09.04.1973

„Wellkemm tu se käpitell“

Auf englisch wie französisch empfiehlt sich Ost-Berlin nach gesamtdeutscher Annäherung und internationaler Anerkennung: als Weltstadt fürs unterhaltsame Wochenende, „Metropole des deutschen sozialistischen Staates“ und solides Gegenstück zum glitzernden West-Berlin. SPIEGEL-Mitarbeiter haben sich in der Hauptstadt der DDR umgesehen und notiert, was der Besucher aus dem Westen dort sehen soll und was er wirklich zu sehen bekommt.
Statt Kellerstiegen Rolltreppen, statt Hinterhöfen Wolkenkratzer, Neonlicht im Widerschein der Fassadenstadt aus Glas und Kacheln. weit und breit kein Strich, und wo einst der Leierkasten klang. Beat aus dem Transistor für Zille wäre das kein Milljöh mehr.
Aber die urbane Szenerie findet sich exakt dort, wo Heinrich Zille einst die Poverteh gezeichnet hat: am Alexanderplatz in Berlin. Dort, in der Hauptstadt der DDR. wächst aus historischen Trümmern die "Metropole des deutschen sozialistischen Staates. die laut Walter Ulbricht "immer schöner" werden soll.
Dort präsentiert sich Stein gewordene Souveränität: mit der Hammer-und-Zirkel-Fahne über dem restaurierten Brandenburger Tor: mit dem alten Liebknecht-Balkon in der Front des neuen Staatsratsgebäudes mit der wiederaufgebauten Schloßwache Unter den Linden, wo feldgraue Soldaten der Nationalen Volksarmee mit aufgepflanztem Bajonett im Stechschritt paradieren.
Nun, da das andere Deutschland so unübersehbar geworden und Anerkennung international vollzogen ist. soll die ganze Welt erfahren, daß man sich sehen lassen kann. Alle Welt ist will kommen, wo "Berliner heute Weltgeschichte machen", und aus der "Berliner Zeitung" ist zu lernen, wie die Grußbotschaft zu entbieten ist, vielsprachig und in phonetischer Umschrift: "Wellkemm tu se käpitell ow se dih dih ah!"
Was die Kapitale der "German Democratic Republic" (GDR) zu bieten hat, reicht von den Resten Preußens im Märkischen Sand bis zum zweithöchsten Bauwerk Europas, dem 365 Meter hohen Fernsehturm am Alexanderplatz; von den sparsamen Schnörkeln königlicher Baumeister am restaurierten Linden-Boulevard bis zum Hotel-Turm "Stadt Berlin" mit 39 Stockwerken, elf Restaurants und 1000 Zimmern.
Auf Bahnhöfen und Speisekarten, in Pissoirs und Fahrstühlen gibt sich diese Metropole, als sei sie Nabel und Babel dieser Welt. In der "Raabe-Diele" des Alt-Berliner Ermeler-Hauses am Märkischen Ufer. wo die meisten Gäste sächsisch sprechen, gibt es "Harz Cheese und "Iron Gustav. Die weißen Spreedampfer werden auf polnisch als "Biala flota" empfohlen. Und wo Sowjets mal müssen sollen dürfen, heißt es auf kyrillisch "Ubomaja".
Historisches springt ins Auge zwischen dem Gendarmenmarkt, wo selbst die Ruinen des Schauspielhauses, des Französischen und des Deutschen Dorns noch einen Hauch von Glanz und Glorie vermitteln, und dem wiederhergestellten Forum Fridericianum mit der ehedem Königlichen Hofoper, der Königlichen Universität und dem Königlichen Zeugbaus.
Sozialistisches ist unverkennbar zwischen dem Marx-Engels-Platz, wo die neue Macht die Reste des zerstörten Hohenzollern-Schlosses einebnen ließ. und dem Lenin-Platz, wo sie sich und der Revolution ein Lenin-Denkmal setzte, 19 Meter hoch und aus rotem Granit. Überall steht's geschrieben: Thälmannplatz, Wilhelm-Pieck-Straße, Bersarinstraße, Luxemburgplatz, Maxim-Gorki-Theater, Dimitroffstraße, Klement-Gottwald-Allee, Mühsamstraße, Richard-Sorge-Straße.
Diese Mischung aus Tradition und Revolution ist es, die für ihre Schöpfer den Reiz der Metropole ausmacht -"eine Reise wert für alle, die sich selbst überzeugen wollen vom Pulsschlag unserer Zeit", wie der amtliche "Stadtführer" findet. Und es ist, als verbinde sich in diesem Selbstverständnis das Erhaltenswerte einer nationalen deutschen Vergangenheit mit dem Erstrebenswerten einer sozialistischen Zukunft -- das beste Berlin womöglich, das es je gab. lebensstärker und stabiler als das Gutzerding von nebenan, die Halbstadt im Westen?
Denn diese Stadt jenseits der Mauer. größer, lauter, viel reicher, ist noch immer, insgeheim oder eingestandenermaßen. Provokation und Ansporn, abschreckendes Beispiel und Muster zugleich. Und so ist es kein Zufall, daß sich die DDR-Metropole nach Westen hin in Hochhäusern auftürmt. als gelte es, sich einer fremden Welt entgegenzustellen.
An der Leipziger Straße, wo bislang von West-Berlin her der 20-Etagen-Kratzer Axel Springers dominierte. wird dies deutlich: Auf Ost-Boden wächst eine Kette von Wohn-Quadern, die, 25 Stockwerke hoch, dem Springer-Bau die demonstrative Einmaligkeit nehmen und ihn gleichsam zur Dutzendware machen.
Aber das ist nicht nur Abschirmung, auch nicht nur sozialistische Protzerei -- es ist zu einem Gutteil der Versuch. die für das Regime bitteren ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte zu kompensieren, jene demütigende Eins-zu-vier-Epoche, da die Leute scharenweise davonliefen. Aus dieser Zeit stammt Walter Ulbrichts Wort von "diesen westlichen Vororten", denen die DDR dann ihr hauptstädtisches "Wir sind wieder wer" entgegensetzte: Nicht einfach "Berlin" ist der offizielle Name, sondern "Berlin, Hauptstadt der DDR". Das ist sie, unbeschadet der Profilierungsnot nach Westen hin, nach innen immer gewesen: Sie ist die größte Stadt der DDR, mit 1,085 Millionen Einwohnern. Sie ist, als Zentrale eines autoritär regierten Staates, Sitz aller Regierungsinstanzen und sämtlicher Leitstellen für Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Kultur, Militär und, vor allem, der allein herrschenden Sozialistischen Einheitspartei.
Die meisten Kreislauftoten, die höchste Scheidungsziffer.
Nicht wenige Behörden residieren noch in Gebäuden aus der NS-Zeit und in Amtsstuben aus Kaisertagen -- so das "Haus der Ministerien" im ehemaligen Luftfahrtministerium Hermann Görings, das Presseamt des Ministerrats in den Resten des Propagandaministeriums von Joseph Goebbels, das SED-Hauptquartier in der früheren Reichsbank von Hjalmar Schacht und die Regierungskanzlei Willi Stophs im ehedem wilhelminischen Stadthaus.
Ost-Berlin ist Verkehrsknotenpunkt der Republik mit dem zentralen Ostbahnhof (früher Schlesischer Bahnhof) und dem Zentralflughafen Schönefeld. Es ist die größte Industriestadt der DDR mit Schwerpunkt Elektrotechnik und Elektronik. Von den rund 600 000 berufstätigen Ost-Berlinern arbeitet fast die Hälfte in Industrie und Handwerk, mehr als 160 000 zählen zum Regierungs- und Verwaltungspersonal.
In der Hauptstadt wird am höchsten gebaut, am besten verdient und am meisten verkauft. Und wie jede Metropole hebt sie sich von der Provinz auch im Negativ-Vergleich ab -- Stadt mit den meisten Kreislauftoten, der höchsten Krebsrate, der geringsten Geburtenzahl, der höchsten Scheidungsziffer. Nirgendwo in der DDR sind die Sparquoten so niedrig, ist die Kriminalitätsrate so hoch wie in Ost-Berlin.
Die Stadt ist auf ihre Weise Magnet geblieben. Wie es einst Königsberger und Hannoveraner, Breslauer und sogar Bayern dorthin ins Zentrum des Reiches zog, wo sich Bolle janz köstlich amüsiert haben soll, so zieht es heute aus dem Reichsrest Ost Leute aus Radebeul, Wurzen und Gotha in das Zentrum der Republik, wo immer noch mehr los ist als zu Hause.
Und wie die alte Reichshauptstadt ihr Wachstum vornehmlich durch Zuzug aus der Provinz zuwege brachte, so wäre auch die DDR-Hauptstadt bevorzugtes Wohn- und Arbeitsmilieu, wenn es mehr Werkhallen und mehr Wohnungen gäbe. Aber an Wohnungen herrscht Mangel.
Die Kriegsfolgen sind noch längst nicht behoben. Ein Vierteljahrhundert hat nicht ausgereicht, die Spuren amerikanischer Bomben und russischer Granaten zu tilgen. In keiner europäischen Großstadt sind noch so viele Kriegstrümmer zu besichtigen wie in Berlin beiderseits der Mauer. in keiner Stadt gibt es so viele Baulücken wie in Ost-Berlin.
70 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt lagen 1945 in den Straßen Groß. Berlins. In der Innenstadt, den heutigen Ost-Bezirken Mitte und Friedrichshain, waren mehr als die Hälfte aller Bauten völlig zerstört. 185 000 Wohnungen vernichtet. 400 000 beschädigt. Die Prachtbauten der Hohenzollern. die Hinterlassenschaften der Schinkel und Knobelsdorff. der Schadow und Schlüter waren dahin.
"Der Pflege des Kulturerbes gehört jede erdenkliche Sorgfalt.
Ausgebrannt waren auch weite Teile jener Arbeiterviertel. wo die alte Hauptstadt nur aus Elend bestand, aus lichtlosen Hinterhöfen und verwanzten Kellerwohnungen die Zille-Gegend rund um die Berolina. wo der Armen-Arzt Alfred Döblin das Schicksal des Transportarbeiters. Einbrechers. Zuhälters und Totschlägers Franz Biberkopf beschrieb: "Berlin Alexanderplatz".
Manches, das sich wieder hätte herrichten lassen, fiel der Vergangenheitsbewältigung zum Opfer. die mit dem Moskau-Kommunisten Walter Ulbricht am 2. Mai 1945 in Berlin Einzug hielt: Das Hohenzollernschloß und die Reste Alt-Berlins um Wilhelm Raabes Sperlingsgasse und auf der Fischerinsel wurden ebenso geschleift wie die Reichskanzlei. aus deren roten Marmor-Quadern die Sowjets im Treptower Park ihren Gefallenen ein Ehrenmal errichteten.
Doch auch manches, das schon 50 Jahre früher hätte saniert werden müssen, wurde nun beim Aufräumen mit weggeschafft -- finstere Viertel zwischen Jannowitzbrücke und Schlesischem Bahnhof. einst Hauptquartier von Hehlern wie Zuhältern, eine Gegend, in der die Hauswirte während der zwanziger Jahre nach der Bekundung von Überlebenden die "Miete mit dem Revolver" kassieren ließen. Wie es dort aussah, kann sich vorstellen, wer heute durch Mulack- oder Steinstraße geht, zwischen Marx-Engels-Platz und Luxemburgplatz: verfallendes Gemäuer. Wohnlöcher hinter kaputten Fenstern, Ratten im Hof, 20 Mark Miete.
Die Schlagwörter jener Spitzhacken-Ära waren "Antifa" und "Aufbau". Aber in den fünfziger Jahren blieb in der durch Westflucht und durch Ost-Reparationen ausgepowerten Republik nicht viel übrig für den Wiederaufbau der Hauptstadt. Und was errichtet wurde, durfte nicht bloßes Bauwerk, es mußte Monument der unablässig verkündeten "Neuen Zeit" sein --- wie die Stalinallee.
Dieser Straßenzug, avenuehaft breit wie in Berlin üblich, machte die Abhängigkeit dieser roten Republik von ihren sowjetischen Stiftern selbst im Ästhetischen deutlich. Er geriet unter der Kelle des Chef-Baumeisters Hermann Henselmann zu einer gekachelten Kopie des Zuckerbäckerstils stalinistischer Hof-Architektur und, seit dem 17, Juni 1953, auch zur Kulisse deutscher Nachkriegsgeschichte.
Erst ein rundes Jahrzehnt später, nach dem Mauerbau, der laut DDR-Stadtwerbung "einen großen Schwung in das Aufbautempo brachte", begann der Ausbau des Stadtkerns zwischen Brandenburger Tor im Westen und der Stalinallee -- später Karl-Marx-Allee -- im Osten: das neue Zentrum.
Alles sollte anders, besser, menschlicher werden als in der Neon-Kapitale West-Berlin. wo Genossen hinter Flitter-Fassaden "ständig wachsende Ausbeutung, Arbeitshetze. Überstundenschinderei und niedrige Löhne" (DDR-Historiker Gerhard Keiderling) zu Hause wissen. Im Osten stand eine Stadt mit einer "sozialistischen Perspektive" auf dem Plan, mit "einem neuen Lebensgefühl" für die Bürger und "mit modernen Bauten und attraktiven Geschäften" -- so heißt es in der volkseigenen Hauptstadt-Monographie "Berlin 1945-1968".
Es war wirklich eine Chance. Hastigen Aufbau gleich nach dem Krieg hatten sich die Ostdeutschen schon mangels Mitteln nicht leisten können -- und damit, so schien es, konnten sie sich auch die Fehler des Westens in Städtebau und Stadtplanung ersparen. Und zudem bürgte die allmächtige Zentralgewalt des Staates für geradezu ideale Voraussetzungen. für die allein an Gemeinschaftsbedürfnissen orientierte Verfügbarkeit über Grund und Boden.
Interessen privater Grundstücksbesitzer kamen den Erbauern des neuen Berlin-Ost ebensowenig in die Quere wie Kosten- Nutzen -Rechnungen von Banken, Warenhäusern und Industriebetrieben, Und mit der Zeit konnte der Staat, nach dem Mauerbau zusehends gekräftigt, auch mehr Geld für die ehrgeizigen Hauptstadt-Pläne erübrigen. Nach offiziellen Angaben wurden von 1963 bis 1966 insgesamt 5,6 Milliarden Mark in Ost-Berlin investiert -- exakt die Summe, die zehn Jahre zuvor, 1953, für die ganze Republik zur Verfügung gestanden hatte.
Allein die Restauration zerbombter historischer Bauten ging in Hunderte von Millionen. Getreu der Parteidevise "Der Pflege des nationalen Kulturerbes gehört jede nur erdenkliche Sorgfalt" erneuerten die Städtebauer beispielsweise für 65 Millionen Mark die von Knobelsdorff 1741 entworfene Fridericianische Hofoper, die heutige Staatsoper, die ihre erste Nachkriegs-Saison mit Richard Wagners "Meistersingern" eröffnete. Der "Volkseigene Betrieb Stuck und Naturstein" nahm sich auch einiger ramponierter Patrizierhäuser an. So trugen die Spezialisten die Reste des "Ermelerhauses" in der Breiten Straße ab und versetzten sie ans Märkische Ufer, wo das alte Tabakhändlerhaus nun mit alter Fassade und viel neuem Interieur als gastronomische Besonderheit empfohlen wird -- mit restaurierten Amoretten am Wolkenhimmel des Fechhelmsaals, dem die Lokaipresse "höchste Eleganz" nachsagt.
Am Alexanderplatz wuchs derweil aus der größten Baugrube der Republik das neue Zentrum, gedacht als Ausdruck sozialistischer Urbanität. Ost-Berlins Chefplaner Joachim Näther: "Wir wollen keine abends entvölkerten Zentren, keine isolierten Wohngebiete, wie sie in kapitalistischen Ländern in erschreckender Weise entstanden sind." Walter Ulbricht: "Wenn unser Alex fertig sein wird, wird er das wirkliche Zentrum Berlins sein.
Nun ist der Alex fertig, und in einer amtlichen Berlin- Information heißt es: "Die Gäste aus allen Richtungen der Windrose versäumen es nicht, diese Visitenkarte zu besichtigen, denn sonst dürften sie sich nicht rühmen. Berlin erlebt zu haben."
Woran so viele Erwartungen geknüpft worden waren, was schon auf Vorschuß soviel Symbolwert bekommen hatte, was ein gutes Stück Selbstverwirklichung des anderen Deutschland werden sollte da steht es nun wie ein Denkmal, ein Schaustück steinerner Superlative, neben dem größten deutschen Fernsehturm das höchste Hotel beider Deutschlands, das größte Kaufhaus ("Centrum") der Republik, die längste Sitzbank der Welt (125 Meter).
Der Platz selbst, untertunnelt für Autos, Fußgänger und Bahnen, kündet von einem städtebaulichen Grundkonzept, das ganz und gar im Einklang mit der Berliner Baugeschichte zu stehen scheint: meilenweit Breite und Weite. wie sie schon der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm 1. bevorzugte. der seine Kerls paradieren sehen wollte. Den Städtebau-Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Eberhard Schulz. wiederum erinnerten die weitgeöffneten Straßen an französische Avenuen -- "Fortsetzung des 19. Jahrhunderts unter Napoleon III. und in diesem Sinne eine etwas ironische Erscheinung. da die Avenuen dort ursprünglich Schußkanäle der Artillerie gegen das Arbeiterquartier waren".
Doch wer die Weitläufigkeit des neuen Zentrums von heute abschreitet, etwa vom Alexanderplatz aus in Richtung Karl-Marx-Allee, der verspürt nichts von der architektonischen Vielfalt alter Avenuen. Er hat vielmehr den Eindruck, als habe hier ein Baumeister nach der märkischen Devise Rechts "ne Pappel. links "ne Pappel die Straßen mit hohen Häusern gesäumt -- immer im gleichen Abstand, immer von gleicher Höhe, immer vom gleichen Typ.
Alle sind nach derselben Platten- oder Sektionsbauweise aneinander- und aufeinandergefügt, alle haben die gleichen Balkons, die gleiche Fassade -- zumeist Kachelsteine, die dem neuen Berlin mancherorts die kalte Sterilität blaßgefliester Badezimmer verleihen.
Ob freistehende Beton-Schachteln wie zur Jannowitzbrücke hin oder in Lichtenberg, wo die Leute vom Staatssicherheitsdienst wohnen; ob Hochhäuser, Block an Block in gerader Linie (Liebknechtstraße) oder in Schlangenlinie (Leninplatz); ob Schlichtbau-Kettenhäuser wie im Heine-Viertel oder die neue Diplomatenzeile aus standardisierten dreigeschossigen Würfelbauten an der Pankower Esplanade -- imposante Monotonie ist überall.
Es seien "wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig", wenn man in Berlin etwas anderes sehen wollte "als tote Häuser und Berliner" -- diese Impression Heinrich Heines, vor 150 Jahren formuliert, läßt sich heute neu empfinden. Auch kritischen Zeitgenossen aus der DDR fällt sie auf, diese "Eintönigkeit nebeneinander aufgezeilter Häuserblöcke, in die mit der Maschinenpistole ganze Fensterreihen reingeknattert scheinen".
Kein Friseur im Haus, keine Kneipe um die Ecke.
So sagt es Hermann Henselmann, der Staatsbaumeister der ersten Aufbauphase, in der die Stalinallee entstand; und in der Tat wirkt diese verzierungsreiche Manifestation des sowjetischen Monumentalismus heute fast anheimelnd gegenüber den neuen.
* Von links: Deutscher Dom, Schauspielhaus, Französischer Dom.
fürs Massenwohnen hergerichteten Baukörpern, die sich aus der Luft ausnehmen wie eine Batterie von Elektrospeicheröfen.
In Henselmanns Allee finden Bewohner wie Passanten im Erdgeschoß, was sie zum Leben brauchen -- Lebensmittel und Spielwaren, Gaststätte und Friseur, Bücher wie Textilien. Aber im neuen Zentrum, wo Henselmann-Nachfolger Näther jeden Tag eine Million Mark verbauen darf, wird im Erdgeschoß gewohnt: kein Friseur im Haus. keine Kneipe um die Ecke, alle treffen sich in der zentral gelegenen Kaufhalle oder im Dienstleistungskombinat -- kurzum dort, wo es allein was zu erledigen gibt, wo es keinen hält, um zu bummeln, zu gucken, zu reden.
"Die Leere", schreibt "FAZ"-Schulz, "der städtische Tod von allen Architekten unserer Generation hüben und drüben gefürchtet. schleicht über die breiten Avenuen." Und auch Lore Ditzen, die für die Schweizer "Weltwoche" durch die Stadt ging und eher angetan war, fühlte sich "verwirrt' durch "Monotonie von Achsen. Tangenten, Magistralen, Quader hoch und Quader quer". Die Stadt, fand sie, sei "der Entwurf ihrer eigenen Utopie".
Keine Nischen für Buden und Boutiquen.
Die Genossen Planer vom Bau wollten laut Näther "keine abends entvölkerten Zentren" -- aber genau dies, die Öde, die Leere, haben sie verwirklicht. Sie wollten "keine isolierten Wohngebiete wie in kapitalistischen [ändern" -- aber genau dies, die Isolierung des einzelnen, haben sie fertiggebracht. Ost-Berlins Städtebauer haben die Kardinalfehler kapitalistischen Bauens wiederholt, die Chance, von der sie selber sprachen, vertan.
Mehr noch: Selbst ihre Bemühungen, sozialistische Lebensqualität zumindest mit Reizen und mit Annehmlichkeiten für die Bürger auszustaffieren, erschöpft sich häufig in mißglückter Imitation. Da wird im Edelholz-Interieur einiger Show-Salons der Liebknechtstraße kommerzielle Weltläufigkeit suggeriert -- aber das Angebot ist, im Vergleich zum Dekorum, eher kärglich.
Da gibt es Sperrzonen für Automobile und nur ein Minimum an Parkplätzen in der Innenstadt -- als solle schon durch solche Restriktionen kundgetan werden, daß sich diese Stadt anders als der Westen nicht von der Blechlawine überrollen lassen werde. Aber Unter den Linden präsentiert der Staatshandel in einer luxuriösen Ladensuite die jüngsten Auto- Modelle so penetrant verlockend wie auf dem Kurfürstendamm. Um den rotierenden Fiat 125 polnischer Machart ("Fiat Polski") steht das Volk denn auch in Scharen, nur zugreifen kann keiner. Wer. für 22 000 bare Mark, dieses oder ein anderes Automobil erwerben will, muß bis zu vier Jahre warten.
Es ist das Vorgetäuschte, der hohle Anspruch, der Widerspruch im eigenen Verhalten, der diese sozialistische Urbanität beeinträchtigt. Da wird Konsum-Fetischismus kultiviert, obwohl der normale Konsum noch Lücken zeigt. Da wird von Weltniveau und Internationalität um so mehr geredet ("Interhotel" "Intershop", "Interflug"), je weniger davon vorhanden ist, und es muß nicht mal die Mauer sein, die da im Wege steht.
Denn eine Atmosphäre wie in der Carnaby Street in London oder auf dem Prager Wenzels-Platz läßt sich auch mit dem solidesten Fünfjahresplan nicht erzeugen: Keine Nischen für Buden und Boutiquen, keine Ecken für Eckensteher, und selbst die jungen Langhaarigen, die man gelegentlich in kleineren Gruppen beisammenstehen sieht, wirken wie Fremdkörper in dieser Umgebung, die mit Lysol, Wasser und Kampagnen sauber gehalten wird: "Mach mit! Schöner unsere sozialistische Hauptstadt Berlin!" Alle angepackt, weg mit Knüllpapier, "damit der Frühling ein sauberes Berlin vorfindet".
Es sind längst nicht mehr so viele Plakate und Spruchbänder an Häuserwänden, Bahnhöfen und Fabriken zu sehen wie früher. Aber die Phrase hat ihre Bedeutung behalten: Wie eh und je haben sich Hauptstädter wie alle anderen DDR-Bewohner immerzu für irgend etwas verpflichtet zu "kämpfen", irgendeinen Plan, irgendein Soll zu "erfüllen", und immerfort "verpflichten" sie sich, irgend etwas "überzuerfüllen".
Sogar die zugelassenen kleinen Lustbarkeiten DDR-sozialistischer Lebensart, Lotto, Toto und Totalisator. sind mit von der Partie der Partei. Wo der Grundherr Karl von Treskow Anfang des letzten Jahrhunderts ein Vorwerk einrichten ließ und wo schon 1862 Militär-Jagdrennen stattfanden, in Karlshorst, gilt das Gelöbnis des "Volkseigenen Rennbetriebs": "Den Plan der Starts und der Renngewinne wollen wir erfüllen und übererfüllen."
Auf der Trabrennbahn, wenigstens. hat sich der Jargon nicht geändert. Dem plangerecht verlorenen Einsatz (2,50 bis 50 Mark pro Rennen) trauern die Wetter berlinisch nach: "Christine, zieh, zieh!" und, nach einer Pause des Entsetzens: "Wat denn, wat denn, det Arschloch looft nicht."
Fünf Mark auf Christine -- das ist einer der kleinbürgerlichen Restbestände, an denen sich nicht nur Rentner erfreuen (in der Stadt gibt es 24 Wettannahmestellen). Die Vergnügungen der Hauptstadt haben für den Durchschnittsbürger nichts, was der Partei-Illusion vom neuen Leben entspräche, im Gegenteil, sie wirken, zumindest auf Besucher, wie von gestern.
In der Werner-Seelenbinder-Halle, der größten überdachten Sport-Arena der Republik, tönt beim ausverkauften Radrennen der Alt-Berliner "Sportpalast-Walzer" aus den Lautsprechern, und das Volk pfeift dazu wie weiland "Krücke" an der Potsdamer Straße.
Man trägt Schlips, weißes Hemd, korrekten Anzug, wenn man sich fein macht. "Darf ich bitten?" fragt der junge Volksarmist in tadellos gebügelter Uniform und mit korrekter Verbeugung, und die junge DDR-Bürgerin im mittellangen Brokatkleid, die sich in der "Melodie-Bar" am Friedrichstadt-Palast bitten läßt, gibt sich ihm tanzschulmäßig in den Arm; in altdeutscher Standardhaltung trotten sie den Fox.
Man hat Manieren. Wer in salopper Kleidung zum Tanz oder im besseren Restaurant erscheint, riskiert, wie zu Kaisers Zeiten, Saalverbot. Ein junger DDR-Bürger ohne Binder, der sich vorletzte Woche am Schiffbauerdamm-Theater in das Feinschmecker-Lokal "Ganymed" verirrt hatte, um sich ein Bier zu genehmigen, wurde vom Kellner -- Frackweste' weißer Schurz -- lautstark belehrt: "Dies ist ein Wein-Restaurant, mein Herr." Beschämt verdrückte sich der junge Mann.
Nein, von Welt ist diese Weltstadt nicht, auch wenn sie 984 Gaststätten hat, immerhin ein Viertel dessen, was es an Kneipen und Restaurants im gleich großen München gibt. Sie haben Wartesaal-Charakter wie der Ratskeller zu Köpenick (Preisstufe III); sie sind von spätkapitalistischer Eleganz wie im neuen Hotel "Stadt Berlin", wo die Ober im Frack Flambiertes zelebrieren (Preisstufe V = Sonderklasse).
"Eine kubanische Nachtbar wäre sehr hübsch."
Was noch fehlt, erfuhr der Doktor Gerstner, Kolumnist der Ost-"BZ", aus Moskau, wo kürzlich "ein kubanisches Café "Havanna' eröffnet" worden sei. Das wiederum brachte ihn "auf den Gedanken", daß "eine kubanische Nachtbar mit heißen südamerikanischen Rhythmen in unserer Stadt sehr hübsch wäre", und warum nicht auch "ein arabisches Restaurant" oder gar eine Heimstatt "für die sehr schmackhafte und interessante Küche Indiens -- allerdings wohl nicht mit dem bisher bei uns handelsüblichen Curry".
Soljanka aus der Sowjet-Union ist da, Whisky aus West-Berlin ist dort zu haben (das 4-cl-Glas zu 5,40 Mark), und auch ein Quentchen Frivolität scheint gelegentlich vorhanden. Jedenfalls behauptet der Amerikaner Allan H. Mankoff in seinem "European guide to sex, love and romance", er sei in der Bar des Interhotels "Unter den Linden" einigen "strammen 20-Dollar-Huren, begegnet; im Café "Budapest" in der Karl-Marx-Allee sei genauso etwas zu machen wie "in den Bars der für Westler attraktiven Hotels", und für Homosexuelle sei "Eckstein in der Schönhauser Allee" empfehlenswert.
Wo käufliche Liebe in der DDR-Metropole beginnt und wo sie aufhört, ist schwer auszumachen. Von Amts wegen ist Prostitution verboten, und mit Sicherheit gibt es keinen Straßenstrich' keinen Bordellbetrieb und auch keinen Massage-Sex wie westlich des Brandenburger Tors.
Andererseits "kennen wir den Begriff der Kuppelei nicht", sagt Ost-Berlins Star-Jurist Friedrich Karl Kaul, genannt FKK, "kein Hotel-Leiter hat das Recht, seine persönlichen Ansichten durchzusetzen". Der Direktor des Hotels "Stadt Berlin': "Wir haben keine Einwände, wenn ein Soldat mit seiner Freundin oder ein Student mit seiner Verlobten bei uns in einem Doppelzimmer übernachten will."
Vorausgesetzt, eines der 1000 Zimmer ist frei. Denn das erste Haus am Platze ist in der Regel einheimischen Funktionären und ausländischen Geschäftsleuten vorbehalten -- ein 123 Meter hohes Symbol dafür, daß in dieser Arbeiter-und-Bauern- Republik noch lange nicht jeder Bauer überall willkommen ist, es sei denn, er ist gar keiner mehr und schon Funktionär.
Dort wie andernorts in Ost-Berlin ist sinnlich wahrnehmbar, daß alle DDR-Bürger gleich, aber manche eben doch noch gleicher sind. Nur wer Devisen, etwa Westmark, hat, kann im "Intershop' einkaufen, wo allein es West-Waren zu zivilen Preisen gibt, Käse aus Dänemark, Parfüms aus Frankreich und Whisky aus Schottland; da bleibt sogar Persil Persil.
Nur wer im Arbeiter-und-Bauern-Staat zu den allerobersten Zehntausend gehört, kann sich einen West-Wagen leisten, wie jenen lindgrünen Mercedes 250 mit der Ost-Berliner IG-Nummer 40-85; er steht gewöhnlich vor der Akademie der Wissenschaften, wo sich die Gelehrten der Republik den Kopf zerbrechen. Und nur wer genug verdient, bekommt auch für einheimische Aluminium-Mark allerhand. Man kann es in der Hauptstadt sehen: In den "Exquisit"-Läden à
la "Elvira" Unter den Linden etwa, wo Leute mit Geld ihren Bedarf an Importkleidung zu Überpreisen decken; wo die Gutsituierten bei Rehrücken und Rheinwein unter sich sind.
Es sind die Attribute einer Gesellschaft, die sich dem Fremden nur in Bruchstücken oder gar nicht erschließt. Denn was der Gast. zumal aus dem Westen, zu sehen und zu hören bekommt, ist das offiziell Plakatierte, die Einheitspropaganda' die den Blick in die Tiefe nur zu häufig verstellt. Es ist ein Phänomen, das alle Ostblock-Metropolen auszeichnet: Das Kollektiv-Klischee verdeckt das wahre Leben.
Generelle Zuzugssperre für die sozialistische Hauptstadt.
Schön ist die Welt, wenn der Besucher ins Lokalblatt guckt: nichts von Wohnungsnot, nichts von Ämterwillkür, nichts Kriminelles -- es sei denn, es schimmert apokryph auf in einer Danksagung der Volkspolizei für eine abgeschlossene "erfolgreiche Fahndung" nach einem DDR-Bürger. der nicht genannt wird.
Der Leser müßte schon Quellenforschung betreiben, etwa im Statistischen Jahrbuch der DDR, wenn er der Kriminalitätsrate nachspüren will. Es müßte ihm schon auffallen, daß es in den Anzeigenspalten der Ost-Berliner Zeitungen nur Wohnungsgesuche und keine Angebote gibt; Tauschofferten sind die Regel:
Biete in Fr'felde, 1-Zim.-Neub.-Whg. (16 qm), Ni. (5 qm), Duschecke, Kochn., Ohz., Tel., 2 Tr. Miete 33,65, su. 2 1/2-Zi.-Whg., Tel. 529 41 98 (nach 18.30) od. 2640 BZ-Pay., 1056 Bln., PF 915.
Aber auch die für Westgemüter beneidenswert niedrigen Mieten verhüllen dem Leser eher das Dilemma: daß kaum etwas zu mieten ist; daß es viel zu wenige Wohnungsneubauten, viel zu viele ungepflegte Altbauten und außerdem generelle Zuzugssperre für nicht bereits in der Hauptstadt arbeitende DDR-Bürger gibt.
Fakten, Daten und Personen sind nicht leicht zugänglich in dieser Stadt -- auch nicht für Einheimische, die ohne weiteres weder die Humboldt-Universität betreten können noch das Zeitungshaus vom "Neuen Deutschland", wo die Volkspolizei im Eingang wacht. So gut wie nichts erfahren die Hauptstädter in dieser Volksdemokratie über ihre Genossen Herrscher, die kaum in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Allenfalls aus West-Nachrichten weiß der DDR-Bürger, daß die Spitzenfunktionäre außerhalb der Hauptstadt in den Wald-Villen von Wandlitz wohnen hinter Mauer und Stacheldraht.
Und so wenig das Volk der Hauptstadt von seinen Führern weiß, so wenig erfährt der Tagestourist vom Hauptstadtvolk. Im "Haus der jungen Talente" an der Klosterstraße, wo sonnabends ab 19 Uhr Tanz für junge Leute ist, sagt die Pförtnerin: "Woher sind Sie? Aus West-Berlin? Das ist schlimm. Ich glaube, ich kann Sie nicht reinlassen."
Sie läßt auch nicht, und als der Mann aus dem Westen es im "Kreiskulturhaus Weißensee" wieder versucht, wo eine "Großtanzveranstaltung mit Gästen aus sozialistischen Ländern" ansteht, ist er schnell wieder draußen. Denn kaum hat er sich durch das
Gewühl der diesmal wild und west-like tanzenden Ost-Teens zur Beat-Band "Pardon" durchgeschubst, da erscheint die Genossin Hallenaufsicht: "Sind Sie Bürger der DDR, nein? Dann muß ich Sie bitten, sich sofort zu entfernen."
So bleibt der Gast, der die Qualität des hauptstädtischen Lebens erspüren möchte, zumeist auf offizielle Broschüren angewiesen, die immer eine Antwort haben: daß es in den "sozialistischen Brigaden" zum besten steht, die in den Betrieben um die Bevölkerung ebenso wetteifern wie. beispielsweise, um Kulturelles durch gemeinsamen Theaterbesuch; oder daß in sozialistischen "Hausgemeinschaften" die Menschen "irgendwie näher beieinander sind" und "die Sorgen anderer jeden etwas angehen".
So heißt es in einer Broschüre der "Nationalen Front" mit dem Titel "Bei uns zu Haus", wo, beispielsweise, "Herr Lehmann mitregiert". Er ist Vorsitzender einer Konfliktkommission im Betrieb und erzählt die Geschichte von dem "elternlosen Schuhmacherlehrling, der seit mehreren Wochen die Arbeit bummelt" und bei zweimaligem Besuch nicht zu Hause anzutreffen war. "Dabei", so Lehmann, "stellten wir zugleich fest, daß wir ihm in seinem Zimmer zu ein bißchen mehr Gemütlichkeit verhelfen müssen."
Die Lehmanns, lernt der Leser, freuen sich über ihre gesellschaftliche Arbeit -- "was Ella?" Und nebenan bei der Familie Gola mit ihrem "wirklich bezaubernden Wohnzimmer" herrscht eine Atmosphäre. "die man nicht einfach mit "Wohlstand' bezeichnen kann, eine Behaglichkeit, die nicht nur vom Schaumgummibelag der Sessel, nicht vom Glanz der Möbel und nicht aus der Fülle der Gardinen kommt, sondern vom Optimismus der Menschen zeugt, die hier wohnen" -- so. als wollten die Golas sagen: "Komm. setz dich und fühl dich mit uns wohl."
Tägliche Aufforderung zum Enthusiasmus.
Die Einladung erreicht den Neugierigen von draußen in der Regel nicht. Das sozialistische Seid-nett-zueinander bleibt ihm weithin verborgen, die Leute auf den Straßen wirken nicht netter und nicht mürrischer als im Westen auch -- vielleicht verschlossener, vorsichtiger, mehr mit den eigenen Dingen beschäftigt.
Die Hauptstädter scheinen, soweit flüchtige Beobachtung zuverlässig ist, immer unterwegs, nach Brauchbarem Ausschau zu halten, nicht hektisch, eher gelassen. Furcht, so viel jedenfalls ist auf den Plätzen Ost-Berlins zu spüren, treibt sie nicht um doch auch nicht jener Dauer-Enthusiasmus, der sie von Amts wegen erfüllen soll und den die Hauptstadt-Blätter tagtäglich bekanntgeben wie die Wettervorhersage: "Welttreffen der Jugend wird zur Herzenssache aller Bürger!" ("Neues Deutschland"), "Ewige Freundschaft zur Sowjet-Union!" ("Berliner Zeitung").
Aber was immer das Jugend-Festival im August an Attraktionen in die Hauptstadt bringt -- Herzenssache aller Bürger wird es wohl sowenig sein wie die grenzenlose Freundschaft zur Sowjet-Union. Seit 28 Jahren sind die "Freunde", wie sie im Amtsdeutsch der DDR heißen, schon im Lande, und noch immer darf ein gemeiner Rotarmist nicht allein aus der Kaserne unter seine deutschen Brüder treten, und auch die Offiziere, die es dürfen und mit ihren pelzpummeligen Damen an der Spree flanieren, halten sich stets zurück, als scheuten sie den Kontakt.
Wie überall ist auch in Ost-Berlin die Wirklichkeit anders als die Schlagzeilen, nur weicht sie hier offenbar noch stärker ab als andernorts. Jedenfalls ist kaum etwas zu spüren vom propagandistischen Hochgefühl eines neuen Lebens in der neuen Stadt. Nur so viel erkennt ein Besucher, der es sehen will: kleinen Wohlstand, kleine Freiheit, Stabilität des Kleinbürgerlichen bei Kaffee und Kuchen -- Phänomene einer geschlossenen Gesellschaft, die sich selbst genügen muß.
Wo sich dieser Staat wirklich öffnet, wo er, in seiner Metropole, einlädt und gesehen werden will, da bietet die Kapitell der Dih Dih Ah nur mehr herkömmliche Touristenattraktion. Standardprogramm der Stadtwerbung "1 Tag in Berlin":
Vormittag: Kleine oder große Rundfahrt durch die Hauptstadt der DDR, Abfahrt und Ankunft Berolinastr. 7, Fahrverbindungen: U-Bahnhof Schillingstraße.
Mittagessen: Interhotel Berolina, Restaurant Moskau, Haus Berlin (Nähe U-Bahnhof Schillingstraße).
Nachmittag: Bummel im Stadtzentrum mit anschließendem Besuch des Telecafés oder Aussichtsgeschosses im Fernsehturm.
35 Sehenswürdigkeiten sind fürs Zentrum angezeigt: vom DDR-Außenministerium aus dem Jahre 1967 bis zur "Singakademie" aus dem Jahre 1825, die Goethe-Freund Zelter erbauen ließ, von der Weltzeituhr auf dem neuen Alex bis zur "Letzten Instanz", dem Altberliner Bierhaus, vom Brandenburger Tor bis zur restaurierten Königlichen Bibliothek, die im Berliner Volksmund wegen ihrer Barockfassade wie eh und je "Kommode" heißt.
Es darf gelacht werden -- auch mal über die Partei.
Wer zwischendurch Luft schnappen will, dem weist der amtliche Fremdenführer den Weg zu den Müggelbergen und zum Müggelsee: Keine andere Metropole hat innerhalb ihrer Stadtgrenzen soviel Wald und Wasser wie Ost-Berlin, keine einen so weiträumigen Tierpark wie den von Friedrichsfelde, keine einen Zoologen, der wie der Professor Dathe sonntagmorgens im Radio so sächsisch über Garnele, Gagadus und Beligane zu plaudern weiß.
Und abends ins Theater, von denen es 13 gibt, die, so der Ost-Cicerone. "die Schatztruhe der Weltkultur ständig bereichern": das Brecht-Ensemble am Schiffbauerdamm, wo "Mutter Courage" läuft und läuft und läuft; die Komische Oper, wo der Österreicher Walter Felsenstein das amerikanische "Anatevka"-Musical über jüdische Bedrängnis im alten Rußland unter dem
* Oben: am Fernsehturm: links: am Marx-Engels-Platz; rechts: Hennecke-Vitrine im Museum für Deutsche Geschichte.
Titel "Der Fiedler auf dem Dach" spielen läßt; Max Reinhardts Deutsches Theater, wo derzeit eine Bühnen-Version des DDR-Bestsellers "Die Aula" von Hermann Kant zu sehen ist -- da darf gelacht werden, auch mal über die Partei und über Stalin selig.
Und in den Museen, 25 an der Zahl, breitet die Stadt aus, was ihre alten und die neuen Herren aufbewahrt haben: von der Antiken-Sammlung des Pergamon-Museums bis zum Post-Museum mit der ersten Versuchs-Apparatur von Morse aus dem Jahr 1837, vom Kupferstichkabinett mit Botticellis, Grünewalds und Watteaus bis zum Hugenotten-Museum mit Schlachtordnungen historisch getreuer Bleisoldaten.
Im alten Zeughaus Unter den Linden, heute Museum für Deutsche Geschichte, ist auch der Anbruch des deutschen Sozialismus schon museal geworden. Jeden Tag werden Schulklassen und Betriebsgruppen durch die Ausstellung "1945-1949" geführt, vorbei an der großen Vitrine mit der Aufschrift: "Werkzeuge, mit denen Adolf Hennecke seine bahnbrechende Tat am 13. Oktober 1948 vollbrachte".
Da steht er, ganz in Bronze, und daneben original: Herzschaufel, Flügeleisen, Preßlufthammer, Grubenbeil, Sicherheitslampe -- jene Werkzeuge, mit denen er weiland im Zwickauer Steinkohle-Revier die volkseigene Akkordarbeit, das permanente Obersoll, erfand.
Eine Schrifttafel erläutert das museale Ereignis: "Er durchbrach den verhängnisvollen Kreis "Erst mehr essen, dann mehr arbeiten. Er schuf den Durchbruch zu einer neuen Einstellung zur Arbeit."
Für Leute, die Museen schätzen, ist die Hauptstadt der DDR immer eine Reise wert.

DER SPIEGEL 15/1973
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