12.02.1973

PERSONALIEN

Horst Ehmke, Rudolf Wassermann, Walter Steigner, Gerhard Eisenkolb, Hans Karl Filbinger, Norman Mailer

Horst Ehmke, 46, "linker Pragmatiker" ("Zeit"), bekam ein praktisches Präsent: Zu seinem Geburtstag vorletzten Sonntag überreichte der Parlamentarische Staatssekretär im Ministerium für Forschung und Technologie, Volker Hauff, seinem Chef einen batteriebetriebenen "Entscheidungshelfer": eine Art Würfel, den ein rotierender Zeiger in Bewegung setzt. Hauff: "Damit sollen Grundsatzentscheidungen des Ministers künftig noch rationaler gefällt werden als bisher." Zukunfts-Planer Ehmke, dem angesichts des Spielzeugs Morgensterns Gedicht über den Würfel einfiel ("Ich bin mir selbst nicht völlig zum Gewinn"), sah noch weitere Einsatz-Möglichkeiten: "Man kann damit auch Mitarbeiter und sonstige Weggefährten auswürfeln."

Rudolf Wassermann, 48, Präsident des Oberlandesgerichts (OLG) in Braunschweig, fand, "einer so großen und schwarzen Einrichtung" wie seiner Behörde "tut Farbe gut". Vergangene Woche eröffnete er daher mit einer Ausstellung des Malers Axel Dick die ständige "Galerie im OLG". Der justizpolitisch aktive Sozialdemokrat will mit den Dick-Bildern "keine rote Farbe, sondern zunächst mal nur blaue Streifen" in seine Gerichtsflure bringen und betrachtet sich nun als "Rechts-sowie Kunstpfleger", denn: "Klarheit und künstlerische Phantasie der abstrakten Malerei sind auch für die Rechtsprechung nützlich."

Walter Steigner, 60, Intendant der "Deutschen Welle" (DW), ließ einen Parteifreund nicht zu Wort kommen. In einem Interview mit DW-Mitarbeiter Vassili Mavridis hatte sich SPD-MdB Dieter Schinzel gegen die -- für die zweite Mai-Hälfte geplante- Reise des Bonner Außenamts-Chefs nach Athen ausgesprochen ("Der Scheel-Besuch würde als Unterstützung der Junta angesehen") und dem Gesprächspartner ein aus Griechenland mitgebrachtes Tonband mit einem Anderthalb-Minuten-Kommentar des oppositionellen Ex-Ministers Georgios Mavros ("Ein Besuch des deutschen Außenministers würde als ein Schlag gegen die griechischen Demokraten -- -- -- empfunden") angedient. Der sozialdemokratische Wellen-Leiter fand es indes "politisch bedenklich, wenn ein Abgeordneter sich ein Tonband geben läßt und von uns erwartet, daß wir es senden", und verbot die Ausstrahlung mitsamt der Schinzel-Schelte. Das MdB sieht ohnehin den "Informationsgehalt" der griechischen DW-Sendungen immer mehr zugunsten von Folklore schwinden: "Volksmusik können die auch im Athener Rundfunk hören."

Gerhard Eisenkolb, 28, ehemaliger Polizeireporter in West-Berlin. verunsichert die Branche. Seit zehn Wochen veröffentlicht die Hamburger Illustrierte "Stern" den ersten Roman des Journalisten (Titel: "Die Abrechnung"). der "zu 80 Prozent auf wahren Begebenheiten beruhen" soll. Doch die Beschriebenen -- wie der Leiter der West-Berliner Mordkommission, Karl Schwichtenberg, der in der Story als "Hauptkommissar Bissig" auftritt -- "erkennen sich nicht wieder". Enttarnt zu haben glaubt indes der "Berliner Extradienst" die Hauptfigur "Peter David": den ehemaligen (1968 bis 1970) "Bild"-Journalisten Eisenkolb selbst, dessen "'individueller Arbeitsstil' ... als Mitarbeiter mehrerer 'Nachrichtendienste' zugleich (es) gewesen sei, der ihm den Mißmut des West-Berliner Verfassungsschutzes eintrug". Der Autor jedoch bestreitet die Identität mit dem Helden. Auch die leitenden Polizeibeamten, die sich im Roman schwerer dienstlicher Verfehlungen schuldig machen" "fühlen sich nicht betroffen" (Polizei-Sprecher Gerhardt Stegemann): "Da steht soviel Quatsch drin."

Hans Karl Filbinger, 59, Landes-Regent, zeigte ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit. Am vorletzten Dienstag hatte der Christdemokrat eine Kabinettssitzung unterbrochen" um den auf Tournee in Stuttgart weilenden Schlagersänger Udo Jürgen Bockelmann alias Udo Jürgens zu empfangen. In einer Lokalglosse zeigte die "Stuttgarter Zeitung" (StZ) Verständnis für solches Tun, denn es hätten doch "nur so vollkommen bedeutungslose Dinge wie die Situation im Krankenhausbau" die Novelle zum Hochschulgesetz und die Modernisierung des Strafvollzugs" auf der Tagesordnung des Kabinetts gestanden. Mit Blick auf die "von Lobhudelei nur so triefende" Begrüßungsrede Filbingers sagte StZ-Redakteur Rainer Wochele dem Regierungschef sogar eine glänzende Zukunft jenseits der Politik voraus: "... als Public-Relations-Manager kann er im Pop-Geschäft allemal noch sein Geld verdienen." Gleichwohl reagierte Filbinger sauer: In einem persönlichen Brief an StZ-Chefredakteur Oskar Fehrenbach beschwerte er sich über den Wochele-Kommentar. Eine "Intervention" mag Fehrenbach die "a bisserl scharfe" Filbinger-Reaktion zwar nicht nennen, doch räumt er ein: "Über den Brief hab ich mich geärgert."

Norman Mailer, 50, "alterndes Enfant terrible der literarischen Welt" (Mailer über Mailer), propagierte eine Bürger-Wehr. Bei einer Feier zu seinem Geburtstag forderte der US-Schriftsteller vergangenen Montag vor 500 Party-Gästen den "fünften Stand": eine "demokratische Geheimpolizei" zur Kontrolle von FBI und CIA. Den zivilen Selbstschutz begründete der Autor mit der "Möglichkeit, daß dieses Land dem Totalitarismus verfällt". Denn, so erkannte er: "Wir leben in einem Land, das von moralischer Absurdität durchlöchert ist." Grundstock für "Volks-FBI" und "Volks-CIA" soll der -- bislang nicht ermittelte -- Reinerlös der Gala (Eintritt: 50 Dollar pro Paar) sein. Die Gäste indes hielten den Vorschlag eher für einen Gag und stellten "eine Menge Mutmaßungen" ("Washington Post") an" wofür das einkassierte Geld dient: beispielsweise "zur Unterhaltszahlung für seine vier Ex-Frauen und zur Versorgung seiner (sechs) Kinder". Oder etwa gar: "Zur Sterilisation."


DER SPIEGEL 7/1973
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