fahrbedingungen. Denn gerade unter Spikes-Fahrern, so ergab eine "Infratest"- Untersuchung, werde leicht "ein falsches Sicherheitsgefühl hervorgerufen". Sie führen auch "bei trockenen Straßen schnell, obwohl ihr Bremsweg dann länger ist als mit anderen Reifen", und sie seien "häufig in Auffahrunfälle verwickelt".
Weder das Ministerium noch die kauf unwilligen Autofahrer ließen sich umstimmen, als die Reifenfirmen sogar neuentwickelte, supersanfte Spikesreifen aufboten" deren Nägel den Beton gleichsam nur noch streicheln und nicht mehr ritzen. Die Industrie, meinte Verkehrsminister Lauritzen, müßte "eben mal ihre technologischen Möglichkeiten wahrnehmen", um geeigneten Spikes-Ersatz zu finden.
Zwei Fehlern haben es die Reifenfirmen zu danken, daß sie mit ihren Nagelreifen gescheitert sind. Zunächst hielten sie zu lange fest an den 1962 eingeführten Einfach-Spikesreifen in herkömmlicher Diagonal- Bauweise. "Bei den damaligen grobstolligen Diagonalreifen hingen schon nach kurzen Fahrstrecken die Spikes in ihren Löchern wie die besoffenen Ulanen. und der Spikesüberstand wuchs und wuchs", schrieb der Stuttgarter Reifentester H. J. Kaeppeler.
Als rutschfester, wintertauglicher und für den Straßenbelag schonender erwiesen sich die später propagierten Spikesreifen in aufwendiger Gürtelbauart. Mit diesem teureren Edelreif unterlief den Herstellern ihr zweiter verhängnisvoller Fehler: Sie verkündeten, der Gürtel-Spikesreifen vertrage Höchstgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h -- und auf Autobahnen und Bundesstraßen entstanden bald immer mehr Spurrillen und Wetzscharten der schnellen Nagelreifen-Fahrer.
Angehalten. sich um den Straßenabrieb nun genauso zu sorgen wie um den Reifenabrieb" haben Gummimischer aller Länder nun begonnen, den Wunderreifen zu entwickeln -- einen nagellosen Reifen neuer Generation, so griffig jedoch, als sei er mit Nägeln gepflastert. Es geht um den "Traum jedes Reifenfachmannes", wie Dunlop-Chefchemiker Dr. Günther Krause formulierte, um jenes "Pülverchen, das, mit wenigen Zehntel Prozent in die Laufflächenmischung eingebracht, Wunder an Rutschfestigkeit" besonders bei Nässe und auf Eis und Schnee, vollbringt".
Schon in den letzten Jahren waren in den Laboratorien der Reifenfirmen insgeheim Laufflächenmischungen entwickelt worden, die den Reifen auf spiegelblankem Eis eine dem handelsüblichen Spikesreifen vergleichbare Haftreibung verliehen. Doch ihre Abrieb-Lebensdauer war zu gering: "Sie gingen weg wie Butter" (so ein Eingeweihter über Versuchsreihen).
Immerhin haben erste, gewiß noch nicht vollkommene Modelle der neuen Winterreifen-Generation gezeigt, daß winterliche Auto-Touristen künftighin auf "Rauhreifen" über Eis, Schnee und salzgetaute Fahrbahnen reiten sollen. So läßt etwa ein von der Firma Phoenix entwickelter Kautschuk-Pneu namens "Porogrip" beim Fahren Tausende von kleinen Kügelchen aus Kunststoff kullern -- sie lösen sich nach und nach aus der Lauffläche, hinterlassen winzige Krater und sorgen laut Phoenix für "eine permanente Rauhigkeit der Lauffläche". Dunlop präsentierte einen weichgemischten "Winter-Winner", dem je Profilstollen bis zu 40 Stahldrähte wie eine Bürste einvulkanisiert wurden; sie sollen durch ihre leichte Kratzwirkung das Eis anrauhen, Straßensubstanz hingegen nicht antasten.
Ohne Drahteinlagen und Kugelstreuung, nur mit speziellen Gummimixturen und feingeschlitztem Profil-Raffinement, suchen Continental, Metzeler, Veith-Pirelli und Uniroyal zum Erfolg zu kommen. Vergleichstests ergaben beispielsweise, daß der neue nagellose Continentalreifen "M + S contact" seinen vernagelten Bruder, den "TT 726", beim Bremsen auf Schnee und Eis glatt überbietet.
"Der Laufstreifenmischung" so erläuterte Dr. Hermann Hellwage, Chemiker im Vorstand der Metzeler AG, "kommt entscheidende Bedeutung bei einem Reifen ohne Spikes zu." Metzeler hat "bei einer vertretbaren Lebensdauer" (so Hellwage) offenbar "eine regelrechte Wundermischung" (so Insider) für nagellose Winterreifen entdeckt. Das Zauber-Gummi, entwickelt aus dem "M + S Magnet", soll im nächsten Winter auf den Markt kommen.
Ob die Autofahrer mit den neuen Superreifen aller Fabrikate eher in den Graben rutschen als vordem, wird sich spätestens bei der nächsten Rallye Monte Carlo erweisen: Die Teilnehmer an dieser schwierigen Winterwettfahrt dürfen dann nämlich zum erstenmal keine Spikesreifen mehr benutzen.

DER SPIEGEL 10/1973
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